SW 20: Politikum oder der Untergang des Abendlandes

Liebe Leser,

seltsam ruhig bleibe ich, als ich den neusten Dorfklatsch erfahre. Auch als ich mich pflichtbewusst ans Internet setze und verifiziere, bleibe ich ruhig, selbst wenn ich dort Dinge erfahre, die mich schockieren müssten. Ich bin nicht glücklich über das, was ich lese, aber meine Emotion erreicht es nicht. Ich überschlage, wie sich meine private Situation im nächsten Jahr verändern wird. Das schaffe ich schon irgendwie, muss ja geh’n. Als ich am Abend Herrn Henner davon berichte, guckt er mich an und sagt: „Erzähl bloß nicht weiter, da wird mir schlecht, ich will das gar nicht wissen. Das ist der Untergang des Abendlandes!“

Sonjas Mama, die mich überhaupt auf den Trichter gebracht hat, hat es so formuliert: „Das geht gar nicht!“ Meine Mutter, mit der ich am Nachmittag lange über dieses Thema gesprochen habe, sagte immer wieder: „Das kann ich gar nicht glauben, dass es das in Deutschland gibt. Das kann doch nicht erlaubt sein!“

Dunkel erinnere ich mich an eine Fernsehsendung, in der über eine Grundschule berichtet wurde, in der die Schüler sich alles selbst beibringen und die dafür einen der vielen Schulpreise erhalten hat. Unser Dorf hat also ab nächstes Jahr enorme Chancen, auch endlich mal in den Medien präsent zu sein – denn wir werden Bildungstrendsetter!

Unsere Grundschule soll über die Sommerferien komplett umgebaut werden – nicht das Gebäude (Schön wär’s!), nein das System. Es wird keinen klassischen, schlechten Deutsch- und Matheunterricht mehr geben (Ihr wisst schon – Frontalunterricht buhen die Medien, obwohl seit vielen Jahren moderner, differenzierter Unterricht in Grundschulen stattfindet), nein, selbst das Lesen und Schreiben werden sich die neuen, schlauen, motivierten Erstklässler größtenteils selbst beibringen. Die ersten zwei Schulstunden arbeitet jedes Kind allein individuell an Arbeitsblättern, die die Kinder sich , weil sie das so gut schon können, ganz nach ihrem eigenen reflektierten Bildungsniveau aus einem Regal zusammenstellen die von der Lehrerin nach dem Leistungsniveau des Kindes zusammengestellt werden. Zuerst reflektiert das Kind: Wo stehe ich? Was kann ich? Was möchte ich gerne können? Dann geht es zum Regal und sucht sich das entsprechende Material heraus setzt sich an seinen Platz und füllt das entsprechende Arbeitsblatt aus. Hat das Kind dabei Probleme, erklärt die Lehrerin nichts, sondern gibt Impulse, damit das Kind von selbst auf die Lösung des Problems kommt. Das wäre ja ansonsten der böse, böse Trichter, den man den Kindern in den Kopf steckt und das will ja keiner. Wir wissen ja alle, dass man so niemals im Leben etwas lernt. Trichter sind absolut verboten. Sehr ungesund. Die Lehrerin gibt also jedem der fünfundzwanzig Kinder zum rechten Zeitpunkt den richtigen Impuls und dann flutscht die Erkenntnis wie von allein hinein. Sie hat ja auch voll den Überblick. In der Schulpreisschule waren pro kleiner Lerngruppe zwei Lehrer anwesend – aber darauf kommt es wohl doch nicht an. Lehrer sind ja keine Lehrer mehr, darf man auch nicht mehr so nennen. Sie heißen also auch in unserer neuen Grundschule Lerncoaches oder Lernbegleiter. Und Coaches sind ja per se besser und können fünfundzwanzig Kinder allein bewältigen, auch wenn jeder tatsächlich etwas anderes macht. Wow!

