SW 17: Verantwortung

Liebe Leser,

heute erlebe ich gleich zwei Szenen, die mich innehalten lassen.

Szene 1:

Es hat bereits geklingelt. Ich habe eine Hohlstunde und schlendere Richtung Mensa. Im Unterstufentrakt ist noch eine Tür offen, eine an der Tür hängende Traube Schüler signalisiert nonverbal, dass hier der Lehrer noch nicht da ist. Wird schon gleich kommen, denke ich und gehe weiter. Eigentlich müssten die Schüler bei meinem Anblick (Ein Lehrer!) im Zimmer verschwinden, die Traube wird auch merklich kleiner. Nur löst sich da ein bezopftes Mädchen und gesellt sich ganz selbstbewusst zu mir auf den Weg in die Mensa.

„Wohin willst du denn?“, frage ich freundlich, aber erstaunt.

„Dahin“, sagt sie mit großen Kulleraugen.

„Was heißt denn dahin?“, frage ich nun sachlicher. Plauderton ist aus.

„In die Mensa“, sagt sie.

„Was willst du denn in der Mensa?“

„Mir was zu essen kaufen.“

„Hast du keinen Unterricht?“

„Doch.“

Spätestens jetzt ist Frau Henner nicht mehr nett. Schon gar nicht, wenn diese Göre weiter neben mir hertrabt. „Stopp, du gehst jetzt wieder zurück in deinen Klassenraum! Im Unterricht kauft man sich kein Essen!“ Diskussion Ende ehe sie angefangen hat. Klare Ansage. Das Mädchen dampft ab. Ihr Blick verrät mir jedoch, dass sie das ganz anders sieht.

Es geht mir gar nicht so sehr um die Regeln oder das Versäumnis des Lehrers, pünktlich in seinem Unterricht zu sein. Ich bin bass erstaunt über das Verhalten des Mädchens. Es entfernt sich aus dem Klassenraum, obwohl es offensichtlich Unterricht hat. Die Regeln sind ihm garantiert klar. Ihm fehlt schlichtweg Verantwortungsbewusstsein für das eigene Handeln. Die Verantwortung hat der Lehrer, wenn er nicht da ist, hat sie keiner. Also kann mir keiner was, ich bin doch nicht schuld, wenn ich zu spät zum Unterricht kommen werde. Sag ich halt: „Ich hab mir noch was zum Essen gekauft.“ Ist der Lehrer schuld, wenn er nicht pünktlich ist.

Szene 2:

Im Projekt haben wir heute ein wenig herumgesaut und auf einem Tisch ist noch etwas Matsche, als die neue Klasse schon hereinkommt. Die Schüler haben ordnungsgemäß alles weggeputzt. Es ist Frau Henners Matsche, aber diese hat gerade wortwörtlich alle Hände voll zu tun. Ich räume noch auf. 45 Minuten sind einfach viel zu kurz! Da steht schon die nächste Unterstufenschülerin neben dem Matsche-Tisch und will sich hinsetzen.

„Stopp! Vorsicht, schau mal, dort ist noch Kleister. Bist du bitte so freundlich und holst mal schnell einen Lappen? Sonst machst du deinen Pullover ganz voll“, sage ich und deute, vollgepackt wie ich bin, mit der Nasenspitze auf den Kleisterfleck. Das Mädchen starrt mich an.

„Lappen?“

„Ja, zum Abwischen“, sage ich, gleich unter meinem Zeug zusammenbrechend.

„Wo ist denn ein Lappen?“, fragt das Mädchen strohdoof naiv.

Ich beherrsche mich und antworte sachlich richtig: „Lappen sind am Waschbecken. Wo sollen sie denn sonst sein, auf der Deckenlampe?!

Ich bringe die Material-Kisten weg und mache mich auf den Weg, die nächsten Utensilien zu holen. Das Mädchen steht am Tisch und hält einen trockenen, brettharten Aufwaschlappen in der Hand.

„Ist der richtig?“, säuselt sie und hält ihn mir unter die Nase.

