SW 11: Brief an eine Grundschullehrerin

Liebe Frau Hiller,

vielleicht lesen Sie ja tatsächlich diesen Brief. Wenn nicht, ist das auch nicht so schlimm. Schließlich habe ich Sie schon einmal angerufen, nachdem Lucy schon längst am Gymnasium war, und Ihnen persönlich gesagt, wie dankbar wir für Ihren Unterricht waren. Natürlich nicht für jede einzelne Stunde, manches haben wir als Eltern nicht verstanden, fanden es absurd, aber im Großen und Ganzen waren wir zufrieden mit den letzten beiden Schuljahren in der Grundschule – und das ist so viel wert! Also kann dieser Brief auch stellvertretend für all die Grundschullehrerinnen stehen, die so sind wie Sie. Im Nachhinein hat sich unser Blick auch relativiert – besonders bei mir, da ich in den letzten Jahren mit so vielen Grundschulen Kontakt hatte und dort Dinge erlebt habe, dass ich voll Sehnsucht an Sie und Ihren Unterricht gedacht habe.

Dabei war ich noch nicht einmal dabei. Aber Lucy ist ein Kind, das viel zuhause erzählt, ich habe die Hefte und Bücher gesehen, konnte zuhause den Unterricht nachvollziehen, Ihre Bemühungen, den Kindern, so unterschiedlich sie doch sind, gerecht zu werden. Uns allen war klar, dass das ein hehres Ziel ist und nicht immer erreicht werden kann. Wenn Sie auf dem Elternabend nicht immer gegrinst haben wie ein Honigkuchenpferd, dann war ich Ihnen ob dieser Ehrlichkeit dankbar dafür.

Im Nachheinein empfinde ich es als Glück, dass meine Tochter bei einer Frau in die Grundschule ging, die nichts gegen Leistung hatte und selbst intellektuellen Herausforderungen nicht abgeneigt war, der man angemerkt hat, dass sie studiert hat, ihr eigenes Tun reflektiert und nicht nur gerne bastelt, die mich als Mutter ernst genommen hat und nicht geduzt hat – auch nicht beim Elternabend die Eltern mit dem dörflichen „euch“ und „ihr“ angesprochen hat.

Lucy fand Sie zudem immer sehr hübsch und das hat es Ihnen noch ein bisschen leichter gemacht, die Herzen der Kinder zu gewinnen.

Leider bin ich seitdem wenig Lehrerinnen begegnet, die so wie sie waren. Erst neulich bin ich wieder geduzt worden und man hat mit mir gesprochen, als wäre ich ein Kind. Mit Dauergrinsen im Gesicht. Alles lieb gemeint, aber nicht mein Fall. Mir waren Sie als taffe, selbstdenkende Frau ein besseres Rollenmodell für meine Tochter, so dass ich nicht einmal eifersüchtig sein musste, wenn Lucy wiedermal sagte: „Aber die Frau Hiller…“ (Eifersüchtig war ich trotzdem manchmal, das ist bei Müttern so!)

Und nun habe ich erfahren, dass man gerade das an unserer Grundschule nicht mehr schätzt und Sie gehen. Eine andere Kollegin ist bereits in den Ruhestand gegangen. Geblieben sind die Ja-Sager, die es damals schon gab. Die Reihen wurden aufgefüllt mit weiteren jungen, unerfahrenen Lehrerinnen, die machen, was der Chef will, die nicht selbständig denken oder es sich zumindest verbieten. Nachfragen ist nicht erwünscht. Schade, liebe Frau Hiller, dass das alles so gekommen ist. Mein Bild des Bildungslandes Baden-Württemberg bröckelt derzeit mächtig. Ihres sicher auch. Deshalb wünsche ich Ihnen alles Gute an der Schule, an der Sie jetzt unterrichten werden. Die Eltern dort können sich glücklich schätzen.

Viele herzliche Grüße aus Ihrer alten Provinz von Lucys Mama

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14 Kommentare zu “SW 11: Brief an eine Grundschullehrerin”

  1. Das könnte ich 1:1 an die Grundschullehrerin meiner inzwischen studierenden Tochter schreiben. Schade, dass dieser Typ Lehrkraft derzeit tatsächlich oft nicht mehr gefragt ist und wegen der „zu hohen Ansprüche“ von Eltern und KollegInnen unter Druck gesetzt wird bis hin zum Krankmachen oder Wegmobben. Schade auch, dass es Zufall ist, ob Kinder bei einer so kompetenten Lehrkraft ihre ersten Schulerfahrungen machen und gut vorbereitet in die weiterführende Schule kommen oder nicht.

