SW1: Die selbsterfüllende Prophezeiung

Liebe Leser,

während manch Lehrer in Deutschland schon langsam wieder zu den Herbstferien schielt, ist in Baden-Württemberg gerade einmal die erste Schulwoche herum, aber Hauptsache wir zentralisieren das Abitur… nun ja, da war die Aufregung bei den Deutschlehrern groß, als ihnen diese Woche bewusst wurde, was das terminlich bedeutet. Dazu vielleicht ein andermal, heute geht es nicht um das Deutschabitur, sondern nur um mein Erleben dieser ersten Schulwoche, SW1.

Doch erst noch ein Schritt zurück.

Im Studium mussten wir ein sogenanntes Pädagogisches Praktikum absolvieren, das heißt, es ging nicht um die Fächer, sondern die Studenten sollten vermehrt auf pädagogische Belange achten. So kam es, dass ich in diesem Praktikum in zwei achten Klassen mitlief, egal welches Fach sie gerade hatten. Das Thema meiner dazugehörigen pädagogischen Arbeit war schnell gefunden: die self-fulfilling prophecy, die selbsterfüllende Prophezeiung.

Eine achte Klasse galt als nett, lieb und leistungstechnisch ganz okay, die andere, nun ja, die andere war das schwarze Schaf. „Das sind solche Rabauken“ wurde im Lehrerzimmer schnell verknüpft mit „Die können nichts“. Und nun ging es mir darum, ob dem tatsächlich so ist, und, wenn ja, ob das Urteil der Lehrer sich auf die Atmosphäre in der Klasse und dann auch auf die Leistungen ausgewirkt hat oder umgekehrt.

Ich weiß nicht mehr exakt, zu welchem Schluss ich kam, aber ich war zumindest für dieses Thema sensibilisiert. Mir ist klar, dass die selbsterfüllende Prophezeiung tatsächlich ein Problem ist. Natürlich höre ich Urteile, natürlich werde ich beeinflusst, aber ich bemühe mich, mir diesen Prozess bewusst zu machen und mich selbst immer wieder zu ermahnen, dass ich wachsam bleibe, selbst urteile und jeder eine neue Chance verdient hat. Damit meine Meinung nicht am Ende dazu führt, dass Schüler dann unbewusst dieser Meinung entsprechen.

Also gehe ich am Montag ganz locker fröhlich in meine Klasse. Den schwarzen Spätsommerhund habe ich längst verscheucht.

Es funktioniert nicht. Einzelne Kinder enttäuschen mich mit ihrem kaum versteckten Egoismus so, dass meine Stimmung merklich abkühlt. Ich merke das, hoffentlich die Kinder nicht! Als ich dann enthusiastisch unser diesjähriges Klassenprojekt vorstelle (Lucy ist schon ganz neidisch auf meine Klasse, weil sie so was Cooles machen darf…), kommt kein Jubel, kein Glanz in den Augen, dafür ganz offen die Frage, was man denn davon habe… „Kann man da auch was gewinnen?“

Und da platzt mir innerlich der Kragen, aber mir wird auch schlagartig klar, welches Problem viele Kinder haben. Sie arbeiten, machen meist, was man ihnen sagt, aber es fehlt die Begeisterung, weil sie keine intrinsische Motivation haben. In der Grundschule haben sie für die nette Lehrerin und die Eltern geschafft, für die sehr gute Note und die Belohnung, die viele sicher erhalten haben. Das sind normale Prozesse, aber wenn man es übertreibt, zum Beispiel nur die Note gelobt wird und nicht ein wirkliches Interesse am Können des Kindes gezeigt wird, an den Themen, mit denen es sich beschäftigt, kann das leider dazu führen, dass gar keine innere Motivation mehr aufgebaut wird. Dann geht es nur noch um die Note oder das Geschenk.

Und nun? Was biete ich? Frau Henner hat keine kleinen Belohnungsgeschenke, die erwartet echt, dass man einfach nur Freude an der Sache haben könnte. „Wir machen das gemeinsam! Ein tolles Projekt, kein normaler Unterricht, wir können uns das alles selbst ausdenken und dann vor einer richtigen Jury präsentieren…“, Frau Henner zieht schelmisch die Augenbrauen hoch, sie würde am liebsten sofort loslegen – so ein tolles Projekt! Und was springt für uns dabei heraus?

Und so erlebe ich diese Woche als eine Achterbahn der Gefühle. Wenn ich in meiner Klasse bin, mache ich halt meinen Unterricht, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und wenn ich in der Oberstufe bin oder wieder in meiner „alten“ Klasse in der Mittelstufe, dann freue ich mich, werde auch freudig begrüßt, wir grinsen und lachen und lernen wie nebenbei auch noch Neues. So geht es täglich auf und ab.

Aber ich gebe nicht auf – ich möchte die Kinder mitreißen, das Projekt ist viel zu cool, als dass sie sich nicht dafür erwärmen können. Das geht gar nicht. Und immerhin bin ich von der Sache begeistert und nach und nach werde ich sie schon noch auf meine Seite bringen, denn es kann doch so viel Spaß machen, etwas gemeinsam zu machen – einfach nur, damit man etwas gemeinsam macht!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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12 Kommentare zu “SW1: Die selbsterfüllende Prophezeiung”

  1. Und welches Projekt ist es, Frau Henner? Erzählst du uns das? Ich bin nämlich sehr neugierig und gerade auch in der Phase, wo ich überlege, wie ich meine Klasse für das Projekt erwärme, das zugegebenermaßen etwas sperrig daherkommt…

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    1. Das ist die Frage! Ich habe schon so viel probiert und das Gefühl, bei dieser Klasse einfach keinen Fuß in die Tür zu bekommen.
      Und ich bin mir nicht mal sicher, ob es sich hier tatsächlich um dieses Phänomen handelt, aber ich glaube, ich könnte vorhande Ansätze eines nicht befriedigenden Verhaltens durch meine Reaktionen verstärken. Das wäre dann auch nicht viel besser.