„Ja, wenn du ihn jetzt noch nass machst, dann kannst du auch den Tisch damit abwischen“, säusele ich zurück. Von Ironie versteht das Kind sowieso nichts.

Nun habe ich fast alles aufgeräumt, gleich wird die Pause zuende sein. Puh! Da sehe ich das Mädchen an seinem Tisch. Es hat den Lappen in der Mitte befeuchtet und blickt ihn ratlos an. Also bitte ich das Kind, noch einmal zum Waschbecken zu gehen und den Lappen ganz nass zu machen und dann auszuwringen. Nein, ich erkläre das Wort auswringen nicht. Ich bin jetzt physisch und psychisch an meiner Grenze.

Endlich ist der Lappen feucht. Glaubt ihr, das Mädchen wischt jetzt diesen popeligen Kleisterfleck weg? Nee, wär‘ ja auch zu einfach. Sie wedelt mit dem Lappen darüber. Harry Potter hätte damit vielleicht Erfolg gehabt. Aber dieses Mädchen ist nicht ansatzweise so schlau wie Hermine. Frau Henner vergisst alles, was sie über Nähe und Distanz gelernt hat, stellt sich hinter das Mädchen, nimmt seine Hand, drückt sie auf den übrigens neuen, überhaupt nicht ekligen Lappen und zeigt ihm, wie man einen Tisch abputzt. Peinlich berührt schielt das Kind zu seinen Klassenkameradinnen und lächelt dieses überhebliche Verlegenheitslächeln.

Auch hier geht es mir nicht um den eigentlichen Vorfall. Dieses Kind hat noch nie einen Tisch abwischen müssen. Es ist elf Jahre alt und kann nicht einen einfachen Handgriff, der in jedem Haushalt anfällt. Wahrscheinlich macht Mama zuhause alles. Das Kind hat gar keine Gelegenheit, selbst Verantwortung zu übernehmen. Denn nur, wenn man Dinge tut, muss man für sie einstehen. Menschen wachsen an den Aufgaben, die man ihnen überträgt. Kleine Kinder können den Müll wegbringen, beim Spülerausräumen helfen, den Tisch decken oder eben abwischen.

Szene 2 zeigt also das Problem vor Szene 1. Zuerst muss ich Verantwortung übernehmen dürfen, indem ich etwas tue. Dadurch lerne ich, dass mein Handeln Folgen hat und dass ich dafür einstehen werde.

Gebt Kindern Aufgaben, übertragt ihnen damit Verantwortung. Lobt Kinder für das gute Erfüllen, zeigt ihnen, wie es richtig geht, wenn etwas nicht funktioniert, aber nehmt ihnen um Gottes Willen nicht die Aufgabe weg, nur weil Mama das besser oder Papa das schneller kann, sonst kann euer Kind mal gar nichts. Noch nicht mal Tischabwischen. Und das ist nicht niedlich!

Erst wenn Kinder Verantwortung haben, können sie damit umgehen lernen, merken, dass sie die Konsequenzen ihres Handelns auch tragen müssen. Elfjährige können sehr wohl verstehen, dass man im Klassenraum bleibt, auch wenn der Lehrer sich mal verspätet und die Regel momentan nicht einfordert, auch wenn Verantwortung ein höheres Konzept ist als das einfache Einhalten von Regeln. Schließlich sind wir hier nicht mehr im Kindergarten. Behandeln wir die jungen Menschen auch so.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

SW 16: Krampf lass nach!

Liebe Leser,

vielen Dank für die vielen Reaktionen auf den letzten Post, gerne klaue ich mir einige Anregungen.

