SW 33: Moderner Physikunterricht?

Liebe Leser,

die letzten Arbeiten werden geschrieben, unsere Schulgebäude heizen sich über dem ungewöhnlichen Junihoch dermaßen auf, dass man tatsächlich ohne Übertreibung von Sauna sprechen kann, die Kollegen sind wiedermal reizbar – kurz: die Luft ist raus, aber es sind noch einige Wochen bis zum Schuljahresende. Und ich beschäftige mich mal wieder mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht. Ausgelöst durch – haltet euch fest – einen Zeitschriftenartikel aus dem Jahr 2011, der mir zufällig in die Hände fällt. Zusammengefasst: in diesem Artikel wird ziemlich eindrücklich dargelegt, wie wichtig für gute Unterrichtsqualität ein guter Lehrer ist – nicht die Schulform, nicht das Budget, noch nicht einmal die Methode.

Ausgehend von einem schwedischen Experiment, bei dem man eine der schlechtesten Klasse des Landes für ein halbes Jahr mit den besten Lehrern des Landes ausstattete und dem Ziel, die Klasse an die Spitze der landesweiten Test zu katapultieren, was von einem Fernsehteam begleitet und landesweit ausgestrahlt wurde UND die Bildungsdebatte natürlich angeheizt hatte – weil das Experiment gelang – davon ausgehend wird auch das deutsche Schulsystem nach der Lehrerpersönlichkeit hinterfragt.

Einen Ausschnitt möchte ich zitieren, der die Resultate zusammenfasst: „Wenn es überhaupt ein Rezept gibt, dann dieses: Die Kunst der guten Lehrer besteht im großen UND. Sie haben besonders hohe Ansprüche UND besonders viel Verständnis, sie sind äußerst fachorientiert UND persönlich zugewandt, überaus konsequent UND unterstützend.“ (Christoph Kucklick, Die guten Lehrer, Es gibt sie doch!, GEO Februar 2011, S. 38.)

Das ist alles noch sehr vage, selbst wenn mir klar ist, wie es gemeint ist. Der Artikel führt auch einige Forschungen an. Unter anderen zum deutschen Physikunterricht. Da Lucy ab nächstem Jahr ebenfalls in den Genuss dieses bei uns verhassten Faches kommen wird und ich  – je nach Lehrer – große Debatten am Esstisch auf unsere Familie zukommen sehe, interessiert mich dieser Abschnitt besonders. Ich selbst war gut in Physik, fand das Fach aber zum Gähnen langweilig. Unseren Schülern geht das mehrere Jahrzehnte später noch genauso. Zumindest den zweiten Teil würden viele sofort unterschreiben. Nun lese ich von einer Analyse des Physikunterrichts an 70 Schulen von Tina Seidel und Manfred Prenzel. „Der Lehrer spricht bis zu 70 Prozent der Zeit, die Schüler liefern Stichworte, spulen vorgefertigte Antworten ab. Experimente? Gibt es, aber selten werden sie so gestaltet, dass Schüler eigenständig forschen; meist werden die einzelnen Schritte vorgegeben.“ Ja, so ungefähr war das auch bei mir. So läuft das auch noch heute – besonders in der Mittelstufe, wenn noch alle drin sitzen, da man erst in der Oberstufe das Fach abwählen darf. Lucy wird sich also wahrscheinlich langweilen und nichts verstehen, weil andere die Antworten schneller geben, und sie einfach abschalten wird, denn sie wird zu solchem Physikunterricht keinen Zugang finden. Was interessiert sie Masse, Druck und freier Fall?

Nun soll es hier nicht um Physikbashing gehen. Möglicherweise wären die Forscher zu solchen Ergebnissen auch gekommen, hätten sie ein anderes Unterrichtsfach mit der Hilfe von Videos analysiert. Sicher kann man das niederschmetternde Fazit auch auf andere Fächer übertragen: „Jede Stunde ein Abziehbild der vorherigen. Das Klischee von Lehrer, der ein Berufsleben mit einer einzigen geistigen Folie absolviert, ist viel zutreffender, als man zu fürchten gewillt war.“ Doch in Physik  – und auch in Chemie – ist in unserer Schule aus Schülersicht die Not am größten. Hoffentlich bekommt Lucy nächstes Jahr den Lehrer, der wenigstens noch Humor besitzt! Vielleicht wäre das für sie ein Zugang…