Keinem Kind soll vorgeschrieben werden, was es lernt, wie lange es etwas übt oder wie es sich in der Gemeinschaft zu verhalten hat. Das muss kann das Kind allein entscheiden. Denn nur, was es selbst lernen will, lernt es auch. Sonjas Mama erzählt, dass das Material übrigens aus Kopien der üblichen Lehrbücher besteht. In der Schulpreisschule waren es ganze Räume voll anregendem Materiel, etwas hochtrabend Forscherboxen und Labore genannt. Für unser popeliges Dorf reichen olle Kopien im Sammelordner. Sehr motivierend. Ab sofort wieder Lernen in schwarz-weiß.

Die Nebenfächer werden dann am späten Vormittag im Klassenverband unterrichtet und dabei kommen auch endlich andere Sozialformen zum Einsatz. Dann will man die Kinder zu Gemeinwesen erziehen. Kinder können das gut trennen. Jedes Kind ist schließlich begabt, jedes Kind will lernen. Sonjas Mama schluckt: „Und wenn mein Kind keine Lust auf Mathe hat?“ „Dann reden wir mit dem Kind und versuchen die Ursachen herauszufinden“, versucht die Grundschullehrerin zu beschwichtigen, die für die Kooperation mit den Eltern zuständig ist. Sonjas Mama ist nicht überzeugt. „Ich könnte dann in der Folgewoche ihrer Tochter nur Mathearbeitsblätter bereit stellen…“, schlägt die Lehrerin vor. Jetzt ist Sonjas Mama vollends verwirrt: „Aber dann ist es ja wie früher, warum sagen Sie dann nicht gleich, jetzt machen wir Mathe!?“ „Wenn wir Kinder zum Lernen zwingen, lernen sie nichts.“ Der Lehrer ist immer der Böse.  Lernbegleiter sind die Guten. Andere Mütter überlegen krampfhaft, wie Arbeitsblätter gestaltet sind für Kinder, die noch nicht lesen können, die ihnen aber das Lesen beibringen sollen.

Was geht mich das alles an? Mal abgesehen davon, dass wir dann in viereinhalb Jahren Kinder am Gymnasium haben, die noch nie eine Klassenarbeit zu einem festgelegten Zeitpunkt geschrieben haben – denn jedes Kind kann selbst entscheiden, wann es die Arbeit schreibt und wie oft und wieviel Zeit es dafür haben möchte, betrifft es mich auch persönlich. Denn da ist der kleine Leo.

Leo gehört inzwischen zu unserer Familie, wir verbringen Zeit miteinander, ich kümmere mich um sein Fortkommen, seine Bildung – mehr erfahrt ihr nicht, das muss reichen. Leo wird nächstes Jahr eingeschult und nun ahnt ihr, was das für mich bedeutet. Meine Nachmittage werden ich jetzt nicht mit einfacher Hausaufgabenbetreuung zubringen , wie ich mir das vorgestellt habe (Erwachsene schnippelt Gemüse fürs Mittagessen, Kind sitzt am Küchentisch und rechnet mal eben die zwei Reihen aus dem Mathebuch runter und wird ab und zu vom Träumen abgehalten), weil ich es von Lucy so kannte, nein, ich werde Leo höchstwahrscheinlich Lesen und Schreiben beibringen, Mathe erklären, Rechnen üben, die Grundregeln der deutschen Rechtschreibung erläutern, denn auf letzteres legt man in der neuen Grundschule keinen Schwerpunkt. Geht das vielleicht nicht so gut über Arbeitsblätter? Sonjas Mama erklärt: „Also die Kinder sollen sich das immer selbst kontrollieren.“ Habt ihr schon mal von Kindern kontrollierte Diktate gegenkorrigiert? Das klappt selbst in meiner sechsten Klasse noch nicht. Für eigene Fehler ist man sowieso blind und die der Freundin übersieht man auch und wie soll man die Fehler vom Jan finden, wenn man als Franca selbst keine Ahnung hat? Die Grundschullehrerin sagt auf alle Zweifel lächelnd zu Sonjas Mama: „Glauben Sie mir, dass kann Ihr Kind!Trauen Sie Ihrem Kind einfach ein bisschen mehr zu!“

Und damit hat sie gar nicht so Unrecht. Frau Henner wird Nachmittags zum Hilfslehrer mutieren. Und auch Sonjas Mama und andere Mütter werden es so machen, denn wir sind nicht davon überzeugt, dass Sechsjährige schon zu solch anhaltendem Lerneifer, Reflexion über den eigenen Kenntnisstand und Entscheidungsfestigkeit fähig sind, wie sie an der neuen Grundschule abverlang werden.

