Immer wieder Nizza

Liebe Leser,

Donnerstagnachmittag: Herr Henner bucht ein Ferienhaus in der Nähe von Nizza. Für einen Baden-Württemberger liegt Frankreich so nahe. Es ist exotisch genug, um ein Urlaubsgefühl zu vermitteln, und nicht fremd genug, um sich nicht mehr wohlzufühlen. Diesmal wollten wir endlich mal wieder ganz in den Süden, vielleicht sogar ans Meer. Wir bestaunen die hübschen Poolfotos und träumen von mittelalterlichen Städtchen im Hinterland, kleinen Märkten mit eierförmigen Tomaten, frischem Baguette und Klosterkäse.

Donnerstagabend: Hollande verkündet, dass der Ausnahmezustand, in dem sich das Land seit den Attentaten in Paris befunden hatte, nun mit dem Nationalfeiertag beendet ist. Frau Henner bekommt ein flaues Gefühl. Hoffentlich macht nicht irgendein Idiot jetzt etwas Dummes, um das ganze am Köcheln zu halten.

Freitagmorgen: Frau und Herr Henner, die immer mit den Nachrichten geweckt werden, können es nicht fassen. Über 80 Tote bei einem Terroranschlag in Nizza. Dieser Gedanke lässt mich den ganzen Vormittag nicht los. Frankreich, ein gebeuteltes Land. „Idiot“ und „etwas Dummes“ ist viel zu verharmlosend, für das, was noch an dem selben Abend geschehen ist, nachdem der Ausnahmezustand aufgehoben wurde. Die Terrorakte in den letzten Jahren haben mich schockiert, aber diesmal empfinde ich noch mehr. Mitgefühl für ein Land.

Auch ich habe schon in Paris das Feuerwerk zum Nationalfeiertag angeschaut, zwischen tausenden von Menschen, zusammen mit Oberstufenschülern während einer Klassenfahrt. Wir verließen das Marsfeld noch vor dem Ende des Spektakels und bummelten freudig erschöpft bis zu der nächsten geöffneten U-Bahn. Unsere einzige Sorge galt damals dem Fahrplan, dass wir es auch rechtzeitig zum Youth Hostel schaffen. Wir machten uns lustig über die französische Lust an Militärparaden und die Handyfilmwut der Asiaten. Und wir genossen das Leben in einer pulsierenden Metropole. Wir Lehrer mussten uns keine Sorgen machen, dass alle wieder heil nach Hause kamen. Schließlich waren wir in Paris und nicht in Teheran.

Immer wieder muss ich an die Menschen denken, die sich in Nizza einfach nur das Feuerwerk zum Nationalfeiertag anschauen wollten. Wir haben Bekannte, die von dort kommen. Franzi, Lucys Freundin, fährt jeden Sommer dorthin, weil ihre Familie von dort stammt. Der Terror wird persönlicher. Die Betroffenheit nimmt zu. Der Terror zerstört mir mein Paradies.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner, die gerne tröstliche Worte schriebe, aber weiß, dass es sie nicht geben kann

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7 Kommentare zu “Immer wieder Nizza”

  1. Du hast recht, es gibt keine tröstenden Worte mehr, es gibt nur noch Kopfschütteln, Verzweiflung, Wut und Trauer. Wir haben uns heute noch im Lehrerzimmer darüber unterhalten, wohin jeder so in den Urlaub fährt. Nicht selten bekam ich zur Antwort, dass man dieses Jahr lieber in Deutschland bliebe, weil man Angst habe vor Anschlägen im Ausland. Der Terror hat uns langsam aber sicher im Griff, er bestimmt immer mehr unser Leben. Das kann irgendwie keiner mehr abstreiten. Nachdenkliche Grüße, Ela

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  2. Weil es mich ein wenig verwirrt hat, wieso die Niederlande den Ausnahmezustand ausgerufen haben und seit wann Paris in den Niederlanden liegt: Hollande mit E.
    Liebe Grüße

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  3. Die Annahme, dass es in DE keinen Terror geben wird, ist auch eher sehr optimistisch. Natürlich nutzen die strategisch denkenden Terroristen DE als Rückzugsraum, in dem man notfalls sogar versorgt wird. [1] [2] Aber nicht jeder Einzeltäter denkt so strategisch, in Bonn hatten wir einfach Glück [3]. Übrigens war der „erfolgreichste“ Massenmord der letzten Zeit in Europa ein Germanwingsflug mit einem deutschen Piloten, Teheran ist vermutlich sogar sicherer als Europa, die exportieren Terror veranstalten aber keinen daheim, da ist es ja schon schön islamisch. Ok, als Frau sollte man auf den Sitz des Kopftuchs achten.

    Rein statistisch ist möglicherweise die Anreise zum Urlaubsort gefährlicher als der dortige Aufenthalt. Das gilt übrigens auch für die Wallfahrt nach Lourdes, wenn man die Zahl der offiziellen Heilungen mit der Wahrscheinlichkeit eines Unfalls auf der Anreise ins Verhältnis setzt, ist es besser zu Hause zu bleiben.

