Begüms Entschuldigung

Liebe Leser,

Begüm  ist ein Mädchen, ein türkisches, eines mit Kopftuch. Warum ich das letztere erwähne, hat einen Grund. Begüms Eltern sind sicher stark im Kontext ihrer Religion und ihrer kulturellen Herkunft verwurzelt. Das Mädchen selbst hat diese Normen und Werte verinnerlicht, sie trägt das Kopftuch mit stolz und schaut auf die anderen muslimischen Mädchen der Klasse herab. Vielleicht ergibt sich diese Erhabenheit aber auch aus dem Mangel an Intelligenz. Vorsicht, ich will hier nicht Religion mit Vorurteilen vermischen. Es gibt keinen ursächlichen Zusammenhang, zwischen dem Kopftuch und dass Begüm mit einer Hauptschulempfehlung an unser Gymnasium kam.

Aber möglicherweise gibt es einen kulturellen Zusammenhang zwischen den katastrophalen Noten und der Reaktion der Eltern darauf? Zwei Jahre lang wurde den Eltern versucht zu vermitteln, dass Begüm durch ihre großen Rückstände kaum etwas Neues lernen kann, dass Begüm es momentan nicht schaffen wird, dass zumindest der Besuch der Realschule eine Option wäre, dem Mädchen Bildungschancen zukommen zu lassen. Aber die Eltern haben das nicht eingesehen. Begüm lerne zu wenig, sie müsse sich mehr anstrengen, dann würde das schon klappen.

Aber mit Hauptfachfünfern klappt es eben nicht mehr. Selbst eine einzige Hauptfachfünf führt in Baden-Württemberg schon zur Nichtversetzung, wenn ansonsten nur Vierer vorhanden sind, ein Ausgleich in den Hauptfächern also nicht gegeben ist. Das ist Begüms Schuld, deshalb muss sie jetzt auch die Lehrer um Entschuldigung bitten. Und Begüm tut das. Sie geht von Lehrer zu Lehrer und entschuldigt sich für ihre schlechten Noten. Das wird ihr allerdings nichts nützen, denn die Lehrer können sie nicht entschuldigen. Schließlich hat es nie eine Schuld gegeben – nur schlechte Noten, weil ein Kind völlig überfordert war.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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24 Kommentare zu “Begüms Entschuldigung”

  1. Das ist eine zwar gut gemeinte Aktion, aber wie so oft ist gut gemeint eben nicht gut gemacht. Wenigstens schadet es nicht, obwohl es für das Mädchen sicher sehr schwer war, diesen Gang zu gehen.

    Aber Kopf hoch, die Grünen sind gegen Sitzenbleiben, damit wird doch alles gut. http://www.gruene-landtag-bw.de/themen/bildung/gruene-fordern-individuelle-foerderung-statt-sitzenbleiben.html
    Abitur gibt es dann für alle, die eine Banane unfallfrei schälen können und bis sich die Verantwortlichen wundern, warum die nicht mehr vorhandene Industrie nicht nur keine Umweltschäden mehr anrichtet, sondern auch keine Steuern mehr zahlt, bist Du längst in Pension. Es gibt dann zwar auch keine Pension mehr, aber es müssen eben Opfer gebracht werden.

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    1. Aus dem verlinkten Artikel: „Bildungswissenschaftler kritisieren schon lange, dass Sitzenbleiben für den Staat sehr teuer und individuell in den meisten Fällen kontraproduktiv ist, weil die Schülerinnen und Schüler ihren Rückstand nicht aufholen.“
      Das wird gerne behauptet, aber so kann ich das nicht stehenlassen. Natürlich gibt es Sitzenbleiber, die ein Jahr später doch abgehen, weil sie das Gymnasium nicht schaffen. Ich habe aber auch schon genügend Schüler erlebt, die die „Ehrenrunde“ gebraucht haben, um ein Jahr lang zu reifen oder auch aus einer unglücklichen Clique herauszukommen und einen Neustart zu wagen. Das waren allerdings alles Schüler, die zumindest am Anfang noch mit einem entsprechenden Potenzial zu uns kamen.
      Kinder wie Begüm kommen mit einer Hauptschulempfehlung! Sicher gibt es da Kinder, die „nur“ genügend Sprachförderung brauchen und dann passabel mitkommen. Aber Begüm fehlt einfach Intelligenz. Da kann ich fördern, wie ich will. Begüms Defizite werden mit jedem Jahr größer – und das Kind immer unglücklicher, weil es sieht, wie die anderen (unter anderem auch genügend Muslima – nicht dass hier einer mit Totschlagargumenten kommt) einfach an ihr vorbeiziehen. Da denke ich an die Psyche des Kindes und sage: Nein, Belgüm braucht eine reale Chance mitzukommen. Die wird sie auf unserem Gymnasium nicht haben. Zudem frage ich mich, wie die individuelle Förderung finanziert werden soll. Die angesprochenen Poolstunden sind ein Witz, wenn man die Vielfältigkeit der Probleme von Schülern wie Belgüm kennt.

