Der schwarze Spätsommerhund

Liebe Leser,

was für ein schöner Sommer! Blicke ich nicht über den Tellerrand, sondern mich nur in meiner kleinen Welt um, kann ich es nicht anders sagen. Es waren wunderbare Sommerferien, gefühlt ständig Sonnenschein, ein zwar polizeireiches, aber ansonsten entspanntes Frankreich, die Vorbereitungen für das neue Schuljahr liefen wie nebenbei, gute und spannende Bücher bereicherten die langen Sommertage, ich fühle mich erholt und sprudele vor Ideen. Grad heute sitze ich auf der Bank im Garten, um mich herum wuchern zuckersüße Tomaten und ich blättere Lucys Jugendzeitschrift durch. Da schießt mir die geniale Idee für meinen Start mit meiner Klasse in den Kopf. Auf meine Blitzideen ist doch immer wieder Verlass!

Warum freue ich mich dann nicht auf das neue Schuljahr?

Liegt es an meiner seltsam egoistischen Klasse? Mist, ich wollte doch wirklich unvoreingenommen ins neue Schuljahr gehen! Aber es ist tatsächlich so, ich freue mich nicht besonders, sie wiederzusehen. Ich werde meinen Job machen, ich habe so viel vor, die Distanz zwischen dieser Klasse und mir ist jedoch noch nicht gewichen. Aber ich werde meine alte Klasse auch wieder unterrichten – jeah! Also sollte ich mich doch wenigstens auf sie freuen… hmmm…

Liegt es an den Schulalpträumen, die ich seit einer Woche habe? Ich komme am ersten Schultag zu spät, die Schule ist eine riesige Baustelle, ich verlaufe mich in der Schule, ich sitze neben dem kleinen Leo und er schreibt eine Mathearbeit, neben den anderen Kindern sitzen deren Eltern und versuchen heimlich ihren Kindern Tipps zu geben, wenn die Grundschullehrerin nicht hinsieht. Ich träume sonst kaum von der Schule. Was macht mein Hirn da bloß?

Ist es der übliche Schulanfangsberg, der schier unüberwindlich scheint? Entschieden nein! Wenn ich eines in den letzten Jahren gelernt habe, dann das: Es bringt nichts, stöhnend die Höhe des Berges abschätzen zu wollen. Weil man jeden Tag nur ein kleines Stück geht, lässt sich jeder Berg bezwingen, wenn man sich einfach nur auf das direkt vor einem liegende Stück konzentriert.

Hm… liegt es am Abschiedsgefühl, alles noch ein letztes Mal? Nö, Abschiedsgefühle habe ich nicht, in die könnte ich mich sogar hineinfallen lassen, wehmütig darin baden, das Problem ist eher, dass ich gar keine Gefühle habe…

… für die Schule! Dafür bin ich voller Ideen für Projekte, schaue mir im Netz Tutorials an, bestelle mir hübsche Dinge, plane, träume, aber die Schule? Die ist mir grad so was von egal. Ich hätte noch weitere zwei Wochen in Frankreich bleiben können und kein einziges Mal an die Schule denken… was ist nur los mit mir?

Ist es tatsächlich die schwarze Spätsommerhund? Kennt ihr den? Der schleicht sich ganz unbemerkt an, meist, wenn es draußen herrlich ist und die Sonne schon tief steht. Dann knurrt er und zieht einem die Freude von der Haut. Nein, er ist nicht mit der Melancholie zu verwechseln, der schwarze Spätsommerhund. Und auch nicht wie eine ausgewachsene Depression, die allem die Farben aussaugt. Der schwarze Spätsommerhund ist nur ein Hauch davon, ein flatterhaftes Wesen, meist verschwindet er unversehens wieder. Ich habe den schwarzen Spätsommerhund erst in den letzten Jahren kennengelernt.

Ich fasse einen Entschluss. Die letzten drei Jahre habe ich viel Zeit in diesen Blog investiert und werde ihn auch weiterhin betreiben, aber ich werde nicht mehr so viele Beiträge einstellen, einmal die Woche wird reichen, wenn mir dann die restliche Woche bleibt, um mich mehr dem Privaten zu widmen, dem, was mir noch so alles im Kopf herumspukt. Vielleicht funktioniert es, vielleicht funktioniert es nicht, aber ich will unbedingt den schwarzen Spätsommerhund wieder verscheuchen. Dazu sollte ich mehr unter Leute gehen. Leute, die keine Lehrer sind. Leute, die ganz andere Probleme haben. Leute, die die Welt anders sehen. Wann war ich denn das letzte Mal tanzen oder mit Freunden auswärts essen? Wo lag noch mal der Prospekt von der VHS?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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5 Kommentare zu „Der schwarze Spätsommerhund“

  1. Eine gesunde Einstellung, den Blog nicht zum Lebensmittelpunkt zu machen, sondern lieber das Leben in echt zu genießen. Finde ich toll, auch wenn ich dich immer gerne lese und einmal die Woche schon etwas wenig ist. 😉
    Ich denke aber auch, dass der Gedanke, mehr mit Nichtlehrern zu unternehmen, gut ist. Denn sonst dreht sich doch immer nur alles um Schule.

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  2. Ganz ehrlich, ich finde es sehr schade, da ich deinen Blog immer sehr gern gelesen habe. Aber natürlich hast du Recht, das echte Leben und deine Zufriedenheit sind sehr viel wichtiger als mein Lesevergnügen😇 Dieser schwarze Spätsommerhund ist auch hier gerade zu Gast, auch wenn ich den Ausdruck dafür noch nicht kannte. Drücke dir die Daumen, dass er schnell wieder weiter zieht.

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    1. … aber ich bleibe euch schon noch erhalten, nur halt nicht so häufig!
      P.S. Der schwarze Spätsommerhund macht sich schon kleiner und verzieht sich in die Ecke, mal sehen, ob er den Schulstart überlebt oder freiwillig weiterzieht.

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