SW 26: Sie will doch nur unterrichten!

Liebe Leser,

mein liebes Kollegium veranlasst mich zu diesem Beitrag. Momentan verhält sich dieses recht ruhig. Das große Gejammere ist zwar nicht leiser geworden, aber es hat sich zum Glück in unsere Mensa verlagert und in die Fachkabinette. Sicher, das ist keine gute Entwicklung: da hocken dann ein paar Lehrer zusammen und wehklagen und verfluchen den Chef oder Frau Hanswurst oder gleich das System, die Eltern, die Gesellschaft. Am liebsten die ganze neue Zeit. Mit dem Absondern schaffen sich Probleme nicht ab und Weltbilder können im kollegialen Gespräch nicht gerade gerückt werden, aber wir anderen haben im Lehrerzimmer wenigstens endlich ein wenig Frieden.

Also regt es mich nicht auf, wenn Frau Schulte morgens das Lehrerzimmer betritt, um ihr Postfach zu leeren, dann aber regelmäßig das Schimpfen anfängt, sich ihre Tasche schnappt und immer noch zeternd den Raum Richtung Oberstufengebäude verlässt. In der Regel bleibt sie dort, bis sie am Mittag wieder das Schulgelände verlässt. Traurig ist es trotzdem. Sie war mal richtig nett.

Was ist passiert?

Das Leben ist passiert. Anders kann ich es nicht sagen. Frau Schulte kommt mit der neuen Zeit nicht mehr mit. Alles nimmt sie persönlich: Die Schüler sind nicht mehr anstrengungsbereit, werden schlechter, die Eltern haben viel zu viele Ansprüche und überhaupt die Erwartungen, die an Schule gestellt werden, immer sollen wir die Welt retten und dabei wollen wir doch einfach nur Unterricht machen…

Wo ist da eigentlich der Gegensatz? Natürlich will ich die Welt retten, sonst hätte ich Jura studiert. Am liebsten zusammen mit meinen Schülern, denn sie sind nun mal die Zukunft – nicht wir. Die Kinder sind die Erwachsenen von morgen und ich habe großes Interesse daran, ihnen meinen Stempel aufzudrücken, damit wir auch morgen noch kraftvoll zubeißen können in den gesunden Apfel von heimischen Streuobstwiesen. Es gibt nicht viele Berufe, bei denen man so vielen jungen Menschen die Welt erklären, sie zum Nachdenken anregen kann, ihnen Lebensfreude und -sinn vermitteln UND das vor allem im Unterricht.

Mich stört die Trennung in den Köpfen. Da ist auf der einen Seite der Fachunterricht, Mathe, Deutsch, Bio. Und auf der anderen Seite sind die Menschenbildung, die Schule als Lebensraum, das soziale Gefüge der Gemeinschaft. Während ich älter werde, begreife ich das immer mehr als untrennbares Gefüge. Ich unterrichte Grammatik und gleichzeitig erziehe ich Kinder und bereite sie auf eine Welt von morgen vor, indem ich ständig hinterfrage, was ich tue, was die Kinder tun, mit welcher Bereitschaft sie an welche Themen gehen. Ich kann Rechtschreibung nicht von Lebensfreude trennen und Literatur nicht von Gewissensbildung. Und ich denke, dass das nicht nur in Deutsch oder Geschichte geht. Jedes Fach bildet im humanistischen Sinne und der Lehrer als Person, der mit den jungen Menschen fiebert, leidet und lacht – der ist der größte Bildner dabei.

Frau Schulte will doch nur unterrichten. Seltsam – genau das will ich auch. Und trotzdem trennen uns Welten. Frau Schulte schüttelt den Kopf. „Wart mal ab, da kommst du auch noch hin“, soll das wahrscheinlich heißen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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8 Kommentare zu “SW 26: Sie will doch nur unterrichten!”

  1. Ich vetrete seit Jahren die Meinung, dass Lehrer mit 55-60 Jahren in den Ruhestand gehören. Sie entfernen sich mit zunehmendem Alter zu sehr von ihrer zu bedienenden Klientel, die Klientel steht Generationen unter ihnen. Man versteht sich immer weniger, Probleme sind vorprogrammiert. Was läuft stattdessen? Lehrer sollen nun bis 66 Jahren unterrichten. Immer nur gehts ums Geld, nie um die Logik. Das ist schon traurig anzusehen, gerade auch im Hinblick auf die steigenden Zahlen krankgemeldeter Lehrer. Bedenkliche Grüße aus dem Lehrercafe☕

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      1. Natürlich gibt es diese Beispiele. Wenn diese Menschen weiter arbeiten möchten, sich gesundheitlich dazu in der Lage fühlen und mit ihren Schülern gut zurecht kommen, warum nicht. Aber denjenigen versagen, frühzeitig auszusteigen, die ausgelaugt sind und weit entfernt von den Schülern unterrichten, denen neue Lernmethoden ein Graus und Kompromisse vermeiden? Für diese Lehrkräfte sollte ein frühzeitiger Ausstieg möglich sein, und zwar ohne finanzielle Einbußen, wie sie die Verordnungen in RLP vorsehen. Ohne ernsthafte gesundheitliche Einschränkungen ist erst möglich, mit 64 Jahren auszusteigen. Das Alterteilzeitgesetz ist ein Witz und lässt einen Lehrer auch erst mit 63 gehen. Wir haben im Lehrercafe schon viel über völlig auf dem Zahnfleisch krauchende, abgestumpfte oder dauernd fehlende ältere Lehrer (60-65 jährig) gesprochen, weil wir sie an unseren Schulen erleben. Wenn du das nicht beobachtest, schön zu hören. Bei uns hingegen sind andere Beobachtungen anzustellen und daraus ist auch unsere Meinung entstanden. LG Alexa

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    1. Nun gut, pauschalisieren will ich nicht. Es gibt wunderbare Kollegen über 60! Und wir haben auch ein paar faule S… unter 40 im Kollegium oder junge Kollegen, die einfach nicht mit Kindern können. Frau Schulte hast selbst welche großgezogen, schon deshalb wundert mich die Vehemenz, mit der sie anklagt.

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  2. Liebe Frau Henner ,

    Nein, mach dir keine Sorgen, da wo die Kollegin ist kommst du nie hin . Sie unterrichtet Fächer – du unterrichtest Kinder !
    Großartig klingt das , was du machst .
    Ich wünsche meinen Kindern mehr solche Lehrer .
    Herzliche Grüße
    Dagmar

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  3. Passt vielleicht zum Thema (Ausschnitt aus einer Original-E-Mail einer frisch gebackenen Sonderschullehrerin, kein Fake!):
    Sehr geehrter Herr XXX,

    ich möchte mich bei Ihnen für das sehr freundliche Gespräch und die Möglichkeit der Hospitation bedanken. Ich konnte dadurch interessante Einblicke in die Inklusion erlangen.
    Leider kann ich Ihnen keine positive Entscheidung mitteilen. Ich denke für die Stelle braucht es ein/e Sonderschullehrer/in, die/der mit vollem Herzblut dahinter steht und sich dafür engagiert, leider fühle ich mich diesen Herausforderungen noch nicht gewachsen.
    Ich wünsche Ihnen bei der weiteren Suche alles Gute und viel Erfolg.

    Liebe Grüße

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