SW 14: Lasst uns froh und munter sein…

Liebe Leser,

am letzten Tag vor den Weihnachtsferien ist alles anders. So froh und gelassen erlebe ich die Schüler selten, freundlich rufen sie sich Nettigkeiten zu, bedanken sich höflich für Selbstverständlichkeiten, kleine Wichtelgeschenke werden heimlich in Jackentaschen gesteckt, Briefchen mit süßen Worten. Und das alles kommt tatsächlich von Herzen, das Bedürfnis nach friedlichem Miteinander ist riesig.

Also singen wir lauthals und schief, aber gemeinsam unsere Weihnachtslieder. Ich kenne die religiösen Bekenntnisse meiner Schüler nicht genau, weiß nur, wer in den evangelischen und wer in den katholischen Reliunterricht geht, ich nehme stark an, dass Keran Moslem ist, aber vielleicht irre ich mich. Und Adam? Ist ja auch egal. alle intonieren gerade „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind“. Scheint Keran genauso gut zu gefallen wie Jan, der völlig falsch, aber mit Inbrunst singt. Und bei „Freue dich, Christkind kommt bald“ in einem anderen Lied, leuchten die Kinderaugen – alle.

Ja, Frau Henner singt Weihnachtslieder. In der Eingangshalle strahlt der buntgeschmückte Weihnachtsbaum und Lucy rennt heute als Weihnachtswichtel durch die Schule. Für die meisten Kinder hat das Fest zwar einen religiösen Hintergrund, aber der ist marginalisiert. Weihnachten ist vor allem ein Kulturgut und auch Brauchtum: rituelle Handlungen, Essen und Gesang. Und natürlich Geschenke! Sie kommen aber von Herzen, hier in unserer abgeschiedenen Provinz hat man kaum eine Ahnung von Weihnachtskonsumterror.

Der wirkliche Terror, der ist allerdings schon bis zu uns gedrungen. Wir Hinterwäldler hören auch Radio und gucken Nachrichten. Auf der Fahrt nach Hause frage ich Lucy, ab sie eigentlich über den Berliner Anschlag reden möchte. Lucy ist bass erstaunt.

„An den habe ich gar nicht gedacht, Mama, ich hab an so viele andere Sachen  gedacht…“, sagt sie, „…und sterben kann man überall.“

Wir reden eine Weile über die Dimensionen von Angst, aber der Berliner Anschlag auf den Weihnachtsmarkt wird dabei merkwürdig klein, obwohl uns bewusst ist, dass damit eine neue Marke im Terror in Deutschland gesetzt ist. Mir selbst geht es auch so. Bei allem Respekt gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen und der Abscheu gegenüber solchen Taten, hat mich der Anschlag in Nizza mehr geschockt. Vielleicht weil er der erste dieser Dimension war, vielleicht weil ich schnell dazu Bilder hatte, vielleicht weil niemand damit gerechnet hat. Und nun? Ist das jetzt gut oder zeugt das schon von emotionalem Abstumpfen? Ich kann diese Frage nicht beantworten.

Lucy und ich werden morgen auf einen Weihnachtsmarkt gehen, irgendwo in Deutschland. Wir werden Weihnachtslieder singen und Punsch trinken und am Heiligen Abend werden wir in die Kirche gehen. Aber ich fürchte, beim letzten Lied – traditionell „Oh du fröhliche, oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“ – werde ich Tränen in den Augen bekommen. Denn ganz so einfach ist es nicht mit diesem Wir-lassen-uns-unsere Weihnacht-nicht-nehmen.

Ich wünsche euch allen eine friedvolle Weihnachtszeit!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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5 Kommentare zu “SW 14: Lasst uns froh und munter sein…”

  1. Liebe Frau Henner, frohe Weihnachten für dich und deine Familie. Für 2017 hoffen wir, dass dein Vorhaben bezüglich deiner Versetzung an eine neue Schule gut gelingt und all deine Wünsche in Erfüllung gehen.
    Deine Gedanken zum Anschlag in Berlin sind nachvollziehbar und sie paaren sich bei uns mit etlichem Kopfschütteln über den Umgang mit der terroristischen Sachlage insgesamt in unserem Land. Und wir machen uns Sorgen, wohin der ganze Wahnsinn noch führen wird. Aber auch wir besuchen nach wie vor Weihnachtsmärkte und pflegen unsere christlichen und familiären Traditionen. Das finden wir wichtig, richtig und gut. LG aus dem Lehrercafe, Ela und Alexa☕

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  2. Liebe Lilo,
    ich wünsche dir, Herrn Henner und nicht zuletzt auch Lucy ein schönes Weihnachtsfest! Genießt die Zeit und lasst es euch gutgehen. 🙂

    Deine Worte und Gedanken zum Anschlag in Berlin treiben auch mich um. Wir leben leider in sehr unschönen Zeiten. Was bleibt uns da noch übrig als das Beste daraus zu machen?

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