SW 18: Aasgeier zum Halbjahr

Liebe Leser,

nun ist es heraus, dass ich das Kollegium verlassen werde und die Aasgeier kreisen bereits. Wenn sie mir wenigstens dabei einen Kaffee spendieren würden…

Aber von vorne. Da engagiert man sich jahrelang für bestimmte Bereiche in der Schulentwicklung und kämpft gegen Windmühlen. Ich beschwere mich nicht, denn ich weiß, dass einige Prozesse einfach lange dauern. Nein, es ist bei einigen Kollegen noch nicht angekommen, dass sich unsere Gesellschaft in dem letzten Jahrzehnt massiv gewandelt hat und damit auch unsere Schülerschaft. Wir können Schule nicht mehr so begreifen wie vielleicht noch vor zwanzig Jahren und denken, damit habe sich unsere Arbeit und Verantwortung erschöpft. Und Schimpfen nützt schon gar nichts.

Frau Henner ist ja von der Fraktion: Ich habe ein Problem, also gucke ich mal genau hin, woran das liegen könnte, entwickle Gegenmaßnahmen, setzte diese um und überprüfe, ob eine Veränderung in die gewünschte Richtung einsetzt. Grob gesagt. Scheitern ist da inbegriffen. Erfolg zum Glück auch. Und Ideen habe ich genügend. Wenn nicht, dann schaue ich mich um: Wie machen andere das? Dann frage ich mich gleichzeitig: Ist diese Maßnahme auch für mein Problem in meiner Situation unter meinen Bedingungen sinnvoll oder muss ich die Idee der anderen weiterentwickeln. Das macht mir Freude.

So habe ich in den letzten Jahren einiges voranbringen können, vieles ist aber noch im Wolkenkuckucksheim. Für manche Idee fehlen die Kollegen, die mitmachen (vieles kann man nicht im Einzelkämpfertum umsetzen), für andere fehlt noch die Dringlichkeit, das Elend muss erst größer werden, für wieder anderes fehlt das Geld, die Stunden, der Mut. Kommt Zeit, kommt der richtige Kollege, die Stelle, die Anordnung von oben. Dafür hat Frau Henner in ihrem pädagogischen Schatzkästchen noch ein paar schöne Schmuckstücke.

Auf die haben es jetzt einige Kollegen abgesehen. Säuselnd steht Kollege A neben mir. Ob ich nicht mal eine Stunde Zeit hätte, er würde sich so gerne mal mit mir über Schulentwicklung unterhalten. Das sei ja so spannend. Er habe da ja selbst Ideen und wolle mal schauen, ob die so zu meinen passen.

Kollege B ist ehrlicher. „Du, Frau Henner, ist echt schade, dass du gehst. Können wir uns mal zusammensetzen und über deine Schulentwicklungspläne quatschen. Wenn du weg bist, möchte ich das gerne fortführen, da wäre es doch wichtig, wo du grad so dran bist.“

Also sitzt Frau Henner mit Kollege A zusammen und auch mit Kollege B und wird gemolken, denn beide tun zwar so, als hätten sie sich schon soooo viele Gedanken gemacht, aber nicht Konkretes weiß man nicht. Dafür hat man ja die gute Frau Henner.

Leute, ich habe ehrliches Interesse daran, dass nach mir in verschiedene Richtungen etwas weiterläuft, das sind alles keine Geheimnisse, die ich da ausplaudere, und trotzdem fühle ich mich seltsam. Vielleicht liegt es daran, dass ihr mir nicht einmal einen Kaffee spendiert, wo ich doch meine Freizeit für eure Karriere opfere?

Frau Henner schnappt sich Kollegin C, die ist patent, aber leider noch zu frisch an der Schule. Macht nichts. Kollegin C kann ruhig ein bisschen aufgebaut werden. Die hat nämlich selbst gute Ideen, erledigt ihre Sachen pünktlich und macht obendrein noch sehr guten Unterricht. Dass sie supernett ist, merkt man, dass sie auch bei Schülern sehr gut ankommt, weiß ich von Lucy. Kollegin C, die müsste meine Nachfolgerin werden! Schade, dass Kollege A und Kollege B viel länger da sind und die Erbfolge in so einem Kollegium in Zement gegossen ist.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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