SW 12: Wer ist denn die Frau Bogedan?

Liebe Leser,

um gar kein großes Rätselraten zu veranstalten: Frau Bogedan ist die Präsidentin der Kultusministerkonferenz der Länder, so steht es zumindest unter ihrem Foto. Aber wer ist das und was will sie? Das sind doch die interessanten Fragen, wenn man bedenkt, dass dies ein Mensch ist, der in einer Führungsposition sitzt. Also werde ich hellhörig, wenn Frau Bogedan sich im Deutschlandfunk äußert. Da kann man ja nicht einfach so vor sich herplappern, das hört Deutschland und da muss man sich schon überlegen, was man sagt.

Thema des Interviews ist der Digitalpakt an Schulen. Fünf Milliarden Euro hat das Bundesbildungsministerium in Aussicht gestellt. Auf die erste Frage, wie die Länder darauf reagieren, antwortet Frau Bogedan wörtlich:

„Wir haben zwölf Monate intensiv in einem offenen und transparenten Prozess unter Beteiligung der Kommunen und anderer Stakeholder, der Wissenschaft und der Wirtschaft, eine Strategie entwickelt, die genau ein solches Konzept vorlegt, wo wir zeigen, was brauchen Kinder zukünftig an Kompetenzen, um in der digitalen Welt bestehen zu können.“ Abgesehen davon, dass laut dieser Aussage die Schulen, die am nächsten an der Jugend dran sind, nicht gefragt wurden in diesem offenen und transparenten Prozess, so liegt erst einmal die Vermutung nahe, dass Frau Bogedan keine Deutschlehrerin ist. Der Satzbau wäre ein Beleg dafür, das Wort Stakeholder ein anderer. Was um Himmels Willen ist ein Stakeholder, jemand der ein Fleischstück hält?

Nein, Frau Henner macht sich schlau: „Mit Stakeholder (auch Anspruchsgruppen) werden alle Personen, Gruppen oder Institutionen bezeichnet, die von den Aktivitäten eines Unternehmens direkt oder indirekt betroffen sind oder die irgendein Interesse an diesen Aktivitäten haben. Stakeholder versuchen auf das Unternehmen Einfluss zu nehmen“, belehrt mich eine Business-Seite schnell. Oho, ist Frau Bogedan aus der Wirtschaft? Geht es also mal wieder darum, unsere Schüler der Wirtschaft zuzuführen? Aha, es geht doch um die Fleischstückchen, nur im übertragenen Sinne.

Lesen wir weiter. Zwei Fragen weiter will man wissen, ob die Zeit vor der Bundestagswahl noch reiche für die Umsetzung. Wieder stolpere ich. Was sagt sie da? Noch mal… Frau Henner versteht das nicht. „Entscheiden können wir ja schnell. Also, wie gesagt, unsere Konzepte liegen auf dem Tisch… Und das heißt ganz klar, wir haben den Primat des Pädagogischen gesetzt, und da sind wir uns mit der Bundesbildungsministerin auch einig.“ Kompetenzrahmen sind der Primat des Pädagogischen? Tut mir leid, das ergibt nicht viel Sinn. Kompetenzrahmen befinden sich inhaltlich auf einer anderen Ebene als der Begriff Pädagogik. Das wird auch nicht besser, wenn man schlaudeutsch den schwammigen Begriff Primat dazwischenschiebt, der gerade nicht dafür sorgt, dass man diesen Satz für gutes Deutsch hält. Der Leser stolpert nur. Der Satz bleibt hohl. Kommt Frau Bogedan aus der Politik? Das könnte zumindest das erklären.

