Osterferien 2: Ranzenparade – ich glaub, die spinnen!

Liebe Leser,

als Lucy vor nunmehr sieben Jahren in die Schule kam, sind wir mit ihr in ein Taschenfachgeschäft gegangen, haben uns beraten lassen von einer freundlichen, kompetenten Verkäuferin und uns dann für den am wenigsten kitschigen Schulranzen für Mädchen entschieden. Der passte, der gefiel und der hielt vier Jahre so gut, dass wir ihn nun vom Dachboden geholt haben, mit Schreibkram gefüllt und einem Kind in Osteuropa vermachen. Der passt, gefällt und hält sicher noch einmal vier Jahre.
Erster Versuch: So blauäugig gehen wir mit dem kleinen Leo in das selbe Fachgeschäft. Eine andere Verkäuferin ist da und hat wenig Einfühlungsvermögen. Ihrer Ansicht nach kann der kleine Leo jedes Ranzenmodell tragen – die passen alle. Der Laden führt inzwischen aber auch nur noch zwei Marken – davon sind dann aber auch alle zwei, drei, vier Modelle da und natürlich hundert verschiedene Designs.

Alle Ranzen – wirklich alle führen irgendwo im Namen das Zauberwort „ergo“. Klar will ich, dass der kleine Leo sich nicht den Rücken ruiniert. Wollte ich bei Lucy auch nicht, also haben wir auf den richtigen Sitz geachtet. Wie schwer der Ranzen wird, liegt ja eher an der Grundschule UND am Kind selbst. Uns wird nun suggeriert, dass wir, wenn wir nicht den Ergobag kaufen, uns sträflich an der Gesundheit unseres Kindes vergreifen. Dann gucken wir uns also mal diesen Ergobag an. Hm…

Ein Vorteil: er ist nicht schreiend bunt… aber es ist ein Rucksack, steht der gut an der Bushaltestelle? Knicken da nicht die Pappordner um? Ach so, da soll ich dann noch die Plastik-Heftbox zukaufen. Hm? Kann ich dann nicht gleich einen mit „Einlage“ nehmen? In dem Moment hat die Verkäuferin das Interesse an uns verloren. Es soll tatsächlich schon Schulen geben, wo der Ergobag das neue Statussymbol unter Grundschulkindern geworden ist. Ohne Ergobag bist du nichts. Und tauschen und sammeln kannst du die netten Kletties, die man an diesen Schulranzen ranklettet, auch – für 14,95 Euro das Pack! Und wenn du noch mehr Reflektorfläche willst, kannst du die ebenfalls gerne dazukaufen… wer wird denn bei der Einschulung seines Prinzenkindes knausrig sein!

Apropos Preis… ja, ich möchte über Geld reden! Das ist überhaupt mein Anlass für diesen Beitrag. Rund 220 Euro soll der Ergobag kosten. Spinnen die – es handelt sich um einen Schulranzen für Erstklässler. Für Lucys Ranzen haben wir um die 100 Euro bezahlt und das war ebenfalls ein Markenprodukt – vor sieben Jahren.

Ich gucke mir noch die zweite Marke an: Scout. Preis sehr schwankend (von 250! bis 150 Euro), klassische Ranzenform möglich – schreckliche Designs. Martialische Fahrzeuge oder Dinosaurier, die ihren Rachen aufreißen. Oh, das ist nicht der kleine Leo. Gibts nichts Nettes? Inzwischen will uns die Verkäuferin eher loswerden. Ob wir nicht hier das nette Playmobil-Gewinnspiel ausfüllen wollen?

Nein, wollen wir nicht. Wir gehen.

