Osterferien 3: Stadtgeflüster

Liebe Leser,

Herr und Frau Henner unternehmen eine kurze Reise in eine deutsche Großstadt. Es sind nur ein paar Stunden mit dem Zug, aber doch ist es eine unendliche Reise in eine völlig andere Welt. Und genau aus ebendiesem Grund muss ich hier davon berichten. Wir sehen doch jeder nur einen so kleinen Ausschnitt von der Welt und gehen oft irre in dem Glauben, das wäre sie – die Welt. Nein, sie ist es nicht. Es gibt tausende Welten und die fangen schon hinter unserer Haustür an.

Oder eben beim Aussteigen aus einem ICE. Wir kommen abends an, es ist bereits dunkel. Als wir die Bahnhofshalle verlassen, hören wir um uns herum die laute Stadt, aber kein einziges deutsches Wort mehr. Dafür empfängt uns ein Mensch mit so dunkler Hautfarbe, dass er mit der Nacht verschmilzt, mit den Worten: Welcome in the jungle! Immer wieder ruft er: Well-kamm in de dschung-gell! Seine weißen Zähne blitzen im Nichts wie die der Grinsekatze bei Lewis Carroll. Schon jetzt komme ich mir vor wie in einem Film.

Wir tauchen ein in das Menschenbad hinterm Bahnhof. Türkische Bars mit türkischen Männern davor. Gruppen afrikanischer Männer, Flüchtlinge aus Syrien – junge Männer in Gruppen. Es ist bunt, laut und so es fühlt sich fremd an. Ganz wertfrei. Einfach ungewohnt. Überall ist Gewusel, Musik, Gerede, Menschen drängen sich zusammen. Es ist trotz der vielen Lichter einer Stadt wirr und unübersichtlich. Als Frau wird mir dann doch mulmig. Das hat möglicherweise gar nicht mit der fremdländischen Herkunft der Herren zu tun, sondern vielmehr mit der Menge sich zusammenrottender Männer. Ich bin doch nur eine kleine, zaghafte Frau vom Lande! Und damit eine der überhaupt wenigen Frauen hier und eine der ganz wenigen ohne Kopftuch.

Ohjeh, was bin ich nur für ein Landei! Ich habe nicht geahnt, wie extrem sich das Stadtbild in manchen Großstädten in Deutschland in den letzten Monaten gewandelt hat. Als ich Studentin war und nach dem Studentenclub allein durch die große Stadt geradelt bin, hat man in Deutschland abends brav die Bürgersteige hochgeklappt und sich hinter Vorhängen beim Tatort verschanzt. Die Studenten hatten ihre Kneipen und die nächtliche Stadt gehörte den Katzen und eben spät heimradelnden Studenten. Nun gehört sie jungen Männern mit ausländischer Herkunft. Würde ich als Studentin noch sorglos mit meinem Rad allein hier langfahren? Nö, ganz sicher nicht. Langsam verstehe ich Frau K., die ihre Tochter nicht mehr abends allein zum Geigenunterricht gehen lässt. Die Welt verändert sich und mit ihr verändern sich auch unsere Handlungsweisen.

Ist es übertriebene Furcht? Ist es Separatismus? Ich fühle mich nicht so. Ich habe keine Angst. Ich bin hier in Deutschland, was soll mir schon passieren, denke ich und klammere mich doch ein wenig an meinen Herrn Henner. Aus dieser Position heraus kann ich das Treiben um mich herum sogar mit einer gewissen Faszination und Neugier betrachten. Zusammen mit meinem Mann. Allein würde ich hier nicht herkommen.

Erschöpft von der Reise fallen wir in unsere Hotelbetten. Nachts schlafen wir nicht besonders gut, was mit der ungewohnten Umgebung zusammenhängt. Wir mussten die Fenster und die Vorhänge schließen, um uns vor dem Lärm der Straße und den Lichtern des gegenüberliegenden Hochhauses zu schützen. Jetzt liegen wir in einem hermetisch abgeriegelten Raum und bekommen kaum Luft. Für Landmenschen ist das kein Zustand. Wenn ich in unserem Dorf ins Bett gehe, kann ich das Fenster auflassen, die einzigen Geräusche sind das Grillengezirpse am Abend und der Vogelgesang am Morgen. Vielleicht noch das Blätterrauschen vom Wind. Dazwischen ist unendliche Ruhe. Licht gibt es auch nicht, da ich in einer Gegend lebe, in der tatsächlich um Mitternacht die Straßenlaternen ausgeschaltet werden. Nachst sind wir einer der dunkelsten Flecken Deutschlands, dafür leuchten hier die Sterne besonders hell.

