SW 6: Trugschluss

Liebe Leser,

stellt euch vor, man sagt den Satz zu euch: „Wir sind die Schule der Zukunft, weil wir jedes Kind mit seiner Persönlichkeit achten.“ Das klingt doch erst einmal wunderbar. Da sind Menschen, die sich um das Wohl unserer Kinder kümmern. Toll, das mag man doch glatt unterstreichen.

Sollte es denn nicht selbstverständlich sein, dass man in der Schule die Persönlichkeit achtet? Jetzt rufen viele: „Passiert ja gar nicht, wird selektiert…“

Lasst mich erst einmal weitersprechen. Wozu sagt man dann einen solchen Satz, wenn er eigentlich selbstverständlich sein sollte? Genau, um sich abzugrenzen: WIR achten die Persönlichkeit, das macht IHR am Gymnasium aber nicht. Denn richtig, solche Rhetorik kommt von der Gemeinschaftschul-Idee. Die Gemeinschaftsschule achtet also die Persönlichkeit jedes Kindes, wir am Gymnasium nehmen nur einen Teil auf und bewerten und verletzen dadurch die Kinderseele.

Werden hier nicht Kategorien vertauscht?

Die Persönlichkeit eines Kindes ist doch nicht seine Leistungsfähigkeit. Ich achte jedes Kind, wenn es eine ansprechende Persönlichkeit hat. Nur weil es nicht gut im Kopfrechnen ist, halte ich ein Kind nicht für weniger liebenswert. Wer das unterstellt, merkt nicht, dass es falsche Schlüsse zieht.

Ich bin da ganz ehrlich. Ich achte die Kinder, die angenehme Charaktereigenschaften aufweisen. Respektlose oder gewalttätige Kinder muss ich nicht achten. Aber weil es noch Kinder sind, bemühe ich mich, das Verhalten zu verstehen, Ursachen zu finden und, wenn möglich, Hilfen anzubieten. JEDE Woche führe ich pädagogische Gespräche außerhalb meines Unterrichts, ganz abgesehen davon, dass ich im Unterricht natürlich dauernd pädagogisch handele. Mal mehr, mal weniger gelungen – ich bin auch nur ein Mensch, aber ich bemühe mich um Professionalisierung meines Tuns. Ja, auch das passiert am Gymnasium. Wir sind doch keine Trichterhalter mit der Böse-Rute-Drohung in der Hinterhand!

Also noch einmal: Ich nehme für mich auch in Anspruch, die Persönlichkeit eines Kindes zu achten. Gut, ich gebe zu, dass ich Persönlichkeiten gerne auch zu Gemeinschaftswesen formen möchte und nicht jedem Prinzen oder Rowdy freien Lauf lasse. Das verstehe ich unter erzieherischem Wirken. Kinder bekommen bei mir immer eine zweite Chance, oft sogar eine dritte und vierte. Wenn sie erwachsen werden und sich immer noch wie Ar*löcher benehmen, tut mir leid, dann zolle ich ihnen keinen Respekt. Vielfalt ist für mich nicht per se ein schützenswertes Gut. Meine Welt hat Grenzen. Gewalt und Respektlosigkeit sind zwei davon, aber nicht die einzigen.

Gleich im nächsten Satz wird euch dann gesagt: „Deshalb schätzen wir die besonderen Stärken und Schwächen eines jeden Kindes und fördern sie als Zeichen von Vielfalt.“ Und da hat man uns Gymnasiallehrer dann. Wir sind ja dafür bekannt, dass wir Schwächen nicht schätzen, sondern ausmerzen wollen. Aber warum soll ich Schwächen fördern? Was ist sonst eigentlich mein Berufsbild, wenn nicht das Stärken der Stärken und das Verringern der Schwächen? Wenn ich die Schwächen nicht angehe, dann bin ich nur noch Betreuer, kein Lehrer mehr. Das betrifft also nicht nur die oben genannte Persönlichkeit, sondern auch das Wissen und die Fähigkeiten eines Kindes. Ich sehe mich als jemand, der zwar erforschen muss, wo ein Kind steht, es dann aber an die Hand nimmt, um mit ihm gemeinsam einen Schritt weiter zu gehen. Das mit dem Ziel, diese anfangs noch kleine Hand einmal loslassen zu können, damit der junge Mensch allein weitergehen kann.