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  2. Oh je, das kenne ich. Eine super tolle Projektidee, man bereitet alles vor und kann es dann kaum erwarten, dass der nächste Tag anbricht und man der Klasse seine Planungen vorstellen kann. Und dann: nichts. Weder ein überspringender Funke noch ein Menschlein unter den Schülern, dass sich wenigstens ansatzweise erbarmt, erfreut zu sein. Weil es eben nichts dafür gibt, außer Spaß, Beisammensein, mal was anderes als klassische Schulfächer usw. Ich habe mich in der darauffolgenden Stunde auf einen Stuhl mitten in die Klassw gesetzt, die Arme verschränkt und geschmollt, aber keinen Ton gesagt. Nach ein paar Minuten haben die Kids gefragt, was los sei, warum ich so da sitzen würde. Ich wäre ja richtig beileidigt… Ja, das habe ich dann auchbzugegeben. Und da habe ich ihnen mitgeteilt, wie viel Mühe ich mir berwits gegeben hatte für all die Projektplanung und wie enttäusht ich nun sei, dass alles umsonst war, nur weil es kein “Eis“ gäbe (sinnbildlich😊). Sie waren geschockt, wir haben lange geredet und – es wurde ein schöne Projektzeit. Empathie war das Zauberwort, damals. Vielleicht funktionierts bei dir auch? LG Ela

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    1. Schöne Geschichte!
      Mal sehen, du hast mit einem Recht, einem Teil der Kinder fehlt Empathie, sie können sich gar nicht in andere hineinversetzen und merken, das andere Menschen auch Bedürfnisse haben. Ich berichte euch, wie ich es hinbekomme – hoffentlich. Einmal habe ich die Woche sogar schon geschmollt, aber wegen etwas ganz anderem. Da haben einige Kinder mal wieder falsche Sachen an Dritte weitererzählt und ich habe ihnen gesagt, wie sauer mich das macht. Das hat andere Kinder wiederum geschockt. Wenn es wenigstens heilsam wäre…

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  3. Wie ein Kollege von mir zu dem Phänomen sagte: Es gibt Klassen, zu denen baut man eine Beziehung auf, man arbeitet mit Vergnügen, was für einen selbst sehr erfüllend und (be)lohnend ist und es gibt Klassen… da verdient man einfach nur Geld.

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  4. Die Kinder können nichts dafür, dass sie von klein auf gedrillt werden, nur auf die Noten (gerne bis 2 Stellen nach dem Komma) zu schielen. Vielleicht könnte man das Thema deshalb mal beim Elternabend bringen? Wie wichtig es ist, die Schule eben nicht nur auf den Abischnitt zu reduzieren? Wie wichtig es ist, sich auch für die Inhalte zu interessieren? Mir haben schon Eltern gesagt, ihnen wäre egal, was das Kind de facto kann, solange der Abischnitt passt….
    Und dann finde ich, es gibt Lebensjahre, in denen Schule ei den meisten unter ferner liefen firmiert – die Hauptrolle spielt das Chaos im Kopf, Zoff mit den Eltern, Hormone, Mädchen, Jungs, Erwachsenwerden…als Erwachsene muss ich mir da vergegenwärtigen, dass es auch für mich Lebensphasen gibt, wo das allerdollste Projekt, dass mir jemand vorschlägt, maximal auf „Hmmmmpffff.“ stößt – und vielleicht sogar of „Oh Gott, zusätzliche Arbeit.“ Denn belastet oder auch nur ausgelastet bin ich in solchen Phasen mit meinem Privatleben. Dass das dem Schüler, dem unbekannten Wesen, auch so gehen könnte, halte ich gerne im Hinterkopf. Dann nehme ich „Hmmmmpppffff“-Reaktionen auch nicht persönlich.
    Wie dem auch sei, Frau Henner, toi, toi, toi!!!

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    1. Als Mama sehe ich das genau andersherum: mir ist wichtig, was mein Kind kann – wenn sich das dann in einer guten Note widerspiegelt, freue ich mich. Aber wenn mein Kind zum Beispiel in Englisch gute Noten bekommt aber keinen graden Satz heraus, dann ärgere ich mich. Denn später fragt dann irgednwann mal keiner mehr nach der Note, aber das Englischreden könnte eine wichtige Fähigkeit sein. Mit dieser Einstellung stoße ich aber zugegebenermaßen oft auf Unverständnis. der Abischnitt ist das heilige Maß aller Dinge geworden.

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  5. Zum Thema „Intrinsische Motivation“: Hatte heute meine erste Doppelstunde Ethik in Kl. 5. Einige Schüler meinten, wie schade sie es fänden, nun keine Freistunden mehr zu haben wie in der Grundschule… Statt sich darauf zu freuen, ein neues Fach zu haben!

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