Zurück in die Vergangenheit – Whatsapp der Neunziger

Liebe Leser,

eigentlich wollte ich nur mal schnell für Lucy meine alte Abizeitung herauskramen, und dann sitze ich Sonntag Abend noch in der Dämmerung vor meinen Schätzen aus der Jugendzeit und habe mit festgelesen.

Angefangen hat alles mit meiner Klassenlehrerin in der Grundschule. Als die den ersten Liebesbriefzettel („Gibst du mir heut noch einen Kuß?“) abfing und einzog, setzte sie sich später mit mir und C. aus der Klasse zusammen und sagte: „Hier habt ihr den Zettel wieder. Er war zwar nicht für euch, aber ihr seid vernünftig und ihr hebt diesen Zettel auf, bis ihr mal groß seid. Und wenn dann ein Klassentreffen ist, dann bringt ihr ihn und viele andere lustige Zettel aus der Schulzeit mit und alle haben ihren Spaß.“ An diese Abmachung habe ich mich gehalten. Und nun liegt dieser kleine unschuldige Kuss-Zettel neben vielen anderen Botschaften aus der Vergangenheit. In einer losen Serie werde ich mich diesen Schätzen widmen. Sie berichten von Dingen, die in keinem Geschichtsbuch stehen und bei den meisten Menschen auf dem richtigen Müll und wahrscheinlich auch im großen Vergessen verloren gegangen sind.

Heute erzähle ich euch von den Whatsapp-Nachrichten der Neunziger.

Neben den ellenlangen Zettelchen, denen ich mich ein anderes Mal widmen werde, haben wir in den Neunziger Jahren schon ein analoges Smartphone erfunden. Es war uns nämlich irgendwann zu heikel, die Zettelchen zu werfen. Ein Lehrer könnte sie ja abfangen. Peinlich! Also schrieben wir uns so offensichtlich Nachrichten, dass kein Lehrer darauf kam.

E. saß direkt neben mir und war eine gute Schülerin, aber der Unterricht war weniger interessant als das geträumte und erlebte Liebesleben dieser Neuntklässlerin. Also legten wir uns Kladden im A5-Format zu, die aussahen wie Schulhefte. D. schrieb hinein, der Lehrer dachte: „Oh, E. schreibt aber fleißig mit!“ und dann klappte sie die Kladde zu und schob sie zu mir. Dann war ich an der Reihe und nun dachte der Lehrer: „Ha, die Lilo ist auch fleißig!“ So ging das hin und her. Mehrere Kladden wurden so in diesem Schuljahr gefüllt. Und wie!

Ich bekomme beim Lesen ja direkt einen roten Kopf! Es geht um erste Liebe …Ich habe ja gesagt auf Ks. Frage. Wir kannten uns schon vom Keyboardunterricht. Er freute sich und brachte mich bis fast vor die Haustüre. Wir verabredeten uns dann auf Sonntag…, viel Herzelei …Es hilft mir auch irgendwie. Ich fühle mich geborgen – weißt du, wenn man, jetzt in der Kälte, eine warme Hand halten kann und als Abschied einen warmen sogar heißen Kuß auf die Lippen bekommt, dann ist das ein wohliges Gefühl…, kleine Geständnisse …wir müssen den Kuß erst noch üben…, große Geständnisse … Es war der Film ganz lustig. Wir haben uns geküßt und mit den Händen berührt, aber da nur wenige im Kino waren (max. 10 Mann) ging es noch etwas weiter, aber nicht zuweit. Du weißt schon. Ich muss es ihm noch mal sagen. Ich brauche etwas Zeit. Aber im Kino habe ich ja angefangen… und Träume … Also ich habe geträumt, dass K. zu mir kam. Weiter weiß ich zu der Szene nicht. Aber wir haben uns noch vor dem Juwelier getroffen. Irgendwann sagte er zu mir ob mir der Zungenkuß nicht gefällt?… mein Gott, bei E. drehte sich die ganze Welt um Zärtlichkeiten! Und niemand schrieb uns die Zeichenanzahl vor. In dieser Kladde kann ich die erste Liebe meiner damaligen Freundin E. nachvollziehen – über Seiten. Ein Glück, dass dieses Pamphlet kein Lehrer in die Hände bekam…

Als die Freundschaft zwischen mir und E. zerbrach, führte ich die Kladden weiter. Diesmal mit meiner Freundin aus der Parallelklasse. Wir hatten die Stundenpläne getauscht und so konnten wir in der Pause schnell mal rüberlaufen, um die Kladde auszutauschen. Gab ja noch kein Internet. Mit A. ging es nun auch um ganz pragmatische Dinge …Ach so, ich hab mir überlegt, manche Möbel muß man vorbestellen. Mein Schrank wurde erst nach zwölf Wochen geliefert. Ich glaube, manche müßtest Du auch vorbestellen, sonst sitzt du im neutapezierten Zimmer ohne Möbel…, Schulisches …In Chemie will er den Nachweis von Glucose und eine Formel wissen. Du brauchst also keine Angst zu haben. Mittwoch schreiben wir Physik. Ich versuche die Fragen mitzuschreiben. Vielleicht geht’s bei Dir in Mathe. Es ist doch total dumm von den Lehrern, daß sie jetzt erst merken, daß wir noch tausend Zensuren brauchen. Da sitzt man dann bei dem schönen Wetter beim Lernen!…, Lehrereinschätzungen …Frau L. scheint auch ganz Ok. zu sein. Ich habe aber das Gefühl, daß sie manchmal ein wenig launisch sein kann…, Erlebniserzählungen …Es war phantastisch! Es stieg überall Dunst auf, und alles sah so märchenhaft aus!!! Wie verzaubert. Aber nach und nach regnete es immer stärker. Die Wege verwandelten sich in kleine Bäche, meine Jacke konnte ich an den Armen auswringen. Aber wie du mich kennst – bin ich noch ewig lang durch die Wälder gestiefelt. Da fühlt man sich so frei!!!… und Zickenkram …Ich wollte dir nur sagen, daß Du das Heft nicht den anderen geben darfst. Sie lesen es! N. hat sofort hineingeschaut und etwas über Es. Kuß gelesen. Sie ist gemein! Man kann ihr nicht vertrauen. Es war ihr ziemlich peinlich, als ich reinkam und es sah. Jetzt ist sie scheißfreundlich. Kleine Ratte!… und Elternterror …Ich muß dir leider eine schlechte Nachricht mitteilen. Ich habe gestern abend 2 Wochen Stubenarrest bekommen. Das heißt im Klartext 2 Wochen nicht rausgehen, 2 Wochen kein TV (kleineres Übel) und 2 Wochen kein Chor. Ich finde das zum K… Die näheren Umstände erzähle ich dir in der großen Pause. Es würde sonst zu lange dauern. Außerdem muss ich Dir unbedingt nach schreiben was am Freitag noch los war…

