SW 10: Sprachverwirrung

Liebe Leser,

Freitage sind wunderbar. Da beglückt mich meine alte Klasse mit so wunderbarer Laune und versüßt mir den Einstieg ins Wochenende. Lucy kommt mit tausend Schulepisoden zum Auto und wir quatschen uns schon mal warm, sie freut sich auf das Wochenende, den Sportverein und die Bibliothek. Letztere ist der schönste Ort in unserer Gemeinde und wird von der Familie Henner dementsprechend oft aufgesucht.

Auch andere Familien stöbern in der interessanten Buchauswahl, schauen sich die liebevoll arrangierten Büchertische an, halten mit den immer freundlichen Bibliothekarinnen ein Schwätzchen, leihen sich den neusten Film aus Cannes aus oder sitzen einfach nur in den gemütlichen Räumen dieses Altstadtjuwels.

Unsere Bibliothek ist einer der wenigen Orte, wo sich alle möglichen Menschen treffen – ähnlich wie unser Freibad. Hier kann man seine Menschenstudien betreiben. Schön, dass sich unsere Gemeinde so etwas noch leistet, denn auch hier müssten mehr Leser Medien ausleihen. Dieser Ort kann seine Magie nicht auf genügend Menschen ausbreiten. Die Zahlen sind zwar besser als in manch anderer Bibliothek, aber es ist noch Luft nach oben.

Dabei tun die Bibliothekarinnen so viel, um Leser zu gewinnen: Bücherabende, Bücherfrühstück, Leserunden für Senioren und kleine Kinder, Schulkooperationen und vor allem nicht nur deutsche Bücher, nein, in unserer Bibliothek gibt es türkische Kinderbücher, viele Filme, viele Hörbücher, Musik-CDs und Unmengen an Spielen. Das zieht auch Menschen an, die sonst nicht in die Bibliothek gehen.

Immer wieder beobachte ich „türkische“ Mädchen. Sie sitzen gemeinsam auf dem Sofa und quatschen nur. Ist das ihr Zufluchtsraum, wo sie einfach nur unter sich sein können? Heute sitzen drei Mädchen türkischer Herkunft an den Arbeitstischen in der Jugendabteilung. Ihre langen, dunklen, gelockten Haare springen lebendig auf und ab. Es wird gekichert und gegickert. Sie arbeiten offensichtlich an einem Schulreferat. Fasziniert höre ich ihnen zu. Ein Mädchen spricht türkisch, eines antwortet konsequent auf deutsch, nur ihr Akzent verrät sie. Und ein Mädchen wechselt innerhalb eines Satzes von Türkisch in Deutsch und umgekehrt. Wow! Munter gackern die Mädchen in diesem Sprachenwirrwarr durcheinander. Und sie verstehen sich, während ich nichts verstehe. Wie sie zwischen den beiden so verschiedenen Sprachen hin- und herzwitschen, ist einfach unglaublich. Für sie ist es Alltag.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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8 Kommentare zu “SW 10: Sprachverwirrung”

  1. Ja, leider schreiben die auch so. Grammatik und Wortschatz stiimen in beiden Sprachen meist nicht, in der Türkei gelten sie als Deutsche, wir sehen die Türken. Sie sind nirgendwo richtig zuhause.

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  2. kann ich nur bestätigen: zwar erst zehn jahre lehrerin (bayerische großstadt), aber ganz, ganz andere erfahrungen. schlechtes schriftliches deutsch ist hier ein phänomen von bildungsferne, und die gibt es bei türkischstämmigen, aber auch bei biodeutschen jugendlichen. kommt an berufsschule wie an gymnasialer oberstufe gleichermaßen vor, an ersterer allerdings häufiger. wir verteilen in der oberstufe daz-übungshefte an einzelne schüler. die heißen oft „annabelle müller“, aber haben sehr ehrgeizige eltern, die ohne abitur ihres nachwuchses zu sterben fürchten. also muss annabelle abi machen, auch wenn sie noch so lieber etwas anderes mit ihrem leben anfangen würde.

    sprich: mündlichkeit und schriftlichkeit sind da meiner erfahrung nach nicht unbedingt gekoppelt, was sprachbeherrschung angeht. das sind einfach unterschiedliche kompetenzen.

