SW 13: Ein Blick in die Tiefen des Unterrichts

Liebe Leser,

ja, ich bin kritisch mit den Grundschulen meiner Umgebung, weil ich sie besuche und dort manchmal recht verständnislos Unterricht mitverfolge. Aber nein, ich habe nichts gegen Grundschulen und kann euch sagen, im Grunde bin ich ein offener Mensch. Ich bin innovationsfreudig, doch das heißt nicht, dass ich im Schnellschuss alles Neue gutheiße und übernehmen will. Frau Henner ist nun mal die Analytikerin: erst mal gucken, dann Gedanken machen, Gesehenes ordnen, Gutes ins Köpfchen, Schlechtes ins Töpfchen, dreimal drüber schlafen, eigenes Konstrukt entwerfen, begründen und dann in Umsetzung wieder einer Überprüfung unterziehen. Wenn ich an Grundschulen etwas kritisiere, dann nicht, weil ich Fremdes ablehne, sondern weil mir tatsächlich der Mehrwert fraglich scheint.

Und heute will ich gar nicht kritisieren. Heute will ich einmal zusammensammeln, was ich alles Positives an Grundschulen erlebt habe. Da ist sicher etwas dabei, was wir anderen Schulen uns abgucken können.

  1. Mein unumstrittener Favorit ist die liebevolle Atmosphäre. Ich liebe Grundschulen: die hellen freundlichen Gänge, das viele anregende Material, die privaten Plätze der Kinder, in denen nichts kaputt gemacht wird, ein Foto von Mala und eines von Joachim und keiner hat einen Popel draufgeklebt oder einen Schnurrbart drangemalt. Es gibt viele Gründe, warum wir das so in unseren gymnasialen Großbetrieben nicht umsetzen können, aber oftmals wollen wir das auch nicht – weil es eben auch viel Mühe macht. Ich beneide manchmal die Grundschullehrerinnen darum, dass sie sich für diese kleinen zwischenmenschlichen Dinge soviel Zeit nehmen können. Klar bastele ich auch Fensterbilder und versuche meinen Klassenraum sauber zu halten, aber es wird definitiv kein Wohlfühlraum. Sowas hat an unserer Schule keine Lobby. Schade. Aber kämpfe ich auch vehement genug dafür?
  2. Der zweite Punkt ist die Zeit. An Grundschulen nehmen sich die Lehrerinnen für so viele Dinge die notwendige Zeit, während wir oft genug unserem Stoff hinterher hecheln. Manchmal nehme ich das Tempo raus, einmal im Jahr muss es mindestens ein Projekt geben (Lernen und Freude schließen sich dabei ja nicht aus), aber es ist bei mir nicht Unterrichtsprinzip. Dabei würde es fast allem Unterrichten guttun, hätte man mehr Zeit.
  3. Ja, ich singe mit den Kindern, mache meine Fälle-Gymnasitik, auch ich habe Rituale, aber sie sind nicht so tief verankert in den Schulalltag, wie ich das bei guten Grundschullehrerinnen erlebe. Rituale aber geben Halt, Struktur, lassen Beziehung leichter funktionieren, weil jeder seinen Platz darin finden kann. Dieses dritte Beispiel zeigt, wie verwoben diese drei Faktoren sind. Ein gutes Ritual braucht Zeit und Liebe. Angstrituale habe ich an Grundschulen auch kennengelernt – darüber schweige ich heute.

Diese drei Punkte sind elementar, will man guten Unterricht machen, sie bilden die Basis, auf der ein guter Lehrer unterrichten kann. Je kleiner die Kinder sind, desto wichtiger mag das scheinen, aber auch Jugendliche sind dankbar, wenn man sie wertschätzt und wenn sie dies nicht nur von einzelnen Lehrern erleben, sondern dies von der Schule gelebt wird.

Das heißt nicht, dass wir Lehrer am Gymnasium unsere Schüler nicht wertschätzen. Es geht hier nicht darum, Schüler zu infantilisieren, von Leistungen abzugehen. ICH suche einen Weg, wie ich meinen Unterricht noch besser machen kann. Natürlich bemühe ich mich um die oberen Punkte, aber ich merke meine Grenzen und es befriedigt mich nicht, dies allein mit Fehlern im System zu entschuldigen. Aber wenn ich allein in meinem Hamsterrad rödele und ein paar andere Kollegen dies genauso tun, wir aber es nicht als Schulgemeinschaft schaffen, was nützt es dann?

Auf diesem und auf anderen Lehrerblogs wird von Zeit zu Zeit heftig über Unterrichtsformen diskutiert. Mir wird immer klarer, dass es darauf gar nicht ankommt, solange man ein System nicht zum Nonplusultra erhebt und das andere ausschließt. Mit Dogmen kann ich immer noch nicht gut umgehen. Ob ein Unterricht gelingt, sich Kinder wohlfühlen, bereit sind, etwas aufzunehmen, das liegt weniger an den sichtbaren Ebenen einer Unterrichtsstunde. Jans Lerntheke kann genauso erfolgreich sein wie Lilos deduktiver Grammatikunterricht, weil beide ihre Klasse gern haben, durch ihre Art von Unterricht klar führen und motivieren, und da beide Ahnung von dem haben, was sie da tun, fachlich, methodisch, menschlich, sind sie und die Kinder und meist auch die Eltern in der Regel zufrieden.

