SW 22: Blickkontakt

Liebe Leser,

heute wage ich mich an ein heikles Thema. Denn da ist dieser Schüler. Ich mag ihn. Er ist in der Oberstufe, sieht ganz gut aus, ist schlau, höflich, nicht mainstream, sondern eher ein bisschen Außenseiter, ohne ein Nerd zu sein. ABER ich mag ihn nicht mehr als andere nette Schüler – und da gibt es in meiner Oberstufe ein Menge liebenswerter Menschen.

Mit diesem Schüler ist allerdings etwas anderes. Er sitzt in der ersten Reihe und er schaut mich zu lange an. Manchmal, ganz unvermittelt fängt er im Unterricht meinen Blick und guckt mich einfach an. Er lächelt nicht, er schaut auf eine seltsam intensive Art.

Und ich gucke zurück. Schließlich kann ich nicht schamvoll den Blick senken. Da ist keine Scham. Ich muss mich nicht verstecken. Natürlich zwinkere ich ihm nicht zu oder mache irgend etwas Zweideutiges. Ich versuche, genau so zu gucken, wie ich auch andere Schüler anschaue: mit offenem, meist freundlichem Blick. Und er guckt weiter zurück. Noch eine Sekunde und noch eine und noch eine…

Mit keinem anderen Schüler habe ich einen solchen Blickkontakt. Schließlich gibt es in jeder Gesellschaft dafür Regeln. Wer blickt wen wie lange an, bis der andere wegguckt. Schüler gucken in der Regel schnell weg oder lächeln einen freudig an. Lange Blicke bedeuten etwas, tiefe meist etwas Erotisches.

Läuft da was?

Nö, kann ich nicht behaupten. Da knistert nichts. Und ich denke schon, dass ich eine Antenne dafür hätte. Warum guckt er dann so? Merkwürdigerweise beachtet er mich im Schulhaus gar nicht weiter, grüßt normal wie jeder andere Schüler, den ich unterrichte. Warum dann im Unterricht? Da schon wieder! Alle Schüler schreiben etwas, er schaut mich an. Die Sekunden verstreichen. Er lässt sich Zeit.

In meinem Alter – hüstel, hüstel – kann ich ganz gelassen bleiben und sogar lächeln. Hach, jetzt hat er sogar zurückgelächelt und schreibt wie alle anderen. Es sind doch die kleinen Momente, die einen Tag bedeutsam machen können.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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2 Kommentare zu „SW 22: Blickkontakt“

  1. Süße Geschichte und ja, so ist es, wenn man sich in der Oberstufe bewegt. Blickkontakte, sofern sie nicht Überhand nehmen, denn dann bestelle ich mir einen jungen Mann auch schon mal zum Gespräch und setze massiv Grenzen in Anwesenheit eines zweiten bezeugenden Lehrerkollegens (!), sind eigentlich was Nettes in unserem Beruf. Sie zeigen mir, das man mich mag und dass man mich als Person sympatisch findet. Irgendwie brauchen wir doch so was in diesem Wahnsinn des Schulgeschäfts, immer wieder zweifelt man doch mal, ob es das alles überhaupt noch wert ist, oder nicht? Aber wenn dann solch eine Nettigkeit wie ein Blickkontakt einen berührt (und der würde ja nicht entstehen, wenn man die verhasste und blöde Frau XYZ wäre), dann ist für den Moment was zurecht geschoben und in Ordnung, man fühlt sich gut und bestätigt. Und das ist einfach ein gutes Gefühl. LG Ela

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