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    1. Im Mündlichen fällt es an meiner Schule gar nicht auf, wie hoch der Migrationsanteil ist, im Schriftlichen haben Kinder mit Megrationshintergrund in der Regel mehr Probleme. Aber sie sind nicht allein, da habt ihr völlig Recht. Annabelle und Justin haben zum Teil die gleichen grammatischen Probleme, allerdings weniger Wortschatzprobleme.
      Bei dieser Begebenheit ist mir allerdings mal wieder bewusst geworden, wie wichtig die Förderung der eigenen Muttersprache ist. Fremdsprachenlehrer bestätigten mir, dass man, beherrscht man seine Ausgangssprache gut, viel besser in eine fremde Sprachstruktur finden kann. Und genau da haben wir ein Problem. Viele meiner Migrationskinder beherrschen ihre Muttersprache eben auch nur in einer mehr oder weniger guten Mündlichkeit. Vielleicht tun sie sich auch deshalb mit dem Deutschen und generell auch den anderen Fremdsprachen so schwer? Wir haben an unserer Schule tatsächlich darüber nachgedacht, dass wir die Muttersprache unserer Migrantenkinder stärken müssten. Aber wie? Woher die Lehrer und die Stunden nehmen?

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      1. Die meisten dieser Kinder werden hier bleiben, daher muss Deutsch die erste Sprache sein. Ich sehe das mit deutschen Kindern bin den USA, da ist Deutsch eindeutig die zweite Sprache und das ist richtig

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        1. hallo? das klingt schon sehr nach unterkomplexen (aka populistischen) parolen, die du hier verkündest. geh doch bitte mal auf die genannten fakten ein: schriftsprachprobleme im deutschen bei kindern korrellieren mit bildungsferne, *nicht* primär mit zweisprachigkeit. es ist überhaupt kein problem, wenn zuhause die eine sprache und in der schule/kindergarten eine andere sprache gesprochen wird. bei akademiker-familien aus dem ausland verlangt ja auch keiner, dass mit den kindern in deutschland zuhause von anfang an deutsch gesprochen wird, wenn die eltern selbst französisch/chinesisch/englisch-whatever-muttersprachler sind. im gegenteil, das fänden alle komisch und es wäre auch mehr als artifiziell, wenn zuhause plötzlich alle zusammen deutsch radebrechen. nochmal: das problem mit dem schriftdeutschen hat seine wurzel in bildungsferne des haushalts, *nicht* im „die reden zuhause nur sprache xyz“. grüße von josh, die gerade einen achtklässler in der schulinternen deutsch-nachhilfe hatte, der schriftsprachlich noch ein bisschen kämpft, aber rasant besser wird. der spricht zuhause zur hälfte französisch (mutter), zur hälfte englisch (vater), das aktuelle au-pair ist aus spanien und spricht mit ihm deutsch/gemischwasauchimmer. beschulung bis klasse 4 in englisch, jetzt bei uns deutsch/in manchen fächern englisch-muttersprachlich/manche fächer bili englisch. das kind wird in wenigen monaten schriftsprachlich besser sein als die allermeisten seiner biodeutschen altersgenossen, *obwohl* der bub daheim noch nie ein wort deutsch gesprochen (außer mit dem aupair, um dieses zu unterstützen beim deutschlernen). ursache? bildungsnahes elternhaus (hochschuldozent und unternehmerin), damit einhergehend entsprechende erziehung, arbeitshaltung, zuwendung, unterstützung, kultur, wärme… es ist völlig egal, in welcher sprache sowas geboten wird. wichtig ist, *dass* das kind sowas erfährt. dann klappt es auch mit dem deutsch.

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  3. Ich weiß nicht, wie defizitorientiert man ihnen auch ihre Zweisprachigkeit vermittelt.Ich sagte mal beiläufig zu einer (recht guten) türkisch-deutschsprachigen Schülern: „Das ist ja toll, dass du beide Sprachen kannst, da werden dir später mal viele Wege offen stehen, sowohl da als auch dort. usw. usf.“ Sie war ganz verblüfft, dass jemand Zweisprachigkeit nicht als Problem sieht, sondern als Chance.
    (Ironischerweise würden die meisten wohl einen Vorteil bei Zweisprachigkeit deutsch-englisch oder anderen „westlichen“ Sprachen sehen.)

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    1. Aus diesem Grund wollen wir Wege finden, die Muttersprache der Kinder wertzuschätzen. Aber wir wünschen uns natürlich, dass diese auch eine solide Basis hat, und da sehen wir Probleme. Die Eltern sind häufig schon hier aufgewachsen und radebrechen ihr Türkisch oder Russisch mündlich auch eher so dahin. So lernen die Kinder beide Sprachen nur halb. Das ist tatsächlich ein Problem.

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