SW 27: Die Lücke, die der Teufel lässt

Liebe Leser,

unsere Welt verändert sich so rasant, dass man dies manchmal erst aus einer gewissen Distanz heraus wahrnimmt, weil man ansonsten in diesem Strudel mitschwimmt und kaum Zeit hat, dies zu reflektieren. Nun lebe ich selbst zwar nicht auf einer Insel der Glückseligkeit, aber doch in einer überaus komfortablen Situation – global betrachtet allemal. Aber ich lebe nicht im Mainstream. Immer wieder merke ich, wie da ein Leben scheinbar an mir vorüberzieht, was so wenig mit mir zu tun hat. Selbst Lucy ist kein Korrektiv, da diese junge Dame ebenfalls nicht im großen Schwarm mitschwimmt. Immer wieder bin ich erstaunt, wie kritisch sie ihre Umwelt wahrnimmt, wie sie sich gegen Entwicklungen sperrt und ein eigenes Wesen ausgeprägt hat, wo sich andere noch auf der Selbstsuche befinden. Lucy besitzt noch immer kein Handy, keinen WhatsApp- oder Facebook-Account, wünscht sich lieber ein National-Geografic-Abo zum Geburtstag und macht sich gerne über die Schminktussis aus ihrer Klasse lustig, die das alles nicht verstehen können. Auch aus dieser Abgrenzung heraus entwickelt sich Identität. Heute Abend wollen wir gemeinsam Micheal Moores „Where to invade next“ anschauen. Über sowas unterhält man sich im Hause Henner, dafür kenne ich nicht die Namen der angesagten Yuo-tuber und Musically-Stars.

Aber diese Woche passiert mir auch das Internet. Eigentlich wollte ich nur eine Lehrerseite besuchen, werde dort auf ein Video hingewiesen, klicke es an, lande bei einer Bildungsdebatte und auf You tube. Ihr kennt das alle, diese kleinen Videohinweise am rechten Rand verführen zu weiteren Klicks. Und zwei Stunden späten sitze ich fertig und mit Kopfschmerzen immer noch vor diesem Rechner. Allerdings ist nichts mehr mit Bildungsdebatte. Über TV-Ausraster bin ich zu Game-Ausrastern gekommen und irgendwann bei erstaunlichen Fehlbildungen gelandet, so Menschen, die ihren Kopf nicht oben halten können und schließlich: Geister. Es gibt sie echt!

Warum schaue ich mir diesen Sch* an? Warum hockt eine gebildete Frau nachmittags um halb fünf vor einen dämlichen Gerät und hört egomanen Typen zu, die irgendwelche verpixelten Amateurvideos totlabern? Ich fasse es nicht!

Das ist mir bis jetzt so noch nie passiert. Ich sehe das Internet als Arbeitsmedium, mache es an, erledige meinen Kram und surfe höchstens noch ein paar Minuten, um ein Produkt nachzuschauen, was ich hier auf dem Lande in keinem Laden bekomme. Dann schließe ich das Internet und den Computer wieder und widme mich dem analogen Leben. Denn das findet nämlich tatsächlich statt.

Für viele junge Menschen aber nicht mehr. Noch erscheint uns das nicht bedrohlich, vielleicht weil es bequem ist. Die Kinder sind im Haus, man muss keine Angst um sie haben, kann sich selbst belügen, dass sie so ihre Medienkompetenz schulen würden, und die Kinder nerven nicht. Stundenlang sitzen sie vor ihren Geräten und gucken sich Videos an.

Habt ihr mal in diese Videos angeschaut? Da erklären zum Beispiel Schülerinnen anderen, wie man sich schminkt, wie man sich die Haare macht, wie man sich stylt, warum welches dm-Produkt cool ist und warum das andere absolut nicht geht. Es ist so hohl… Diese Hohlheit ist nur ein Problem, denn es bleibt zudem immer das Gefühl der Unzulänglichkeit. Entweder ist man es selbst oder das eigene Leben. Denn alles, was da draußen im Netz passiert, scheint spannender als das eigene Leben. Ist ja auch keine Kunst, wenn man im Zimmer hockt! In der Wahrnehmung eines jungen Menschen entsteht so das Gefühl von Unzufriedenheit.

Ihr werdet sagen, war bei uns auch schon so, wenn wir die BRAVO gelesen haben. Stimmt, da blieb auch manchmal dieses leere Gefühl, aber es wurde schnell relativiert, weil es das richtige Leben draußen noch gab und dieses die Hauptsache war. Was machen aber die normalen Zwölfjährigen heute? Sie gucken stundenlang solche Videos. Da ist nichts mehr mit Korrektiv. Die Kinder von heute erlangen so eine verzerrte Vorstellung von Leben. Der Sinn des Lebens scheint nur noch darin zu stehen, das eigene Ich gnadenlos ins Rampenlicht zu stellen. Ich. Bin. Wichtig.

Und wo ist nun die Lücke? Genau da.

Denn der hohe Internet-Konsum bewirkt dieses Ich-Sucht-Gefühl, aber er kann es nicht befriedigen – denn es sind ja immer die anderen, die toll aussehen, das spannende Leben haben und das absolut faszinierende, coole Untergehen unserer Welt kommentieren. Eltern verstehen das sowieso nicht. Und die Freunde? Naja, mit denen teilt man die Videos, denn es sind Wegbegleiter zum selben Ziel – also letztlich Konkurrenten.

Und während eine ganze Generation ihre Tage mit dem Gefühl verbringt, gar nicht am richtigen Leben teilhaben zu können, denn das Leben ist doch nicht der öde Alltag zuhause, es ist der Glamour im Netz – da will man rein, aber wie kommt man bloß in dieses Netz? – während also eine ganze Generation für das analoge Leben abstumpft, geschehen da draußen tatsächlich wichtige Dinge, bei deren Lösung wir genau diese Menschen in einer nahen Zukunft brauchen werden.

Vier Stunden soll ein Jugendlicher schon am Tag im Netz sein. Vier Stunden. Da kann man schon mal Fiktion und Wirklichkeit aus dem Blick verlieren. Ich bekomme davon nur Kopfschmerzen. Also werde ich jetzt den Computer wieder herunterfahren und entweder einen langen Waldspaziergang machen (Berg runter und wieder hoch, damit der Kreislauf in Schwung bleibt) oder ein Buch über neurowissenschaftliche Erkenntnisse lesen (damit die grauen Zellen in Schwung bleiben), Lucy fährt inzwischen alleine Fahrrad, denn die Gleichaltrigen sind ja nicht zum Rausgehen zu bewegen und der kleine Leo baut im Garten einen Turm für Käfer. Auch allein.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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10 Kommentare zu “SW 27: Die Lücke, die der Teufel lässt”

  1. Na ja, Michael Moore ist meist ganz witzig, aber die Grenze zwischen Lach- und Sachgeschichten ist da manchmal unscharf.

    Natürlich verführt das immer verfügbare Internet zum Zeit totschlagen, aber wenn ich mich richtig erinnere, dann waren auch in den 80ern nicht alle Schulkameraden belesene Intellektuelle. Da gab es schon erstaunlich ungebildete, die sich in erste Linie für die Plattensammlung oder eine möglichste große Zahl an Sexualpartnern interessierten. Die Klagen über die verblödende Jugend sind seit Beginn der schriftlichen Aufzeichnungen überliefert.

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    1. Es geht nicht um verblödete Jugend – ich klage zudem nicht. Es geht hier nicht um einen Kulturkampf oder eine Intellektuellendebatte – es geht hier um die Wahrnehmung von Wirklichkeit als solche und das Erkennen von Fiktionen. Das ist nicht mit den 80ern vergleichbar.
      Übrigens ist Micheal Moore tatsächlich nur der Aufhänger, war haben letztendlich den Film „10 Milliarden“ angeschaut, einen Sachfilm, der sich mit der Problematik auseinandersetz, wie wir eigentlich im Laufe dieses Jahrhunderts 10 Milliarden Menschen ernähren wollen.

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  2. Das Problem mit den Youtube-Videos kenne ich auch, wobei ich meist bei einem Song anfange und mich dann einmal querbeet durch meine Lieblingskünstler höre und dabei dann lese oder so. In diesem Punkt finde ich es durchaus eine feine Sache, was vielleicht auch nur daran liegt, dass ich mit itunes oder spotify nichts anfangen kann.

    Ich entdecke teilweise auch mit Befremden, was sich da so für Stars und Möchtegerne rumtreiben. Sicherlich, es gibt durchaus interessante Dinge, und manches Lernvideo ist sicherlich nicht schlecht, sofern man der passende Lerntyp dazu ist. Aber der andere Kram? Wie du sagst, es finden sich Leute, die sich selbst darstellen und nach Möglichkeit damit auch noch Geld verdienen, während die Zuschauer noch nicht in der Lage sind, das zu durchschauen, vielleicht auch nie sein werden, weil sie die „Inhalte“ unreflektiert aufnehmen, für bare Münze halten.