Mit wachen Augen sitze ich gestern mal wieder in einer Grundschule und hospitiere den Deutschunterricht. Mein Augenmerk richtet sich genau auf die angesprochenen Probleme: Schriftbild, Rechtschreibung, Ausdruck. Den Unterricht der Lehrerin lasse ich wohlig an mir vorüberfließen, die Stunde ist mit sehr viel Spielereien vorbereitet: vorbereitete Zettel in weiß hier, vorbereitete Zettel in bunt da, laminierte Merkpunkte für die Tafel, futuristisch klingende Arbeitsformen, alles sehr durchdacht – kann ich nicht meckern, will ich auch gar nicht. Ich denke, an unseren Grundschulen arbeiten in der Regel viele fähige Lehrerinnen. Ausnahmen kenne ich auch, die habe ich hier schon thematisiert, aber mir ist grade so ganz und gar nicht nach Konfrontation. DAS NÜTZT NÄMLICH NIEMANDEN WAS – den Kindern schon gar nicht. Klar könnte ich hinterher mit jovialem Lächeln fragen: „Und wann schreiben die Kinder nun endlich das, was sie da gerade gelernt haben?“ Aber ich habe nur einen Ausschnitt gesehen und die Lehrerin wollte sicher zeigen, was sie alles drauf hat und nicht die Kinderleins nur schreiben lassen. Einen Stift in der Hand hatten sie in dieser Rechtschreibestunde nur ganze fünf Minuten.

Und genau da gucke ich hin. Mich interessiert, wie die Hefte aussehen, wie die Schrift zu lesen ist, wie sie Sätze formulieren und natürlich wie sie rechtschreiben. Zur Erinnerung: Das sind bei uns die katastrophalen Aspekte in der Unterstufe. Und was erlebe ich hier? Sauber und ordentlich geführte Hefte – kein Kind schreibt schräg oder über den Rand. Eine feine Schreibschrift zieht sich durch das Heft. Das andere kann ich nicht einschätzen, da ich kaum selbstformulierte Sätze finde. Die Rechtschreibung ist nicht korrekt, aber doch passabler als anzunehmen, wenn man an die Hefte in unserem Gymnasium denkt. Das lässt nur einen Schluss zu: die Kinder verlernen bei uns grundlegende Fähigkeiten und wir sind daran nicht unschuldig.

WAS PASSIERT DA?

Ein Punkt ist sicher, dass die Schüler bei uns VIEL schneller schreiben müssen und VIEL mehr. Die Zeit reicht einfach nicht zum Buchstabenmalen. Zudem sollen sie bei uns schreiben und denken gleichzeitig, das ist eine Herausforderung.

Ein weiterer Punkt könnte sein, dass wir das Erlernte nicht beibehalten und festigen, weil wir davon ausgehen, dass die Kinder es von allein bringen müssten. Nein, sie können es nicht. WIR müssen weiter üben, üben und einfordern. ALLE Lehrer im Kollegium – und da höre ich schon Frau von Ostrach rufen: „Was sollen wir denn noch machen!“

Wir müssen wieder zurück zum Hefteeinsammeln und Durchgucken, wir brauchen mehr Absprachen und Unterstufenkonferenzen. Wir müssten alle das Methodencurriculum um Basales erweitern und ernst nehmen. Unterstufenschüler schreiben Schreibschrift, ins Heft, Abschreibeübungen, Diktate, Fehler werden nicht nur in Deutsch angestrichen und eine Korrektur wird eingefordert und immer wieder kontrolliert… Ich sehe das alles deutlich und weiß doch, dass das so mit unserem Kollegium nicht machbar ist.

Also mache ich eine ganz persönliche Frau-Henner-Studie. Die Grundschullehrerin hatte mir berichtet, wie viel Mühe das Beibringen und Einfordern der richtigen Stifthaltung sei. Was früher als ein Merkmal der Schulreife galt, ist heute Sache der Grundschule, weil die Kinder aus dem Kindergarten ohne korrekte Stifthaltung kämen. Aber wir kennen das alle: was sich einmal falsch eingeschliffen hat, ist einfach nicht mehr wegzubringen. Auch der kleine Leo hält den Stift falsch. Ich habe sogar schon solche Gummiteile gekauft, die man über die Buntstifte drüberstülpt, damit er keine Wahl hat, aber Leo bekommt es trotzdem hin, auf die Oberseite zwei Finger abzulegen. Immer wieder rutsch der Mittelfinger an die falsche Stelle. Das ist wirklich mühsam – ich habe die Ermahnungen inzwischen sein gelassen, Leo zeichnet schöne Bilder, worum sollte ich mir Sorgen machen? So geht es sicher vielen Erwachsenen. Wir scheuen die Mühe, soll das mal der Lehrer erledigen.