    Wenn man sich die Zahl der Belästigungen in DE ansieht, dann scheint es in DE auch nicht mehr so gemütlich zu sein. Man kann zu der Einzelfallkarte [4] stehen, wie man möchte, aber da werden Presseberichte gesammelt, insbesondere die Polizeimitteilungen haben doch eine gewisse Glaubwürdigkeit. Wobei so eine Zusammenstellung natürlich nur die Untergrenze darstellen kann und ich keine Ahnung habe, wie das zu der Gesamtzahl der Belästigungen aussieht.

    Ich will damit nichts relativieren, aber wir haben eine verzerrte Wahrnehmung der Risiken. Was aber nichts damit zu tun hat, dass man bei nüchterner Betrachtung der Ursachen einige Terrorrisiken verringern könnte. Nur die Beobachtung von Salafisten ist langfristig vermutlich riskanter als eine Ausweisung. Manches Gedankengut ist nicht wirklich kompatibel, die beiden Videos stammen tatsächlich aus Berlin. [5][6] Da ist mir im Zweifelsfall das folgende Frauenbild aus der Gegend doch lieber.[7][8]

    [1] http://www.spiegel.de/politik/ausland/pariser-angreifer-nutzte-20-identitaeten-in-sieben-laendern-a-1073439.html
    [2] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-01/recklinghausen-attentaeter-paris-identitaeten-landeskriminalamt
    [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Sprengsatzfund_am_Bonner_Hauptbahnhof_2012
    [4] https://www.google.com/maps/d/viewer?mid=1_rNT3k2ZXB-f9z-2nSFMIBQKXCs&hl=en_US
    [5] https://www.youtube.com/watch?v=6MBfsqx5O_c
    [6] https://www.youtube.com/watch?v=0LZbKlyaLdE
    [7] https://www.youtube.com/watch?v=TGVbpsGmLVo
    [8] https://www.youtube.com/watch?v=ArYgqWN-VOs

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    1. Natürlich fahren wir trotzdem in dieses Ferienhaus bei Nizza. Man ist dort nicht gefährdeter als in Berlin oder Barcelona und ganz klar, die Busfahrt ins Schullandheim ist auch nicht ungefährlich. Ich glaube nicht, dass ich Risiken falsch einschätze. Das ist die Verstandesseite. Aber um die geht es gar nicht. Wir erleben immer häufiger, wie Einzelpersonen in ihren eigenen, geplanten Tod eine möglichst große Anzahl von Mitmenschen mitreißen. Das greift unsere Gefühle an. Die sind nicht rational. Ich habe keine Angst vor dem Frankreichurlaub. Aber was verändert sich in mir – ohne dass ich das will?:
      Wenn irgendwo Menschenansammlungen sind, wird mir mulmig, wenn einzelne, muslimisch aussehende Menschen sich dazugesellen. Das ist absolut unfair, ich will niemanden pauschal verurteilen, ich will keine Vorurteile haben, aber Gefühle sind nicht so leicht zu kontrollieren. Die Attentäter (und da ist ihre Motivation ersteinmal zweitrangig) erreichen, dass sich die Vorurteile verschärfen und damit die Konflikte zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen immer schön am Köcheln bleiben. Den Germanwingsabsturz konnte man trotz aller Tragik deshalb verarbeiten, wenn man nicht persönlich betroffen war, weil man ihn als einen absoluten Einzelfall abschieben konnte. Attentate ohne diese psychisch kranke Seite, die auf eine politische Radikalisierung zurückzuführen sind, machen es uns nicht einfach. Denn in diesem Moment radikalisieren sich genügend junge Menschen im Netz.
      Die Untersuchungen in Nizza sind noch nicht abgeschlossen. Menschen machen Selfies am Schauplatz, der Strand wird wieder zum Baden genutzt. Das Leben geht weiter. Das tut es immer. Aber gestern habe ich im Netz recherchiert und bin auf ein paar Kommentarseiten gestoßen, wo es nicht so zivilisiert zugeht wie hier, was da normale Bürger sagen, kann einem schon Angst machen, weil genügend nicht an einer Vermittlung von Konflikten interessiert sind.

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      1. Natürlich sind solche Gedanken da, jeder der die abstreitet möge folgendes Gedankenexperiment machen.

        Man sitzt im Bierzelt dicht gedrängt und es kommt ein

        a) Benedektinermönch mit Bart und Kutte rein und wirft mit den Worten „gelobt sei Jesus Christus“ seinen Rucksack auf den Tisch.

        b) ein ebenfalls Bärtiger in arabischer anmutender Gewandung und wirft mit den Worten „Allahu akbar“ sein Rucksack auf den Tisch

        Nach welchem Ereignis hat man mehr Platz?

        Zu der Pauschalverurteilung https://www.youtube.com/watch?v=vYjiSaV5VoE

        Zur Vermittlung von Konflikten gehören immer zwei, ich behaupte jetzt mal, dass Leute, die ernsthaft glauben, für das Umbringen von Ungläubigen im Diesseits im Jenseits belohnt zu werden, auch nicht ernsthaft daran interessiert sind.

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