Und wer fällt hinten runter? Na klar, die Kinder aus bildungsfernen Haushalten, Kinder mit nichtdeutschsprachigen Eltern, Kinder mit vollberufstätigen Eltern. Die, die sich auf das Schulsystem verlassen müssen, werden nach vier Jahren preisverdächtiger Schule feststellen, dass ihr Kind es doch nur auf die Gemeinschaftsschule schafft, es sei denn, das ortsansässige Gymnasium zieht nach.

Dann braucht man mich gar nicht mehr. Den Vormittag lang Kindern zugucken, wie sie Arbeitsblätter ausfüllen oder ebensolche nachkopieren, darauf habe ich wirklich keine Lust, dann schaue ich mich lieber nach Plan B um. Ganz ruhig und geerdet, das Leben geht weiter. Wenn ihr das Goldene vom Ei gefunden habt, schön, vielleicht muss man mich als Herzblut-Lehrer tatsächlich ausrangieren. Und es muss mindestens das Goldene sein, denn die Grundschullehrerin sagte zu Sonjas Mama: „Wissen Sie, unser neues System ist einfach alternativlos, wenn wir den heutigen Kindern gerecht werden wollen.“

Die Gesellschaft wird sich noch schneller wandeln, als wir es geglaubt haben, denn ich vermute, dass es Menschen prägt, wenn sie in ihrer Kindheit die Vormittage allein in Stillarbeit vor Regalen verbracht haben. Mal ein, zwei Stunden die Woche am Vormittag oder in der weiterführenden Schule bei einem Lehrer – meinetwegen – aber nicht als radikales System. Ich wäre unglücklich, würde man mich regelmäßig ans Regal verbannen. In der Grundschule habe ich häufig für die Lehrerin gelernt, wollte auch mal aufgerufen werden, mal meinen Text der Klasse vorlesen dürfen und auch mal Applaus von meinen Klassenkameraden bekommen. Die eindrücklichsten Stunden waren die, in denen zwischenmenschlich etwas passierte. Aber vielleicht verkläre ich.

Lucy ist so ein toller Mensch geworden, trotz der auf einmal verschrieenen Grundschule „alter“ Art, verantwortungsbewusst und sehr sozial. Leo soll diese Chance auch bekommen. Und er soll möglichst umfassend gebildet werden. Lucy hat man zu Mathe zwingen müssen und übrigens auch zum Lesen – das ist ihr anfangs schwer gefallen, aber wir Eltern haben nicht locker gelassen, bis sie die Bücher lieben gelernt hat. Jetzt verschlingt sie sie.

Am Ende wird es heißen, seht ihr, dieses neue System produziert genügend Gymnasialschüler, es funktioniert also. Dass dahinter die Eltern stehen, die nachmittags ihre Kinder unterrichten oder zum Lernen anhalten, wird verschwiegen werden. Denn es passt nicht in die Ideologie, dass jedes Kind hochbegabt ist und folglich von allein lernt.

Viele Grüße aus der aufgewühlten Provinz von eurer Frau Henner

Advertisements

35 Kommentare zu “SW 20: Politikum oder der Untergang des Abendlandes”

  1. Tja, und die Forschung sagt ja auch ‚was Anderes (habe vorgestern eine Klausur über Pädagogische Psychologie geschrieben). Bei Interesse schicke ich Dir die Folien zu „Lehren“ gerne als Email-Anhang.

    Gefällt 1 Person

  2. Man könnte das ganze Programm auch mit der Überschrift versehen: „Keine Bildung für alle“; Bildung gibt es nur noch zuhause von Eltern, die dazu in der Lage sind. Und als Lernbegleiter braucht man auch keine Lehrer mehr, das kann doch jeder, es bedarf nur standardisierter Arbeitsmaterialien. Das erleichtert auch das Testen nach OECD-Norm. (Die Verlage sind schon in den Startlöchern.)