Hält man den Stift falsch, ist die Gefahr von Verkrampfungen höher, die Schrift kann sich unter Umständen nicht so leicht entwickeln. Ehe ihr mir jetzt gleich von eurer Ausnahme berichtet: ja, es gibt Kinder, die die Stifte unmöglich halten und trotzdem schnell und sauber schreiben. Das sind wie gesagt die AUSNAHMEN. Noch immer hoffe ich, dass der kleine Leo auch dazu gehören wird – zu den Ausnahmen. In der Regel ist der Zusammenhang aber anders: falsche Stifthaltung = langsames Schreiben = Mühe beim Schreiben = Krampfung = Gekrakel = Abwehrhaltung. Grob gesagt.

Heute nun gucke ich genau hin. Meine Sechser schreiben. Oh Schreck! Das ist mir so noch nie aufgefallen: von fünfundzwanzig Kindern schreiben ungefähr fünf mit korrekter Stifthaltung. Die anderen verbiegen die Finger auf recht abenteuerliche Weise. Mir tut schon vom Hinschauen die Hand weh – Krampf lass nach! Morgen werde ich das Ganze noch verifizieren, denn ich habe beobachtet, dass es Kinder gibt, die sogar die Stifthaltung beim Schreiben ändern. Dann haben sie zum Beschreiben einen kleinen Gegenstand ins Heft zeichnen müssen. Ich wollte sehen, wer eigentlich eine gerade Linie freihand zeichnen kann und wer einen Kreis, der rund ist und sich von allein schließt…

Mit schlechtem Gewissen komme ich nach Hause. Heute übe ich mit dem kleinen Leo, wie man einen Stift richtig hält. Ab heute achte ich da mehr drauf. Ich kann nicht alles der armen Grundschullehrerin überlassen. Das ist doch mal ein Neujahrsvorhaben!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

SW 15: Sprachbarrieren

Liebe Leser,

nun geht das Schuljahr in das neue Jahr über und die Probleme zeichnen sich deutlicher ab. Unsere Unterstufe macht uns vor allem mit einem Sorgen: Sie ist sprachlos. Und das ist kein Migrationsproblem – auch wenn ein Migrationshintergrund die Situation meist nicht verbessert, sondern in der Regel noch verschärft.

Sie sind nett, sie sind motiviert, manchmal unerzogen – es sind Kinder! Aber sie haben keine Sprache mehr  und das können wir nicht mehr ignorieren. Zumal es der letzte Test im bundesdeutschen Vergleich auch bestätigte – die Schüler in Baden-Württemberg haben ein Sprachproblem.

Wie zeigt sich das bei uns konkret?

Das Schriftbild ist häufig schlecht bis unleserlich. Ohne Witz, zum Teil ist es ein Gekrakel sondergleichen. Häufig können die Kinder dann selbst nicht  mehr lesen, was sie geschrieben haben.

Der Schreibvorgang ist sehr langsam. Wir müssen also den Stundeninhalt auf mehr Zeit ausdehnen oder den Kindern Schreibarbeit abnehmen, indem sie weniger schreiben müssen, was das Problem allerdings verstärkt. Aber Zeitausdehnen geht in G8-Zeiten auch nicht, also müssen wir Wichtiges rausschmeißen. Wer braucht schon Lyrik…

Die Rechtschreibung ist im Prinzip nicht mehr vorhanden – ein Großteil der Schüler schreibt, wie er hört und wie er glaubt, es sei richtig. Dabei ist es aber nicht so, dass alle Grundschulen unseres Einzugsgebiets „Schreiben nach Gehör“ praktizieren, daran kann es also nicht liegen. Selbst nach intensivem Üben schreiben in meiner sechsten Klasse nur drei von fünfundzwanzig Kindern einen einfachen Satz ohne Fehler, es sei denn ich kündige an: „So, wir machen jetzt Rechtschreibung, achtet bitte auf eure Wörter!“ Dann schreibt eine Handvoll mehr auf gutem Niveau.

