SW 16: Krampf lass nach!

Liebe Leser,

vielen Dank für die vielen Reaktionen auf den letzten Post, gerne klaue ich mir einige Anregungen.

Mit wachen Augen sitze ich gestern mal wieder in einer Grundschule und hospitiere den Deutschunterricht. Mein Augenmerk richtet sich genau auf die angesprochenen Probleme: Schriftbild, Rechtschreibung, Ausdruck. Den Unterricht der Lehrerin lasse ich wohlig an mir vorüberfließen, die Stunde ist mit sehr viel Spielereien vorbereitet: vorbereitete Zettel in weiß hier, vorbereitete Zettel in bunt da, laminierte Merkpunkte für die Tafel, futuristisch klingende Arbeitsformen, alles sehr durchdacht – kann ich nicht meckern, will ich auch gar nicht. Ich denke, an unseren Grundschulen arbeiten in der Regel viele fähige Lehrerinnen. Ausnahmen kenne ich auch, die habe ich hier schon thematisiert, aber mir ist grade so ganz und gar nicht nach Konfrontation. DAS NÜTZT NÄMLICH NIEMANDEN WAS – den Kindern schon gar nicht. Klar könnte ich hinterher mit jovialem Lächeln fragen: „Und wann schreiben die Kinder nun endlich das, was sie da gerade gelernt haben?“ Aber ich habe nur einen Ausschnitt gesehen und die Lehrerin wollte sicher zeigen, was sie alles drauf hat und nicht die Kinderleins nur schreiben lassen. Einen Stift in der Hand hatten sie in dieser Rechtschreibestunde nur ganze fünf Minuten.

Und genau da gucke ich hin. Mich interessiert, wie die Hefte aussehen, wie die Schrift zu lesen ist, wie sie Sätze formulieren und natürlich wie sie rechtschreiben. Zur Erinnerung: Das sind bei uns die katastrophalen Aspekte in der Unterstufe. Und was erlebe ich hier? Sauber und ordentlich geführte Hefte – kein Kind schreibt schräg oder über den Rand. Eine feine Schreibschrift zieht sich durch das Heft. Das andere kann ich nicht einschätzen, da ich kaum selbstformulierte Sätze finde. Die Rechtschreibung ist nicht korrekt, aber doch passabler als anzunehmen, wenn man an die Hefte in unserem Gymnasium denkt. Das lässt nur einen Schluss zu: die Kinder verlernen bei uns grundlegende Fähigkeiten und wir sind daran nicht unschuldig.

WAS PASSIERT DA?

Ein Punkt ist sicher, dass die Schüler bei uns VIEL schneller schreiben müssen und VIEL mehr. Die Zeit reicht einfach nicht zum Buchstabenmalen. Zudem sollen sie bei uns schreiben und denken gleichzeitig, das ist eine Herausforderung.

Ein weiterer Punkt könnte sein, dass wir das Erlernte nicht beibehalten und festigen, weil wir davon ausgehen, dass die Kinder es von allein bringen müssten. Nein, sie können es nicht. WIR müssen weiter üben, üben und einfordern. ALLE Lehrer im Kollegium – und da höre ich schon Frau von Ostrach rufen: „Was sollen wir denn noch machen!“

Wir müssen wieder zurück zum Hefteeinsammeln und Durchgucken, wir brauchen mehr Absprachen und Unterstufenkonferenzen. Wir müssten alle das Methodencurriculum um Basales erweitern und ernst nehmen. Unterstufenschüler schreiben Schreibschrift, ins Heft, Abschreibeübungen, Diktate, Fehler werden nicht nur in Deutsch angestrichen und eine Korrektur wird eingefordert und immer wieder kontrolliert… Ich sehe das alles deutlich und weiß doch, dass das so mit unserem Kollegium nicht machbar ist.

Also mache ich eine ganz persönliche Frau-Henner-Studie. Die Grundschullehrerin hatte mir berichtet, wie viel Mühe das Beibringen und Einfordern der richtigen Stifthaltung sei. Was früher als ein Merkmal der Schulreife galt, ist heute Sache der Grundschule, weil die Kinder aus dem Kindergarten ohne korrekte Stifthaltung kämen. Aber wir kennen das alle: was sich einmal falsch eingeschliffen hat, ist einfach nicht mehr wegzubringen. Auch der kleine Leo hält den Stift falsch. Ich habe sogar schon solche Gummiteile gekauft, die man über die Buntstifte drüberstülpt, damit er keine Wahl hat, aber Leo bekommt es trotzdem hin, auf die Oberseite zwei Finger abzulegen. Immer wieder rutsch der Mittelfinger an die falsche Stelle. Das ist wirklich mühsam – ich habe die Ermahnungen inzwischen sein gelassen, Leo zeichnet schöne Bilder, worum sollte ich mir Sorgen machen? So geht es sicher vielen Erwachsenen. Wir scheuen die Mühe, soll das mal der Lehrer erledigen.

