SW 5: Der Vorhang

Liebe Leser,

mein Leben hat sich grundlegend geändert. Jetzt habe ich nachmittags so viel Zeit, dass ich wieder lese, töpfere und mir bunte Herbstrezepte ausdenke. Das tut der Seele gut. Lucy erzählt mir vor allem von ihren Freundinnen. Was im Unterricht bei den Kollegen abgeht, das erfahre ich nur am Rande, und das ist gut so. Manchmal gehen wir gemeinsam in den Stall, der mittlerweile auch zu einem wichtigen Lebenspunkt geworden ist. Gerade ist Oskar, das neue Kälbchen, geboren worden und wir sind alle ganz vernarrt in diesen verkuschelten Fratz. Es könnte alles so schön sein.

Wenn da nicht die lieben Kollegen wären.

Diese Woche ist wieder mal so eine verflixte, dass ich mir vorkomme wie im Irrenhaus. Ein neuer Vorhang wird installiert, weil der alte bald auseinanderfällt. Endlich wird es ein bisschen freundlicher und vielleicht auch hygienischer. Aber Fräulein Häuptchen dreht durch, als stünde morgen das Abitur ins Haus. Ihr Ton wird laut, als sie den Abteilungsleiter angeht, sie könne nicht noch mehr leisten. Dabei soll sie doch nur wegen des Anbringens des Vorhangs die Fensterbänke freiräumen. Schüler könnten ihr dabei helfen. Herr Albert erklärt mir hinter vorgehaltener Hand und mit bedeutungsschwerer Miene, warum die Farbe des neuen Vorhangs falsch ist und ein absolut unverzeihlicher Fehler der Schulleitung! Frau Mädelmann geht den kleinen Chef an, dass mit der Entfernung des alten Vorhangs nun auch wirklich alles Schöne aus dem Gebäude entfernt würde. Frau Weinstett macht eine Balla-balla-Bewegung in meine Richtung. Recht hat sie.

Und das ist nur eine Szene, den Rest erspare ich euch.

Gegen Ende der Woche sitze ich in trauter Runde mit dem kleinen Chef zusammen. „Wissen Sie was“, sagt er, „wenn das hier so weitergeht, hör‘ ich in zehn Jahren auf. Dann schmeiß ich alles hin und zieh‘ nach Frankreich. Rinder züchten oder Champignons.“ Kein bisschen Ironie schwingt da mit.

Die neue Kollegin lächelt schüchtern, dreht sich kurz um, ob auch niemand weiter im Lehrerzimmer lauschen kann und meint: „Ich habe das schon mitbekommen, hier ist alles… ein wenig altmodisch…“ Wahrscheinlich meint sie rückständig und traut sich nicht, es auch so zu nennen.

Frau Weinstett hingegen wirkt erstaunlich gelöst. Ich weiß jetzt, auch sie hat einen Versetzungsantrag eingereicht. Wohlgemerkt – wir sind erst in Schulwoche 5!

 

Viele Grüße aus Absurdistan von eurer Frau Henner

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6 Kommentare zu “SW 5: Der Vorhang”

  1. Puh, da werden sich die Miesmacher aber wundern, wenn sie dann nur noch unter sich sind. So kann man eine Schule auch den Bach runter schicken…

    Deine Entscheidung war richtig, und auch Frau Weinstett kann man nur beglückwünschen.

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