Politiker werden ja darauf trainiert, ihre Sprache möglichst unantastbar schwammig zu halten – könnte man meinen. Wenn Frau Bogedan gefragt wird, ob es auf der Länderseite Bedenken wegen der Folgekosten von Technikanschaffungen gäbe, wirft sie ein: „Ich kann nicht von Bedenken sprechen, sondern das ist genau einer der Knackpunkte, die wir sicherlich im Januar mit Frau Wanka werden erörtern müssen.“ Achso, da können wir ja beruhigt sein, es gibt keine Bedenken, nur Knackpunkte, die sich leicht mit Erörterungen aus der Welt schaffen lassen…

Aber ich will euch nicht mit solchen Feinheiten langweilen, nein ich möchte euch unterhalten. Im Fortgang des Interviews habe ich richtig lachen müssen. Was ist die Frau Bodega doch für ein Spaßvogel, könnte glatt Kabarettistin sein. Hört mal, was für Sätze sie von sich gibt: „Und dieser Kompetenzrahmen wird zukünftig dann für alle Fächer bestimmen, wie digitale Inhalte, wie Kinder und Jugendliche auf die Digitalisierung vorbereitet werden.“ Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen: Nicht nur digitale Inhalte werden zukünftig in der Schule digitalisiert, nein, auch unsere Kinder und Jugendlichen! Herrlich! „Und das Versprechen oder die Selbstverpflichtung lautet, dass alle Schülerinnen und Schüler, die zum Sommer 2018 eingeschult werden, die Schule verlassen und diese Kompetenzen mitnehmen sollen.“ Fein nicht?! Sonst hätten wir die digitalisierten Schüler tatsächlich in der Schule behalten sollen. Aber nun verspricht man uns, dass sie die Schule verlassen sollen. Und am besten, sie nehmen dann die Kompetent zur Digitalisierung von digitalen Inhalten gleich mit. Ich lach‘ mich scheckig.

Wie mir scheint, meint Frau Bogedan das aber tatsächlich ernst. In der nächsten Frage erklärt sie nämlich am Beispiel, wie eine solche Kompetenz konkret aussehen kann. Achtung!: „Also eine Kompetenz, von der wir uns wünschen, dass Schülerinnen und Schüler sie zukünftig haben, ist, dass sie verstehen, was ein Algorithmus ist, wie dieser wird.“ Man beachte das Verb… hier kommt Gott ins Spiel… es WERDE ein Algorithmus… und ein Algorithmus ward. „Und aber auch in der Lage sind, einen Algorithmus zu erstellen.“ Selbst erstellen? Ward ihr schon mal mit dreißig Schülern in einem Computerraum und habt versucht, Schüler Zugangspasswörter eingeben zu lassen? Dachte ich’s mir… „Das heißt ganz konkret, dass wir verstehen, dass wenn Google, wenn Sie eine Frage aufrufen bei Google, die Ergebnisse, die ich bekomme und die, die meine Freundin eben sich anschaut, eben nicht die gleichen sind, weil die Ergebnisse aufgrund eines Algorithmus unterschiedlich vorgefiltert werden.“ 1. Arbeitet die Frau vielleicht gar für Google? 2. Wieviele sitzen denn nun am Computer? Ich bin leicht verwirrt. „Das nicht nur zu wissen, ist ein entscheidender Punkt, sondern das auch wirklich erkennen zu können und selber gestalten zu können.“ Inzwischen liege ich lachend auf dem Boden. Die Schüler gestalten die Algorithmen bei Google, ein treffenderes Beispiel hätte sich Frau Bogedan nicht aussuchen können – und so luzide erklärt, Wahnsinn! Jetzt kommt’s: „Das ist eine weitere Kompetenz, von der wir uns wünschen, dass sie nämlich auch in der Lage sind, eigene innovative Geschäftsideen im Bereich der Digitalisierung zu entwickeln.“ Die Frau ist Headhunter. Jetzt hab ich’s. Für Google. Die Schüler sollen selbst die Algorithmen für die Nutzer erstellen. Schafft den gesellschaftskritischen Schüler ab, wir können dann auch stattdessen Computer unterrichten. Und wenn wir eh alle digitalisiert werden…

Laut Bogedan wird in Baden-Württemberg deswegen ab der ersten Klasse das Fach Informatik eingeführt. Vielleicht sollte sich die Frau informieren, ehe sie das in Interviews behauptet. Oder sie zeigt ihre Medienkompetenz und erfährt aktuell im Netz, dass es sich hierbei erst um die weiterführenden Schulen handelt und selbst dafür kein Geld da ist.