Diese drei Faktoren führen dazu, dass die Heftaufschriebe ein Katastrophe sind. Von dem, was mal an der Tafel stand, sind nur rund zwei Drittel im Heft – wenn überhaupt. Häufig fehlen einzelne Wörter, die dem Ganzen aber erst Sinn geben. Gerne weggelassen werden zum Beispiel Verben. Wie soll man mit einem solch lückenhaften Aufschrieb auf eine Klassenarbeit lernen?

Mathe ist noch in Ordnung, da sind die Unterstufenschüler ganz gut. Außer bei den Antwortsätzen. Denn darin scheinen sie keine Übung zu haben. Selbständig einen Satz zu formulieren ist nämlich die nächste große Hürde. Aus den Rudimenten, die ein Kind so im Heft hat, müsste es nun wieder vollständige Sätze machen. Mündlich stolpern sich viele noch grad so durch. Der Lehrer sucht die richtigen Fakten zusammen und formuliert noch einmal, was er glaubt, was das Kind richtig gemeint hat. In einer Klassenarbeit ist das aber nicht möglich. Da muss das Kind das ganz allein schaffen.

Es geht mir gut. Ich bin nicht verärgert. Ich male nichts schwarz und auch nicht den Teufel an die Wand und will auch niemanden beschuldigen, das hilft nämlich momentan gar nicht weiter. Ich stelle nur dar, was wir an unserer Schule gerade in den letzten beiden Jahren in der Unterstufe erleben. Natürlich gibt es Ausnahmen. Löbliche.

Wir beobachten zuerst einmal eine Tendenz: einen großen Sprachverlust.  „Ich wunsche mir das es kein Krig mehr giebt“ Hinten prinzipiell ohne Satzschlusszeichen, das ist ein typischer Satz von Kindern meiner Klasse. Abgesehen von fehlenden ü-Pünktchen und s/ss-Unsicherheiten sind vielen schon die Deklinationen ganz abhanden gekommen. Kinder wie Jan schmieren mir dann hin: „Das kein krig“ Wenn das mal kein Sprachverlust ist. Franca hat schon oft geweint, weil sie nicht erklären konnte, was sie sagen wollte.

Ich überlege, was wir ganz konkret tun können, um diesem Trend entgegenzuwirken. Wenn ich mir meine obigen Gedanken anschaue, müssten wir beim Urschleim anfangen: Wie halte ich einen Stift?, Schwungübungen machen, schreiben, schreiben, schreiben bis die Hand abfällt. Neulich meinte jemand in den Kommentaren, dass sie genau das an ihrer Schule schon machten. Wie muss ich mir das vorstellen? Wie macht ihr das konkret? Welche Erfahrungen habt ihr mit diesem Problem? Was hilft euch, was nicht?

So geht es bei uns nämlich nicht weiter. Ich kann erst dann etwas Vernünftiges schreiben, wenn ich überhaupt einmal schreiben kann. Denn dieses Spachproblem haben wir in allen Fächern, wo die Kinder ganze Sätze bilden müssen. Und ich fürchte ja, es ist nicht nur ein Problem der Schulen…

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Weihnachtsferien 2: Nächtlicher Mediengau

Liebe Leser,

hier folgen keine besinnlichen Jahresrückblicksgedanken, sondern ein Beispiel von fehlender Medienkompetenz bei Jugendlichen und gestörtem Nachtfrieden der Eltern – verbunden mit der Bitte um HILFE!

