Die Apokalyse naht

Liebe Leser,

eben saßen die Jugendlichen noch im Bus und alberten herum, da reißt sie eine Katastrophe aus ihren jugendlichen Träumen und die Welt um sie herum wird unwiederbringlich zerstört. Leiber fliegen durch die Luft, beste Freundinnen werden von zu Monstern gewordenen Menschen zerfleischt, gebrochene Knochen, Blutlachen und berstende Schädel inbegriffen.

Was liest mein Kind da?

 

Noch vor einem Jahr war Lucy noch nicht einmal bereit für Harry Potter und nun gleich die Apokalypse in Buchform.

Ich spioniere nicht, nein, Lucy lässt mich freiwillig in ihre Bibliotheksbeute schauen, die sie spätestens aller zwei Wochen aus unserer örtlichen Bibliothek verschleppt, zu sich nach Hause ans Bett, wo sie sich dann tagelang verkriechen kann. Mit den Überlebenden der Apokalypse streift sie durch zerstörte Großstädte, flieht vor tollgewordenen Menschen in die Wälder und fragt mich ab und zu Dinge wie: „Sag mal, wie lange kann man eigentlich überleben, wenn man Diabetes hat und kein Insulin mehr?“ Und jetzt, nach dem ich dieses Endzeitszenario selbst erlese, fragt sie: „Bist du schon da, wo die Chee stirbt?“

Wieso verstecke ich eigentlich meine alten zerfledderten Stephen-King-Bände vor ihr, wenn diese Art Lektüre bereits in den Bücherregalen den Jugendabteilung unserer Kleinstadtbibliothek angekommen ist?

Aber Lucy bleibt cool. Wir reden halt darüber. Diese Lust an der Apokalypse umgibt uns überall. Lucy kennt sie bis jetzt nur aus Jugendbüchern – auch wenn deren Brutalität nicht wirklich jugendfrei ist – aber beim Lesen hat sie so die Möglichkeit, sich die Bilder nicht gar zu schlimm auszumalen. Fear The Walking Death kennt sie ja noch nicht und auch nicht Wayward Pines und natürlich keine Endzeitfilme wie Hell (deutsch-schweizerisch), Le Temps Du Loup (französisch) oder The Road (amerikanisch). Auch die Stephen Kings bleiben noch im Schrank! In der Bibliothek gibt es genug Endzeitfutter, extra für junge Menschen geschrieben.

Was treibt uns aber dazu, uns am Ende zu ergötzen? Natürlich sind die Bücher spannend, die Serien sowieso. Aber sie sind auch brutal, eklig, verstörend. Warum tun wir uns das an?

Es geht uns so gut. Vielleicht gerade deswegen. Es geht uns zu gut. Eine Verbesserung ist kaum vorstellbar. Ein Abstieg schon.

Wenn es uns so gut geht, fangen wir an, uns zu langweilen. Wir haben zu viel Zeit, um uns Gedanken zu machen. Und gute, schreckliche Geschichten waren schon immer beliebt. Die Brüder Grimm haben auch Märchen für Erwachsene gesammelt. Die könnten wahre Steilvorlagen für Horrorfilme bieten.

Und wenn wir den Fernseher oder das Internet anschalten, hören wir ständig von Toten. Das Drama in Orlando erinnert fatal an Szenen aus dem Jugendroman. Verarbeiten junge Menschen so ihre Ängste? Denn wer liest, gehört ja mit zu den Überlebenden, ist bei ihrer Flucht dabei, baut irgendwann einmal eine neue Gesellschaft auf. Im Jugendbuch stirbt nicht die liebgewonnenen Hauptfigur. Nein, am Ende küsst sie sogar den Helden…

Nun rede ich mit Lucy über solche Romane. Was mir gefallen hat (spannend, vielleicht auch, weil die Jugendlichen sich eben nicht sofort bewaffnen), was ich nicht so gelungen fand (Hauptsatz an Hauptsatz an Hauptsatz, misslungene Sprachbilder, Klischees ohne Ende – aber mit diesem Stil schafft man es sogar in die Universität als Dozent für creative writing!), aber vor allem reden wir über die Handlung und das Gesellschaftsbild, was transportiert wird. Irgendwann töten die Jugendlichen, auch wenn sie das natürlich gar nicht wollen. Aber sie stecken nie wirklich in einem moralischem Dilemma, denn ihr Töten ist immer zu rechtfertigen: zum einen ist es natürlich Notwehr und zum anderen sind die Menschen gar keine richtigen Menschen mehr, es sind Kampfmaschinen, die mit animalischen Attributen belegt werden. Sie haben schwarze Adern in den Augen und fletschen die Zähne. Wer könnte es den jungen Leuten verübeln, ein solches Wesen zu töten, wenn es kreischen und bewaffnet auf sie zurennt, um sie zu zerfleischen?