Dafür begegnet man tagsüber auch kaum einem Menschen. Das ist in so einer Großstadt natürlich ganz anders. Hier pulsiert das Leben. Menschen joggen, radeln, frühstücken im Gehen, hören Musik, smartphonen oder machen alles gleichzeitig und sehen dabei auch alle gut aus. Jeder weiß, dass er gesehen wird. Die Welt gehört ab Morgen wieder der etablierten Bevölkerung. Die Stadt zeigt sich offen und bunt und hell, auch wenn hier nicht jeder freundlich zum anderen ist. Der Mensch bleibt halt der Mensch. Wir erleben einen wunderschönen Tag und gehen zum Abschluss am Abend fein essen. Ganz in Ruhe.

Und hier der größte Kontrast. In diesem Restaurant ist alles bis ins kleinste Detail gestaltet, die Gäste sind distinguiert oder tun zumindest so. Der Ober ist zurückhaltend und ungeheuer aufmerksam zugleich. Die Kerzen lassen das gesamte Ambiente golden leuchten. Das ist wieder eine andere Seite Deutschlands. Dieser Abend hier hat nichts mit meinem bäuerlichen Sternenhimmel zu tun und erst recht nichts mit dem wenige Kilometer entfernten Bahnhofsviertel. Deutschland mit den vielen Gesichtern…

Wieder angekommen am Kleinstadtbahnhof – an dem niemand herumlungert, weil da einfach nichts ist zum Herumlungern – und durch die vertraute Natur fahrend, die so schön ist, dass es an ein Wunder grenzt, dass hier kaum einer leben will, freue ich mich, dass mir all die Annehmlichkeiten der Großstadt (Cafés, Kultur und fröhliches Menschentreiben) nicht so wichtig sind wie die Vorteile eines Landlebens (gute Luft, Ruhe und Gelassenheit). So ist es mir möglich, auch all die negativen Seiten eines Lebens weit ab vom Puls der Zeit zu ertragen. Ein kurzer Ausflug reicht mir völlig.

In den letzten Tagen habe ich viel über die Urbanisierung nachgedacht. Mir ist völlig klar, dass nicht alle Menschen freiwillig in die Städte ziehen. Natürlich ist das Landleben nicht nur Landlust. Wir sind hier nicht naiv! Aber es gibt auch noch die Menschen auf dem Lande. Und deren Lebensbedingungen sollten wir in unserer Gesellschaft nicht vernachlässigen, sonst gehen immer mehr junge Menschen in die Städte und dann wird es da verdammt eng für euch.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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9 Kommentare zu “Osterferien 3: Stadtgeflüster”

  1. Tja, da kenne ich einen schönen Spruch hier im ländlichen Raum: Es gibt zwei Kategorien von Lehrern: Solche, die in Freiburg unterrichten – und solche, die gern in Freiburg unterrichten würden! Ich gehöre da eindeutig zur dritten Kategorie…

    Nun ist zwar Freiburg im Vergleich zu der von Ihnen geschilderten Großstadt wohl noch vergleichsweise beschaulich – dennoch würde ich die Ruhe, die gute Luft und die meiner Ansicht nach immer noch anständigeren Schüler nicht gegen die Annehmlichkeiten einer Großstadt eintauschen wollen.

    Leider sehen das aber wohl viele anders – auf eine ausgeschriebene Stelle in einem meiner Fächer hat sich doch tatsächlich nicht ein einziger Referendar beworben. Stattdessen zieht es viele (natürlich nicht nur die Lehrer) in die Großstädte – und dann wundert man sich, warum dort die Grundstückspreise und infolgedessen auch die Mieten explodieren.

    Darum stimme ich zu: Die Lebensbedingungen auf dem Land müssen insofern attraktiv bleiben, dass wenigstens ein Grundangebot an Einkaufsmöglichkeiten, medizinischer Versorgung und Nahverkehr gewährleistet ist. So nimmt man auch den Großstädten etwas den Druck.

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  2. Ich gehöre zu der Kategorie Lehrer im Regierungspräsidium Freiburg, die im „Speckgürtel“ von Freiburg unterrichten und in Freiburg wohnen.;)
    Auch ich empfinde die Veränderungen in der Innenstadt als sehr gravierend. Und auch unser Stadtviertel wandelt sich. Neulich fragte mich meine Tochter, als sie mitkam um die beiden Kleinen in den Kindergarten zu bringen, weshalb alle Mamas im Kindergarten Kopftuch trügen…
    Wir können diese Veränderungen bewerten wie wir wollen: Dies ist erst der Anfang und die Konsequenzen auf die Gesellschaft in Deutschland werden im vollen Umfang erst unsere Kinder zu spüren bekommen.

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  3. In meiner Heimatstadt ist es ähnlich. Auf den Straßen selten Deutsch, Gruppen junger Männer, Kopftücher. Jetzt, wo ich nicht mehr dort wohne, fällt es mir noch sehr viel deutlicher auf, auch wenn es sich in den letzten Jahren bereits abzeichnete.
    Ich denke, die Veränderungen werden nicht weniger. Dafür schneller voranschreiten.