Stubenarrest? Da weht einen doch die Vergangenheit massiv an!

Unser Smartphone kostete nur zwei Mark und die Botschaften sind heute noch lesbar. Niemand – außer rattigen Mitschülerinnen – konnte mitlesen oder weiterverschicken, aber wir mussten uns in Geduld üben. Bis zur Vermittlung der aktuellen Zeilen dauerte es bei A. aus der Parallelklasse mindestens bis zum Ende der nächsten Schulstunde. Das Kommunikationsbedürfnis war aber bei heranwachsenden Mädchen so groß, dass wir das in Kauf nahmen.

Und so blättert Frau Henner in den Neunzigern… ach A., wenn wir jetzt mal gemeinsam über die Zeilen lachen könnten! Als wir aus der Schule kamen und sich unsere Wege trennten, haben wir uns aus den Augen verloren, Facebook gab es ja noch nicht…

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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14 Kommentare zu “Zurück in die Vergangenheit – Whatsapp der Neunziger”

  1. Wie schön, Frau Henner!
    Ich hatte etwas ganz ähnliches mit meiner besten Freundin. Wir nannten es Brieftagebuch. Kürzlich fiel es mir auch in die Hände und ich habe es vor einer Maus gerettet und bei der Gelegenheit gleich eingescannt, ehe die Tinte (ja, wir schrieben meist mit Füller) ganz verblasst.
    Herrlich, diese Erinnerungen, Wünsche und Träume weiter zu lesen, jetzt, wo wir beide im Leben stehen.
    Anders als du und deine Freundin kümmer konnten wir unsere Freundschaft bewahren.
    Vllt findest du sie ja wieder über Facebook?

    Ein herzlicher Gruß von einer ebenfalls kommunikationsfreudigen Mitleserin ☺

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  2. Finde ich sehr, sehr klasse! Dass du solche Andenken hast, lässt mich ein wenig neidisch werden, bei mir sind es eine Klassenzeitung aus der zehnten Klasse, und eben die Abizeitung – die ich beide hüte wie Schätze, die sie ja auch sind.

    Ich fand die Lektüre sehr spannend, und freue mich auf weitere Erinnerungen. 🙂

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  3. Oh Frau Henner, was für ein zauberhafter Beitrag. Man ist bei jeder x-ten Zeile verzückt und will „Wie süß!“ ausrufen. 😊 Dein Beitrag erinnert mich an ein Buch. Es heißt Mittwochabriefe und sehr schön geschrieben. Du solltest deine gesammelten Werke als Buch verfassen und es Schülerbriefe nennen. Und dazu fällt mir ein, ih habe meinen Mann an der Uni kennengelernt. In Vorlesungen haben uns gegenseitig in unsere Aufzeichnungen kleine Botschaften geschrieben. Wir haben alle Vorlesungshefter bis heute aufgehoben, aus diesem Grund. Als ich deinen Beitrag las, habe ich sie wieder herausgeholt und gelesen. Mein Mann kam dazu und stundenlang haben wir über alte Zeiten gequatscht. Da waren unsere Kinder verzückt. Ach Frau Henner, wie schööööön….LG Ela

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  4. Hach, ich bin ganz verzückt!
    Schulzettelchen habe ich leider gar keine mehr. Aber unser Abibuch. Und inzwischen auch schon einige schöne Erinnerungen ans Ref 🙂
    Toll, dass die Hefte überlebt haben. Bin gespannt auf die weiteren Berichte.

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  5. In den 90ern war ich zwar noch nicht am Gymnasium, habe aber tatsächlich das gleiche „WhatsApp“ benutzt. 😉 Wir waren auch klug genug, uns normale Schulhefte zu besorgen, die den Lehrern immer den Eindruck vermittelt haben, wir würden fleißig mitschreiben. :mrgreen: Das ging auch in den 2000ern noch. 😉 Und irgendwo dürfte ich auch noch welche von denen haben, aber nicht alle, wir haben damals zu fünft eine „Heftegruppe“ gehabt…

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      1. Naja, ich gehöre ja nicht mehr zu der Generation deiner Schüler, der Smartphone-Hype kam bei mir echt erst in der Oberstufe auf – und ich hatte tatsächlich bis nach dem Abitur (!) keines, man kann es sich kaum vorstellen! 😉

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