Zurück in die Vergangenheit – Briefkultur

Liebe Leser,

nach meiner Schulzeit habe ich kaum mehr Tagebuch geschrieben. Das Studium war so aufregend und arbeitsintensiv, weil ich mich kopfüber in das Abenteuer Leben hineinstürzte und diese neue Art des Lernen für mich entdeckte. Wenn ich will, kann ich heute nach so vielen Jahren trotzdem noch immer in meinen Kopf von damals schauen. Diesmal brauche ich aber mehr als einen Tag, der für die Tagebücher noch gereicht hatte.

Neben mir liegt ein Stapel DinA4-Blätter, ich mag die Seiten nicht zählen, denn er ist dreieinhalb Zentimeter hoch – zusammengedrückt. Jedes Blatt ist engzeilig mit einer zierlichen Schrift beschrieben. Es sind Kopien von Briefen, die ich während meines Studiums an meine Freundinnen geschrieben habe. Dabei habe ich nicht jeden Brief kopiert, aber doch recht viele, weil ich damals spürte, das sie mir eines Tages von Bedeutung sein könnten. Diese Tage sind genau jetzt.

Und ich stehe diesem Stapel ziemlich fassungslos gegenüber. Jahrelang hat er in einer Kiste gelegen, aber ich habe vergessen, was ich damals schrieb, wie intensiv wir uns austauschten, wie ehrlich wir zueinander waren, wie ernst wir unsere Freundschaft nahmen. Natürlich wird auch Alltag erzählt, aber der tatsächlich nur am Rande. Wir werden erst hier richtig erwachsen und definieren uns und unsere Freundschaften immer wieder neu, schreiben Abhandlungen über das Erinnern, über die Wirklichkeit von Empfindungen, über die unterschiedlichen Erwartungen an Beziehungen, über den Tod – aber vor allem über Freundschaft und das Leben. Die Sätze sind reflektiert, geschliffen und gehen die Thematiken differenziert an und die Briefe sind deshalb vor allem ellenlang. Drei Seiten im Schnitt und das mindestens jede Woche. Die Antwortbriefe meiner Freundinnen liegen in verschiedenen Kartons – ich brauche dafür eine ganze Kommodenschublade. Ich war also nicht die einzige Verrückte. Nur wenige von diesen jungen Frauen habe ich seitdem aus den Augen verloren, auch wenn wir uns nun in der sogenannten Familienphase selten oder gar keine Briefe mehr schreiben.

Aber wir tauschen uns nicht mehr so intensiv aus. Man trifft sich einmal im Jahr, weil uns hunderte Kilometer entfernen. Zwischendurch führt man mal ein Telefonat, das zwar auch intensiv sein kann, bei dem man aber nicht sein Innerstes herauskehrt, meist schickt man sich E-mails, in denen wir mehr als nur den Alltag beschreiben, aber uns eben doch auf drei kleinere Absätze beschränken. Das ist in Ordnung so. Jede Lebensphase hat ihre Eigenheiten. Und dann ist die Zeit solcher Brieffreundschaften vielleicht auch einfach vorbei. Das sage ich ohne Wehmut und Nostalgie.

Und trotzdem wird mir bewusst, dass diese Briefe vielleicht ein noch größerer Schatz sind als meine Tagebücher, weil sie wie ein Relikt wirken. Nicht nur für mich persönlich. Natürlich ist es phantastisch, die Zeit des eigenen Studiums anhand dieser äußerst ehrlichen Zeilen nachvollziehen zu können, aber da es vorrangig um allgemein menschliche Themen geht, die sich jedoch gerade einem Wandel unterziehen, da Menschen heute anders kommunizieren als noch vor fünfzehn Jahren, sind sie Zeugnisse einer vergangenen Zeit. Persönliches Erleben und gesellschaftlicher Wandel fällt hier zusammen.

Einer Freundin muss ich dabei besonders danken, mit vielen habe ich schriftlich Gedanken ausgetauscht, aber nur eine hat über all die Jahre genauso ausführlich und offen zurückgeschrieben. Liebe C., ohne dich hätte ich diesen Schatz nicht, danke dafür! Lucy konnte ich ein Tagebuch schenken, aber eine solche Brieffreundin wie dich müsste sie sich selbst suchen, aber mal ehrlich, schon damals waren wir mit unseren Briefen ein bisschen aus der Zeit gefallen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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4 Kommentare zu “Zurück in die Vergangenheit – Briefkultur”

  1. Schon damals damit so sehr aus der Zeit gefallen, wirklich? Ich habe in meiner Mittelstufenzeit sehr intensive Brieffreundschaften gehabt (eine nach Koblenz, eine nach Norddeutschland) und das ging wirklich über Jahre, so ab 13 bis ich 17/18 war. Allein davon habe ich auch vier Kartons, unsere Briefe umfassten aber auch immer so an die 8-10 Seiten, hihi. Ich habe meine eigenen Briefe davon leider nicht mehr, ans Kopieren habe ich da nicht gedacht, aber ich habe eben noch alle von meinen Freundinnen.
    Tatsächlich gehöre ich aber noch heute zu den Leuten, die das irgendwie persönlicher finden mit Stift und Papier. Ich schreibe heute noch Briefe, seltener zwar, aber es kommt vor, vor allen zu Geburtstagen.

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    1. Schön! Dabei wirst du sicher auch die Erfahrung machen, dass sich die Beglückten ganz besonders über die handgeschriebenen Briefe freuen, weil sie so selten geworden sind. Stimmts?
      Mit aus der Zeit gefallen meinte ich nicht, dass sonst niemand Briefe geschrieben hat, aber solche intensiven Brieffreundschaften, wie du sie ja auch beschreibst, waren auch damals schon nicht alltäglich. An den Daten sehe ich, dass meine Freundin C. und ich manchmal mehrere Briefe pro Woche geschrieben haben, und frage mich, woher wir eigentlich die Zeit hatten?, aber ich fürchte, ich habe manch langweilige Vorlesung an der Uni gar nicht fleißig mitgeschreiben, sondern in Gedanken meiner Freundin C. gewidmet. Deshalb hören die Briefe auch nach dem Studium auf, dann gab es für uns keine Leerlaufzeit mehr, um solche Briefe zu verfassen.

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      1. Ja, nicht immer, aber meistens schon. 😉
        Sicher, alltäglich nicht, aber ganz „out“ war es dann auch nicht. Das dürfte heute sicherlich anders aussehen, gerade im Zeitalter von WhatsApp und Co – ja, ich bin auch noch bis nach dem Abitur ohne Smartphone ausgekommen! 10 Jahre machen in der Hinsicht einen riesigen Unterschied. Wäre mal interessant zu wissen, ob es heute überhaupt noch derlei Brieffreundschaften gibt, ist vermutlich aber eine wahre Rarität (also noch viel mehr als zu deiner oder meiner Zeit dahingehend).
        Das stimmt, aber ja, öhm, also, ich erinnere mich auch daran, so manche Lateinstunde einem Brief gewidmet zu haben. 😉 Und ansonsten habe ich vor allem spät abends viel geschrieben, aber das ist bis heute so geblieben. Im Ref bzw im Berufsalltag geht das dann natürlich nicht mehr, klar.

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