Das ist der Punkt: in der Regel bin ich mit meinem Unterricht zufrieden, aber ich will mehr. Ich könnte mir meinen Unterricht durchaus in einen ganz anderen schulischen Kontext eingebettet vorstellen. Und da sind wir wieder bei den obigen Punkten:

Ich träume von einer besseren, freundlicheren Atmosphäre und das hat mit baulichen Veränderungen zu tun, mit Rücksichtnahme von Kollegen, ich will so gerne unserer Schule als Lebensraum begreifen… Außerdem träume ich von mehr Zeit. Ständig hetzte ich von Stunde zu Stunde und dabei wollte ich doch noch mit Keran reden oder Franca zur neuen Frisur gratulieren, mal ein Geburtstagslied singen, ohne auf die Uhr schauen zu müssen, und selbst in der Oberstufe wäre das Lernen leichter, wenn wir mal wieder ein Tässchen Kakao trinken dürften (das ist nämlich mit den neuen Sicherheitsvorschriften seit ungefähr zwei Jahren vorboten!)… dann hätten wir auch mehr Zeit für Schulrituale, damit wir uns als Gemeinschaft wahrnehmen. Momentan ist vielen Kollegen alles zuviel. Sie haben selbst für Freundlichkeit keine Zeit mehr.

Das können wir von den Grundschulen lernen, denn die schaffen das, obwohl sie es ansonsten nicht leichter haben.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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5 Kommentare zu “SW 13: Ein Blick in die Tiefen des Unterrichts”

  1. Alles sehr nett, aber schaffen die Grundschulen denn ihren primären Auftrag, Lesen Schreiben Rechnen? Daran scheint es ja inzwischen durchaus Zweifel zu geben.
    Ich kann mich noch daran erinnern, als es von der Grundschule ernsthaft hieß, dass alle Buchstaben im ersten Schuljahr für die Kinder schon sehr stressig seien.
    Auf die verständnislose Gegenfrage, wie denn die Kinder einen Text lesen sollten ohne alle Buchstaben zu können und wie sich dann Freude am Lesen entwickeln solle, kam keine vernünftige Antwort.
    Einige Eltern stimmten zu, andere wollten die erste Klasse lieber noch als Kindergarten.
    Zum Vergleich, erste Stunde Griechisch am Gymnasium (9. Klasse): Das sind die Buchstaben, wird ab morgen prinzipiell als bekannt vorausgesetzt, fließend wird nicht erwartet, aber die korrekte Benennung und der Lautwert.

    Mit dieser „Erleichterung“ werden die Kinder aus Elternhäusern, die sich nicht privat darum kümmern können massiv benachteiligt.

    Wie üblich noch ein paar Links
    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/grundschulen-kuemmern-sich-kaum-um-rechtschreibung-13032906.html
    http://www.hauptsache-bildung.de/2013/kinder-grundschule-rechtschreibung/

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    1. Gute Lehrer können auch in einer angenehmen Atmosphäre guten Unterricht machen 😉
      Du verstehst mich insofern falsch, als dass ich keinen Pillepalle-Unterricht möchte, alle Buchstaben in der ersten Klasse halte auch ich für Standard – und ja, leider sehen das nicht alle Grundschulen in unserem Einzugsgebiet so, aber darum ging es diesmal eben nicht.
      Es geht nicht um Erleichterung, wie du es nennst, sondern um eine positive Einstellung zum Kind. Das vermisse ich bei doch einem nicht zu unterschätzenden Teil meiner Kollegen. Diese Kollegen wollen brave Kinder, die nur was sagen, wenn sie gefragt werden und dann immer alles richtig und Mittags um ein schnell nach Hause, denen ist es egal, ob Müll im Flur liegt oder ob Julia heute einen schlechten Tag hat, weil der Opa im Krankenhaus ist, denen ist sogar egal, ob wir ein paar bequeme Stühle haben und nicht gegen Betonwände starren müssen, solange der Kaffee wenigstens stark ist und man sie mit allem anderen in Ruhe lässt. Tut mir leid, aber so kann ich keine gute Schule machen. Das tangiert zwar meinen Unterricht nicht, aber doch mein Wohlfühlempfinden.

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    2. Zum Schreiben nach Gehör habe ich meine eigene Meinung, die sich allerdings noch auf zu wenig Erfahrung basiert, da diese Methode noch von wenigen Grundschulen angewendet wird: die wenigen Schüler bekommen LRS gleich gratis mit dazu. Aber dazu ein anderes Mal…

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  2. das unterschreibe ich sofort. alles.

    für mich hat sich in dieser hinsicht vieles zum guten gewandelt, seit wir das doppelstundenprinzip haben. zwar für die fremdsprachen sicherlich nicht so gut (niedrigere mündliche übungsfrequenz), aber es entstresst den schulalltag doch ganz enorm und macht den effektiven einsatz unterschiedlichster methoden einfacher. wenn man dazu noch eine fünf-minuten-pause zwischen den stunden haben könnte…

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