Dann denke ich an Jan-Martin Klinges Physikunterricht , den ich nur über seinen Blog verfolge, aber doch Lust auf Physik bekommen, selbst wenn ich nicht weiß, ob ich so der Lernthekentyp wäre. Aber sein Ansatz, über Filme, Experimente und Alltagsphänomene Physik erfahrbar und damit verständlich zu machen, gefällt mir ausnehmend gut. In einem Beispiel beschreibt er, wie aufwendig ein Schülerexperiment ist. Die Schüler brauchen für eine Erkenntnis eine ganze Doppelstunde, die man im Lehrerexperiment in zehn Minuten dargestellt hätte. Das Entscheidende ist aber, dass die Schüler bei Herrn Klinge alles selbst erdacht haben und nach dieser Doppelstunde tatsächlich mit einer Erkenntnis die Schule verlassen, während sie bei manch anderem Lehrer eine Erkenntnis vorgesetzt bekommen haben, die sie nicht verstehen, weil sie sie sich nicht zu eigen gemacht haben.

Lucy und auch ich fürchten sich schon jetzt vor dem Physikunterricht im nächsten Schuljahr. Da ich das weiß, könnte ich rechtzeitig vorbeugen, sicher gibt es interessant gemachte Bücher, Videos und vieles mehr – auch im Netz – aber hey, ich bin doch in dem Falle kein Lehrer, oder?!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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18 Kommentare zu “SW 33: Moderner Physikunterricht?”

  1. Vielen Dank für die Blumen.
    Ich denke, dass große Problem von Physik/Chemie ist die unglaubliche (abstrakte) Stofffülle bei gleichzeitig geringer Stundenanzahl. Im Unterschied zur Biologie kann man in der Physik auch nur schlecht „exemplarisch“ lehren, weil jedes Gebiet für sich einzigartig und komplex ist. Sehe da auch keinen Ausweg – angesichts von Impfgegnern, Flat-Earthern und Verschwörungstheoretikern halte ich naturwissenschaftliche Fächer aber für wichtiger als je zuvor… :-/

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    1. So wirklich exemplarisch kann man Bio auch nicht lernen. Die Themengebiete sind schon sehr verschieden. Sicher gibt es eine gewisse Schnittmenge zwischen den verschiedenen Themen innerhalb der Biologie, aber dass man mit ein paar wenigen Experimenten alles abdecken kann, so ist es leider doch nicht. Die Stoffmenge ist ebenfalls extrem und wenn mir dies in der Mittelstufe auch recht egal ist, wenn ich was nicht schaffe, so kann ich angesichts der zentralen Prüfungsthemen in der Oberstufe nicht so auf Lücke lehren. Leider fällt dann das experimentelle meist hinten drunter.

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  2. Der schönste Zugang zur Physik ist sicher der, wenn man mit dem erlernten Wissen seinen Alltag erklären kann.
    Beispiel aus meiner (2. Semester Biologie) Übungsgruppe: Entfernung zum Gewitter berechnen – wieso geht das eigentlich mit dem Sekunden zählen und durch 3 teilen?
    Hebelgesetzte: Steine im Garten raushebeln, wann kippt die Schaukel (kennt man ja vom Spielplatz bzw lässt sich wunderbar ausprobieren)
    Leider war auch mein Mittelstufenunterricht so, wie du ihn beschreibst. Aber ich studiere trotzdem Physik (die Oberstufenzeit hat da eine Menge herausgerissen) 😉 vielleicht überrascht Lucy dich ja

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  3. Ja, mir geht es genauso. Mein Großer kommt ebenfalls nächstes Schuljahr in die 7.Klasse und hat dann Physik. Allerdings ist es bei uns so, dass ich in diesem Fach gnadenlos versagt habe, und nur darauf gewartet habe, dass ich es endlich abwählen kann.
    Prinzipiell hat mich die Thematik interessiert, aber aus genau den von dir beschriebenen Gründen, bin ich nach ca. 10 Minuten Unterricht gedanklich auf Weltreise gegangen.
    Der Sohn freut sich schon sehr auf dieses neue Fach. Ich bringe es nicht über mich ihn zu desillusioniern und hoffe einfach auf einen tollen Lehrer oder Lehrerin.