Und jetzt noch einmal zum Trugschluss: Wenn ich die Schwächen eines Kindes angehe, heißt das nicht, dass ich ein Kind ständig demütige und es nie für Erreichtes lobe, UND erst recht nicht, dass ich es nicht mag oder achte. Die Persönlichkeit eines Kindes hat nichts mit seiner Leistung zu tun. Wenn ich eine Note gebe oder Fehler aufzeige, aus denen das Kind lernen kann, dann bewerte ich nicht das Kind, sondern die erbrachte Leistung. Wenn ich ein Kind rüge, weil es frech war, verweigere ich ihm nicht meine Zuneigung, wenn ich sehe, dass es ihm leid tut und dass es sich ändern mag. Das ist, meiner Meinung nach, wahre Professionalität.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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29 Kommentare zu „SW 6: Trugschluss“

  1. „Wenn ich ein Kind rüge, weil es frech war, verweigere ich ihm nicht meine Zuneigung, wenn ich sehe, dass es ihm leid tut und dass es sich ändern mag.“ Ein nobler Satz, den das Landgericht Hamburg auch großzügig anwendet.

    http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/urteil-in-hamburg-bewaehrungsstrafen-nach-gruppenvergewaltigung-14490146.html
    „Doch die Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren hätten glaubhafte Geständnisse abgelegt, sich reumütig gezeigt und hätten gute Sozialprognosen.“

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  2. Normalerweise sind die Befürworter von Vielfalt aber gleichzeitig Befürworter von Ergebnisgleichheit, das macht aus Spaß, diesen Widerspruch herauszuarbeiten. Wobei ich als Angestellter der Privatwirtschaft außerhalb Deutschlands ja auch keinerlei negativen Folgen fürchten muss.

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  3. Du hast so recht, Lilo! Aber die Verfechter der Vielfalt stecken lieber die Finger in die Ohren und singen Lalala, als auf eine Stimme der Vernunft zu hören.

    PS: Schwächen fördern, geniale Idee. Ich finde, jeder Deutschlehrer sollte eine LRS fördern. 😀

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  4. Ja, leider sind pädagogische Konzepte heutzutage so einlullend wie Elterngespräche im Kindergarten. Da wird das schlagende Kind auch als individuelle Persönlichkeit mit ausgeprägtem Durchsetzungsvermögen und Selbstbewusstsein beschrieben.
    Die Nachrichten hinterfragen auch keine Konzepte und so kommt es, dass in der Bevölkerung ein grosse Befürwortung der Gemeinschaftsschule und Ganztagsschulen herrscht und als Allheilmittel gesehen wird. Konfrontiert mit den Tatsachen kommt schnell Ernüchterung.
    Nicht empirische Beobachtungen im Bekanntenkreis zeigen, dort wo sich die Eltern für die schulischen Leistungen interessieren( nicht überfordern) und das Thema Schule positiv sehen, da klappt es und die Kinder gehen gerne in die Schule . Und das ist DIE Grundvoraussetzung für Erfolg im Rahmen der eigenen Möglichkeiten.