    Und nein, ich denke, das lässt sich nicht 1:1 mit dem vergleichen, was früher war. Da wurde vielleicht auch für die Backstreet Boys oder so geschwärmt, aber das war insofern realer, als dass man sich noch mit Freunden traf, darüber austauschte, und auch noch Dinge abseits davon verfolgte. Heutzutage sitzen schon Fünftklässler morgens in der Bahn und schauen nur noch auf ihre Smartphones, reden so gut wie nicht miteinander. Und wenn, dann nur darüber, was sie gerade in Spiel xyz erreicht haben. Das ginge selbst mir als Gamer zu weit, irgendwann muss man doch auch andere Themen haben, andere Interessen.

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  3. Du sagst es, einfach nur Musik hören – das ist was anderes, das gab es schon, solange man die Möglichkeiten dazu hatte. Mir geht es um Kinder, die ihre Persönlichkeit und ihre Vorstellung von Welt gerade erst entwickeln und dies durch einen seltsam verzerrten Filter. Lernvideos guckt in Lucys Klasse so gut wie keiner. Geistervideos oder Fehlbildungstränendrüsdrückclips schon, Weltverschwörungsvideos aber vor allem Videos, die zeigen, wie man als Jugendlicher wahrgenommen wird: mit einer dicken Schicht Schminke und selbstüberschätzend singend. Ist ja eh alles egal, denn morgen geht die Welt unter und die Zombies kommen. Was soll ich heute noch lernen? Eigentlich muss ich nur wissen, wo man am besten mit einem Messer in den Schädel kommt…

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  4. Vielen Eltern scheint genauso wenig wie ihren Kindern bewusst zu sein, wie viel Zeit die Kinder im Internet und mit dem Handy verbringen. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Eltern mir erklären, das G8 lasse ihren Kindern keine Zeit für Hobbies. Wenn man bei den Kindern mal nach dem tatsächlich aufgewendeten Pensum für Lernen und Hausaufgaben befragt, bleibt da noch viiiiel Zeit. Wohin die fließt? S.o.

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    1. Die Veränderung ist gewollt.
      Siehe The american Dream von George Carlin

      Und großartiger Vortrag:
      Rainer Mausfeld- https://www.youtube.com/watch?v=AU8hjfhAAxg

      Die Wirtschaft muss am Laufen gehalten werden- egal wie.
      Und wir sind in unserem Gemeinschaftsverhalten schlichtweg mit Vorsatz kaltgestellt worden. Solidarität gibt es nicht mehr.
      Wichtige Themen in der Gesellschaft werden nicht mehr behandelt und verschwinden regelrecht aus unserem Leben. Hauptsache man ist Konsument.

      Man muss es sich vorstellen wie ein Flugzeig in der Luft. Bis heute gab einige zum Teil Turbolenzen, aber noch können wir uns in der Luft halten . Aber die Landung komt noch- zwangsläufig.

      Vielen Dank für Ihre inspirienden Gedanken zum Thema Schule und Kinder,

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  5. Was sagst du zum Michael Moore Film? Ich fand ihn leider sehr amerikanisch.plakativ, dafür dass er Amerika so anprangern will. Und ist der Regisseur nicht auch von einer Art-Ich sucht befallen nach all den Jahren?

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    1. Ich sehe das milder, wenn ich einen Micheal-Moore-Film gucke, dann gucke ich auch einen Unterhaltungsfilm. Es steckt immer ein Kern Wahrheit drin und es steckt auch eine große Portion Plakativität drin – und genau darüber rede ich dann mit Lucy. Er ist ja nicht der einzige Regisseur, der in unser Wohnzimmer flackern darf. Man muss halt drüber reden. Dann macht er die Welt ein Stück weit bunter. Und wäre er nicht so, wie er ist, würden seine Filme untergehen und dem medialen Overkill.

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      1. Dabei ist natürlich die Frage, ob man eine Problematik nur zum Zwecke der verbesserten Unterhaltung so verändert darstellen darf wie er es tut. Dass der Film unterhaltsam ist, steht nicht in Frage, nur ob dies wirklich der richtige Weg ist um solche Probleme aufzuzeigen stelle ich mal infrage.

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