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    1. Dann euch viel Glück dabei, und genau das ist ja der springende Punkt – gerade die Naturwissenschaften entwickeln sich bei uns immer mehr zum Hassfach, was ich sehr bedauere und was auch zukunftsmäßig gesehen eine Katastrophe ist – und es hängt meist am motivierenden Lehrer. Stofffülle hin oder her. Als Deutschlehrer muss ich mich auch an der eigenen Nase packen und sagen: es liegt an mir, wenn die Kinderleins gar zu schlecht in der Rechtschreibung sind, also muss ich da was tun. Und sie bleiben mir nur dran, wenn ich konsequent, aber verständnisvoll, fordernd UND motivierend bin. Das muss auch in Physik und Chemie gehen. Da können wir doch nicht aufgeben.

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  4. Hatte ich dir schon vor längerer Zeit die Folien zu Lehre aus meiner Vorlesung zu Pädagogischer Psychologie zukommen lassen? Ich verschicke sie gerne per Mail!

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  5. Schulphysik fand ich gruselig, obwohl zumindest mein Lehrer in Klasse 7 und 8 klasse war. Habe nach Jg. 10 abgewählt und unterrichte es jetzt trotzdem mit großer Freude. Diese kam aber erst im Studium (nicht Lehramt). Ich versuche dabei eine Mischung aus experimentellen Phasen und „da müssen wir jetzt durch“-Theorie- und Rechenphasen.

    Ich empfehle meinen Schülern zum Wiederholen, Nachlesen, Vorlernen und überhaupt die Videos von thesimpleclub und die Internetseite leifiphysik. Für mehr Spaß sorgen auch oft die mythbusters, da kann man auch mal Dinge im Video zeigen, die jeden schulischen Rahmen sprengen.

    Ich wünsche Lucy viel Freude beim Entdecken der Physik und vielleicht entdeckst du deine Freude daran ja zusammen mit ihr.

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  6. Was sich immer wieder zeigt, so wie du es auch aus dem Zeitungsartikel herauskristalisiertest, jedes Fach kann interessant sein, jedes, wenn es der Lehrer nur versteht, seine Schüler zu begeistern. Ich habe das Gefühl, dass viele unserer Kollegen sich gern hinter schlechten Rahmenbedingen, schlecher Ausstattung und mangelndem Geld verstecken oder es gern als Alibi dafür nutzen, dass Unterricht ja aus den genannten Gründen nicht gut laufen kann. Und sie können ja dann schließlich nichts dafür. Nein, anders gedacht lsollte es laufen. Wenn die Bedingungen schlecht sind, muss ich ala Lehrer wollen, ich muss kreativ werden und schauen wie ich trotz schlechter Bedingungen guten Unterricht hinbekomme. Aber das hat was mit Hingabe zum Beruf zu tun und mit Arbeit, mit „mein Beruf iat meine Berufung“ und ich schaue selbst gern mal über den Tellerrand hinaus. Und, ich mache es eben nicht so, wie schon vor 10 Jahren. Sondern ich bleibe am Ball, entwickle mich weier, gehe mit der Zeit, bleibe aktuell und modern. Leider verlieren viele Lehrer diese Einstellungen im Laufe des Berufslebens aus den verschiedensten und nahvollziehbaren Gründen. Aber es sollte doch der Schüler im Vordergrund stehen, den es zu begeisternnund zu motivieren gilt, denn der kann schließlich nichts für die ganzen systemischen Bedingungen, aber er könnte der Physiker oder Mathematiker oder Biologe oder sonst was von morgen sein, oder? LG Ela☕

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    1. Meckern ist aber erst mal der leichteste Weg. Aber um es zu relativeiren, wir haben durchaus auch Lehrer, die sich selbst fragen, warum die Masse der Schüler in ihren Fächern nicht mitkommen und sich wegträumen. Die Konsequenzen sehen aber sehr unterschiedlich aus. Leider bei einigen: ich ändere nichts, denn der Stoff ist simpel, da muss der Schüler dumm oder faul sein. Wenn es aber nicht nur um einen geht, sondern um eine Menge, dann hätte ich bei dieser Einstellung Bauchschmerzen.

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  7. das ist schon lustig. ich fand physik genau solange toll am gym, bis der lehrer anfing, irgendwelche langweiligen realweltlichen probleme (warum geht die dose auf, wenn man den deckel unter heißes wasser heält, und in welcher pedalstellung kann man am schnellsten losradeln aus der ruhe…) einzubinden. technik interessiert mich nämlich null. physik dafür umso mehr. chemie genauso – kreidechemie: toll! organische chemie: wäh, langweilig!

    ich glaube, wie bei jedem fach, taugt es den kindern, die talent darin haben und/oder einen tollen lehrer. und den anderen halt nicht. macht nichts, muss man durch. lernen kann und muss nicht immer spaß machen und es ist eine frage der disziplin, sich nicht wegzuträumen, sondern zu arbeiten.