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    1. Hallo Frau Henner,
      erstmal möchte ich maev1414 zustimmen.
      Dann möchte ich gerne ausdrücken, dass ich eigentlich überrascht sind, wie viel Glauben an das Gute in der Schulpolitik anscheinend noch in Ihnen gesteckt hat, dass Sie jetzt noch so stark reagieren können. Ich glaube die meisten Kollegen sind schon wesentlich ernüchterter und erwarten seit jeher nichts Gutes mehr.
      Das mag an „meiner“ Schule auch damit zusammenhängen, dass wir einen sehr hohen Anteil an Kollegen haben die am RP in forderster Front verantwortlich mitmischen. Und wie deren Arbeitsweise nun ist, erleben wir tagtäglich. Sollte Ihnen mal in naher Zukunft eine tolle Praxisumsetzung eines neuen Fachs (seit diesem Schuljahr) mit Schülerheft und Lehrerbegleitheft (60% ergehen sich in „Bildungsplanbezügen“ und schönen Worten) begegnen, dass so (!) leicht auch an vielen anderen Schulen von fachfremden Lehrern umgesetzt werden kann (vielleicht gibts dazu auch schon eine Fortbildungsreihe) erstellt von einer Arbeitsgruppe so hat der federführende RP Mensch sämtliche pädagogische Erfahrung mit dem Thema missachtet (vielleicht auch deswegen meinen Namen aus dem Autorenverzeichnis entfernt), Beiträge der Kollegen eigenmächtig umgeändert und sich komplett auf dieses nach außen scheinende Machwerk konzentriert statt sich dafür einzusetzen, dass das Equipement funktioniert und die Gruppengröße nicht 31-32 Schüler ist. Schein statt Sein.
      Ein anderer oberster Fachkollege am RP eines anderen Fachs wollte mich neulich zu einer Zusammenarbeit bewegen Inhalte meines Fachs in „seinem“ Fach in einer Unterrichtseinheit einzubringen. Dazu sollte ich etwas vorbereiten, das dazu passend ist. Welche Altersgruppe? Egal. Welche Lernziele? Egal. Welche Kopmpetenzen sollen erworben werden? Egal. Hauptsache modern. Völlig egal was, hauptsache es ist modern und digital.

      So und da möchte ich gerne anfügen was ich für das Grundproblem halte. Vielleicht gibt es dafür ein Fachwort, das ich nicht kenne. Ich meine, dass eines der wichtigsten Dinge, die man Menschen auf den Weg ins Leben mitgeben muss, das Bewusstsein ist, dass Geld verdienen/Karriere nicht in sich „gut“ ist. Man sollte immer auch seine eigene Erwerbstätigkeit unter dem Blick seiner eigenen moralischen Werte bewerten. Ich habe mein erstes Kind nach einem Nobelpreisträger benannt, der innerhalb seiner Forschung feststellte, dass er nicht weiter tatenlos zusehen kann, wie von Menschen seines Fachs Gefahren einer damals neuen Technologie verharmlost wurden und wurde Aktivist gegen diese Technologie und für den Frieden.

      Den Menschen unserer Gesellschaft aktuell (auch den ehemals Linken) ist diese Wachsamkeit abhanden gekommen. Mir persönlich ist sie wichtig. Als damals die Firma für die ich arbeitete (bevor ich Lehrerin wurde) mehr und mehr ihre Kunden bewusst betrog oder den Kunden half unliebsame Mitarbeiter los zu werden bin ich gegangen.
      Und auch das tolle neue Fachprojekt für das mir in Aussicht gestellt wurde an forderster Front mitzuarbeiten und meine Ideen bald auf einer Lehrertagung vorzustellen (und da kann man sich doch auch schön mal profilieren und präsentieren und vielleicht kommt dann auch die Beförderung) habe ich abgelehnt. Denn im Großen und Ganzen sollte da auch Kollegen weiß gemacht werden Dinge seien ganz einfach und problemlos und so toll für die Kinder blablabla. Nicht mit mir. Egal wie viel Euros das irgendwann mehr gewesen wären .

      So, ich hoffe meine Schulleitung liest nicht mir…..
      LG
      Coreli

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      1. Da steckt ja wahnsinnig viel Frust dahinter… gemeinsam haben wir, dass es uns ärgert, wenn die neue Kuh durchs Dorf getrieben wird und kritisches Nachfragen zu deren Milchproduktion nicht erwünscht wird, gleichzeitig aber schon mal vorsorglich alle alten Kühe zur Schlachtbank geführt werden. Und dann wird auch noch behauptet, die gäben ja sowieso keine Milch mehr, während man sich den mit ihrer Milch produzierten Käse gerade in den Mund schiebt.
        Dummes Bild, ich weiß, aber ich musste es – einmal angefangen – auch zu Ende führen.
        Tja, ob die neue Kuh in naher Zukunft tatsächlich ganz Baden-Württemberg versorgen kann?
        Übrigens: Schulleiter haben in der Regel kaum Zeit auch noch solche Blogs zu lesen, unserer zumindest nicht…