Hält man den Stift falsch, ist die Gefahr von Verkrampfungen höher, die Schrift kann sich unter Umständen nicht so leicht entwickeln. Ehe ihr mir jetzt gleich von eurer Ausnahme berichtet: ja, es gibt Kinder, die die Stifte unmöglich halten und trotzdem schnell und sauber schreiben. Das sind wie gesagt die AUSNAHMEN. Noch immer hoffe ich, dass der kleine Leo auch dazu gehören wird – zu den Ausnahmen. In der Regel ist der Zusammenhang aber anders: falsche Stifthaltung = langsames Schreiben = Mühe beim Schreiben = Krampfung = Gekrakel = Abwehrhaltung. Grob gesagt.

Heute nun gucke ich genau hin. Meine Sechser schreiben. Oh Schreck! Das ist mir so noch nie aufgefallen: von fünfundzwanzig Kindern schreiben ungefähr fünf mit korrekter Stifthaltung. Die anderen verbiegen die Finger auf recht abenteuerliche Weise. Mir tut schon vom Hinschauen die Hand weh – Krampf lass nach! Morgen werde ich das Ganze noch verifizieren, denn ich habe beobachtet, dass es Kinder gibt, die sogar die Stifthaltung beim Schreiben ändern. Dann haben sie zum Beschreiben einen kleinen Gegenstand ins Heft zeichnen müssen. Ich wollte sehen, wer eigentlich eine gerade Linie freihand zeichnen kann und wer einen Kreis, der rund ist und sich von allein schließt…

Mit schlechtem Gewissen komme ich nach Hause. Heute übe ich mit dem kleinen Leo, wie man einen Stift richtig hält. Ab heute achte ich da mehr drauf. Ich kann nicht alles der armen Grundschullehrerin überlassen. Das ist doch mal ein Neujahrsvorhaben!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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10 Kommentare zu “SW 16: Krampf lass nach!”

  1. „…Wir müssen wieder zurück zum Hefteeinsammeln und Durchgucken, wir brauchen mehr Absprachen und Unterstufenkonferenzen. Wir müssten alle das Methodencurriculum um Basales erweitern und ernst nehmen. Unterstufenschüler schreiben Schreibschrift, ins Heft, Abschreibeübungen, Diktate, Fehler werden nicht nur in Deutsch angestrichen und eine Korrektur wird eingefordert und immer wieder kontrolliert…“
    Richtig. Frau Hauptschulblues kam immer mit Stapeln von Heften (oder Blättern bei Ordnern) nach Hause, von der 5. bis zur 13. Klasse.

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  2. Oh jaaaaa!
    Kernaussage des ganzen ist, dass man nicht alles den Lehrern/ E rziehern überlassen kann. Die Eltern haben auch ihren Anteil zu leisten. Und genau da sehe ich die Ursache der Probleme.
    Alles was mit den kids zusammenhängt wird soweit wie möglich outgesourct.
    Mein Sohn,6. Klasse, tut sich auch erschreckend schwer, so schnell zu schreiben wie er denkt. Das Ergebnis ist stellenweise mehr als gruselig. Da bin ich dann so böse und lasse ihn die komplette Geschichtshausaufgabe nochmal schreiben.
    Im Bekanntenkreis heißt es dann, ihre Kinder wären schon selbstständigbund hätten keine Unterstützung der Eltern nötig. Ich hätte wohl zuviel Zeit und soll aufhören zu helikoptern.
    Da muss ich dann drüber stehen, oder mit entsprechenden Personen über andere Themen reden.
    Aber für mich ist es selbstverständlich bei einem Elfjährigen neue Themen( z.b. Quellenanalyse) durchzuschauen. Das kann ein Lehrer bei 31 Kindern doch gar nicht regelmäßig leisten.
    Und Üben macht nun mal den Meister.

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    1. Sehr richtig gesprochen. Nicht jeder Lehrer gibt sich Mühe, sicher, aber ich sammle immer wieder Sachen ein und korregiere, gebe Tipps und will zeigen, dass mir das Geschriebene nicht egal ist. Die Hefte schaffe ich nicht, dafür unterrichte ich zuviele Klassen. Aber ich müsste es tun – viel öfter, das sehe ich. Nun suche ich nach einer für mich machbaren Gangweise. Wenn mir die Eltern helfen, indem sie auch mal in die Hefte gucken (Helikoptern ist was anderes), dann freut es mich. Ich sehe allerdings auch, dass viele Eltern gar keinen Einfluss mehr auf die Kinder haben, ab einem gewissen Alter lässt man sich ja gerade von denen nichts mehr sagen. Vor allem wenn es nicht mal den Lehrer zu interessieren scheint…
      Schwieriges Feld.