    Gefällt mir

    1. Die Normierung, die dahinter steckt, ist genau ein Punkt, der mich stört, weil er unter dem Deckmantel der Individualisierung daherkommt. Und zudem ist ein kopiertes Mathebuch auch kein modernes Arbeitsmaterial. Als ob eine Lerntheke an sich besser ist. Sie kann sinnvoll sein, aber dann muss sie gut sein und an der richtigen Stelle eingesetzt werden – und begleitet. Oft erlebe ich Lerntheken allerdings als Notnagel, weil man Besonderes machen will und nicht weiß, wie. Ich scheitere regelmäßig, wenn ich auf Material von Verlagen zurückgreife und stelle eines fest – die scheinen meine Schüler nicht zu kennen und deren Probleme. Deshalb fühle ich mich bis jetzt auch wesentlich in meinem Unterricht. Ich kenne meine Schüler nämlich recht gut und versuche in der INTERAKTION mit ihnen aus jedem noch ein Stückchen herauszuholen…
      Die Sache mit der OECD geht mir übrigens auch schon lange durch den Kopf. Ich wüsste gerne mehr über diese nebulösen Normen…

      Gefällt mir

  3. Das darf doch nicht wahr sein! So viel absoluten Blödsinn wie im deutschen Bildungssystem aktuell produziert wird ist doch zum verzweifeln.
    Bin ich froh, dass meine jüngste Tochter schon in der ersten Klasse ist, und hoffentlich von diesem sinnlosen Reformwahn verschont bleibt.
    Wenn so ein Quatsch an unserer Grundschule eingeführt werden sollte, würde ich sie umschulen. Aber diesen Luxus hat man natürlich nur in der Stadt.

    Gefällt mir

  4. Zurück zum alten System: Bildung ist Privileg derer, die sie sich leisten können, der Pöbel muss arbeiten und braucht keine Bildung.
    Da wundert es mich auch nicht weiter, wenn in Berlin 2/3 der Drittklässler mit Migrationshintergrund und insgesamt um die 50% aller Kinder die Anforderungen der Grundschule gar nicht erfüllen und schon Schwierigkeiten mit Lesen, Schreiben und den Grundrechenarten haben.
    Ich hör lieber auf, ich merk schon, wie ich wieder zynische und bitterböse Gedanken habe.

    Gefällt mir

    1. Ich überlege gerade, ob das ein bisschen weit wegführt…
      für den Zynismus ist bei uns eh der Herr Henner verantwortlich…
      Sonjas Mama berichtete mir, dass es auch ganz begeisterte Eltern gibt. Immerhin sagt die neue Grundschule ja: Ihr müsst euch um nichts mehr kümmern, wir haben den einzig wahren Weg gefunden, wie sich euer Kind bilden kann, das funktioniert garantiert. Bildungsmisserfolg gab es bis jetzt bloß, weil altmodischer Frontalunterricht so etwas produziert. Ab jetzt wird alles gut. Wer hört das nicht gern.
      Inzwischen setzte ich die Forscherbrille auf und sage mir, beobachte mal weiter dieses seltsame Experiment… aber sorg dafür, dass es den kleinen Leo nicht tangiert.

      Gefällt 1 Person

      1. Hm, da sprichst du was an. Es ist definitiv bequem für manche Eltern, die sich jetzt angesichts der eierlegenden Wollmilchsau zurücklehnen können und darauf vertrauen, dass ihr Kind in dieser neune Schule schon perfekt untergebracht und umsorgt wird. Dadurch wird die ganze Erziehungsarbeit sowie ein realistischer Blick auf das eigene Kind noch sehr viel mehr vom Elterndasein entkoppelt, als es das heute schon zum Teil ist, wo viel zu viele Eltern ihre Kinder maßlos überschätzen und dann natürlich die Schuldigen in der Schule und im Lehrer suchen.
        Ich finde es gut, dass wenigstens der kleine Leo noch Unterstützung erhalten wird, und bedaure zugleich die anderen, die es nicht so gut haben.

        Gefällt mir

      2. Na ja, je länger der Fall, desto härter der Aufprall. Irgendwann ist die Zeit des selbstbestimmten Lernens und Tuns einfach vorbei.

        Außerdem frage ich ich, wie die nötige Übung absolviert werden soll.