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  5. Darf ich an dieser Stelle etwas kritisches anmerken?
    Ich empfinde deine Kritik an der Gesamtschule an dieser Stelle als unberechtigt und Rundumschlag.
    Jede Schule hat solche Leitsätze („Wir kümmern uns um ihr Kind“) im Schulprogramm stehen und statt über das Profil der anderen zu schimpfen halte ich es für sinnvoller, das eigene zu schärfen – insbesondere, da du ja augenscheinlich unzufrieden an deiner Schule bist.
    Darüber hinaus: Gesamtschule bedeutet nicht „eiteitei“ für alle – aber das muss ich an dieser Stelle wohl nicht ernsthaft erläutern.

    Insgesamt: Ein Beitrag dem ich nicht zustimmen kann.

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    1. @jmklinge Frau Henner dürfte sich hier mit der bawü. Gemeinschaftsschule auseinandersetzen, nicht mit der Gesamtschule (in NRW oder anderswo). Ich kenne aus persönlicher Erfahrung nur das bawü. System, aber die von Grün-Rot eingeführte Gemeinschaftsschule ist in ihrer Grundidee schon noch mal ein Stück extremer als die Gesamtschule. Daher kann ich (ebenfalls Gymnasiallehrer) Frau Henners Frustration über die Heilsbringer-Rhetorik der Gemeinschaftsschulverfechter sehr gut nachvollziehen.
      (Und, by the way, die Praxiserfahrungen in der Gemeinschaftsschule sind äußerst ernüchternd. Der Thematik gegenüber offene Gym-Kollegen meiner Schule unterrichten stundenweise auch an der örtlichen Gem.schule, und da läuft einiges schief.)

      Wann kapiert mal jemand, dass Heilsversprechen NIEMALS funktionieren?!

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    2. Wenn ich das richtig verstehe, dann sollen ja eben die Schulen keine eigenes Profil haben, zumindest nicht, wenn es die Förderung von Stärken und Mindeststandards enthält.
      Zu meiner Zeit, gut 30 Jahre her, war es zumindest so, dass diejenigen, die es am Gymnasium nicht schafften an der Gesamtschule dann ganz gut mitkamen.

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      1. Ich arbeite ja an einer Gesamtschule und so verzerrt, wie hier dargestellt empfinde ich das als falsch.
        Genauso falsch, wie zu behaupten, am Gymnasium würde hemmungslos gesiebt und alle Eltern würden ständig mit dem Anwalt drohen.

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          1. Nein, das ist eben nicht gleich. gemeinschaftsschule heißt zwar, hier können alle lernen und alle jeden Abschluss anstreben, in der Regel sind es aber die verkappten Hauptschulen, in unserer Gemeinde arbeiten bis auf eine Realschullehrerin alles Hauptschullehrer dort. Das könnte sich ja sogar entwickeln, dagegen habe ich gar nichts. Sicher kann ein zweigliedriges Schulsystem bestehen, darum geht es gar nicht.
            Gemeinschaftsschule bedeutet aber ein pädagogisches Konzept und das zweifle ich ganz stark an: Der Schüler lernt meistens allein in kleinen Kabuffs, „Lernateliers“ gerne auch abgeschottet mit Kopfhörern an seinen Arbeitsblättern vor sich hin. Der Lehrer ist nur noch der „Lernbegleiter“, der ab und zu eine „Inputstunde“ hält und ansonsten das richtige Arbeitsblatt konzipiert. Im Grunde soll er auch nichts mehr erklären, denn er darf ja nur noch „Impulse“ geben, damit der Schüler alleine die Lösung „erfindet“. Das ist grob gesagt nicht meine Idee von Schule und schon gar nicht von Schulleben.

