Weihnachtsferien 1: Alles im kleinen Rahmen

Liebe Leser,

wir haben „O du fröhliche“ gesungen, aber doch ist alles ganz anders gewesen. Normalerweise muss man in unserer Kirche mindestens eine halbe Stunde eher erscheinen, will man zur Christmette noch einen Platz mit Sicht, am besten eine Dreiviertelstunde, vor allem, wenn man noch für ein paar weitere Familienmitglieder reservieren soll, was ich ungern tue, das hat so etwas von Badehandtüchern auf Strandliegen. Aber die Mutter und der Bruder haben mich darum gebeten, sie werden auch pünktlich sein. Lucy und Papa Henner bleiben zuhause, dafür ist der kleine Leo das erste Mal mit in der Kirche. Ich habe ihm schon vom Posaunenchor erzählt, aber diesmal sind wir wohl zu früh dran. Noch kein Posaunenchor.

Und die Kirche ist noch fast leer. Habe ich mich in der Zeit geirrt? Aber die Christmette fängt doch immer um fünf an… Nagut, dann haben wir einen Platz in der zweiten Reihe, gleich hinter den Mitgliedern der jungen Gemeinde, die uns das Verkündigungsspiel präsentieren werden. Auch als die Mutter und der Bruder eintrudeln, sind die Bänke nur spärlich besetzt.

Man unterhält sich. Der kleine Leo schaut sich gespannt um. Immer noch kein Posaunenchor. Auch ich gucke, ob ich – wie sonst immer an Weihnachten – ein paar Klassenkameraden erkenne. Aber da ist niemand. Wirklich niemand, den ich noch von früher kenne. Keine Klassenkameraden, keine Eltern von Klassenkameraden, keine ehemaligen Mitglieder meiner jungen Gemeinde.

Und dann hebt die Orgel an und wir fangen an zu singen in einer halb leeren Kirche – am Weihnachtsabend. Als wir uns beim letzten Lied, dem „O du fröhliche“, die Hände reichen sollen, müssen wir in unserer Bankreihe ein Stück auseinanderrücken, damit wir uns auch an den Händen halten können.

Merkwürdig, das habe ich noch nie erlebt. Kein Posaunenchor, kein Kirchenchor, kein Gedränge um ein bisschen Weihnachsheil und -segen. Es fehlte dadurch die festliche Aufgeregtheit, die freudige Anspannung, die so viele Menschen einfach mit sich bringen. Für den kleinen Leo, der das erste Mal so einen Gottesdienst erlebt, spielt das keine Rolle. Ihm hat es gefallen. Singend hüpft er die dunkle Straße nach Hause, kommt ins Rennen, hält gar nicht wieder an, bis wir da sind. Endlich ist Bescherung!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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4 Kommentare zu “Weihnachtsferien 1: Alles im kleinen Rahmen”

  1. Schön, dass der kleine Leo das genießen konnte! 🙂

    Ohne zu groß ins Detail gehen zu wollen – Anonymität und so – aber woran lag es, dass die Chöre abwesend waren? Ungewöhnlich und schade ist das nämlich schon.

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  2. Keine Ahnung. Vielleicht reicht die Gemeinde nicht mehr für einen Chorgesang? Überalterung? Die junge Sängerin, die die Soli gesungen hat – wunderbar, ist schon längst in die Ferne gegangen. Aber dass es nicht mal mehr für die Posaunen und Trompeten reicht… das hat mich doch verwundert. Viel mehr aber das Ausbleiben der Festtagskirchgänger. Dass die Alltags-Kirchgemeinde klein ist, daran hat man sich längst gewöhnt, aber zu Heilig Abend war die Kirche bis jetzt proppevoll. Ich dachte, dieses Jahr zieht es besonders viele Menschen in die Kirche. Aber das war wohl ein Fehlschluss.

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  3. Komisch. Hat sich dieses Schrumpfen der Gemeinde über die Jahre abgezeichnet oder kam das plötzlich? Schade, wenn sogar auf dem Land solche Traditionen ausdünnen. Dieser Zusammenhalt der Leute ist ja genau das, was in der Anonymität der Großstadt gerne verschwindet…

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