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  3. Heute habe ich verifiziert. Auf den ersten Blick doch gar nicht so schlimm. Rund die Hälfte hält den Stift völlig verkehrt. Die andere Hälfte hält ihn richtig, wie es sein sollte. ABER von denen knicken viele den Zeigefinger beim Schreiben so durch, dass im unteren Bereich blutleere Stellen entstehen. Das sieht auch nicht entspannt aus – im Gegenteil.

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  4. Angeregt durch den letzten Eintrag habe ich heute beim Korregieren der Mathe-Tests auch einmal mehr hingeschaut… und jeden Rechtschreibfehler akribisch angestrichen und verbessert. Auch hier zeigt sich, dass Migrationshintergrund schon mal überhaupt gar kein zwingender Grund für Fehler jeder Größenordnung sind. Vielen Dank Dir für die Anregung! Ich denke nun doch darüber nach, Hefter einzusammeln und zu bewerten – mindestens aber das Einheften und Ablegen in allen Klassenstufen zu üben und einzufordern.

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    1. Das klingt klasse – also nicht die Fehler, sondern dein Enthusiasmus! Habe heute auch einen Stapel Deutschhefte mitgenommen, will nur mal durchschauen, ob die Schüler das Tafelbild korrekt abgeschrieben haben. Ich glaube, sie werden Augen machen, dass ich das jetzt öfters mache. Aber immer alle- nee, das wird zuviel. Die Vorgehensweise meiner Tutorin im Referendariat scheint mir da ganz brauchbar: sie nimmt jede Stunde drei Hefte mit nach Hause. Das ist problemlos machbar und kann sich gut ritualisieren.
      Schreib ruhig mal, wie deine Schüler reagiert haben, dass sie in Mathe auf Rechtschreibung hingewiesen werden…

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      1. So, Tests gab es zurück – die Schüler haben gemischt reagiert. Einige haben sich aufgeregt, andere sind nach der Stunde gekommen und haben einfach nachgefragt, warum ich das jetzt in Mathe auch machen würde…. Ein Schüler der 6. Klasse hat sich sogar selbst übertroffen: Machdem ich auf die letzten Tests ausnahmslos die Bitte nach einer sauberen Schrift und der Nutzung eines Lineals geäußert habe, hat er eine vorbildliche Leistung hinsichtlich seines Schriftbildes erbracht. (Und von mir den halben Punkt zur besseren Note aufgrund dessen erhalten – das hatte er sich in meinen Augen einfach verdient.) Für die Winterferien werde ich mich jetzt (angeregt durch die Diskussion hier und im Lehrerzimmer) mit den Heftern der Sechser eindecken. Einige haben trotz ständigen Aufforderns noch nicht einmal einen Hefter… Also gab es heute eine Checkliste, anhand derer die Kids jetzt innerhalb von 2 Wochen ihren Hefter auf Fordermann bringen können.
        Eines der großen Probleme an unserer Schule sind für die Klassen ständiger Lehrerwechsel – ich habe die Klassen erst im November übernommen – wenn sie kaum Kontinuität vorgelebt bekommen, wie sollen sie diese dann selbst lernen…

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        1. Genau das letze, das du erwähnst, ist, glaube ich, auch das wichtigste – Kontinuität oder auch Konsequenz. Wenn wir uns mal im Kollegium einig wären, was wir erwarten, wäre das schon ein wichtiger Schritt. Einzelkämpfertum ist hoch löblich, aber der Effekt nicht annähernd so groß, wie er sein könnte, wenn alle Kollegen einer Klasse derselben Meinung sind und sie vor den Schülern vetreten. Lehrerwechsel wie bei euch erschweren das nur unnötig.

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  5. Ich sammle tatsächlich seit Beginn meiner Lehrertätigkeit in jeder Klasse die Hefte/Schnellhefter/Ordner ein, kontrolliere auf Vollständigkeit und Rechtschreibung. Nicht immer nehme ich sie mit nach Hause, während Stillarbeiten oder Leistungsüberprüfungen kann man so etwas auch nebenbei erledigen. Wir haben nicht nur einen Bildungs-, sondern auch einen Erziehungsauftrag, den Elternhäuser leider immer wieder wahrnehmen. Deswegen achte ich auf solche Dinge wie Heftführung enorm.
    LG Ela

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