        Gefällt mir

        1. Laut Aussage der Lehrkräfte üben die Kinder ja jeden Tag zwei Zeitstunden intensiv an ihren individuellen Problemen – zwei Zeitstunden Erarbeitung und konzentriertes Üben an Arbeitsblättern – lernpsychologischer Nonsens in meinen Augen.

          Gefällt mir

          1. Klar, wenn ein Grundschulkind das Dividieren nicht versteht, dann lernt es dann bestimmt selbständig.
            Genauso wie 8 jährige Junges bestimmt alleine an der Rechtschreibung und Schönschrift arbeiten.
            Ich bin inzwischen zu weit weg von der Lehrlingsausbildung, aber vor ein paar Jahren habe ich da bei den Einstellungstests erschreckendes gesehen. (Einfache Rechenaufgaben waren zu schwer, Rechtschreibung ein Katastrophe.)

            Gefällt mir

  5. ich betätige mich hier ja normalerweise nur als „stille Leserin“. Aber hier muss ich nun doch mal meinen Senf dazugeben.
    Derzeit bin ich Referendarin an einer Gemeinschaftsschule. Selbes Prinzip: Die Schüler (sollen) dürfen alleine und in „ihrem“ Tempo arbeiten. Rein praktisch sieht das dann so aus: Späteste Zeitpunkte für Lernnachweise, unterirdische „Notenschnitte“, Schüler die in der Masse abtauchen.
    Aber halt: ich vergaß. In meinen individuellen Förderstunden, kann ich mich natürlich immer um die einzelnen Schüler ganz toll individuell kümmern. Und die anderen 27 sind in der Zeit dann natürlich auch mustergültig brav, haben keinerlei Fragen und lernen alleine…(ich hoffe man erkennt meine Ironie …)
    Meine Meinung: Gemeinschaftsschule ist toll. Das Konzept ist in der Theorie schon gut. Rein praktisch: totale Katastrophe. Vor allem, wenn die Eltern nicht mitziehen. Und in 95% der Fälle ist es den Eltern egal was in der Schule stattfindet und was die lieben Kinderlein da so machen.

    Gefällt 1 Person

    1. Du beschreibst, was ich befürchte. In der Theorie klingt das so schön: Jedes Kind kann genau das lernen, was es braucht, es hat Erfolge, ist deshalb motiviert und lernt umso besser. Am Ende sind alle glücklich. Richtig ist ja auch, dass Kinder von Natur aus neugierig sind. Aber sind sie es immer noch, wenn etwas Mühe macht? Und Lernen macht nun einmal ab einem gewissen Punkt auch Mühe. Und dann sind wir in der harten Welt der Realität. Und diese Praxis sieht dann nicht mehr so rosig aus. Du beschreibst es ja…
      Der kleine Leo ist ein braves, interessiertes Kind. Aber wenn zwei weitere Jungs anfangen, nur herumzukaspern, wird er sich nicht intensiv einer Matheaufgabe widmen, die ihn sowieso nicht interessiert. Er wird entweder mitkaspern ( Man will ja auch cool sein.) oder zumindest diese beiden Jungen ständig aus den Augenwinkeln beobachten, denn der Blick auf die anderen Kinder ist enorm wichtig.
      Und du beschreibst einen wichtigen weiteren Punkt: Die Lehrerin sagte, sie könne sich so viel besser den Schwächen der Schwächeren widmen. Kinder wie Leo, die in der Regel funktionieren, geraten so aus dem Blickfeld. Du bist ja auch froh um jeden Schüler, der nicht stört, damit du dich den Problemfällen widmen kannst – und das ist völlig verständlich.

      Gefällt mir

  6. Was ich einfach nicht verstehe, ist das:
    es fällt ja Erwachsenen durchaus schwer, stets diszipliniert das zu tun, was sie tun sollen. In verschiedensten Bereichen ist das so, fängt an mit Ausgaben-Einnahmen-Buch führen und hört bei Genug-Bewegung-Machen noch lange nicht auf.
    Nun sind Erwachsene aber meist durchaus ausgereifte, zumindest in Ansätzen reflektierte Personen, die jede Menge Erfahrung gesammelt haben, einen weiten Zeithorizont überblicken können und in der Regel zumindest theoretisch wissen, dass ihr Handeln Konsequenzen hat.