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  8. Ha, ich habe mir Chemie mit 16 eine Zeit lang erträglich gemacht, indem ich „Das Foucaultsche Pendel“ gelesen habe.
    Natürlich hat mich der Lehrer irgendwann erwischt, aber er war wohl so positiv überrascht, nicht schon wieder eine „Bravo Girl“ abgestaubt zu haben, dass er mich nur milde verwarnte.

    Diese Episode passierte, nachdem mir bis Dezember nicht klar wurde, worum zum Teufel es in Chemie eigentlich gehen soll. Ich sah einen Menschen Kohle und Schwefel mischen und abfackeln, aber wozu, das konnte mir keiner erklären. Und so wirklich wichtig war’s mir dann wohl auch nicht.

    Als Erwachsene finde ich Chemie und Physik sehr spannend und wüsste gern mehr darüber, aber, großes Pfadfinderehrenwort, mir wurde in mehreren Schuljahren nicht klar, worum es in diesen Fächern eigentlich gehen sollte.

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    1. In Zeiten, in den Figuren wie Walter White zur Star werden können, sollte es einem Lehrer auch in Chemie schon möglich sein, Interesse für sein Fach herauszukitzeln – ohne dann auch Meth zu kochen.

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      1. Walter White ist ja kein Star, weil er Chemie unterrichtet, sondern weil er sich darüber hinaus ein actionreiches zweites Standbein aufbaut.

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  9. Als sich meine Grundschulzeit dem Ende zuneigte und ich mir Gedanken darüber machte, welche weiterführende Schule ich besuchen würde, fiel mir auch eine Stundentafel in die Hände, wo aufgelistet war, welche Fächer in welcher Klasse wie viele Stunden unterrichtet werden. Und schon damals freute ich mich auf die achte Klasse, in der ich endlich auch Physik haben würde. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Die Mischung aus Demonstrationsversuchen und fragend-entwickelndem Unterricht, garniert mit interessanten Rechenaufgaben gefiel mir als Schüler sehr gut.

    Umgekehrt hat mir einmal ein Kollege davon berichtet, wie er zufällig eine Unterhaltung zweier Grundschüler (!) mitbekommen hatte. Da sagte einer zum anderen: „Physik werd‘ ich nie verstehen.“

    Man fragt sich doch, woher derartige Unterschiede in der Bewertung des Fachs kommen, bevor man auch nur eine einzige Stunde Physikunterricht hatte. Aus meiner Sicht und der meiner Kollegen spielen dabei auch die Eltern eine Rolle, die ihre positive oder ablehnende Haltung gegenüber dem Fach Physik bewusst oder unbewusst auf ihre Kinder übertragen.

    Als Lehrer ist mir natürlich schon klar, dass einige Schüler den klassischen Unterricht nicht so interessant finden wie ich damals – und ich versuche natürlich auch, den Unterricht durch Schülerexperimente o.ä. abwechslungsreicher zu gestalten. Aber der Zeitfaktor, der ja schon angesprochen wurde, ist eben durchaus ein wichtiger Punkt: Ein paar mal kann ich es mir durchaus leisten, die Schüler eine Doppelstunde lang an einem Problem knobeln zu lassen, das ich in 10 Minuten an der Tafel erklärt hätte – aber eben nicht immer, sonst komm‘ ich nicht annähernd mit dem Lehrplan durch. Und in einem Fach, in dem man immer wieder auf früher erworbenem Wissen aufbaut, kann man sich das eben nicht zu oft leisten.

    Das ist aus meiner Sicht übrigens ein weiterer Grund für die Abneigung mancher Schüler gegen das Fach Physik: Wer dort erst einmal ein paar Lücken hat, der muss wesentlich mehr Zeit investieren, um sie wieder zu schließen, als das in den klassischen „Paukfächern“ der Fall ist. Wer in Geschichte die alten Römer verschlafen hat, hat trotzdem keine Probleme, die französische Revolution zu verstehen. Aber wer in der Physik mit der gleichförmigen Bewegung Probleme hatte, dem wird die gleichmäßig beschleunigte Bewegung wahrscheinlich noch schwerer fallen.

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