Fastnacht – Zeit, über den Tellerrand hinauszuschauen – Die Gedanken sind frei!

Liebe Leser,

nach dem letzten Schneesturm genießen wir alle die kräftigen Sonnenstrahlen im Garten. Ich blättere in alten GEOs. Eigentlich wollte ich mich absolut nicht mit Schule beschäftigen, nein, da gibt es momentan zu viele Baustellen in meinem Kopf, der denkt nämlich in letzter Zeit auch manchmal einfach nachts weiter, obwohl ich das gar nicht will! Aber dieser eine kleine Artikel mit dem großen Aufmacher „Digital macht schlau!“ kann doch nicht schaden. Also überfliege ich ihn. Mich regt tatsächlich nichts mehr auf, auch nicht, wenn soviel Dummheit zusammenkommt wie in diesen Zeilen.

Dabei habe ich gar nichts gegen neue Medien. Ihr wisst ja, ich nehme Hörspiele auf, drehe Filmchen mit den Schülern, habe ihnen neulich im Computerraum gezeigt, dass jeder ein anderes Suchergebnis bei google bekommt, selbst wenn wir alle unisono den gleichen Suchbegriff eingeben, neulich habe ich sie kostenlose Lernsoftware ausprobieren lassen… ich muss mich, glaube ich, nicht zum alten Eisen zählen und auch nicht rechtfertigen.

Aber eines überlege ich immer: ist mein Medieneinsatz sinnvoll, was sollen die Kinder eigentlich lernen dabei, was nehmen sie aus dem Umgang mit dem Medium mit? Klar, Kinder müssen ein digitales Gerät anschalten können, sie sollten erkennen, welche Möglichkeiten darin stecken, und genauso merken, wenn sie auf Grenzen stoßen, was unumstritten das Schwierigste ist. Und das  alles ist nicht wenig – das ist ein lebenslanger Lernprozess, der von uns und den Eltern lediglich initiiert werden kann. Denn er ist ein Lernprozess neben vielen anderen.

Na, dann mal los, immerhin heißt der Untertitel des Artikels „So nutzen Eltern und Lehrer die neuen Chancen“. Frau Henner will was lernen.

Die Eingangsbeispiele geben schon die Richtung des ganzen Artikels vor. Beispiel eins ist die niederländische Digitalis-Schule, in der Kinder an iPads ganz individuell Aufgaben bearbeiten. Die Eltern können in den Urlaub fahren, wann sie wollen, denn es gibt keinen Unterricht mehr, da jedes Kind in seinem Tempo seinen Lernstoff bearbeitet. Der Autor ist sichtlich beeindruckt. Beispiel zwei kontrastiert die von ihm selbst erlebte Wirklichkeit seiner Tochter, die für teures Geld Englisch-Wörterbücher kaufen soll. Überhaupt sei die Schultasche viel zu schwer, voll unnötiger Bücher, wo das Kind doch übers Smartphone mit dem größten Lexikon der Menschheitsgeschichte – wikipedia – verbunden sei. Spätestens jetzt hätte ich den Artikel weglegen sollen. Hier werden Ebenen verwechselt, Schlussfolgerungen ohne innere Logik gezogen und im Großen und Ganzen sehr plakativ, wenn nicht schon demagogisch gearbeitet. Aber ich lese weiter, ist ja schließlich ein GEO-Artikel.

Der Autor sieht im Bildungsziel der Schule vorrangig, und er beruft sich dabei nebulös auf „Bildungsforscher“, Fähigkeiten für das 21. Jahrhundert. „Dazu bedarf es Informationskompetenz, also der Fähigkeit, in einem bunten Bilderstrom Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.“ Wer kann da schon etwas dagegen sagen?!

Ich.

Ohne Ausrufezeichen.

Eingangs berichtet der Autor begeistert von einer Schule, in der alles bis auf das iPad abgeschafft wurde, regt sich dann über klassische Medien wie Bücher auf (Über deren Gewicht sich in der Tat streiten lässt. Hätte die Lehrerin der Tochter die digitale Version empfohlen, wäre aber der Aufreger nicht vorhanden…), um dann zu konstatieren, das Wichtigste, das Schüler lernen müssten, wäre die Fähigkeit, Informationen aus dem Netz ordnen und bewerten zu können. Sieht der Autor den Fehler in seiner Argumentation nicht?

