SW 30: Selektion

Liebe Leser,

da stehen sie nun die Eltern und fragen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, die Klasse noch ein Jahr weiter zu nehmen, sicher könne man doch mal eine Ausnahme machen. Und als ich sage, dass es diese Ausnahme nicht gibt, weil ein Zweijahresrhythmus wichtig ist, das ja nicht jedes Kind mit jeder Lehrerpersönlichkeit klarkommt – und umgekehrt, fragt die eine Mama gleich, ob ich dann nicht wenigstens eine Fünfte nehme, da würde doch dieses Jahr das Geschwisterkind eingeschult.

Im Grunde ist das ein dickes Lob. Selbst Jans Mama ist nett zu mir, auch wenn Jans Papa mir beim Elternsprechtag klipp und klar jegliche pädagogische Kompetenz abgesprochen hat. Trotzdem bemühe ich mich täglich um den Jungen und – Heißa! – endlich sehe ich die Früchte der Mühen klein und zart, aber doch sichtbar heranwachsen. Jan ist seit Wochen nicht mehr ausgetickt. Endlich kann man seine Texte lesen und endlich schreibt er mehr als den obligatorischen einen Satz. Kann mir der Papa doch egal sein.

Natürlich selektiere ich.

Ich denke inzwischen darüber nach, welche Kollegen ich vermissen werde und es kommen schon ein paar zusammen. Schade eigentlich. Da trifft es sich gut, dass sich Fräulein Häuptchen  wieder mal zu einem absolut dämlichen Anfall im Lehrerzimmer hinreißen lässt. Jedes Jahr während der Abikorrekturen dreht diese Frau so am Rad, dass sie sich nicht entblödet, eigene Nichtkompetenz öffentlich an den Pranger zu stellen – sie sieht das natürlich völlig anders.

Naturgemäß. Auch Fräulein Häuptchen selektiert.

Es gibt genügend Kollegen, die ich nicht vermissen werde. Punkt.

Aber die schöne Umgebung… ich gerate wieder mal ins Schwärmen, weil nicht viele Schulen so eine schöne Umgebung aufzuweisen haben – vor allem im Mai, wenn der Park um die Schule grünt und blüht, die Schüler in der Mittagspause unter den Bäumen sitzen, die Jungen mit dem Fußball bolzen und der Grünspecht von Baum zu Baum fliegt. Das kann so keine Schule bieten, die ich mir angeschaut habe. Alles hat seinen Preis.

Werde ich die Schüler vermissen? Die Landeier? Diese netten, naiven Kinder? Möglicherweise, vielleicht, warum eigentlich? Andere Mütter haben auch nette Kinder…

Ich nabele mich langsam ab.

Das tut gut.

Neulich Nacht konnte ich lange nicht einschlafen, weil sich mein Hirn schon ein Projekt für die neue Schule ausgedacht hat – völlig ungefragt. Aber manchmal habe ich keine Macht über meine Gedanken. Schnell habe ich alle Ideen notiert und schon ein richtiges Konzept entwickelt. So soll es sein. Nach vorne schauen ist das Beste, was man machen kann. Und es gibt Momente im Leben, wo einem das leicht fällt. Danke, liebe Eltern, für euer indirektes Lob. Mit dieser Motivation gehe ich gerne zu neuen Aufgaben!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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7 Kommentare zu “SW 30: Selektion”

  1. Ich drücke Dir die Daumen, dass die anderen Kinder auch nette Mütter haben, Frau Henner! Klar verbringst Du mit den Kindern mehr Zeit, aber wenn es mit den eltern klappt, ist doch besser, oder?

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  2. Wie lange warst du an dieser Schule? Wirst du weiterhin bloggen? Wir hoffen es sehr. Ansonsten kommst du einfach immer mal im Lehrercafe besuchen☕😊. Es war ein langer Abschied für dich, ein ganzes Jahr. Das hat man doch eher selten. Komm gut durch diese Zeit. LG Ela

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  3. Die Schule aus diesem Blickwinkel zu sehen ist amüsanter als erwartet. Ich habe zwar eine menge Freunde die gerade Lehrer werden, aber zu beginn ist ja alles schön und Referendar zu sein hat vermutlich absolut gar nichts mit dem wirklichen Lehrerberuf gemein. Grüße Felix

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  4. Es wäre schön, wenn zu Beginn alles schön wäre – leider erlebe ich zu viele Referendare, die schon zu Beginn über die Arbeitsbelastung jammern. Was soll denn dann aus denen werden, wenn irgendwann mal ein volles Deputat ansteht? Man muss nicht von Anfang an perfekt sein und es ist nicht alles leicht, das meine ich nicht, nur beoabchte ich immer wieder, dass der Lehrberuft doch auch Menschen anzieht, die sich bewusst dem Druck der „realen Wirtschaft“ entziehen – als ob es in der Schule keinen Druck gäbe. Die straucheln dann natürlich irgendwann – und viel zu häufig mit ihnen auch die ihnen anvertrauten Kinder. Lehrersein ist kein Beruf – will man es richtig machen, ist es eine Berufung. Eine Schule erträgt auch ein paar „Das ist halt mein Job Menschen“, aber eben nicht zuviele.
    Das ist keine Resignation, dass ist mein Kampfauftrag.
    Deutschland braucht gute Lehrer – also her damit!

    Grüße zurück von LILO

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