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            1. ok dann hab ich das richtig verstanden… ich arbeite zwar im selben bundesland wie du, bin aber auslaenderin und somit weiss ich trotz Hauptschullehrerdasein nicht immer alle deutschen Unterschiede…wenn man das System hier betrachtet treibt es schon sehr lustige Blueten… nur sollt ich das wohl nicht zu oefentlich schreiben….es ist nur nicht meine Welt…

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    3. Lieber Herr Klinge,
      es steht mir zwar eigentlich nicht zu mich einzumischen, aber als Leser beider Blogs möchte ich anmerken, dass Frau Henner sich hier in keiner Weise negativ über die Gemeinschaftsschule an sich äußert sondern beanstandet, wie sie hier in BaWü kraft Amtes verordnet wird. Und zwar wird sie verordnet mit (und ich formuliere es mal kurz und flapsig vereinfacht) der Begründung, man würde an der Gemeinschaftsschule etwas tun, dass so am Gymnasium nicht getan werde ……….und dann folgen eine Menge Dinge die man entweder am Gymnasium sehr wohl tut (Beispiele: fördern, Mensch als Individuum wahrnehmen, nicht verurteilen, ….) oder eben Sätze die sich schwurbelig anhöhren aber keinen Sinn ergeben (Beispiel: Schwächen fördern).
      Das was sie machen Herr Klinge ist tolle Arbeit. Und ich schätze sie als sehr reflektierten Menschen ein, dem sehr bewusst ist, dass das ganz ganz viele andere ‚Menschen an anderen Schularten genauso tun. Also meine Kollegen in NWT machen auch viele tolle Projekte in denen Sie interessante Sachen bauen, stellen sich auch hin und wieder vor Klassen und singen das Binomi Lied oder denken sich Lernzirkel aus oder versuchen Kinder im Rollstuhl zu integrieren (aktuell haben wir zwar unsere Rollstuhlfahrerin mit Abi entlassen, aber wir haben noch jede Menge Autisten, Kinder mit emotionalen Schwierigkeiten. Regelmäßig fangen wir akut krebskranke Kinder mit Homescooling während ihrer Behandlungen auf und integrieren sie danach wieder.
      Regelmäßig führen wir mehrere Realschüler pro Jahrgang von der 10. Klasse zum Abitur. Wir machen nur, im Gegensatz zum politischen Buhei der gerade um die Gemeinschaftsschule gemacht wird, nicht aus jedem Lüftchen einen Orkan im Medienwald.

      Es geht meiner Auffassung nach Frau Henner in erster Linie darzustellen, dass die politische Linie durchgezogen wird, in dem das Gymnasium schlecht gemacht wird und die Gemeinschaftsschule per dekret zum seelig machenden Schultyp erklärt wird. Und so ist es nicht. Überall arbeiten Menschen, die hoffentlich etwas Gutes für die Entwicklung der Kinder tun wollen und dies nach ihrem Können tun. Das hat überall dann keine 100% Gelinggarantie. Zumindest für eine Gemeinschaftsschule unserer Umgebung bin ich mir ganz sicher, dass es nicht so besonders sein kann, denn die wird von einer Frau geleitet, die alle meine 3 Kinder während der Grundschulzeit als unfähige hysterische, falsche und ständig nur rumbrüllende Grundschullehrerein erlebt haben. Und nur weil das das Label Gemeinschaftsschule drauf steht, heisst das noch nicht, dass dort ein signifikant besseres Lernen möglich sein muss. Das wird die Zeit zeigen. Aber man sollte vielleicht während das Experiment läuft nicht alles kurz und klein schlagen an gewachsenen Bildungsstrukturen in diesem Bundesland, was bisher zumindest mal nicht soooo schlecht funktioniert hat.

      Herr Klinge, die Gemeinschaftsschule in BaWü ist etwas gänzlich anderes als die Gesamtschule bei Ihnen. Die Unterschiede auszuführen würde zu lange führen. Falls es Sie genauer interessiert, gibt es sicher viel im Netz dazu zu lesen. Ich glaube jedenfalls, dass die Kommentare hier gerade von heute Frau Henner größtenfalls falsch verstehen.

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    4. Die Reformen in BaWü scheinen ja einen Effekt zu haben.

