SW 25: Hurra, ich mag sie!

Liebe Leser,

der Endspurt vorm Abitur hat meine Nachmittage in Beschlag genommen. Da müssen in kurzer Zeit noch überall Klausuren korrigiert werden, damit die Abiturienten vor den Osterferien mit einer letzten Rückmeldung und viel toi toi toi auf die Zielgerade geschickt werden können. Ich sehe, wie sich die Neigungskursschüler bewähren und gehe guter Dinge aus dieser intensiven Phase heraus. Selbst im Grundkurs kann ich ablesen, dass sich die Mühe der letzten Jahre auszahlt. Einfach schön!

Aber auch eine andere Entwicklung zaubert mir ein Lächeln auf mein Gesicht. Während die Sechser im Allgemeinen anfangen in die Vorpubertät abzurutschen und zickige Mädchen und obercoole Jungs nicht immer angenehm sind, hat sich meine eigene Klasse Schritt für Schritt in einen liebenswerten Haufen verwandelt. Endlich, nach mühevollen Monaten, in denen ich häufig an mir gezweifelt habe und auch manch gesellschaftliche Entwicklung sehr kritisch betrachtet habe, endlich kann ich sagen: Ich mag sie!

Wir sind zusammengewachsen – sie sind zusammengewachsen. Natürlich gibt es mal Streit mit Jan und Franca kämpft noch immer um jede Note und diesen Druck gibt sie noch immer körperlich statt verbal weiter. Aber wenn mir eines in der pädagogischen Arbeit mit meiner Klasse gelungen ist, dann das Stärken eines Gemeinschaftsempfindens, das Zurückstecken der eigenen Interessen zugunsten eines Wirs.

In den letzten Wochen ist mir bewusst geworden, welche gesellschaftliche Mammutaufgabe gerade das ist. Wenn wir als Eltern die Kinder weiterhin zu kleinen Egoisten erziehen, alles aus Liebe und biologisch und psychologisch sicher gut begründbar über den Wunsch des Fortkommens der eigenen Familie, wird unsere Welt nicht bestehen können. Die Probleme, die sich unserer Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten und sicher auch Jahrhunderten stellen werden, lassen sich – meines Erachtens – nur über gemeinsame Anstrengungen bewältigen. Natürlich muss sich ein Individuum als solches wertgeschätzt fühlen, aber es muss sich ebenso in der Verantwortung für eine Gemeinschaft empfinden, um friedvoll und nachhaltig mit der Welt umzugehen. Das alles klingt sehr abstrakt, aber wenn selbst meine 6er das verstehen, sollten es auch die Erwachsenen endlich kapieren. Wenn wir unsere Welt aufrecht erhalten wollen, dann geht das nur gemeinsam. Das bloße Überleben geht auch im Einzelkampf – aber das ist nicht meine Vorstellung von Zukunft!

Wenn ich jetzt in den Unterricht gehe, freue ich mich auf die Kinder. Sie strahlen aus sich heraus. Sie sind angekommen in der Welt des Gymnasiums, in ihrer kleinen Welt der Klasse 6, ihr Blick hat sich über das eigene Ich geöffnet. Die Referendarin ist begeistert von der Klasse. Und dieses Lob „So eine tolle Klasse!“ tut mir gut. Es ist die Anerkennung für die vielen Mühen, die man als Außenstehender bei Lehrern häufig gar nicht wahrnimmt.

Und ich freue mich, hier in dienen Blog auch mal einen rundheraus positiv gestimmten Beitrag einstellen zu können, der Mut machen soll, dass sich pädagogische Arbeit lohnt. Gleichzeitig lese ich immer wieder Artikel, in denen es darum geht, dass ein Lehrer auch gut von einem Computer ersetzt werden kann, weil der Computer den individuellen Lernfortschritt des Lernenden viel effektiver auswerten und begleiten kann.  Der Lehrer habe ausgedient. Man brauche nur noch den Lernbegleiter, der das Lernen – so es denn überhaupt noch an gemeinsamen Orten stattfindet – koordiniert, eventuell zum Lernen motiviert und ganz nebenbei auch noch ein bisschen Soziales im Blick hat. Der müsste ja dann noch nicht einmal ein Fach studiert haben…

Unterschätzt das mal nicht! So ganz nebenbei macht sich Soziales nicht, selbst wenn es in der Performance dann tatsächlich wie eine Nebensache erscheint. Und unterschätzt bitte nicht, wie wertvoll ein Gemeinwesen in der Zukunft sein wird, Menschen, die nicht nur sich sehen, weil sie aufwachsen mit unterschiedlichen Perspektiven und diese tatsächlich erleben. Meine 6er freuen sich morgens in der Regel auf die Schule – weil es ein lebenswerter Ort geworden ist – voll kleiner Bürger. Davon mag man nicht jeden, aber sie haben gelernt, miteinander zu leben. Und es ist allemal besser als ihre Kindheit hinterm Gartenzaun, die sie am Nachmittag in Einsamkeit erleben.

Viele liebe Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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2 Kommentare zu “SW 25: Hurra, ich mag sie!”

  1. Liebe Frau Henner, wir können jeden deiner Sätze dieses Beitrages nur bestätigen. Gerade die soziale Arbeit hat für uns Lehrer in den letzten Jahren sehr zugenommen. Vieles wurde uns aufgebürdet, was kaum einer von draußen sieht, wir machen es einfach, der eine aus Berufsehre, der andere, weil er in seinem Klassengefüge ansonsten gar nicht mehr bestehen könnte. Gemeinschaft ist es etwas, was erarbeitet sein will und erarbeitet werden muss, wenn die Welt nicht ganz aus den Fugen geraten soll. Und von daher, streichele dir selbst über die Schulter, wenn deine Referendarin deine Klasse lobt. LG aus dem Lehrercafe, Alexa und Ela

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