Wie soll ich eine Information einordnen, wenn ich kein abgesichertes System habe, in die ich die Information stecken kann? Wie soll ich eine Information bewerten, wenn ich gar nicht über genügend Grundwissen verfüge, das mir dies überhaupt erst ermöglicht, über einen normativen Rahmen, den ich mir nicht aus Fakten zusammenbasteln kann? Wieso geht es nur um Informationen? Bin ich als Mensch des 21. Jahrhunderts nur noch eine Wissensabrufmaschine? Was nutzt mir ein bloßer Fakt aus Wikipedia, wenn ich ihn nicht selbst in Zusammenhänge setzen kann? Und kann meine Basis dafür allein und wiederum ein digitales Medium sein? Was machen denn die Leute bloß mit dem vielen verfügbaren Wikipedia-Wissen?

Ganz ehrlich, ich bin froh, dass meine Tochter Lucy inzwischen viele andere Kompetenzen in der Schule erworben hat, mit denen sie hoffentlich gut durch das 21. Jahrhundert kommen wird. Ihr Denken ist so flüssig geworden, ihr Gedächtnis immer im Training, ihre Sicht inzwischen multiperspektifisch und sie hat eine gesunde, kritische, pazifistische Lebenseinstellung erworben. Solche Menschen braucht das 21. Jahrhundert. Und nebenbei, Lucy ist schlau genug, sich das Bedienen eines digitalen Mediums rasch anzueignen, da habe ich keine Sorgen. Ich habe überhaupt keine Angst um Lucy – obwohl sie immer noch kein Smartphone besitzt. Lucy ist ungemein interessiert an vielen Dingen, manchmal surft sie übers Tablet, aber da dies ein Freizeitgerät bei Jugendlichen ist, schaut sie dort vorrangig die neusten Informationen über ihre Stars an. Soll sie, das ist in Ordnung.

Lucy liest ansonsten nämlich eine Menge. Sie verschlingt Bücher, dicke Fantasy-Romane, düstere Zukunfstszenarien, Sachbücher über Tiere, Geschichte, den Menschen, Zeitschriften wie National Geographic oder eben die GEO, von denen man fundiert recherchierte Artikel erwartet. Eigentlich. Wenn Lucy etwas irritiert, spricht sie mit uns darüber. Um ein solches Mädchen geht es auch in einem der nächsten Abschnitte des Artikels, den muss ich euch zitieren:

„Burn, 60, war 24 Jahre lang Lehrer und lehrt heute als Professor am London Knowledge Lab, einem Institut zur Erforschung digitaler Medien in der Bildung. In einer englischen Schule befragte er Sechstklässler zu Harry Potter und filmte die Interviews. „Hier, dass ist die typische Leserin“, sagt er und zeigt ein Mädchen, das mit leuchtenden Augen referiert, „sie zitiert das Buch wörtlich. Aber er hier, dieser Junge kennt das Buch überhaupt nicht. Ich glaube, das ist so einer, der in seine Schulbücher aus Langeweile Monster zeichnet.“ Der Junge erzählt stattdessen vom Harry-Potter-Computerspiel. „Das Mädchen bekäme wahrscheinlich eine Eins, der Junge höchstens eine Vier“, sagt Burns, „Doch das ist ungerecht: Der Junge besitzt eine herausragende Spiele-Bildung. Er kann genau erklären, warum er Harry Potter nicht leiden kann – Schoßhündchen des Lehrers nennt er ihn – und welche dramaturgischen Lücken das Spiel hat.“ Computerspiele verbinden Geschichte, Architektur, Musik, Fotografie und Videos; sie können die Komplexität eines Gesellschaftsromans haben und verlangen ein tiefes Verständnin multimedialer Verknüpfungen, sagt Burn „Diese Fähigkeiten werden in der Schule aber nicht abgefragt, im Gegenteil, sie werden negativ bewertet.“ Dabei könnten diese Kenntnisse im Jahr 2020 Gold wert sein – etwa, wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter in Computersimulationen schulen, wie bei Piloten und beim Militär längst üblich.“

Soviel Schwachfug habe ich lange nicht gehört. Ich zähle einmal recht wahllos und sicher nicht vollständig auf, welche Fehlschlüsse oder falschen Behauptungen in diesem Absatz vorliegen:

  • Das lesende Mädchen wird abfällig bewertet und ihr wird ohne jegliche Grundlage die Fähigkeit abgesprochen, sich ebenso wie der Junge durch die Komplexität eines Computerspiels arbeiten zu können.
  • Burns glaubt, der Junge male aus Langeweile Monster in sein Schulbuch. Glauben hat in der Wissenschaft keinen Platz und führt hier zu keinem sinnvollen Ergebnis, außer dass der Leser den armen, missverstandenen Jungen bedauern soll. Ursachenforschung sieht anders aus.
  • Für welche Leistung soll das Mädchen eine Eins bekommen und der Junge eine Vier? Diese Aussage hat keinerlei Grundlage.
  • Das Wort „ungerecht“ hat dort ebenfalls nichts zu suchen, denn eine Leistung zu bewerten hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun – zuallererst braucht es Kriterien, nach denen die Bewertung vorgenommen wird. Die Bewertung ist dann lediglich das Einordnen nach der Erfüllung ebendieser Kriterien. Das sollte ein Wissenschaftler eigentlich wissen. Aber solange er uns seine Kriterien nicht nennt, bleiben alle seine Aussagen im luftleeren Raum.
  • Als Beispiel führt Burn dann das nebulöse Wort Spiele-Bildung ein und besteht auf der Komplexität von Computerspielen. Sei es drum, nehmen wir dies mal als gegeben an – dies zu diskutieren, wäre ein ganz neues Thema – wenn der Junge an seinem Spiel sich tatsächlich eine große Kompetenz im Umgang mit Komplexität erwirbt, wo ist dann eigentlich das Problem? Er müsste das doch genauso auf andere Inhalte übertragen können wie das Mädchen sein Komplexitätswissen aus Harry Potter. Es stimmt einfach nicht, dass die Schule den Umgang mit Komplexität nicht honoriert. Sie macht es nur nicht am Beispiel eines Harry-Potter-Spiels, genausowenig wie am Jugendroman selbst. Auch das lesende Mädchen muss seine erworbenen Fähigkeiten an anderen Inhalten, Zusammenhängen unter Beweis stellen.

Der Burn-Absatz gipfelt in folgender Schwarz-Weiß-Malerei, die vom Autor nicht hinterfragt wird. „Romane galten früher als trivial, und Lesen ist eine sehr antisoziale Angelegenheit“, sagt Andrew Burn, „Spiele können dagegen sehr kommunikativ sein.“ Kein Kommentar von meiner Seite.

Der Autor scheint keine guten Erfahrungen mit der Schule gemacht zu haben, denn wenn er von der „klassischen“ Schule spricht, meint er „muffige Lernanstalten“. Also kommt ihm zum Abschluss seiner Ausführungen die Aussage Christoph Meinels vom HPI sehr entgegen:

„Heute geht es nicht mehr darum, dass die Oma an ihrem 70. Geburtstag ein Gedicht aufsagen kann, dass sie als Kind in der Schule gelernt hat. Lernen ändert sich. Heute müssen Massen von Informationen konsumiert werden, aber Wissen muss nicht solange vorhalten wie früher.“

In diesem Sinne, vergessen wir diesen Artikel lieber gleich wieder! Was haben die Menschen bloß für ein Bild von Schule? Als ob ich jedem meiner Schüler einen Trichter in den Kopf stecke und dann Fakten hineinschütte! Und weil es heute zu viele Fakten gibt, lassen wir das lieber ganz… hä? Wann waren diese Menschen das letzte Mal in einem normalen, aber modernen Schule? In einem Unterricht wie meinem, in dem Frau Henner vorne manchmal erklärt, tanzt, singt und lacht, die Kinder schreiben, lesen, nachdenken, streiten, diskutieren, ihr Gedächtnis auch mal durch Auswendiglernen trainieren, Frau Henner nacheifern wollen, sie sicher manchmal auch total doof finden und das Leben ungerecht, wo sie in einen Wettstreit gegeneinander treten, wo sie miteinander Projekte bearbeiten, wo sie lachen und weinen – wo sie leben. Und manchmal auch einen Dialog mit dem Tablet aufnehmen, Standbilder fotografieren oder eine bestimmte Sache kontrolliert im Internet recherchieren.

Auch wenn bei uns nicht alles so gut strukturiert, sauber und leise wie in der Digitalis-Schule abläuft, bin ich mir sicher, dass Lucy lieber in unsere Schule geht. Da kann sie auch mal fünf Minuten abhängen und keiner kriegt das mit, kein Computer überwacht jeden ihrer Schritte, sie wird nicht für andere gläsern. Wenn Lucy mal fünf Minuten abhängt, streifen ihre Gedanken zu den vielen Figuren aus den Büchern, die sie liest. Soll sie, Lucy ist ein junger Mensch mit viel Fantasie und Träumen. (Nebenbei- Lucy spielt sogar Computerspiele und redet mit mir über ihre Bücher.) Sie wird erwachsen werden in einer digitalisierten Welt. Lassen wir ihr ihren Freiraum. Es gibt da dieses schöne, alte, deutsche Lied: Die Gedanken sind frei! Na, wer weiß den Text noch und muss ihn nicht erst googeln?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

 

 

 

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