Zwischenspiel. Mein Vater wohnhaft nahe einer Großstadt in Deutschland fährt in die Stadt und besucht extra das Kaufhaus und schickt die Prospekte aller möglichen Hersteller. Sein Fazit: Unwissendes Personal, wenig interessiert, aber sehr reiches Angebot. Er hat sogar eine Liste gemacht: Marke und Preis. Das ist mein Vater! Danke Paps! Sieben Schulranzenfirmen hält das große Kaufhaus vorrätig. Ein Ranzen hässlicher als der andere. Und natürlich den Ergobag. Mein Vater weist mich auf den Scooli hin, der von der Stabilität einen guten Eindruck gemacht hat, aber über die Motive ließe sich streiten. Lässt sich nicht – das kommt für den kleinen Leo absolut nicht in Frage. Davon bekomme ich Augenschmerzen. Ranzenkauf hat immerhin auch was mit Geschmacksbildung zu tun.

Nächster Laden, großes Schreibwarengeschäft: Ergobag und Stepp-by-Stepp. Da gibt es einen schwarzen Jaguar-Ranzen. Schwarz-grün, aber immerhin nettes Tier drauf. Das wäre eventuell was – zur Not.

Zweites Zwischenspiel. Ich surfe im Internet, vergleiche Preise bei Idealo. Die Ranzen, die im Laden 250 Euro kosten, bekomme ich dort mit Glück für 150. Ausgenommen den Ergobag. Natürlich. Aber sympathischer wäre mir ein Kauf im realen Laden zur Unterstützung der örtlichen Wirtschaft.

Dritter Laden, kleiner Kofferladen im Ort: Ergobag, Scout und ein paar andere Einzelexemplare anderer Marken. Die Verkäuferin ist nett, hat aber im Grunde nicht viel Ahnung. Wir gucken also mal. Der kleine Leo bleibt vor einem Schulranzen stehen, der aus der Reihe fällt. Der gefällt ihm, der passt und der macht einen guten Eindruck – ob er wirklich hält, wird sich erst im Praxistest nächsten Schuljahr beweisen können. Aber hey, der sieht so… so nett aus?

Ja, das sei ein Modell vom Vorjahr.

Preis?

224.95 Euro.

Für ein Modell vom Vorjahr?

Nun, man könne mir 20 Euro Rabatt geben…

20 Euro klingt großzügig. Ich weiß allerdings, dass jeder Erstklässerlerranzen in diesem Laden mit 20 Euro rabattiert wird – ausgenommen der… natürlich der Ergobag!

Und da macht Frau Henner etwas ganz Unschönes. Sie fährt nach Hause, schmeißt das Internet an und kauft diesen Ranzen für 100 Euro weniger. Ganz ehrlich, die Beratung im Fachgeschäft, die aus „Na, wenn der dir gefällt, probier ihn mal an! Ja, der passt!“ bestand, ist mir nicht 100 Euro wert.

Hier stimmt doch etwas ganz und gar nicht.

Heute kommt ein Päckchen. Leos Schulranzen. Stolz dreht er ein paar Runden im Garten und schaut sich dann ausführlich das mitgelieferte Zubehör zusammen mit Lucy an. Herr Henner meint nur: „War ja ein ganz schöner Zirkus um diesen Ranzen.“ Recht hat er. Irgendwie ist unsere Welt nicht gerade einfacher geworden…

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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12 Kommentare zu “Osterferien 2: Ranzenparade – ich glaub, die spinnen!”

  1. In unserer Ecke sind „Ranzenpartys“ sehr verbreitet. Das wird von einem Händler meist organisiert. Es wird eine Ladenfläche/Halle angemietet, und dort werden alle möglichen Modelle vorgestellt. Gekauft soll natürlich auch werden. Ich persönlich kenne es nur vom hören, bei uns wird es erst 2019 so weit sein. Aber es ist daraus eine echte Wissenschaft geworden. Bei mir war es recht simpel. Ich hatte ein anderes Kind mit einem ganz bestimmten Ranzen gesehen und mich in das Design verliebt, der musste es sein. Wir haben ihn tatsächlich in einem Taschenladen gefunden und gekauft. Über Gewicht etc. machte man sich da irgendwie noch keinen Kopf.