Bodegans abschließendes Statement lautet: „Denn gleichzeitig sehen wir, dass es vermittelnde Kompetenzen braucht, im Umgang auch, in der eigenen Nutzung der digitalen Technologien, um andere Bildungsziele auch zu erreichen. Das heißt, wir wollen auch die digitalen Technologien als ein Handwerkszeug nutzen, um gute und bessere Bildung in Deutschland zu machen.“ Ich empfehle Frau Bogedan dahingehend als erstes einen Sprachkurs.

Das ist umso dringender, wenn man erfährt, dass die 1975 geborene Claudia Bogedan Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Lesen ist. Wenn man dieses Interview liest, mag man auch kaum glauben, dass sie Mitglied der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ist und ehrenamtliche Redakteurin der spw, einer Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft. Als Berufsbezeichnung nennt das Internet jedoch Sozialwissenschaftlerin und Politikerin. Nicht Lehrerin oder so.

Aber diese Menschen machen Bildungspolitik.

Nichts für ungut, Frau Bogedan, ich greife nicht Sie als Mensch an, ich kenne Sie nicht. Aber eine Politikerin muss sich nun mal an ihren Worten messen lassen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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13 Kommentare zu „SW 12: Wer ist denn die Frau Bogedan?“

  1. Liebe Frau Henner,
    so sehr ich wie Sie die Worthülsen unserer Politiker kritisiere und die Fetischisierung der digitalen Bildung angesichts schwindender elementarer Fähigkeiten für falsch halte – dass jemand im Radio nicht „wie gedruckt“ in grammatisch korrekten Sätzen spricht, ist normal. Gesprochene Sprache eben. Das ist aber auch der einzige Einwand gegen Ihren Text. Ansonsten haben Sie meine volle Zustimmung. Entlarvende Wortwahl, unpädagogisches Geschwurbel, man könnte bullshit bingo spielen…
    Mündige Nutzer, nicht Progarmmierer, das ist das Ziel meiner Bildungsanstrengungen. Und dazu braucht man nicht einmal ein Tablet. 😉

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  2. Wie heißt es bei Woody Allen, „Man darf nicht nur keine Gedanken haben, sondern man muss auch noch unfähig sein, sie auszudrücken.“

    Erinnert mich an den Blog von Danisch, der gräbt auch immer solche inkompetenten Äußerungen aus.

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  3. Um Gottes Willen! 😮
    Und dann, wenn in ein paar Jahren derart kompetente Schüler die Schulen digital verlassen, sind sie wie besagte Dame in der Lage, vernüftiges Deutsch zu sprechen und zu schreiben? Oder übernimmt das dann auch ein ausgedachter Algorithmus?

    Zum Thema Digitalisierung: Klar, es ist total sinnvoll, Kindern Algorithmen beizubringen – die dahinterliegende Mathematik beherrschen nicht einmal die Studienanfänger an dualen Hochschulen, und da habn die meisten Abitur – und Sprachen wie Englisch und Chinesisch gleich mit. Lesen, Schreiben und Rechnen aber, das braucht heute keiner mehr. Schreiben nach Gehör, Rechnen mit dem Taschenrechner oder besser noch, dem Smartphone. Und das Lesen übernehmen dann die selbst gestalteten Algorithmen…
    Und hinterher wundert man sich, wenn die Kinderleins in internationalen Vergleichen von Jahr zu Jahr schlechter werden?

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  4. Jessas. So viel Bli-bla-blupp aber auch. Respekt, dass Sie es auf sich genommen haben, diesen unsäglichen Schmonzes in seiner Gesamtlänge anzuhören.

