Seitenhiebe

Liebe Leser,

Lehrer sind auch nur Menschen und das heißt: selten perfekt. Selbst wenn sie sich bemühen, wie ich das durchaus von mir behaupte, machen sie Fehler, vernachlässigen mal eine Klasse, weil sie sich so mit den anderen herumschlagen, treffen nicht immer den richtigen Ton und Nerv der jungen Menschen. Die Schüler, die abgehen, haben das Recht – zum Glück! – in der Abizeitung ihren Lehrern mal so richtig die Meinung zu sagen. Wir wissen alle, dass sich genügend Frust angestaut hat und mancher eben mal raus muss. Klar, schreiben nicht immer die richtigen Personen die Artikel und es kommt auch hier wieder zu Ungerechtigkeiten und Verletzungen. Das ist die unschöne Seite einer Abizeitung. Im Grunde kann ein Lehrer zufrieden sein, wenn er halbwegs gut wegkommt. Recht machen kann man es eh nie jedem – das liegt im Wesen der Sache.

Natürlich weiß ich, dass Kollegin Christmann keinen guten Unterricht macht, dass aber sie allein so abgestraft wird, ist dann doch unfair, weil sie damit nicht die einzige ist, es aber jetzt so aussieht – für alle Welt in unserer kleinen Stadt schwarz auf weiß lesbar, ohne Möglichkeit eines Gegen-Statements. Ich bin mir sicher, dass Kollegin Christmann dieses Wochenende kein Auge zugemacht hat. Das nimmt keiner cool und gelassen. Besonders frappierend ist das Ganze, weil die anderen Lehrer fast alle über den grünen Klee gelobt wurden. Mann, hat unsere Schule viele tolle Lehrer! Alle so schlagfertig und fetziger Unterricht oder die Abiturvorbereitung war voll gut – beides zusammen gibt es eher selten. Die Schüler honorieren auf alle Fälle, wenn du als Lehrer Sprüche klopfen kannst. Am besten leicht unter der Gürtellinie und Harald-Schmidt-reif. Machst du dann noch passablen Unterricht, ist alles in Butter. Aus Schülersicht.

Keine Angst, Frau Henner spricht gerade nicht von sich selbst. Frau Henner kann Kollegin Christmann nicht mal besonders leiden, trotzdem empfinde ich… Mitleid? Schade auch, dass die größten Meckersäcke der Schule, die die Stimmung im Kollegium ganz bewusst vergiften, von den Schülern als total coole Lehrer so gelobt werden. In meinem Empfinden tut sich da eine Schere auf. Wenn die Schüler wüssten, wie die Lehrer so über sie herziehen, wäre es dann aus mit lustig? Warum verhalten sich eigentlich so gute Lehrer, die sie ja tatsächlich sind!, ihren Kollegen gegenüber so arschig? Was frustriert sie denn so, wenn sie doch guten Unterricht machen UND auch noch bombe bei den Schülern ankommen?

Ich fühle mich immer unwohler. Im Lehrerzimmer wird Gift versprüht und nach außen sind immer die anderen schuld. Jammern, Beschwerden, Intrigen und offene Hetze sind zum normalen Alltagselement geworden. Fällt denn niemandem auf, dass das so nicht weitergehen kann! Hier vermischen sich zwei Dinge, die ich eigentlich trennen sollte, es aber einfach nicht kann.

Frau Henner ist zufrieden mit ihrem Abizeitungsbericht – naja, der Artikel könnte etwas spritziger sein, aber wenn das das ist, was bei den Schülern hängen geblieben ist, auch in Ordnung. Nicht jeder ist zum Schriftsteller geboren. Ich ja auch nicht. (Neulich las ich den amüsanten Satz: „Blogs sind für Leute, die gerne schreiben, denen das aber keiner abkaufen will.“ Und da ist was dran.) Also mal wieder kein nobelpreisverdächtiger Text, aber inhaltlich alles in Butter und das, obwohl Frau Henner in diesem Jahrgang kein einziges Mal verbal zu Hochtouren auflaufen konnte, nicht einmal schlagfertig sein musste und konnte. Mein Neigungskurs war brav und bemüht. Geistreich wird es aber erst dann, wenn ein Kurs auch einmal anders denkt, frech fragt und nicht immer nur Ja und Amen sagt. Geistreich war dieser Kurs aber kein einziges Mal. Dafür nett und fleißig.