    Erwachsene handeln trotzdem oft nicht
    – vernünftig
    – in ihrem eigenen Interesse
    – nachhaltig
    usw. usf.

    Und Sechsjährige bekommen das einfach so hin, woran Erwachsene so grandios und immer wieder scheitern?

    Nee, is klar.

    PS: Das new-and-improved System ist ja noch viel hinterfotziger und manipulativer als „klassische“ Schule.
    „Klassisch“ erfährt ein Sechsjähriger: „Wir lernen jetzt X (, weil …)“.

    „Neu“ bedeutet: „Ich tue so, als hättest du die freie Entscheidung, was du mit deiner Zeit anfangen willst, aber das ist eigentlich fake news,denn in Wirklichkeit hast Du die Entscheidung eben nicht, denn du kannst nur aus einem Pool von Aufgaben wählen, den ich dir zur Verfügung stelle. Dafür musst du dich jetzt aber selbst dazu zwingen, das zu lernen, von dem ich so tue, als stünde es dir frei, dass du es lernst. Und dann sollst du mir bitte auch noch dankbar sein, dass ich dir so viele Freiheiten gebe.“

    Was passiert denn eigentlich in dieser Besten aller Schulwelten, wenn ein Kind offen sagt (statt Fleiß zu simulieren): „Mich interessiert das alles nicht, ich möchte lieber auf meinen Block zeichnen!“

    Gefällt 1 Person

    1. Dann wird sich darüber Gedanken gemacht, warum das liebe kleine Kind eben nicht „freiwillig-gezwungen“ lernen will. Dann wird der Coachinglehrer eingeschaltet, das Lerntagebuch zu Rate gezogen und am Ende auch die Eltern mal gefragt..Evtl. noch die Schulsozialarbeit mit einbezogen ect.
      Diese Schüler gibt es zu genüge..

      Du sagtest es schon richtig.. auch ich habe derzeit herzlich wenig Lust für meine Prüfungen zu lernen. Aber ich muss. Also mach ich es. Weil ich Erwachsen bin. Weil ich mir der Konsequenzen, welche ein Nichtlernen zur Folge hätte, bewusst bin.
      Aber Schüler? Als wäre denen in der Grundschule oder auch in der Sek1 bewusst, was passiert. Der Abschluss und das Berufsleben sind noch so weit weg.
      Dazu kommt die irrwitzige Tatsache, dass es in der GMS ja keine Noten gibt. Man will schließlich weg vom Leistungsprinzpip. Die armen geplagten Schüler nicht mehr so unter Druck setzten. (entsprechend auch keine Nichtversetzung!)
      Doof wird es dann ab der 8. Klasse, wenn es eben um den Abschluss geht. ja huuuuuuuuuuch… nun will man ja doch Leistung. Und Schüler und Eltern fallen aus allen Wolken.

      Gefällt mir

      1. Ja, reichlich absurd.
        Aber ich verstehe nicht, wie man meint, ein gesamtes Luftschloss auf einem falsch gesetzten Stein im Fundament aufbauen zu können – wie man nicht erkennen kann (oder will), dass der Stein falsch gesetzt (oder bröckelig) ist. Der Stein ist die Idee: „Alle Kinder lernen freiwillig alles, was ich von ihnen möchte.“ Und es muss doch jeder Erwachsene wissen und verstehen, dass ER SELBST keinesfalls dazu zu bringen ist, freiwillig und, noch schlimmer, „lustvoll“ alles zu lernen, was andere Personen für wünschenswert halten – wenn das ohne Druck und ohne negative Konsequenzen geschehen soll.
        Die Fiktion ist doch die, dass das Kind eine Wahl hat und freiwillig lernen darf, ergo lernen wird – weil: freiwillig = gut. Das ist doch nicht so!
        Also entweder a) es gibt negative Konsequenzen, wenn das Kind nicht lernt, und zwar nicht erst in Klasse 8, oder b) man fühlt sich auch wohl damit, wenn das Kind gar nichts lernt, weil es momentan wenig Interesse an, sagen wir mal, den Verdauungsorganen des Igels hat.
        Also was jetzt?
        Falls a), und man verschleiert das, ist es unehrlich.
        Falls b), ist das für die Kinder doch langfristig katastrophal.