      „Früher Musterland, heute Loser: Baden-Württemberg schneidet in einem neuen Schulleistungsvergleich überraschend schlecht ab. Das dürfte die ohnehin schon raue Debatte über Schulen im Land befeuern.“

      http://www.swr.de/landesschau-aktuell/bw/bildungsniveau-in-bw-im-sinkflug-wir-koennen-alles-ausser-deutsch/-/id=1622/did=18390662/nid=1622/1a80qvb/index.html

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        1. Sogar die Zeit schreibt.

          „Den Höhepunkt erreichte der Irrsinn unter Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD), die das Heil in einer großen Schulstrukturreform suchte und pädagogische Schamanen als Berater ins Ministerium holte.“

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        2. Es ist sicher nicht nur die Folge der Einführung EINER neuen Schulform. Das Kind hat viele Eltern:
          – Abschaffung des flächendeckenden Netzes der Realschulen
          – Gemeinschaftsschule als pädagogisches Konzept, in dem die schwächsten Schüler eines Landes dem selbständigen Lernen überlassen werden, obwohl gerade diese von festen Strukturen profitieren
          – G8 bei gleichzeitiger Absenkung des Einschulungsalters
          -…
          um nur ein paar zu nennen. Am Ende läuft es aber auf eines hinaus: In den letzten Jahren sind zwei Tenden von außen zu spüren:
          1. von oben (das ist die ideologische Seite) wird jeder Leistungsgedanke verpönt, Schüler werden gleichgemacht
          2. aber von den Eltern werden sie überindividualisiert und von den späteren Ausbildern wird natürlich eine hohe Leistung von den Schülern verlangt (das ist die pragmatische Seite).
          In diesem widersprüchlichen Spannungsfeld wird ständig experimentiert und eine ungünstige Atmosphäre geschaffen.

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          1. Ach ja, wichtige Punkte sind auch noch:
            – Anschaffung des Leistungsgedankens auch an der Grundschule: das trifft nicht jede Lehrerin!, aber ich habe es oft genug erlebt, dass Lehrer dort vieles für nicht mehr wichtig und modern halten, was eigentlich Basis ist z. B. Rechtschreibung, Schreiben üben (Feinmotorikschulung), das kleine Einmaleins, lautes Vorlesen…
            Es ist dafür ja auch weniger Zeit da, wenn die Kinder zweimal die Woche englische Lieder nach einer CD singen müssen und kleine Präsentationen halten, die sie zusammen mit ihren fleißigen Eltern daheim vorbereitet haben, im Netz recherchieren… alles schön und gut, aber wenn dafür basale Kulturtechniken draufgehen, dann braucht man sich nicht zu wundern.

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          2. Richtig, die Abschaffung des Leistungsgedankens mit der Orientierung an den schwachen Schülern ist das Grundübel.
            Hier in AT gab es für das normale Gymnasium immer G8, wenn auch mit 50 Minuten pro Schulstunde. Einschulung mit 5 ist nicht unbedingt ein Übel, bei mir in der Familie hatten das fast alle. Bei Kind 1 gab es bei der Einschulung eine Diskussion, aber es war dann immer sehr gut und hat sich nur dann beim Studienbeginn in München darüber aufgeregt, dass es noch nicht so ausgehen durfte wie die volljährigen Kommilitonen, aber das war das schlimmste Erlebnis. Außerdem ging es da nur um drei Monate.
            Leider wird verkannt, dass die Kinder unterschiedlich sind, Gleichheit gibt es eben nur im Massengrab.

