SW 24: Alle Jungs sind hochbegabt!

Liebe Leser,

Hendriks Mama schreibt mir gerne E-Mails. Da bittet sie für ihren Sohn um dies und das, fragt sell und jenes nach, macht mir gerne Verbesserungsvorschläge und schlägt so manches Mal auch einen fordernden, vorwurfsvollen Ton an. Ihr kennt sie alle. Bei euch heißt sie Justus-Mama oder Cornelius-Mama oder Thore-Maximilian-Hanibal-Mama. Mit Helikopterflügeln umschlingt sie ihren Prinzen und macht ihn damit bewegungsunfähig, ohne das zu merken. Hendrik ist nicht organisiert, was natürlich daran liegt, dass wir in der Schule keinen ordentlichen Packplan herausgeben, mit dem Mama abends für Sohnemann die Schultasche packen kann. Hendrik meldet sich selten und traut sich nicht, frei von der Leber weg zu antworten, was natürlich auf keinen Fall damit zu tun hat, dass bis jetzt die Mama als Souffleuse dem kleinen Genie auf die Sprünge hilft und seine Äußerungen und Ansichten vorformuliert. Nein, wie komme ich denn dadrauf.

Schließlich ist Hendrik hochbegabt und einfach unterfordert.

An meiner Schule kümmere ich mich um einige Fördermöglichkeiten für hochbegabte Kinder. Es gibt da Stiftungen, Wettbewerbe, Begabtenprogramme. Bei einigen dieser Förderungen melde ich regelmäßig ausgewählte Schüler an. Selten bekommt man das Stipendium einfach so, da muss man schon was leisten und die Ansprüche sind hoch. Steckt ja schon drin in dem Wort HOCHBEGABUNG. Selten schafft es eines der von uns ausgewählten Kinder in diese Programme. Leider, es gibt zwar viele Möglichkeiten, aber dort dann wieder wenig Plätze.

Es ist gar nicht so leicht, hochbegabte Kinder zu finden. Nicht, weil nicht jedes hochbegabte Kind auffällt, nicht, weil der Begriff der Hochbegabung umstritten ist und unterschiedlich definiert werden kann, auch nicht, weil es ja noch den sogenannten Hochleister gibt, der auch bedacht werden will, sondern schlichtweg weil es gar nicht so viele hochbegabte Kinder gibt.

Zumindest an meiner Schule.

Es gibt in jeder Klasse die Hochleister, bei denen ich auch schaue, wie ich sie fördern kann, wenn ich die Klasse betreue. Es gibt viele sehr gute Schüler und talentierte junge Menschen, die an einem Gymnasium eigentlich goldrichtig sind und durch anspruchsvollen Unterricht und Eigeninitiative außerhalb der Schule sehr gut durch ihre Jugend kommen, aber hochbegabte Schüler gibt es eben nicht wie Sand am Meer.

Da ist das Mädchen, dass regelmäßig schlechte Noten schreibt, aber laut Testung einen IQ von 130 hat. Wow, denkt sich jeder. Hochbegabt. Wahnsinnig intelligent, würde ich erst einmal sagen und die dann Kollegen fragen, warum sie dann eigentlich solche durchschnittlichen Noten hat. Langweilt sie sich, ist sie unterfordert, wie können wir sie aus dem Loch holen? Und da heißt es: „Die ist selbst zu faul zum Vokabellernen.“ Wie soll ich ein solches Kind bei einem Föderprogramm unterbringen, was zuerst auf intrinsische Motivation setzt? Ein hoher IQ reicht nämlich noch nicht aus.

Aber immerhin haben wir hier wenigstens den überdurchschnittlichen IQ. Hendrik ist nicht getestet. Wir Lehrer sehen da keinen Grund. Hendrik ist intelligent, er passt aufs Gymnasium. Wenn seine Mama ihn endlich loslassen würde, könnte er vielleicht auch gute und sehr gute Noten erzielen, so dümpelt er halt eher im Durchschnitt herum. Aber diese Expertise braucht seine Mama gar nicht. Klar ist IHR Hendrik hochbegabt. Wie der mit LEGO baut!

Jetzt muss ich wirklich schmunzeln. Genau das erzählen mir mindestens 80% aller Jungen-Eltern. „Aber er baut so toll mit LEGO!“

Liebe Jungs-Eltern:

LEGO ist ein tolles Spielzeug. Es fördert räumliches Vorstellungsvermögen, bei ausreichender Anzahl an Bauteilen sicher auch Fantasie, es motiviert zum stundenlangen, konzentrierten Arbeiten. Ja, liebe Eltern, wir brauchen in Deutschland eine Menge guter Ingenieure und Facharbeiter jeglicher Couleur. Lasst eure Jungs also ruhig mit LEGO spielen.

Aber: fast jeder Junge in meiner Klasse baut stundenlang mit LEGO und bringt es infolgedessen auch zu beachtlichen Leistungen.  Es gibt einfach keinen unbedingten Zusammenhang zwischen LEGO-Bauen und Hochbegabung. So leid es mir tut, liebe Hendrik-Mama, liebe Justus-Mama. Lassen Sie Ihren Thore-Maximilian-Hanibal ruhig damit spielen und freuen sie sich über die Ruhe im Kinderzimmer. Freuen Sie sich, dass Cornelius Freude hat, eine schöne, behütete Kindheit.

Messen Sie ihr Kind aber nicht an einer solchen Fähigkeit – vor allem, wenn Sie keine Ahnung haben, was andere Kinder eigentlich imstande sind zu leisten. Vielleicht baut Tim viel schneller, Jonas kreativer, Mehmmet versucht sich schon an elektomechanischen Konstruktionen, Aladin programmiert kleine Apps und Alex hat schon zweimal Jugend-musiziert gewonnen und arbeitet gerade an seiner ersten Eigenkomposition.

Alles nette Kinder, alle begabt auf ihre Weise und geliebt von ihren Eltern. Warum muss dann Ihr Hendrik ausgerechnet hochbegabt sein, weil er so toll LEGO baut, aber weder im naturwissenschaftlichen Unterricht noch in Kunst besonders positiv auffällt? Haben Sie Ihr Kind auch ohne dieses Gütesiegel lieb?

Ich kann Ihnen also kein Förderstipendium anbieten, tut mir leid, auch wenn Sie so tun, als wären solche Programme allein für Hendrik geschaffen. Aber wie wär’s, kaufen Sie ihm doch einfach noch mehr LEGO. Er wird Freude daran haben.

 

Viele Grüße aus der Provinz von Ihrer Frau Henner

Advertisements

6 Kommentare zu „SW 24: Alle Jungs sind hochbegabt!“

  1. Och Mensch, jetzt hast du mir meinen Abend versaut. Mein Vierjähriger baut stundenlang mit LEGO und ich war fest davon überzeugt, spätestens wenn er in der weiterführenden Schule ist (vielleicht könnte er ja vorzeitig eingeschult werden und in der GS eine Klasse überspringen, dann wär’s bis zur weiterführenden Schule gar nicht mehr soooo lang hin), würde endlich jemand seine Hochbegabung erkennen! 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Frau Henner,
    hab ich schon einmal erzählt, wie ich in einer hochgeachteten Hochbegabten-Veranstaltung Workshops abgehalten habe? Ja ich kenne mich aus, meine Söhne haben auch ganz toll Lego gebaut. Und ich war bestimmt auch ein hochbegabtes Kind *hust*.

    Mein Material lag ein paar Tage vorher schon bereit und als ich dann eine Doppelstunde vetreten musste in einer normalen Klasse habe ich das Material einfach mitgebracht und mal geschaut wie weit die Kinder kommen. Die Klasse war hell begeistert und kam sehr weit in 90 Minuten (ich sag nur: kleine Enigma bauen und verschlüsseln). Die Hochbegabten fanden es zu schwierig und zu anstrengend und mindestens die Hälfte der Gruppe schaffte innerhalb 8 Stunden nicht so weit wie die normalen Schüler in der Doppelstunde.

    Jaaa, ich habe das mit den Hochbegabten-Workshops aufgehört. Lieber halte ich mich an die Schüler, die wollen und deren Begabung ist mir schnuppe. Gerade waren ein paar Schüler von mir, die an einem Bundeswettbewerb teilgenommen haben auf einem Workshop für besonders gute BadenWürttembergische Teilnehmer und kamen mit glänzenden Augen und sprudelnd zurück und wünschen sich zu Ostern Bücher, die man eigentlich im Studium liest (Klasse 10).
    Ehrlich: ich glaube wenn man will kann man sowohl den Bundeswettbewerb Mathe, Inf oder Physik gewinnen ohne hochbegabt zu sein. Ich kenne Professoren dieser Fächer, die nicht hochbegabt sind. Man braucht eine leicht überdurchschnittliche Begabung, viel Wollen, eine gute Arbeitshaltung, eine stabile Psyche und Umfeld. Und um Professor zu werden ist ein Y-Chromosom nicht schlecht. Aber das ist eine andere Geschichte.
    Liebe Grüße
    Coreli
    P.S. aber auf meine Hochbegabtenklasse in Medienkunde lasse ich kein schlechtes Wort kommen. Die sind so Zucker, dass ich ihre Eltern unbekannterweise nur beglückwünschen kann. Alle Lehrerinnen wollen mindestens eines dieser Kinder direkt adoptieren (aber die Eltern wollen sie nicht hergeben) . Ich sag nur:Es geht doch!

    Gefällt 4 Personen

    1. Was du schreibst ist sehr interessant – ich wusste gar nicht, dass es tatsächlich LEGO-Kurse gibt!

      Und es deckt sich mit meinen Erfahrungen. Überdurchschnittliche Leistung zeigt sich in einer leicht überdurchschnittlichen Intelligenz (in theoretischen Bereichen) und einer intrinsischen Motivationslage. Stimmt dann noch das Umfeld, können sich da sehr viele Kinder entfalten – und natürlich auch die Kinder mit dem überragenden IQ! In praktisch orientierten Bereichen braucht es noch nicht einmal einen überdurchschnittlichen IQ – immer wieder kann ich im Schulhausflur erleben, wie mittelmäßige Schüler in unserem BK-Unterricht aufblühen und durch Ehrgeit und Training unglaubliche Fähigkeiten entwickeln.

      Ohne diese Motivation geht allerdings häufig gar nicht viel – und genau das ist der Punkt. Hendrik-Mama tut nämlich so, als ob wir Lehrer eben einfach ihr Kind nicht motivieren können, so dass es seine Begabung nicht entwickeln kann. Bei LEGO zuhause geht es schließlich.

      Da finde ich deine Erfahrung sehr wertvoll: Woran lag es deiner Meinung nach, dass im Hochbegabten-Workshop die Schüler nicht so weit gekommen sind? War denen das Bauen mit LEGO zu popelig? Oder fehlte ihnen die LEGO-Manie zum schnellen Erfolg?

      Liebe Grüße von Lilo

      Gefällt mir

  3. Danke für diesen Beitrag, er spricht uns mal wieder sehr an. Ja, diese Eltern, die immer nur das beste wollen für ihre Kinder…aber wollen sie das wirklich? Sehr häufig erkennen wir in den ganzen schriftlichen und verbalen Äußerungen uns Lehrern gegenüber, dass Eltern gar nicht merken, was sie ihren Kindern da antun und dass es im eigentlichen Sinn und Bemühen nicht darum geht, dass ein „hochbegabtes“ Kind nicht adäquat gefördert wird, sondern dass es nur darum geht, dass eigene Ziele im Leben nicht erreicht wurden und die Kinder nun dazu benutzt werden, diese für sie zu erreichen. Der Druck, der dadurch für die Kinder entsteht, ist enorm und nicht selten treten Aggressionen oder Magersucht, Depressionen und Sonstiges auf.
    Lasst die Kinder sich selbst finden, Hochbegabung hin oder her, sie nützt einem Kind nicht viel, wenn es seinen eigenen Weg nicht finden und gehen darf im Leben. LG Ela☕

    Gefällt 1 Person

  4. Zynisch fällt mir dazu ein: Hochbegabt bescheuert.

    Ich denke vielmehr, es gibt eine theoretische Intelligenz, und eine praktische Intelligenz.
    Ich kenne Menschen, die haben zwar einen IQ von über 120, sind aber vollkommen hilflos in lebenspraktischen Dingen. Zwar hoch getestet, aber nicht verfügbar.
    Andererseits kenne ich Menschen, die als dumm bezeichnet werden, rein von der Testung her. Allerdings war es bei uns einer von Denen, der auf die Idee mit dem Einmalschlüpfer aus der Drogerie kam, als dem kleinen Bruder unterwegs ein Malheur passierte. Und der ist dann da rein, hat solche Dinger gekauft, und das ganze Drumherum gemanagt.

    Die vermeintlich Hochbegabten, denen das immer kommuniziert wurde, das sie was „Besseres “ sind, denen scheinen normale Beschäftigungen total gewöhnlich.
    Hochbegabung findet ja auch vielfach nur in Teilbereichen statt. Ich kenn einen, der hat nachweislich seine meisten IQ – Punkte im mathematischen Bereich und beim räumlichen Vorstellungsvermögen erreicht.
    Über die sprachlichen Fähigkeiten will ich mich mal nicht äußern. 😉

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s