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      1. Ach
        Allerdings sprechen Sie hier ein Tabu an, die Intelligenz ist doch, wie wir alle seit der Sarazzin Debatte wissen, ausschließlich ein Produkt der Umwelt und hat keine genetische Komponente, d.h. Begüm wird nicht ausreichend gefördert.
        Das widerspricht zwar jeder Alltagsbeobachtung, aber hier geht es um Ideologie und die läßt sich nicht an der Realität messen. Das ist dann nur schlecht für die Realität.

        Nicht, dass ich ein großer Anhänger von Ayn Rand wäre, aber mit diesem Satz hat sie recht
        “We can ignore reality, but we cannot ignore the consequences of ignoring reality.”

        Ich bekomme das über die Kinder mit, wie vor 30 Jahren sind die technischen Fächer (Ingenieur, Mathe, Physik) weiterhin NC frei, in den ersten Semestern lichten sich die Reihen erheblich, wer nicht eine gewisse Begabung für Mathe mitbringt, kann noch so fleißig sein, das funktioniert nicht. Die sind aber seltsamerweise alle durch die gleichen Schulen gewandert, wie die Leute, die das nicht schaffen.

        Ebenso wird weiter für die Gesamtschule geworben, obwohl wir die 4 Jahre für alle haben, sind die Kinder eben nicht auf dem selben Stand, danach soll es dann auf einmal funktionieren. Wieso konnte mir noch keiner erklären. Ist wohl auch Ideologie.

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      1. Ich fürchte, die meinen das so. Letztes Jahr waren nämlich die Mathematikergebnisse zu schlecht. Ich kenne Firmen, die prüfen inzwischen im Lehrlingsaufnahmetest nicht nur allgemeine Intelligenz und fachspezifische Fragen, sondern stellen auch einfache Rechenaufgaben auf Dreisatzniveau, da man das nicht mehr voraussetzen kann.

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  2. Ein sehr nachdenklich stimmender Beitrag, Frau Henner. Danke dafür und danke auch für die ehrliche Darstellung der beobachtbaren Zusammenhänge. Es gibt so viele Begüms, auch bei uns. Viele von ihnen landen in Berufsvorbereitungsjahren (wie nennt sich dieses in Baden-Würtemberg?), gedemütigt über viele Schuljahre, was nie als Demütigung empfunden wurde aufgrund der beschriebenen Situationen und mit Entschuldigungen wieder ausgeglichen werden soll. Doch Entschuldigungen führen zu nichts, warum auch, das Übel hat woanders seine Wurzeln begraben. Und so kommen sie ohne Schulabschluss in die Berufsschulen und der Wahnsinn setzt sich noch ein Jährchen fort, bis auch hier Entschuldigungen nichts bringen. Der schulische Wahnsinn endet, und die Begüms werden verheiratet. …meine Beobachtungen…
    Nachdenkliche Grüße aus dem Lehrercafe☕, Ela

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    1. Ich glaube, ebenfalls Berufsvorbereitungsjahr. Könnte tatsächlich passieren, dass Begüm selbst schnell verheiratet wird, sie spricht schon davon. Ich verstehe bloß nicht, wieso die Eltern sie erst aufs Gymnasium drängen und damit die Bildungschancen verschlechtern, weil sie dem nie gewachsen ist, wenn sie dann doch mit dem Schulabschluss nichts anfangen wollen. Da beißt sich doch der Hund in den Schwanz!

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  3. Tja, schöne Geste. Aber eben, sie hilft nicht. Wofür entschuldigt sie sich denn? Dafür, dass sie nicht gut genug war/ist? Das wussten auch die Lehrer schon, und daran ist ja erst einmal nichts Schlechtes.
    Eher sollten sich die Eltern bei ihrer Tochter entschuldigen, dass sie ihr zwei Jahre Zeit und einiges an Erfolgserlebnissen vorenthalten haben.

    Das Thema Grundschulempfehlung bzw. Sitzenbleiben sehe ich wie du, Lilo.