        Gefällt mir

        1. Antwort auf Supersansa:
          Auf Nachfrage bei Sonjas Mama habe ich Folgendes erfahren: Daran, dass wir Erwachsenen keine Lust mehr aufs Lernen haben, ist die herkömmliche Schule schuld, durch sie wurden aus uns neugierigen, weltoffenen, lernlustigen Kinden Bildungsmeider. Damit ist jede Diskussion sinnlos.

          Gefällt mir

          1. Ach SO. Na, dann ist ja alles klar….NICHT. Ich HABE nämlich Lust darauf, manches zu lernen; anderes möchte ich nicht lernen, weil es mich schlicht nicht die Bohne interessiert… Hat mich die herkömmliche Schule also nur partiell verdorben, oder (rhethorische Frage) ist diese Theorie einfach nur schwachsinnig?
            Am familieneigenen, damals extrem lernfaulen Ex-Teenager ließ sich übrigens schön beobachten, wie eifrig plötzlich gelernt wurde, wenn es um die Führerscheinprüfung ging – weil’s um ein angestrebtes Ziel ging, und weil’s ohne bestandene Prüfung keinen Führerschein gegeben hatte.

            Gefällt mir

      2. Die Grundschullehrerin sagte zu Sonjas Mama etwas Ähnliches: Noten seien sowieso kontraproduktiv und man könne sie ihretwegen auch abschaffen, sie würden auch weitgehend darauf verzichten, nur Zeugnisse müsse es halt noch geben, da ständen dann auch Noten drin. Vorher gibt es motivierende Verbalbeurteilungen.

        Gefällt mir

        1. Motivierende Beurteilung in der ersten Klasse? So wie in Arbeitszeugnissen, bemühte sich entspricht der 5. Tolle Idee, das versteht dann wieder nur das Elternhaus, das sowieso schon „priveligiert“ ist.

          Gefällt mir

    2. Das wird herauszufinden sein.
      Laut Grundschullehrerin würde man dann mit dem Kind ein Gespräch führen, da Unlust ja immer eine Ursache habe. Sicher sind die Kinder nach einem solchen gespräch sehr einsichtig.
      Was du ansprichst, ist genau der Punkt. Natürlich gibt es viele motivierende Dinge und der kleine Leo wird sich sicher begeistert auf Piratengeschichten stürzen, aber ob er einsieht, warum er Subtrahieren lernen soll? Und die kleine Sonja rechnet wahnsinnig gerne und hat Spaß dran, endlose Zahlenreihen aufzuschreiben, aber warum soll sie richtig schreiben, wenn es falsch auch geht? Rechnen macht eh mehr Spaß!
      Und so verstärken sich die Stärken, aber die Schwächen ebenso. Wäre ja nicht so schlimm, wenn sie nicht am Ende der vierten Klasse alle auf allen Gebieten weitergekommen sein sollten.

      Gefällt mir

  7. Ich habe manchmal den Eindruck, wir sind Zeitzeugen der Ausdehnung der Vorschuldidaktik auf das gesamte Schulsystem, deren soziale und ökonomischen Auswirkungen wir erst in den nächsten Jahren sehen und spüren werden. Gleichzeitig habe ich die Hoffnung, dass die engagierte Mittelschicht sich das nicht bieten lassen wird.

    Gefällt mir

    1. Diese Ausdehnung schreitet an manchen Orten vielleicht noch schneller voran, denn die letzte Konsequenz wäre, dann auch, alle weiterführenden Schulen nach diesem Modell auszubauen und nicht nur die GMS.

      Gefällt mir

  8. Es wird nicht dafür sorgen, dass Sie sich besser fühlen, aber folgenden Leserkommentar fand ich gerade auf zeit.de (kanns leider nicht direkt verlinken):

    „…, in welcher Welt leben wir eigentlich..“

    Meine Hausaufgaben habe ich selbständig erledigt.

    Kind 1 (heute über 30) hat seine HA selbständig erledigt.