23.30 Uhr, es war ein schöner Abend, tagsüber Freunde besucht, abends ein guter Film ganz ohne Horror und Blut zu dritt auf dem Sofa. Herr Henner liegt schon im Bett, ich wähne Lucy ebenda und trödele noch ein bisschen im Bad herum. Plötzlich höre ich ein seltsames Geräusch. Eine Sirene, auf und abschwellend. Sehr irritierend. Also schmeiße ich mir überhastete noch Creme ins Gesicht und geh dann mal gucken. Herr Henner liegt wie vermutet im Bett und murmelt etwas von „deine Tochter“ und „musst du dich kümmern“. Dann dreht er sich demonstrativ in seinem Kissenberg um.

Jetzt höre ich es besser. Die Sirene kommt aus Lucys Zimmer. Weint sie? Eben war sie doch noch gut drauf… dann gehe ich halt da mal gucken, ist wahrscheinlich auch besser, wenn Fräulein Tochter so verzweifelt schluchzt, dass da die Mama gucken geht.

Lucy hat sich in Embryonalstellung zusammengekauert und rollt sich so auf dem eigenen Bett hin und her. Das Gesicht verheult, schluchzend, das Teenagerdrama schlechthin. Neben ihr liegt ihr Tablet. Was um Himmels willen macht sie kurz vor Mitternacht mit ihrem Tablet, was sie so zur Verzweiflung bringt? Gemobbt werden kann sie nicht. Lucy ist beliebt, selbstbewusst und in keinerlei Community. Außerdem ist das W-Lan sowieso aus, also kann sie keine bösen Nachrichten empfangen haben, verstörende Filme gesehen… oder?

Aus Lucy ist nur bruckstückhaft etwas herauszubekommen. Über „Ich bin so DOOF!“ und „Das ist alles meine Schuld!“ kommen wir in den ersten fünf Minuten nicht hinaus. Danach erschließt sich mir – inzwischen auf dem Bett sitzend – der Mediengau.

Lucy wollte, warum auch immer, gegen Mitternacht ihr Tablet sichern und hat sich in den Sicherheitseinstellungen eine ZugangsPIN angelegt, bestätigt und war happy. Als sie nun zwei Minuten später ihr Tablet wieder aktivieren wollte, verlangte das Gerät nun natürlich eine PIN. Und Lucy war sich doch so sicher!

Inzwischen hat sie an die 40mal eine PIN versucht und ist jedesmal gescheitert, krampfartig schlägt das Geheule durch die Wände. Aber wie soll ich meinem Kind helfen? Lucy hat die PIN nicht notiert. Es ist auch keine Ziffernkombination mit einer Bedeutung. „Ich nehm‘ immer diese Zahl!“ Hmmm… im Medienunterricht haben sie längst über Passwörter gesprochen, theoretisch weiß Lucy alles. Aber sie war sich doch so sicher, dass sie das hinbekommt! Und jetzt hat sie keinen Zugang mehr zum eigenen Tablet – für Teenager ist das der Supergau.

Ich kann das Problem definitiv nicht lösen, rate aber Lucy einfach mal drüber zu schlafen, dann würde ihr die PIN schon wieder einfallen. Als ich ins Schlafzimmer komme, ist Herr Henner schon im Lalaland. Ich schlafe schlecht.

Heute Morgen mag Lucy gar nicht recht frühstücken. Sie hatte die Nacht einen Alptraum. „Bist wohl von einer PIN gefressen worden?“, versuche ich die Situation aufzuheitern. Erfolglos. Ihr ist leider nichts Brauchbares eingefallen. Nun ist sie sich nicht mal mehr mit den Ziffern sicher. Und wieviel Stellen ihr Passwort hatte? „Zwischen fünf und acht…“ Na super. Ohne PIN kann ich an dem Samsung Galaxy nichts machen, außer an- und ausschalten. Aber auch dann will es immer wieder diese blöde PIN. Fünf Versuche hat man, dann muss man 30 Sekunden warten. Lucy will mal ausrechnen, wieviel Möglichkeiten es bei zehn Ziffern gibt… na viel Spaß!

Habt ihr einen professionelleren Ansatz als wir zwei Damen? Dann gerne an mich, denn eigentlich wollte ich die letzten Ferientage noch genießen. Dann ist vielleicht auch Platz für philosophischere Gedanken.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner