Zurück in die Vergangenheit – die Tagebücher der kleinen L.

Liebe Leser,

völlig losgelöst von dem, was draußen in der Welt geschieht, begebe ich mich für einen Tag auf eine Zeitreise. Wollte nur mal meine alten Tagebücher herauskramen und lese mich fest und erlebe tatsächlich soetwas wie eine Zeitreise. Die neunziger Jahre werden einen ganzen Tag lang lebendig – meine neunziger Jahre, meine Jugend wohlgemerkt. Ich hätte nie gedacht, wie deutlich die Menschen wieder vor mir stehen, Stimmungen aufkommen, ja selbst Gerüche riechbar werden, weil ich alles so genau beschreibe.

Mein erstes Tagebuch bekam ich zu meinem zehnten Geburtstag und die Einträge der fünften und sechsten Klasse sind – naja – nur kurze Berichte mit wenig Wert für Außenstehende. Aber dann in der siebenten Klasse beginne ich mit einem Mal kleine Begebenheiten aus meinem Alltag zu beschreiben und gleich auch zu reflektieren – als wäre ich aufgewacht aus der Kindheit. In der achten Klasse bin ich dann soweit, dass ich dieses für mich schwierige Schuljahr fast komplett so darlege, dass auch ein Außenstehender dies lesen könnte – in den Kopf eines pubertierenden Mädchens geguckt. Ich staune über die zusammenhängenden Erzählungen, die Beschreibungen meiner Klassenkameraden und die Versuche, ihre Handlungen zu analysieren, ich erlebe viele Szenen ganz plastisch von Neuem. 40 Seiten Jugendherberge zum Beispiel, die ungerechten Handlungen einer damals völlig überforderten Klassenlehrerin, die unschönen Szenen mit hormonell entgleisenden Klassenkameradinnen, die eigene Unsicherheit, die Reflexionen von Selbst- und Fremdwahrnehmung, die Lichtblicke und rührenden Momente. Erst auf dem Weg in die Oberstufe fangen die Tagebuchtexte an sich zu verrätseln, der Ausdruck wird geschwollener. Hatte ich Angst, jemand könne heimlich in den Tagebüchern lesen? Wollte ich mich besonders gewählt ausdrücken? Erwachsen wirken? Egal, auch das gehört zum Erwachsenwerden. Diese Tagebücher sind nur für mich, deshalb werde ich hier nichts zitieren. Einen ganzen Tag bis spät in den Abend habe ich gebraucht, um alles noch einmal durchzulesen. Meine ganze Schulzeit ab der fünften Klasse bis zum Abitur zieht an  mir vorüber. Erst jetzt wird mir so richtig bewusst, welchen Schatz ich da habe.

Früher dachte ich immer, dass ich diese vielen farbigen Kladden unbedingt mal vernichten müsste. Jetzt, nach der neuerlichen Lektüre weiß ich, dass ich das nicht tun werde. Lucy kann das irgendwann einmal lesen – wenn sie erwachsen ist und ich vielleicht nicht mehr bin. Da gibt es nichts, für das man sich schämen muss. Im Gegenteil, die Tagebücher werden auch für sie in Schatz sein, weil sie so von einer Zeit erzählen, wie man es sonst nicht erfahren kann.

Lucy wird in diesem Herbst ebenfalls in die siebente Klasse kommen. Lucy kann für ihr Alter ungewöhnlich gut schreiben. Was liegt da näher, als ihr zum neuen Schuljahr ein Tagebuch zu schenken, damit auch sie sich einen solchen Schatz aufbauen kann?!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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5 Kommentare zu “Zurück in die Vergangenheit – die Tagebücher der kleinen L.”

  1. Sehr schöne Idee!
    Da bereue ich es schon ein wenig, nicht auch zu Schulzeiten ein Tagebuch geführt zu haben. Was du da an Erinnerungen in Papierform hast!
    Mittlerweile dient mir der Blog ein wenig dazu, aber so richtig vergleichbar ist es ja auch wieder nicht.

    Gefällt mir

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