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  2. Bildung ist nicht mehr erwünscht, oder wie sonst ist das Abrutschen in Mathe (25% erreichen nicht mal Kompetenzniveau 3 von 5 und sind damit für weiterführenden Schulunterricht in Mathe ungeeignet) oder Lesen/Schreiben zu erklären? Erschwerend kommen diejenigen Familien hinzu, in denen Deutsch nicht Muttersprache ist, und allgemein die Familien, in denen Bildung keinen Stellenwert hat.
    Dichter und Denker, das war wohl einmal, wir können froh sein, wenn wir in ein paar Jahren noch jemanden haben, der weiß, wie man liest. *seufz*

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    1. Leistungswille wird hintangestellt. Jeder darf auf dem von ihn selbstgewählten Niveau herumwursteln. Schade, dass Lehrerinnen, die Kinder über ihre „Niveaugrenze“ hinaustreiben wollen, was ein Lehrer eben so macht, dann nicht mehr erwünscht sind und durch Lernbegleiter ersetzt werden, die den Schüler in seinem Saft herumdümpeln lassen.

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      1. Leider beschränkt sich das nicht nur auf die Schule, wie ich neulich erfahren „durfte“. Da wurde ein fähiger Dozent ersetzt, weil er zu hohe fachliche Ansprüche hatte. Sein Nachfolger ist fachlich betrachtet ein Amateur…

        Ich frag mich, wie die Reaktionen ausfielen, wäre das im Leistungssport auch so. „Oh, Robben, du kannst heute nur 10 Meter sprinten? Kein Ding, Alter, passt schon, tolle Leistung!“

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  3. Ich erinnere mich an die Aussage einer Hamburger Grundschullehrerin, dass bei einer Befragung in der weiterführenden Schule eine sehr hohe Korrelation zwischen Grundschule war schön und Lehrerin war eher streng gab.
    Normalerweise sind Kinder im Grundschulalter lern- und leistungswillig und wollen auch stolz auf ihre Leistung sein.

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  4. Liebe Frau Henner,

    ich hoffe, meine Kollegin Frau Hiller möge mir meine Unverfrorenheit verzeihen, aber ich kann nicht anders – im MUSS einfach auf Ihren Brief antworten.

    Ich bin, wie bereits erwähnt, ebenfalls Grundschullehrerin und lese seit längerem schulartenübergreifen auf Ihrem Blog. Ich unterrichte im ländlichen Baden-Württemberg an einer kleinen Grundschule. Ob ich -wie Frau Hiller- hübsch bin, will ich nicht entscheiden, aber zumindest betrete ich die Schule in deutlich anderer Aufmachung als ich privat unterwegs bin. Bestimmt bin ich aber streng und fordernd und trete Kindern und Eltern als Autoritätsperson gegenüber. Ein „Du“ käme mir keinesfalls über die Lippen!

    Was mich an Ihrem offenen Brief an Frau Hiller so bewegt, dass ich mich zu einer Antwort genötigt sehe, ist das schlechte Bild, dass Sie mit Ihrem Blogeintrag von den Grundschulen und den dort unterrichtenden Lehrkräften zeichnen. Bestimmt gibt es -zu viele- LehrerInnen an Grundschulen, die keinen guten Unterricht halten und die ihren Beruf verfehlt haben, ausgebrannt sind usw. Aber die Mehrzahl meiner Kollegen -und hier würde ich mich einschließen- macht guten bis sehr guten Unterricht, ist um jeden einzelnen Schüler bemüht, achtet auf Leistung und Förderung, bezieht Eltern und außerschulische Partner mit ein und und und! Die Liste ließe sich aus meiner Sicht noch lange fortsetzen!
    Natürlich können Sie jetzt zurecht einwenden, dass ich mich nur auf meine subjektiven Eindrücke berufen kann und die aktuellen Zahlen verschiedenster Untersuchungen das Gegenteil zeigen. Damit haben Sie sicherlich recht – und damit möchte ich zum meinem eigentlichen, zentralen Anliegen kommen: um das Schulsystem in Baden-Württemberg ist es nicht gut bestellt! Aber die Ursache dafür ist sicherlich -nicht nur- in den Grundschulen zu suchen. Genau das wird aber in den Medien und auch von der Politik momentan verstärkt getan. Und genau an diesem Punkt würde ich mir von den Kollegen an den anderen Schularten mehr Solidarität, Unterstützung oder wenigstens Zurückhaltung wünschen. Wir ändern nichts an der aktuellen Situation des Schulsystems, wenn wir uns gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben. Vermutlich wird es auch nicht genügen, wenn jeden Schulart für sich etwas ändert – aber dieses Thema heben ich mir für meine nächste Antwort auf.

