SW 7: Herbstzeit

Liebe Leser,

die letzte Woche war ein beispielloses Auf und Ab. Ich telefoniere mit geschockten Eltern, erlebe eine wunderbare Schulaufführung, fliehe vor gestressten Kollegen, die kurz vor der Explosion stehen, freue mich über das Interesse der 8er an meinem Musikgeschmack: „Bringen Sie doch mal bisschen Musik mit, das klingt voll interessant, kann mir gar nicht vorstellen, was Renaissance-Musik ist. Und was ist zeitgenössische Musik?“, bin geschockt über das schlechte Abschneiden meiner Klasse in einem Test und überwältigt über das gute Abschneiden der Parallelklasse, die ebenfalls von mir unterrichtet wird, werde von Kollegen angepflaumt und es juckt mich nicht die Bohne, weil sie nicht mich meinen, sondern ganz andere Probleme haben, ich schlichte Streit zwischen den Mädchen, lasse mich von Jan nicht nerven, verfolge ganz nebenbei die schulpolitischen Veränderungen, hecke mit Frau Weinstett zusammen lustige Streiche aus und wundere mich nicht über das Absinken meines Bundeslandes bei einem nationalen Schultest. Es kommt mir so vor, als kulminiere in dieser letzten Woche vor den Herbstferien dieses ganze, verflixte Schuljahr. Und dann pampe ich in der Oberstufe eine Schülerin an.

Völlig egal, wer im Recht war, ich bin die Erwachsene und hätte mich nicht dazu hinreißen lassen. Ich habe nichts Schlimmes gesagt, nur mein Ton war eindeutig nicht ich. Bin ich nur ferienreif oder sollte ich ernsthaft über Plan B nachdenken?

Ich fühle mich gar nicht gestresst, nicht ausgelaugt, ärgere mich nicht über die kleinen Hinterfotzigkeiten im Kollegium und habe selbst zu meinem großen, schulpolitischen Problem eine gesunde Distanz gefunden. Wenn ich aus dem Fenster schaue, feuern die Kirschbäume rot neben den leuchtend gelben Ahornbäumen, meine Lieblingsjahreszeit, es geht mir gut! Ich bin nicht ferienreif, es ist etwas anderes.

Seltsam. Ich bin entspannt, distanziere mich von den Sorgen, fühle sogar Kampfgeist in mir und trotzdem frage ich mich, ob mein Aufbegehren überhaupt einen Sinn ergibt. Ich könnte mich mit so viel Schönem beschäftigen und mich nicht mit dieser Schule herumquälen. Doch dann sage ich: NEIN, du darfst doch nicht aufgeben, es braucht Visionäre, die nicht Schnellschüssen vertrauen, sondern strukturiert die Zukunft planen, indem sie die Gegenwart analysieren und weiterdenken. Das kannst du, das musst du machen, du darfst doch nicht einfach gehen! Aber es gibt genügend andere Lehrer, die mindestens so gut sind wie ich, ich brauche mein Sein nicht überzubewerten, die Sache läuft gerade mit und ohne mich gegen die Wand… völlig egal. Nein, für deine Schüler ist es nicht egal und für dein Leben auch nicht, du bist ein Mensch, der Sinn in seinem Tun braucht… Sinn kann man auch anderswo finden… Aber mit jungen Menschen ist der Sinn sofort zu spüren.

Deshalb nehme ich mir die Schülerin nach der Stunde zur Seite und erkläre ihr, dass es mir leid tut und dass es nicht persönlich gemeint war, dass mich die Sache genervt hat, ich aber hätte professioneller reagieren müssen. Sie lächelt, die Welt ist wieder klar. Frau Henner ist wieder Frau Henner. Jetzt können wir beide beruhigt in die Ferien gehen.

Was die Schülerin nicht wissen kann, ist, dass Frau Henner aber nicht mehr die Frau Henner von vor fünf Jahren ist. Ich wollte schon immer guten Unterricht machen, vor allem das. Aber mehr und mehr muss ich in größeren Dimensionen denken. Die Schulpolitik und gesellschaftliche Veränderungen haben einen immensen Einfluss auf meinen Beruf bekommen. Ich kann meinen Unterricht nicht mehr ohne das große Ganze drumherum denken. Vielleicht nehme ich deshalb auch diese Zeit so ernst.

Nach dem Herbst kommt der Winter. Ich vertraue darauf, dass ein neuer Frühling kommen wird, sonst wäre Frau Henner nicht Frau Henner. Als ich das Schulhaus verlasse, grüßen so viele Schüler so freundlich, nein, da kann Frau Henner nun wirklich noch nicht aufgeben. Wir haben die Zukunft in der Hand – jeden Tag!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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4 Kommentare zu „SW 7: Herbstzeit“

  1. Ich wünsche Dir erholsame Ferien und Zeit für die Dinge, die Dich mit Freude erfüllen.
    Bitte gib nicht auf, gerade in Zeiten wie diesen. Es gibt noch so viele tolle Kinder, die unserem schulpolitischem Reformwahn hilflos ausgeliefert sind. Die brauchen Menschen wie dich!

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  2. Vielen Dank für eure Unterstützung!
    Ja, es sind Ferien, der Herbst leuchtet weit und breit und wir machen Familienausflüge und reden mal gar nicht über Schule!
    Nein, noch geben wir nicht auf, trotz meiner eher Zukunftstheorien, aber dazu ein ander Mal…

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