    Wenn Sie mich fragen, heißt das alles im Klartext: „Wir haben eigentlich keine Ahnung, was wir konkret tun können oder sollen, und dementsprechend haben wir auch keinen Plan, wie wir dorthinkommen. Aber wir kennen viele schöne Fremdworte und cutting-edge tech slang.“

    (Ich habe selbst schon Dinge zur Vorantreibung der Digitalisierung in den Schulen verbrochen und weiß, wovon ich rede. Man kocht in diesen Kreisen dezidiert nur mit Wasser, hat aber hübsches Vokabular, um das Gebräu dann anzupreisen.)

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      1. Wahrscheinlich hat sie auch keine Ahnung. In dem Bereich hat kaum einer so richtig Ahnung, was er tut. Ist ja größtenteils, und ich meine das nicht ironisch, Neuland. Es gibt wenig gesichertes, oder sogar empirisch abgesichertes Vorwissen, auf das man zurückgreifen könnte, wie sich mehr digitaler Unterricht auswirkt.
        Aber das läuft ja gesamtgesellschaftlich auch so: man bekommt eine Technologie hingeworfen, die early adopters adopten sie, dann kommt der große Hype und irgendwann kehrt die kritische Vernunft zurück. Und erst nach einiger Zeit lässt sich ein halbwegs vorurteilsfreies und differenziertes Urteil bilden.

        NB: Ich war mal auf Veranstaltungen eines großen Softwareproduzenten, wo euphorisch die Bildungsrevolution durch digitale Medien vorgestellt werden sollte. Der Mehrwert durch ihren Einsatz ließ sich bei vielen der Beispielen kaum erkennen. Ein, zwei Glanzbeispiele aus der Praxis, aber das Gros war eher ernüchternd.

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  5. Frau Bogedan schafft es spielend, noch zu jedem Thema eine Phrase zu produzieren.
    Ihre letzte: „Medien sollten künftig in allen Fächern flächendeckend eine Rolle spielen.“
    http://www.mz-web.de/kmk-chefin-fuer-staerkere-nutzung-privater-smartphones-in-der-schule-25242750?xing_share=news

    Als ob wir Lehrer noch nie „Medien“ wie Bücher, Arbeitsblätter, Filme etc. eingesetzt hätten. Aber wie oben schon gesagt, „man darf nicht nur keinen Gedanken haben,….“.
    (Ist, glaube ich, von Karl Kraus.)

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    1. Nein, Frau Bogedan, an unserer Schule besitzt nicht jedes Kind ein eigenes Smartphone. Und übrigens haben wir in Baden-Württemberg Lehrmittelfreiheit, kann ja in Bremen anders sein, aber Sie sollten die Wirklichkeit kennen.

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  6. „Was um Himmels Willen ist ein Stakeholder, jemand der ein Fleischstück hält?“ Darüber musste ich erst mal lachen, und über „Es werde ein Algorithmus!“ auch. 🙂
    Ich musste die zitierten Sätze tatsächlich mehrmals lesen, um zu verstehen, was sie uns damit sagen will (und bin mir immer noch nicht sicher, ob ich das wirklich verstanden habe). Da habe ich zwischendurch mal kurz an meiner eigenen Lesekompetenz gezweifelt 😉 aber es liegt wohl eher an der Art und Weise, wie sie sich ausdrückt. Ich empfehle auch einen Sprachkurs! 😉
    Warum solche Leute für die Bildungspolitik verantwortlich sind, weiß ich leider auch nicht. Andererseits sind an den Unis ja auch Bildungspsychologen für den Pädagogik-Teil der Lehramtsausbildung zuständig, und in deren rosaroten Welt würde ich auch gern leben – von denen war selbst seit dem Abitur auch niemand mehr in der Schule, was man ziemlich schnell merkt. *seufz* Zu Beginn meines Studiums wurden wenigstens die Fachdidaktik-Veranstaltungen noch von Lehrern gemacht, inzwischen machen das Leute, die in der Fachdidaktik promovieren, also auch nur den theoretischen Zugang und keine Praxiserfahrung haben. Ärgerlich und nicht sonderlich zielführend. Aber so zieht sich das wohl auf allen Ebenen durch…

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