    Mit kollegialen Grüßen
    Frau Igel

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    1. Liebe Frau Igel,
      ich antworte gerne auf Ihren Brief. Ich schiebe nicht den Grundschulen per se den schwaren Peter zu, sondern einigen, an denen ich zum Teil wirklich seltsame Dinge erlebt habe. Leider auch an unserer Grundschule am Ort, die sich von einer normalen Grundschule, die sich tatsächlich um das einzelne Kind bemüht hat, wie Sie es oben so schön beschrieben haben, sehr schnell und sehr rigoros in eine Gemeinschaftsschule verwandelt. Was dort passiert, ist unglaublich und kann von mir nicht getragen werden. Lehrerinnen wie Frau Hiller müssen allerdings gehen, weil sie den Mund aufmachen und darum kämpfen, wie „früher“ eine individuelle Beziehung zu den Kindern aufbauen zu dürfen und Kinder über Leistung zu motivieren.
      Ich kann die Grundschullandschaft nicht überblicken, diesen Anspruch habe ich nicht. Ich kann nur auf das reagieren, was ich momentan erlebe. Und das ist, wie Sie es selbst sagen, nicht gut.
      Ich behaupte übrigens auch nicht, dass die Grundschulen das alleinige Problem sind, es ist vielmehr das System. Und dazu tragen auch wir an der weiterführenden Schule unseren Teil bei. Mir ist klar, dass wir uns dort natürlich auch bemühen und zum Teil am System scheitern, manchmal jedoch auch am persönlichen Unvermögen. Aber ich möchte wenigstens hier auf dem Blog genau über diese Defizite reden können. Das hat nichts mit schwarzem Peter Zuschieben zu tun, bitte nehmen Sie den Brief nicht zu persönlich. So wie Sie schreiben, gehören Sie ja zu den Grundschulllehrerinnen, die mitdenken und nicht autoritätshörig dem Direktor oder dem Kultusministerium hinterherhecheln. Genau das passiert nämlich gerade in unserem Ort und zerstört nicht nur die Grundschule, sondern auch unsere Dorfgemeinschaft.
      Es ist also doch sehr subjektiv, was ich hier schreibe, und dieses Recht nehme ich mir auf meinem Blog. Der Blog ist ja auch Ventil. Unser Dorf hat versucht, mit der Grundschule sachlich zu reden, leider ging kein Weg daran. Man ist an einer Zusammenarbeit mit Andersdenkenden nicht interessiert. Deshalb ja auch der Abschiedsbrief für die scheidende Frau Hiller. Wir Eltern sind tatsächlich bestürzt.

      Vielleicht verstehen Sie mich jetzt ein wenig besser, denn im Grunde bin ich sehr an der Zusammenarbeit mit anderen Schulen interessiert.

      Ebenfalls mit kollegialem Gruß
      Frau Henner

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  5. Ich habe unlängst über mein Lehramtsstudium nachgedacht – wir waren voll im Griff der „Schüler-lernen-immer-freiwillig-man-muss-sie-nur-motivieren-Kreativität-ist-wichtiger-als-Wissen-Lernen-und-Leistung“-Schule. Die jungen Kollegen können ja nur können, was sie jahrelang gelernt haben – und damit ist für mich klar, dass an den Unis angesetzt werden muss, um einen Fokus auf Leistung zu erhalten. Traurig natürlich, dass das Ministerium bewußt das Niveau absenkt – oder zumindest bewußt nicht dagegensteuert, wenn das passiert.

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    1. http://www.spiegel.de/panorama/bundeskriminalamt-bewerber-scheitern-am-deutschtest-a-1124217.html

      Aus dem Artikel, man beachte den Ausdruck „modernisiert“.

      … der Rechtschreibtest im Aufnahmeverfahren, an dem viele der Bewerber trotz Abitur scheiterten.

      Das Bundesinnenministerium teilte auf Anfrage mit, es werde an den Sprachtests festhalten. Allerdings sollten die Anforderungen im nächsten Jahr „modernisiert“ werden.

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    1. Das ist – meines Wissens – aus einem Aufsatz von Christoph Türcke. Der Aufsatz heißt:
      Lernen ohne Lehrer – Abgründe neuer Lernkultur
      und wurde als Vortrag am 6. 11. 2016 im Rahmen der SWR2-Sendung Wissen/Aula gesendet.
      Lesenswert.

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