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  6. ich bin ja ein großer fan des offenen unterrichts und von lernlandschaften etc. von mir aus auch innerhalb eines zweizügigen schulsystems. aber die vorstellung, dass alle am besten lernen, wenn sie nur noch „begleitet“ werden und jeder ständig alleine vor sich hinwerkelt, die ist doch gruselig. und doch ist das die einzige alternative, wenn inklusion und gemeinschaftsschule durchgesetzt werden: wenn die lernvoraussetzungen so unterschiedlich sind (und ja, heterogenität ist zwar immer da, aber sie kann halt eine große kognitive/sozialemotionale spannbreite umfassen, oder eben eine deutlich kleinere bei homogeneren lerngruppen), dann kann man ja gar nicht mehr auf fachlicher (!) augenhöhe miteinander kommunizieren. vulgo: die starken bleiben auf der strecke und haben einen deutlich suboptimalen lernerfolg. ich halte das für völlig inakzeptabel. davon mal abgesehen: wie soll ein mittelschul (die bayerische hauptschule unter neuem namen)-kollege bitte auf gym-niveau unterrichten? nichts für ungut, aber fachlich sind da ja wohl bei den allermeisten große lücken, wie auch umgekehrt die gym-kollegen nicht immer genug pädagogisches handwerkszeug drauf haben dürften, um die sozpäd-funktionen eines mittelschullehrers routniert miterledigen zu können. außerdem: wissenschaftspropädeutik adé. man möchte lachen, wenn es nicht so sautraurig wäre.

    und ich wähle für gewöhnlich rot-grün. aber bei deren bildungspolitik graust es der sau. verzeiht die explizite wortwahl, aber das trifft es meiner ansicht nach recht gut.

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  7. Wenn sie wenigstens den Mumm hätten, echte Vergleichsstudien durchzuführen, in denen ernsthaft untersucht wird, ob die Gemeinschaftsschule dem gegliederten Schulsystem überlegen ist oder eben nicht! VERA 8 ist dazu nicht geeignet, da diese Vergleichsarbeiten nicht berücksichtigen, dass die Schülerklientel am Gymnasium eine andere ist als an den Gemeinschaftsschulen.

    Eine echte Vergleichsstudie stelle ich mir etwa so vor: Man betrachtet zwei ausreichend große Schülergruppen, die am Ende der Grundschulzeit etwa gleich leistungsstark sind und von denen die eine dann auf die Gemeinschaftsschule wechselt und die andere aufs Gymnasium. Ein paar Jahre später überprüft man die Leistungen beider Schülergruppen. Die Gruppe, die dann besser abschneidet, hat offenbar die bessere Schule besucht. Das gleiche führt man für die anderen Schularten des gegliederten Schulsystems durch – und schon hat man einen guten Vergleich beider Systeme. Nur fürchte ich, dass das – zumindest im Moment – politisch nicht gewünscht ist.

    Eine derartige Vergleichsstudie gab es schon einmal – allerdings nicht in Baden-Württemberg, sondern in Nordrhein-Westfalen (!), Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt; sie nannte sich „Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im
    Jugendalter (BIJU)“; man findet sie unter

    http://www.schulformdebatte.de/contentbox/data/514.pdf

    Die Ergebnisse sind einfach nur erschreckend – gerade auch für die Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen. Gesamtschüler, die zunächst etwa gleich leistungsstark waren wie Gymnasiasten, hatten vier Jahre später einen Leistungsrückstand von über zwei Schuljahren!

    Und vor diesem Hintergrund frage ich mich auch immer wieder, warum wir in Baden-Württemberg nicht aus den Fehlern anderer Bundesländer lernen können, sondern sie stattdessen unbedingt selbst machen müssen.

    Selbstverständlich glaube ich ebenfalls, dass es Gesamt- und Gemeinschaftsschulen gibt, an denen sehr guter Unterricht gehalten wird. Den halbtagsblog lese ich auch ganz gern, und er war schon so manches Mal eine Inspiration – nur möchte ich eben selbst entscheiden können, welches Thema ich mit Schülern beispielsweise mal mithilfe einer Lerntheke behandle. Wenn es aber irgendwann einmal so weit kommt, dass irgendwelche Elfenbeinturmpädagogen einem vorschreiben, welche Methode man zwingend anwenden muss, um den Schülern etwas beizubringen, dann bezweifle ich, dass ich dann noch gern Lehrer sein werde.

    Aber die oben zitierte Studie legt eben doch sehr nahe, dass gute Gesamt- und Gemeinschaftsschulen nicht die Regel sind…

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  8. Als jemand, der an einer Gesamtschule arbeitet, frage ich mich da, wie unsere Schüler – bei einem Leistungsrückstand von zwei Schuljahren – trotzdem das Zentralabitur schaffen.
    Studien. Hm.

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