SW 35: Globalisierter Ausschuss

Liebe Leser,

am Schuljahresende müssen nicht nur alle Noten gemacht werden, die Zimmer ausgeräumt und die Schulfeste organisiert werden, nein, da müssen auch alle Schulbücher kontrolliert und eingesammelt werden, um die Exemplare für das nächste Schuljahr bereitzustellen. Das ist an sich kein großer Akt, wenn man den Dreh raus hat. Da ich das nicht zum ersten Mal mache, läuft das in meiner Klasse wie geschmiert, obwohl ich bei ein paar Kollegen feststellen konnte, dass manche auch nach fünfzehn Dienstjahren nicht verstehen, was ein Zweitbenutzer ist und dass der Atlas nicht jedes Jahr eingesammelt und wieder ausgeteilt wird – was dann zu unnötigem Chaos führt. Jedes Jahr bei den gleichen Kollegen.

Aber um diese wenigen Schnarchnasen soll es nicht gehen, denn die meisten Kollegen machen ihren Job EINS A. Und Schnarchnasen gibt es überall. Kollegen, die die Bücher nicht kontrollieren zum Beispiel und dann völlig schrottige Teile abliefern. Das ist das Thema. Aber ohne Schnarchnasen.

Ein Schulbuch sollte einfach länger als ein Jahr leben, denn es ist teuer und Schulen haben bekanntlich selten zuviel Geld. Nehmen wir unser Deutschbuch. Es kostet circa 25 Euro. Die letzte Charge hat ohne Probleme sechs, sieben Jahre gehalten. Dann wurde der neue Bildungsplan angekündigt und wir haben abgewartet, bis die neuen Bücher von den Verlagen rauskamen, obwohl die Bücher wirklich nicht mehr schön aussahen. Das hat noch einmal zwei, drei Jahre gedauert. Dann konnte man die Bücher wirklich in den Müll schmeißen. Aber so manches Deutschbuch hatte dann tatsächlich seine zehn Benutzer auf dem Buchdeckel. Kinder, die ihre Schultaschen im Flur umherwerfen und die Bücher munter drin herumpurzeln lassen, Kinder, die ihre Trinkflasche nicht ganz fest zugeschrauben, Träumer, die doch ins Buch mit Bleistift schreiben und dann radieren müssen, was auf Hochglanzseiten einfach Mist ist. Zehn solcher Benutzer, aber das Schulbuch hielt!

Nun sind wir komplett neu mit Deutschbüchern eingedeckt. Schick sahen die aus, als sie vor einem Jahr ankamen. Viele meiner Schüler mussten sie gar nicht immer mitbringen, weil ich manche Einheiten komplett ohne Buch gestalte, weil ich die Kinder anhalte, sich mit dem Nebensitzer zu verabreden, damit die Schultaschen leichter werden. Ich bringe Mathe mit und du Deutsch. Das finde ich sinnvoll. Manche Bücher wurden also nur zuhause für die Hausaufgaben aufgeklappt. Keines meiner Kinder hat in sein Buch geschrieben, es gibt kaum einen Wasserschaden zu beklagen nach diesem einem Jahr – ABER

 

DIE BÜCHER SIND IM GRUNDE ALLE HIN.

 

Die halten maximal noch ein Jahr, dann fliegen die ersten Seiten aus dem labberigen Buchrücken heraus. Diese Bücher sind der reinste Ausschuss – made in China.

Rechnen wir mal kurz: 25 Euro mal 100 Sechstklässler, das dann noch mal die anderen Klassenstufen und mal die anderen Fächer, denn in Mathe oder Englisch sind die Bücher auch nicht qualitätsvoller. Und dieser Betrag müsste nun aller drei Jahre zur Verfügung stehen. Ausgerechnet jetzt, wo sich die Schulen doch alle neue Rechner und Tablets anschaffen sollen. Und die Kommunen sollen die Breitbandverkabelungen bezahlen und die Instandhaltungskosten und nun die erhöhten Buchrechnungen. Unsere Kommune ist übrigens chronisch pleite.

„Das müssen wir dem Verlag rückmelden“, sage ich zum Buchverantwortlichen.

„Haben wir längst“, sagt der Buchverantwortliche.

„Das kann man sich doch aber nicht gefallen lassen, müssen wir das nächste Mal doch andere Bücher kaufen“, überlege ich.

„Hat keinen Wert, die anderen Verlage lassen inzwischen auch alle in China drucken“, meint der Buchverantwortliche.

„Dann fange ich mal an vom digitalen Schulbuch zu träumen…“, denke ich mir so, aber dann fällt mir ein, wie absurd das wieder ist, weil ja die Tablets nicht weniger Folgekosten machen.

Ist es eigentlich nicht mehr möglich, für 25 Euro ein hochwertiges Schulbuch in DEUTSCHLAND zu produzieren?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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7 Kommentare zu “SW 35: Globalisierter Ausschuss”

  1. Och, es ist möglich. Aber dann verdient man pro Buch vielleicht nur noch 5 €, durch die Produktion in China dafür dann halt 10. Knallhart kalkuliert. Und durch den höheren Verschleiß kann man denselben Sch*iß gleich zwei- oder dreimal so oft verkaufen…

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  2. Das Gefühl habe ich leider auch – und wenn die Verlage sich dann untereinander sogar noch einig sind… nun ja niemand erwartet Samaritertum, aber dieser Ausschuss ist so plötzlich und massiv, dass man auf solche Gedanken kommt.

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  3. Ein Problem ist auch der Förderalismus: Jedes Bundesland bastelt seinen eigenen Lehrplan, hat seine eigenen Schulbuchzulassungen und so weiter. Das treibt die Kosten für die Verlage in die Höhe, die dann wieder anderenorts eingespart werden müssen. In Österreich gibt es zwar auch Bundesländer, aber ein einheitliches Schulsystem. Daher können österreichische Schulbücher billiger angeboten werden.

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    1. Das winzige Österreich als Beispiel zu nehmen, finde ich witzig. Wenn die paar Millionen Landsleute anfingen, für neun Bundesländer unterschiedliche Schunbücher zu drucken, wäre das ja viel absurder als in Deutschland mit seinen +80 Mio. Einwohnern.

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  4. Persönlich finde ich die Entwicklung auch bedauerlich. Sohn hatte in der fünften Klasse ein Englischbuch, das in der zehnten (!) Runde unterwegs war. Das Buch war nicht mehr prall aber immernoch in Ordnung. Laut einer befreundeten Lehrerin aber eine ungewönlich lange Umlaufzeit. Dazu kommt, dass Produktion in D auch niemand mehr bezahlen mag. Sei es Bekleidung, Romane oder eben Schulbücher. Die Druckindustrie in D ist in den letzten 30 Jahren – bis auf Nischen – nahezu verschwunden.

    Lernmittelfreiheit im eigentlichen Sinne gibt es ja nur in acht von sechzehn Bundesländern. In Ländern mit kostenloser Schulbuchausleihe für alle werden die Bücher generell länger genutzt, als bei Privatanschaffungen bzw. Ausleihe gegen Gebühr. Insofern sind kalkulatorische drei Jahre Nutzungszeit aus Verlagssicht durchaus wirtschaftlich, denn längere Haltbarkeit ist für einen großen Teil der Nutzer gar nicht erforderlich.

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