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  4. Ich hab über Jahre beides erlebt, bin in einer Großstadt geboren und aufgewachsen, auf dem Land aber dann groß geworden. Aktuell geht es mir ganz umgekehrt: Ich bin froh, bei meinem Eltern für ein paar Tage auf dem Land zu sein, dann zieht es mich aber doch wieder nach München zurück. Ist definitiv eine Typfrage. NOCH mag ich es, wenn es wuselt. Schauen wir mal, wie’s in zehn Jahren aussieht 🙂

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  5. Genau aus dieser diesem Grund sind wir aus Berlin weggezogen, zwar nur in den Rand, weil wir beide noch in Berlin arbeiten. Dort, wo wir jetzt wohnen und der Schule in Neukölln liegen Welten. Die Unterschiede sind so groß, die Lautstärke des Straßenverkehrs, der Schmutz überall, die Menschenmassen und dabei so viele verrückte Gestalten, so wenige deutscher Herkunft, das wollten wir einfach nicht mehr. Hier draußen in diesem kleinen Städtchen ist es so beschaulich, hier grüßen die Menschen sogar einander und reden noch miteinander. Trotz weiterer Arbeitswege würde ich nicht wieder tauschen wollen.

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  6. schade, dass hier soviele leute sind, die keine bunte gesellschaft ertragen.homogenität ist meiner meinung nach sterbenslangweilig. ich weiß nicht, vielleicht im alter aufs land, aber ich fürchte, auch dann würde ich an langeweile sterben. großstadt rulez! gerade *wegen* der wilden, verrückten, jungen, anderen, immer fremden und immer neuen und doch gleichen umgebung.

    vielleicht ist das wirklich eine frage des menschenschlags. war ja schon nach dem abi so – alle wollen zurück in die heimat (in meinem fall extreme pampa, aber wunderschöne landschaft), nachdem das studium in der stadt vorbei ist. man studiert auch in der nächstgelegenen „stadt“ . ein paar wenige dagegen fliehen, so schnell es geht, und kommen – außer für gelegentliche heimatbesuche – auch nicht mehr wieder. hallo, berlin! hallo, köln! hallo hamburg und münchen! hallo welt! 🙂

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  7. weiß ich nicht. du hast aber angst vor großen gruppen junger männer in freiburg bzw. glaubst, dass studentinnen da nicht mehr durchfahren bei nacht. warum nicht? und ist das so? hier ist das nämlich nicht so, wir fahren da immer noch durch (münchen). warum auch nicht? sind schwarze männer irgendwie gefährlich? gefährlicher als weiße? und unten kommentieren leute, dass sie wegziehen aus xy, weil da zuviele nicht-deutsche seien (meinen sie schwarze? moslems? man weiß es nicht…) und sie „das nicht mehr wollten“. etc. – ich weiß es echt nicht. für mich klingen die freunde einer bunten, vielfältigen welt anders. für mich klingt das, als ob hier der monokultur (csu-deutsch: „leitkultur“) und der nicht-veränderung der dinge das wort geredet wird (früher sagte man: reaktionäre einstellungen). kann man machen. finde ich halt sehr schade, vor allem von reflektierten leuten. (geistige) offenheit ist wichtig für eine offene, plurale gesellschaft, die wiederum die grundlage für demokratie darstellt.

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    1. Nein, ich war nicht in Freiburg, sondern in einer Millionenstadt. Und ich habe nicht Angst vor Gruppen von schwarzen Männern, ich würde mich wahrscheinlich auch nicht wohlfühlen, wenn Gruppen wießer Männer nachts auf Straßen sich zusammendrängen. Angst ist das nicht, aber ein deutliches Gefühl, hier solltest du nicht allein sein. Es geht hier nicht um fremde Kulturen oder um Wir-Deutschen-bleiben-unter-uns – um Gottes Willen! Es gibt genügend Deutsche, mit denen ich nichts am Hut habe. Und genau das ist der Punkt – so, wie ich mit manchen Deutschen nichts am Hut habe, so empfinde ich auch nicht jeden Fremden als Bereicherung. Das wäre eine naive Einstellung. Ich kann sehr wohl mit fremden Menschen, ich habe selbst im Ausland gelebt, natürlich sind Gesellschaften im Wandel – und gerade deshalb müssen wir uns damit auseinandersetzen, was wir in unserer Gesellschaft wollen und was nicht. Fremde? Gerne! Allerdings gibt es bestimme Grundsätze, die ich in dieser Gesellschaft vertrete und dann auch als „Leitkultur“ sehen will. Zum Beispiel, dass man Frauen als gleichberechtigte Menschen wahrnimmt. Nur so zum Beispiel. Dafür trete ich auch in einer sich wandelden Gesellschaft ein – das ist für mich geistige Offenheit.

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