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  2. Schön, dass Leo nun zufrieden ist, liebe Frau Henner. Meine Tochter wählte vor vier Jahren auf einer unerträglichen Schulranzenmesse, aber immerhin mit bester Beratung, das leichteste Modell (O-Ton mit dem Wunschmodell: „Der ist viiiiiil zu schwer!“). Ich war froh, dass das Design hübsch und ohne rosa/pink/lila war und die Oma den sehr hohen Preis bezahlte. Der zukünftige Erstklässler im Hause hat schon letzten Herbst beschlossen, dass er unbedingt einen Klettieranzen braucht. Wir haben die Modelle online angeschaut und dann im örtlichen Fachgeschäft gekauft – zu Mamas Freude ein sehr schlichtes Modell. Und ohne den ganzen Stress (ja, es gibt Eltern, die kaufen nach mehreren Samstagen und insgesamt 8 Stunden im Laden einen, haben aber immer noch Zweifel, ob das nun die richtige Wahl war…)
    Immerhin ist die Qualität gut und wir können das 4vorjährige Modell noch spenden. Aber wie groß die Gewinnspanne für die Firmen bei einem Ranzen ist, will ich lieber nicht wissen! Viele Grüße!

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    1. Viele Kinder wollen ja nach zwei Jahren bereits eine neue Schultasche – und viele Schulranzen sehen spätestens in der dritten Klasse unansehnlich aus. Aber ich denke, zum einen sind die Kinder selbst schuld und zum anderen ist das auch einkalkuliert. Ein Mark muss eben bedient werden und ein Markt muss geschaffen werden.

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  3. Um diesen „Ergo Bag“ wird wirklich ein Riesenhype gemacht. Ich war ehrlich gesagt anfangs wirklich verunsichert, als so viele Mitschüler meiner Tochter einen Ergo Bag hatten. Mein Argument dagegen war auch, dass in dem die Hefte doch verknicken, da es eben eher eine Art Rucksack ist. Die Preise für Schulranzen sind wirklich absurd.

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  4. Wow, wie sich das alles geändert hat. Überhaupt die Preise finde ich extrem! Kaum eine Frau/Mutter (von den reicheren abgesehen) würde 200,- für eine Handtasche für sich selbst ausgeben und dann…
    Damals gabs (für mich) genau die Wahl zwischen „Aladdin“ und „Easy Rider“… ich bin mit meinem rosa Aladdin Ranzen sehr gut gefahren 😉
    Weis aber natürlich nicht was der damals vor 20 Jahren gekostet hat, oder was/ob der meinem Rücken geschadet hat. Merken würd ich zuminest nichts.

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    1. Die Zeiten ändern sich definitiv: In meiner Klasse hatte kaum ein Kind die Wahl, da haben die Eltern einfach eins der entschieden wenigeren Modelle gekauft. Bei mir war eine Ente drauf, mehr weiß ich nicht mehr davon. Ein Ranzen war in meiner Kindheit kein Prestigesymbol.

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      1. Genau, bei uns auch nicht. Da war einfach was buntes drauf und fertig. Ich weis zwar nicht ob die damals gut für den Rücken waren, aber sie haben was ausgehalten und wurden nicht nach jedem Schuljahr ersetzt. Sowas wie Prestigesymbole gabs schlicht und einfach nicht. Naja, vllt. wenn jem. ein neues tolles Spielzeug hatte, vlt. ein Gameboy 😉

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  5. Und dann ist diese teure Ergo-Neuentwicklung nie auf dem Rücken des Kindes, weil die besorgten Eltern es bis vor die Schultür fahren und den Ranzen bis ins Klassenzimmer tragen (falls sie nicht von „bösen“ Grundschullehrern daran gehindert werden). Im Raum kommt der Ranzen an den Platz, wo er bleibt, bis das Kind von den Eltern wieder abgeholt wird, die dann den Ranzen natürlich wieder tragen … Wie viele Grundschulkinder tragen denn heute den Ranzen länger als 10 min auf dem Rücken?
    Ich denke, du hast alles richtig gemacht *daumenhoch*

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