SW 28: Die Lücke, die der Teufel lässt 2

Liebe Leser,

es verändert sich noch mehr in unserer Gesellschaft, diesmal geht es nicht ums Internet und die Wahrnehmung von Wirklichkeit, sondern um die heilige Institution Familie. Aber fangen wir mit dem Altern an…

Warum altern wir? Seltsame Frage, oder? Unser Körper wird halt schwach. Aber so meine ich diese Frage nicht. Biologisch gesehen ist es nicht sinnvoll zu altern. Die meisten Lebewesen sterben recht schnell, wenn sie sich nicht mehr reproduzieren können. Anders einige Säugetiere und eben der Mensch. Eine Frau um die 50 kann sich in der Regel nicht mehr ohne fremde Hilfe reproduzieren, hat aber statistisch gesehen noch drei gute Jahrzehnte vor sich. Selbst wenn wir sagen, sie muss ja noch Kinder großziehen, können wir klar behaupten: Im Normalfall bekommt eine Frau zwischen 20 und 40 Kinder und die sind mit 10 Jahren auch in unserer Gesellschaft allein lebensfähig, also was soll das lange Alter?

Wissenschaftler haben natürlich Theorien: Alte Menschen haben Erfahrungen und werden ob dieser Weisheit geschätzt, insbesondere alte Frauen halten durch ihre hohe soziale Kompetenz Gemeinschaften zusammen und sichern so deren Fortbestand. So eine Theorie will aber nachgewiesen werden. Und das versuchen Wissenschaftler natürlich.

Karen McComb untersuchte zusammen mit ihrem Team über Jahre hinweg das Verhalten von Elefantengruppen im Amboseli-Nationalpark in Kenia. Solche Familiengruppen, die aus Elefanten unterschiedlichsten Alters bestehen, werden in der Regel von meist der ältesten Elefantin angeführt, da diese die größte Fähigkeit hat, Freund und Feind der anderen Elefantenfamilien, die man so trifft, wenn man auf Futtersuche durch die Steppen streift, unterscheiden zu können. Dies können sie schon anhand der sich über Luft UND Boden ausbreitenden Schallwellen der Rufe der fremden Tiere identifizieren. Je älter das Leittier war, desto besser konnte es das fremde Verhalten im Vorfeld einschätzen und die eigene Sippe schützen – ein klarer Vorteil.

Nun sind wir keine Elefanten, aber auch wir schätzen in der Regel die Erfahrung, die ältere Menschen haben. Für berufstätige Mütter ist es ein großer Vorteil, wenn sie eine Großmutter in der Nähe haben, die sie bei der Erziehung und Betreuung der eigenen Kinder unterstützt. Ist die Familie weit weg, so ist es doch eine unglaublich wichtige Basis, wenn man miteinander telefonieren kann und sich so wenigstens emotional Rückendeckung geben. Manchmal hilft auch ein guter Rat.

Wenn wir den überhaupt wollen. Und genau das ist die Veränderung, die ich zunehmend beobachte und die unserer Gesellschaft möglicherweise in den nächsten Jahrzehnten mehr beeinflussen wird, als wir momentan glauben, da wir alle ja selbst mit unserem Leben, den Kindern, der Arbeit voll beschäftigt sind.

Immer mehr Menschen in meiner Umgebung definieren ihre Familie ausschließlich über das Modell Mutter-Vater-Kind. Und keiner hat da reinzureden. Großeltern werden manchmal gebraucht, um die Enkel zu versorgen, aber ihre Meinung zu verschiedenen Dingen haben sie bitteschön für sich zu behalten.

Es geht mir nicht darum, dass man alles miteinander teilen muss. Ich romantisiere auch keine Großfamilien im 19. Jahrhundert, wo sich alle dem Familienpatriarchen unterzuordnen hatten. Aber ich sehe Großeltern, die sich nicht trauen, etwas von früher zu erzählen oder mit ihren Kindern über Erziehung überhaupt einmal zu reden, weil sie Angst haben, dass ihre Kinder sich bevormundet fühlen und ihnen im schlimmsten Fall die Enkel entziehen. Ich sehe auch berufstätige Mütter, die sich lieber Betreuung einkaufen, als ihre Kinder ab und zu in der eigenen Familie betreuen zu lassen, weil sie sich ja nicht in Abhängigkeiten begeben wollen. Wer zahlt, bestimmt die Regeln. Ich sehe Familien, in denen ein normaler Diskurs abgebrochen wurde, wenn es um private Dinge geht. Man spricht noch über den Urlaub und das neue Auto, aber wehe die Oma fragt, wie es in der Schule läuft, oder der Opa will wissen, ob Mäxchen schon Fahrrad fahren kann. Familiäre Dialoge werden so zum Lauf auf dünnem Eis.

Ein Glück, wenn dies bei euch nicht so ist. Ich selbst schätze mich glücklich, weil ich meine Eltern und sogar von Zeit zu Zeit die Schwiegereltern anrufen kann und alles Mögliche besprechen. Natürlich stammen manche ihrer Meinungen aus dem vorigen Jahrhundert, aber wir reden dann darüber. Sie erzählen mir, wie das früher war, und ich erzähle ihnen, wie sich die Welt inzwischen verändert hat und warum manches so nicht mehr geht. Und stellt euch vor: vieles ist noch genau gleich und für das andere haben sie meist volles Verständnis. Meist. Grenzen gibt es immer. Aber wir sind im Gespräch.

Mein Vater sagt immer häufiger, er wolle uns noch ein wenig erhalten bleiben. Und statistisch gesehen ist mir klar, dass er inzwischen in geschenkten Lebensjahren lebt. Ich möchte noch einiges von ihm erfahren, denn mit ihm wird die Generation sterben, die tatsächlich noch vor dem zweiten Weltkrieg geboren wurde. Bei meinen Großeltern war ich zu jung, um diesen Schatz zu verstehen. Wir haben viel zu wenig von früher gesprochen. Das ist nun längst zu spät.

Ich hatte Freunde, die ihre alten Eltern als Last empfinden. Inzwischen sind wir nicht mehr befreundet. Einmal im Jahr besuche ich dennoch die Eltern der Freunde. Das mag seltsam erscheinen, aber sie freuen sich so und nehmen sich die Zeit zum Erzählen. Warum ich mit ihren Kindern nicht mehr befreundet bin? Sie haben keine Zeit mehr. Arbeit, Kindererziehung, das alles fordert so viel Kraft. Und dann auch noch die nervigen Eltern, die die Enkelkinder so gerne sehen wollen und dann doch alles falsch machen, weil sie einfach nicht im Hier und Jetzt angekommen sind, bestimmt reden die auch schlecht über uns.

Tun sie nicht. Die Eltern verteidigen ihre Kinder, berichten, wie viel die Kinder arbeiten müssen und wie fleißig die Enkelkinder sind, wie anstrengend das Leben geworden ist und wie toll das ihre Familie meistert. Und sie springen immer ein, wenn sie gebraucht werden. Es sind Eltern, die ihre Familie über alles lieben. Aber die Familie sieht das nicht im gleichen Maße.

Dies ist nicht der einzige Fall, den ich kenne, sonst würde ich hier nicht darüber berichten. Und natürlich weiß man nie genau, was in Familien vorfällt. Deshalb will ich niemanden beurteilen, schon gar nicht verurteilen. Ich frage mich nur, was aus den Elefantenfamilien würde, wenn sie die alten Leitkühe verstoßen und nicht mehr auf sie hören, weil die eh zu alt sind? Welchen Wert hat das Alter bei uns Menschen in diesem Falle?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Advertisements

2 Kommentare zu “SW 28: Die Lücke, die der Teufel lässt 2”

  1. Hmmm.
    Schwierig.
    Welchen Wert das Alter bei uns hat? Keinen großen. Was knapp ist, wird höher geschätzt als das, was im Überfluß vorkommt. Und in einer alternden Gesellschaft ist Jugend rar, Alter im Überfluß vorhanden. Ein Kostenfaktor, wie wir alle wissen, die wir gelegentlich in die Zeitung schauen und über die Sorgen der Experten über die Rentenhöhe in den nächsten Jahrzehnten lesen. Oder über den „Pflegenotstand“. Alte sind im gesellschaftlichen Diskurs in erster Linie Problemfälle.