    Kind 2 (20) und Kind 3 (18) brauchten Hilfe, da selbständiges Arbeiten zwar propagiert, aber nicht vermittelt wurde.

    Kind 4 (13) brauchte nicht nur Hilfe bei den HA, sondern ihm mussten wir in häuslichem Umfeld die Grundfertigkeiten im Lesen, Schreiben und rechnen beibringen, da in der Schule auf Gruppenarbeit, Wochenpläne und Lernstationen gesetzt wurde.

    Noch Fragen?

    http://www.zeit.de/karriere/2017-02/muetter-frauen-deutschland-arbeit-oecd?page=3#comments

    Gefällt mir

    1. Bei einem Gespräch mit einer anderen Grundschullehrerin an einer anderen GS (30 Jahre im Dienst) meinte diese, die Aufmerksamkeitsspanne vieler Kinder hätte in dem letzen Jahrzehnt merklich abgenommen, was sie als gesellschaftliches Phänomen betrachtet und in ihrem Unterricht nach Lösungen sucht. Der Wochenplan sei ein Mittel, um organisiertes Lernen zu lernen. Ich kann schlecht einschätzen, wie der Lernerfolg tatsächlich ist, da die gleiche GS-Lehrerin auch beklagte, wie wenig die Eltern ihr Kind noch selbst denken ließen, sie sehe immer mehr perfekt erledigte Hausaufgaben – wo Mütter ihrem Kind jedes Wort ins Heft diktiert hätten. Das unterstelle ich dir auf keinen Fall, kenne aber genügend solche Eltern, die nicht merken, dass sie durch übermäßige Kontrolle schon zuhause verhindern, dass ihr Kind selbständig wird. Leider sehe ich bei meinen Hospitationen einen zu kleinen Ausschnitt, um die Rolle der GS dabei mitbewerten zu können.

      Gefällt mir

  9. mh. ich bilde mir ein, mit wochenplänen, gruppenarbeiten und stationenarbeit gute bis sehr gute lernergebnisse hinzubekommen. nur: ich mache das nicht als monokultur, sondern im konzert mit anderen methoden, wie dem gefürchteten frontalunterricht, der stillarbeit oder der projektarbeit. das nichts-können und nichts-lernen setzt immer dann ein, wenn monokultur gefahren wird – freie arbeit für alle, friss oder stirb oder auch frontalunterricht für alle, friss oder stirb usw. und/oder die lehrkräfte nichts oder wenig können. letzteres ist meiner erfahrung nach meist weniger der fall, ersteres fast immer zu vermeiden, wenn man kein ref mehr ist und den mumm hat, sich gegen die beknackte methodische vorgabe zu stellen.

    die geschilderte gs klingt nach montessori für ohne montessori aka ein albtraum. gibt es keine chance, den kleinen leo anderswo unterzubringen? es muss doch auch noch ’normale‘ gs geben (mit ein bisserl freier arbeit, aber auch frontalen phasen und wenn nur frei, dann wenigstens konsequent und gut gemacht nach montessori…)… die armen kinder. und ich bin echt fan von offenem unterricht. und von wortgutachten. aber alles zu seiner zeit an seinem ort… und niemals als allein selig machendes universalheilmittel.

    Gefällt 1 Person

  10. ad personam, na dann. hast du auch ein sachliches argument zum thema beizutragen? die finde ich persönlich viel, viel spannender als deine probleme mit der bewusst vermiedenen groß- und kleinschreibung hier… was übrigens sehr viele leute im kulturbetrieb und in der (germanistischen!) forschung in ihrer schriftlichen alltagskommunikation so halten. wenn du es nicht lesen magst, gibt es eine einfach lösung: lies es nicht.

    Gefällt mir

    1. Ad personam wäre gewesen, wenn ich unterstellt hätte, dass es auf Grund persönlicher Defizite nicht zu einer Großschreibung reichen würde.
      Ich hoffe nur, dass dieses persönliche Hobby nicht im Unterricht gepflegt wird.

      Gefällt mir

    1. Headline zu obigem Link:
      Student-centered instruction and academic achievement: linking mechanisms of educational inequality to schools’ instructional strategy

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s