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  4. das arme kind. strengt sich so an, und muss sich dann auch noch dafür entschuldigen! was das mit ihren selbstbild und v.a. ihrer selbstwirksamkeit macht ist ja kaum auszudenken. und die armen eltern gleich noch dazu, die sich aufstieg durch bildung wünschen, denen wir aber nicht vermitteln können, dass das nicht bei jedem kind am gymnasium klappen kann, da jeder andere talente hat. habt ihr eventuell türkischsprachige elternbeiräte (oder deren pendat in ba-wü), die mal mit den eltern bengüms vernünftig sprechen/ansatzweise bildungsberatung machen könnten?! oder türkischsprachige sozialarbeiter oder ähnliches? oder eine kollegin mit türkischem hintergrund?!

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      1. meiner erfahrung nach sehr wahrscheinlich schon. weniger was formale sprachbeherrschung angeht, aber sehr, sehr arg, was den kulturellen kontext der kommunikation angeht. kommunizieren ist ja viel, viel, viel mehr als der austausch von worten mit bedeutung… türkische erwachsene werden z.b. in deutschland zu tausenden magen-darm-gespiegelt, weil sie hartnäckig von schmerzen in diesem bereich berichten. dabei ist das eher ein kulturell bedingte spielart von „ich habe eine depression“ (ähnlich wie wir heute selten eine depression haben, sondern lieber ein „burnout“). ähnlich ist es oft in gesprächen mit türkischen eltern: ein gemeinsamer hintergrund erleichtert das verständnis oft ganz extrem. deswegen die frage nach einer schulinternen oder -nahen person (sozpäd, elternbeirat, kollege…) mit ähnlichem kulturellen code, um klarer kommunizieren zu können. wir haben mit diesem vorgehen hervorragende erfahrungen gemacht.

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        1. Mir ist schon aufgefallen, dass es kulturelle Unterschiede gibt, was die Auffassung von Schule betrifft. So ist es in manchen Regionen absolut Usus, einem Kind in vielen Fächern nachhilfe zu erteilen. Da funktioniert Schule nur so (z.B. Albanien, da verdienen sich die Lehrer so ihr Zubrot zum schmalen staatlichen Gehalt). Wenn wir diesen Eltern dann sagen: Nachhilfe sollte nicht zur Dauereinrichtung werden und schon gar nicht in mehreren Fächern, dann verstehen uns die Eltern nicht. Wir sagen: Ihr Kind ist hier nicht richtig, Realschule wäre besser. Die Eltern verstehen: Ihr Kind braucht noch mehr Nachhilfe. Fatal!

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    1. Nein, haben wir nicht. Uns überrollt jetzt eine Welle, auf die wir nicht vorbereitet sind. Erst seit wenigen Jahren haben wir einen ernstzunehmenden Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund. Und sie kommen aus allen möglichen Ländern, wir bräuchten nicht nur türkische Vermittler, auch albanische, kosovarische usw. Aber erst seit Kurzem haben wir überhaupt einen „deutschen“ Sozialarbeiter. Wir gehen zu kleine Schritte.

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  5. Und da stellt sich mir wieder die Frage: Was, zum Geier, ist verkehrt an einem ordentlichem Hauptschulabschluss?

    Es gibt nun mal Theoretiker und Praktiker. Im Berufsleben stelle ich immer wieder fest, das Leute, mit, nun ja, durchwachsenen Zeugnissen in der Praxis gut dastehen, wohingegen es Menschen mit Einserzeugnissen gibt, bei denen mir nicht klar ist, wie das kommt.

    Schlimm ist doch was anderes. Mit soundso viel fehlplatzierten Kindern in der Klasse kommst Du ja nicht mehr vorwärts, am Ende bringt das niemanden mehr was, denn die, die mehr könnten, und zunächst mal auch wollen, verlieren ja dann auch irgendwann die Lust.

    Furchtbar solche Eltern. Und furchtbar, das die das tatsächlich hinkriegen, das die Tochter auf dem Gym bleibt, oder tut sich da was?

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    1. Begüm ist da noch nicht das Problem, warten Sie auf die flächendeckende Einführung von Inklusionsklassen.
      Wenn zwei Lehrer im selben Raum getrennten Unterricht machen, ist das angeblich noch Inklusion, ich vermute mal, das stört gegenseitig gar nicht.
      In der Ukraine kostet ein Arbeiter unter 400€ im Monat, wenn wir den Produktivitätsvorsprung nicht halten, dann geht das hier rasend schnell bergab. Den halten wir aber nur mit Wissen und Mitarbeitern, die auch am Stapler ein Terminal bedienen können.

      http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/inklusion-in-offenbach-mit-trisomie-21-aufs-gymnasium-13698259.html
      http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/bildungspolitik-grenzen-der-inklusion-12947379.html

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