Jeder Jahrgang ist anders, jeder Kurs. Die Schüler vor zwei Jahren waren große Klasse, letztes Jahr gruselig lahm, dieses Jahr nett und langweilig, mal sehen, was nächstes Jahr kommt, bis jetzt sind sie nett und sehr still.

Aber es wird auch Zeit für Selbstkritik. Man kann schließlich nicht alles auf die Schüler schieben. Ich bin so mit den Neigungskursen beschäftigt, den hypochondrischen Fünftklässlern und deren Helikoptereltern, dass ich die Grundkurse in der Oberstufe nur so nebenbei laufen lasse. Wer da drin sitzt, muss in der Regel dieses Fach belegen, das Interesse hält sich jedoch meist in Grenzen. Es gibt Kurse, da kommt trotzdem eine gute Stimmung auf. In diesem Jahrgang hat das aber gar nicht geklappt. Da gab es die Wandreihe mit Mädels, die alle dabei waren, und die Fensterreihe mit den coolen Jungs, die einfach keinen Bock auf Arbeit hatten. Ihr Pech, dass ich sie trotzdem hab‘ arbeiten lassen. Mein Pech, dass sie mir das in der Abizeitung heimzahlen.

Alles halb so wild, ich verstehe den Seitenhieb ja, aber Frau Henner, wäre nicht Frau Henner, wenn sie sich nicht Gedanken über das Grundproblem machen würde: Wie schaffe ich es, dass Schüler im Grundkurs mit Null-Bock-Laune am Ende wenigstens nicht das Gefühl haben, völlig umsonst dagewesen zu sein? Kann ich das überhaupt schaffen? Oder muss ich dieses partielle Scheitern aushalten lernen? Was kann ich an meinem Unterricht ändern?

Schülernähe? Weggang von den Pflichtthemen? Mehr Filme zeigen? Mich mehr mit den coolen Schülern verbünden und öfter über Fußball, Autos und Sex reden?

Nee, lieber authentisch bleiben. Aber ich will natürlich trotzdem besser werden. Mich soll nicht jeder lieben – das wäre fatal – aber ich will auch den Grundkurs-Großmäulern das Gefühl geben, dass sie Unterricht mitgestalten können. Sie sollen spüren, dass es auch an ihnen liegt, ob Unterricht gelingt oder nicht.

Also macht Frau Henner eine Umfrage. Natürlich nicht mehr bei den Abiturienten, die sind jetzt endgültig weg. Die Organisation ihres Abgangs war eher mittelprächtig, aber es passte zum Jahrgang. Deshalb gab es auch im Blog weder über den Abiball noch über den Abigag etwas zu berichten. Aber die nächsten Abiturienten rücken ja bereits nach. Nach dem Abi ist vor dem Abi. Ich starte meine Umfrage einfach in der Jahrgangsstufe I. Dort herrscht eine ganz andere Atmosphäre in den Grundkursen – da sitzen auch viele, die keinen Bock haben – zwangsläufig – aber die Großmäuler regieren nicht. Es sind nette Kurse, wenn auch wenig geistreich… hier werde ich den Versuchsballon „Was soll Frau Henner am Unterricht verändern, damit er dem Schüler etwas bringt“ durchziehen. Ich bin sehr gespannt. Und netten Kursen kommt man doch auch gleich viel lieber entgegen, da habe ich auch Lust, etwas zu verändern, wenn mir die Veränderung sinnvoll erscheint.