Niemand. Und deshalb fliehen die Jugendlichen von einer Station zur nächsten, erleben Gemetzel um Gemetzel und verteidigen sich dabei. Mehr Handlung ist im Grunde nicht. Und das ist schade.

Jugendlichen Lesern kann man schon etwas mehr Reflektiertheit zutrauen. Selbst einem Kind wie Lucy.

Was mache ich eigentlich, wenn ich so hungere, dass ich mich entscheiden muss, ob ich jemandem sein Essen wegnehme und er dadurch stirbt oder ich verhungere. Wenn der Kampf ums Überleben Menschen trifft und nicht Monster? Gebe ich meiner kleinen Schwester das letzte Brot oder esse ich es selbst? Lasse ich den Freund zurück, der nicht mehr laufen kann, oder erfriere ich mit ihm im nahenden Schneesturm? Lasse ich einen Fremden ins Haus, weil es ihm noch schlechter geht als mir? Und dann wären wir endlich an dem Punkt, der uns tatsächlich mit der Realität verbindet. Was passiert mit Menschen im Angesicht einer Katastrophe?

Übrigens gibt es auch Bücher, die so differenziert an dieses Thema herangehen, auch für junge Menschen. Susan Beth Pfeffers Trilogie „Die Welt wie wir sie kannten“, „Die Verlorenen von New York“ und „Das Leben das uns bleibt“ kann ich nur empfehlen. Hier geht es nicht um brutale Szenen, auch wenn sie vor allem in dem New-York-Band vorkommen, sondern hier werden genau die Fragen gestellt, die unsere menschliche Schwäche und Stärke ausmachen. Die Bände hat Lucy natürlich längst gelesen. Tja, irgendwann fängt man eben an mit dem Erwachsenwerden.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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4 Kommentare zu „Die Apokalyse naht“

  1. Ich kann dir zustimmen. Uns geht es, insgesamt, noch recht gut, wobei sich auch in Deutschland mehr und mehr Armut breitmacht. Aber große Katastrophen gibt es in diesem Sinne nicht. In der ganzen westlichen Welt nicht. Gleichzeitig aber ist immer präsent, dass die Zukunft nicht rosig wird, mit all den Krisen (Klimawandel, Energieprobleme, Flüchtlingskrise, etc. pp.). Dies zu verarbeiten ist ja auch Aufgabe der Literatur, und als Leser packt einen da Neugier, und vielleicht auch ein wenig die Faszination oder Schaulust des Schreckens.
    Was du ansprichst, von wegen Töten von Menschen bzw. „Menschen“, das stört mich auch. Wenn Katniss sich über die Karrieretribute aufregt, dass die eigentlich nur Tötungsmaschinen sind, aber zugleich diejenige ist, welche die meisten anderen tötet (natürlich immer nur gerechtfertigt, niemals aus bösen Gründen, und immer schön ohne Folgen oder Reflektion), dann ist das verlogen. Und eine vergeudete Chance.

    Danke für die Buchempfehlung, da werd ich mal reinschauen! Gute Bücher kann man ja nie genug haben. 😀

    PS: Stephen King, ha, den les ich auch gerne. Needful Things und Brennen muss Salem zählen zu meinen Lieblingsbüchern, und auch die Turm-Reihe ist richitg gut, bis auf die letzten 1,5 Bände. 🙂

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    1. Die Turm-Reihe hab ich noch nicht gelesen, aber wenn du sie empfiehlst… Needfull things – yeah! Ich mag auch den Talisman, habe den aber vor Jahrzehnten gelesen. Seine Beschreibungen des heruntergekommenen Amerikas des kleinen Leute haben mir als Jugendliche eben doch ein anderes Amerikabild gegeben als Beverlyhillsserien… Meine Lieblingserzählung ist aber immenoch Die Leiche, die viele als Film (Stand by me) kennen.

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      1. Mit 14, 15 fand ich natürlich auch Es, Sie, The Stand und später Die Arena hochspannend. Allerdings fand ich das Ende häufig Mist. Typisch amerikanisch. Es gibt doch noch andere Lösungswege…

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