SW 4: Frau Weinstett explodiert

Liebe Leser,

ich mag die Frau Weinstett, weil man sich gut mit ihr unterhalten kann und sie meist eine angenehme Einstellung zu den Dingen hat und sich selten so wichtig nimmt, wie manch anderer Kollege. Zudem hat sie zuhause einen typischen Teenager, das verbindet. Frau Weinstett ist sozusagen eine gestandene Frau mit potentiellem Freundin-Charakter.

Wir sind zusammen auf Fortbildung. Das Thema ist sehr wichtig und zumindest ich bin war wirklich interessiert. Inzwischen langweile ich mich und beobachte meine Leidensgenossen. Die eine Lehrerin tippt so eifrig auf dem Tablet herum. Was schreibt die bloß? Meines Erachtens sind wir immer noch bei den hohlphrasigen Einleitungsworten. Dann merke ich, dass die Kollegin zeichnet. In bunten Farben entstehen lauter kleine, witzige Unikate. Ach so. Eine andere Kollegin isst ununterbrochen, auch eine Strategie, der gedanklichen Leere entgegenzuwirken. Der Kollege daneben nickt ab und zu, in Wirklichkeit guckt er sich von innen an. Eine weitere Lehrerin nickt tatsächlich ein – naja fast, von meinem Platz aus sehe ich den Kampf der Augenlider mit der Schwerkraft.

Plötzlich explodiert Frau Weinstett und die besagten Augenlider springen auf und noch viel mehr Augenpaare richten sich auf unseren Tisch. Jetzt blickt Frau Weinstett trotzig in die Runde. „Sehe ich das etwa falsch?“, ruft sie, „Was Sie dort vorn erzählen, das wissen wir doch alles, das ist doch gar nicht das Thema der Fortbildung!“ Ihr Ton ist laut und schneidend – „Können wir nicht endlich mal zum Thema kommen – ich möchte da wirklich mehr darüber wissen!“ – und Frau Weinstett hat völlig Recht.

Der Referent strotzt vor selbstbewusster Männlichkeit, seine PowerPoint windet sich in überfrachteten Allgemeinplätzen, der Inhalt ist mehr als dünn. Tausendmal gehört, tausendmal ist nichts passiert. Uns Fortzubildenden ist folglich unserer Freizeit zu schade. Das da vorne ist Blödsinn hoch drei und damit eine Zeitverschwendung. Und Frau Weinstett sagt es. Sie ruft es. Die anderen Fortbildungsteilnehmer sind dankbar. Endlich geht mal was ab. Der Referent ist leicht gekränkt, hat sich aber gut im Griff und insistiert, dass er sehr wohl das Fortbildungsthema beackere, wir hätten das bloß noch nicht erkannt. Ein Raum voller Lehrer ist zu doof, der Referent hat immer Recht. Also geht er weiter seine PowerPoint durch. Als ich ihn nach einem Beispiel frage, verweist er mich auf die Literaturliste, da würde ich das dann finden. Aha.

Frau Weinstett beugt sich zu mir rüber und flüstert: „Stehe ich so auf dem Schlauch oder was? Das ist doch alles nur Gelaber!“ Ich rede ihr gut zu. „Trink deinen Kaffee, der hat doch selbst keine Ahnung, hier haben wir nicht mehr viel zu erwarten.“

Eine weitere halbe Stunde ist der Vortrag abrupt zuende. Das Thema hat immer noch nicht angefangen. Ich bin irritiert. Das muss ich jetzt anmerken. Der Referent lässt das aalglatt an sich abprallen: Wir müssten das Scheitern lernen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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8 Kommentare zu „SW 4: Frau Weinstett explodiert“

  1. Frau Weinstett ist die beste! Viel zu selten traut sich mal jemand, auf solchen sinnlosen Veranstaltungen offen zu bekunden, was man wirklich von ihr hält. Vertane Zeit und ein eingebildeter und überheblicher Referent. Unglaublich. Ich wäre definitiv aufgestanden und gegangen. Für sowas habe ich in der Zeit nicht mehr nur keine Zeit sondern auch keine Nerven mehr. Ich merke sogar beim Lesen sxhon, wie ich mich aufrege. Trotzdem danke für den Beitrag, denn genau so ist es allzu oft auf Fortbildungen. LG Ela☕

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