Am liebsten würde ich gleich morgen früh alle Schüler zusammentrommeln… wie war das: Lieber auf neuen Wegen stolpern, aber als alten auf der Stelle treten?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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11 Kommentare zu „Seitenhiebe“

  1. Liebe Frau Henner, kontrolliert die Abizeitung an eurer Schule niemand, bevor sie in den Druck geht? An meiner Schule gab es vor Jahren Ähnliches, wie es Kollegin Christmann erging. Der Betroffene stellte damals eine Strafanzeige wegen Verleumdung gegen die Artikelschreiber. War ein riesiger Aufriss deswegen, aber ich konnte ihn schon auch verstehen. Wie du schon ganz richtig beschreibst, die Möglichkeit zur Gegendarstellung fehlt bei Abizeitungen. Darum wurde die Anzeige tatsächlich auch verfolgt. Die beiden Artikelschreiber starteten somit ganz schön unangenehm ins postschulische Leben und werden es sicher nie vergessen. LG Tamara

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    1. Das ist ja schon eine Reaktion!
      Allerdings wird nicht jeder so weit gehen, denn dann müsste man sich ja bloßstellen. Frau Christmann wird es einfach schlucken, aber neulich sprach sie mal davon, die Schule zu wechseln. Schüler ahnen nicht, was sie damit anstellen. Weil sie das ja nicht anders kennen: Da schütte ich als Schüler meine Häme, eh meine Meinung jahrelang per Whatsapp oder Facebook ins Netz und dann soll ich in einer offiziellen Schrift wissen, was sich gehört und was nicht?

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  2. Inwiefern werden denn die Lehrer in den Abizeitungen direkt gelobt/diffamiert?
    Bei uns gibt es in den Jahrbücher nur die jahrgangsinterne Lehrerumfrage („kuriosestes Lehrerpaar“, „Überengagiert“, „Universalgenie“, …), wobei die schon immer ziemlich in der Kritik steht, obwohl bei uns da eher der Spaß und nicht eine ernsthafte „Bewertung“ überwiegt… Schließlich gibt es im Gegenzug auch Schülerumfragen, wo dann sich dann die Schüler selbst in verschiedenste Kategorien wählen.
    Ansonsten gibt bei uns nur noch eine Spruchsammlung (wie bei Ihnen angesprochen) und die obligatorischen Kursberichte, in denen am Ende – egal, welchen Ruf die Lehrkräfte sonst haben – den Lehrern „für zwei tolle/lehrreiche/unterhaltsame/… Jahre“ gedankt wird.

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    1. Es hat sich in den letzten Jahren eingebürgert, die Lehrer in verschiedenen Kategorien zu benoten. So richtig mit 1,2,3,4,5,6. Das machen die Lehrer ständig, dann haben wir auch das Recht dazu, sagen sich die Schüler – und bis jetzt ist das auch nicht wirklich aus dem Ruder gelaufen. Diesmal schon.
      Bei der Lehrerumfrage, die sich natürlich inzwischen auch in allen Abizeitungen befindet, sind nicht nur witzige Kategorien dabei, sondern diesmal auch ehrenrührige. Klar, kontrolliert das die Schulleitung, aber das ist unserm Chef wohl diesmal durch die Lappen gegangen, weil er die Kategorien möglicherweise selbst nicht kapiert hat, denn manches ist Jugendsprache und nicht sofort klar.

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      1. Versteht mich nicht falsch, ich halte kleine Seitenhiebe in Kursberichten gar nicht für schlimm, wenn sie sich immer noch im Rahmen eines anständigen Miteinanders befinden. Mit Augenzwinkern vorgetragen, kann man schon die kleinen und großen Macken mancher Lehrer ansprechen. Aber die Abizeitung ist nicht der Platz für einen Racheakt.

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  3. >Was kann ich an meinem Unterricht ändern?<

    Sie könnten Wortbedeutungschecks einführen. Sokrates sagte in etwa, dass durch das Definieren von Worten Weisheit entstehen würde *smile.

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    1. Inzwischen ist viel Zeit ins Land gegangen und die neue Kursstufe II ist ganz anders als die letzte, die Umfrage haben sie sehr ernst genommen und ganz fair ihre Wünsche dargelegt. Daran können wir nun gemeinsam arbeiten. Wortbedeutungschecks sind übrigens nicht dabei. Aber ich stelle schon oft genug diese nervige Warum?-Frage. Frau Henner lässt sich sowieso nicht mit einfachen Antworten abspeisen.

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