    Warum bricht der Dialog zwischen den Generationen ab?
    Ich kann nur von meiner eigenen Situation als junge Mutter auf andere schließen. Ich war damals sehr unsicher, hatte kaum Erfahrung in Bezug auf Kinder und eine recht dominante Mutter, die einfach ihr eigenes Ding durchzog und mich schlichtweg ignorierte. Natürlich hatte sie mehr Erfahrung, aber so ausgebootet zu werden macht auch keinen Spaß und führt zu keinem intensiven Verlangen nach mehr Kontakt zur Ursprungsfamilie.
    Die Situation, dass frischgebackene Eltern wenig Erfahrung mit Kindern haben, scheint mir nicht untypisch zu sein. Vielleicht führt das Erfahrungsgefälle zwischen Großeltern und Eltern dann zu Konflikten.
    Ich kann das allerdings nicht beobachten – die Mütter in meiner Umgebung halten alle engen Kontakt zu ihren Müttern und scheinen darüber sehr froh zu sein.(Ich mittlerweile, um ein Nachzüglerbaby und viel Erfahrung reicher, auch).
    In der Generation meiner Mutter sehen die Frauen dieses Problem aber auch und spekulieren, dass die Mütter eifersüchtig auf die Großmütter wären. Die Mütter würden alle wieder so früh arbeiten gehen und wären dann eifersüchtig auf die Großmütter, die weniger Stress hätten und unbelasteter mit den Kindern umgehen könnten. Keine Ahnung, auf wie viel oder wie wenig anecdotal evidence diese Theorie aufbaut.

    Vielleicht ist das auch ein Generationenthema – meine fast erwachsenen Schülerinnen SCHWÖREN, sie wollen immer in der Nähe ihrer Eltern wohnen bleiben und einen engen Kontakt zu ihnen halten. Als ich 18 war, wollten wir alle nichts wie weg aus der Heimatstadt. Es wäre uns in dieser Lebensphase nicht im Traum eingefallen, dass enger Kontakt zur HErkunftsfamilie ein erstrebenswertes Ziel wäre. Da hat sich die Mentalität schon geändert, vielleicht werden diese jungen Frauen später gerne auf das wissen ihrer Eltern zurückgreifen – immerhin geben etliche an, ihre Mutter wäre ihr wichtigstes Vorbild.

    Gefällt mir

    1. Vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar, der noch einige neue Aspekte und Sichtweisen dazubringt!
      Die Flucht vor dominierenden Müttern mag sicher eine mögliche Ursache sein, da hast du Recht. Die Eifersuchtstheorie finde ich auch gar nicht abwegig – auch wenn es natürlich sehr schade ist, wenn es innerhalb von Familien zu Eifersüchteleien kommt. Und diese Eifersucht kann natürlich nur entstehen, wenn man mit der eigenen Situation nicht ganz zufrieden ist – zum Beispiel weil man in der gesellschaftlich grade so gehypten Doppelrolle als Superjobberin und Supermutter sich einfach zerreißen kann. Man hätte so gerne mehr Zeit fürs eigene Kind… Und überhaupt hat man ja so gerne Kontrolle über alles, die verliert man an dann möglicherweise die Großeltern, die so jung und aktiv wie keine andere Großelterngeneration vorher ist.
      Dazu kommen gesellschaftliche Großveränderungen: veränderte Familienstrukturen, große Wege zwischen Familienmitgliedern, mehr Kommunikationsmöglichkeiten zu Gleichaltrigen und Gleichgesinnten über digitale Medien etc, die alle dazu führen, dass Familie enger definiert wird.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s