Physik und die Welt

Liebe Leser,

die erste Oktoberwoche vergeht mit der Vehemenz und strahlenden Kraft eines letzten Aufbäumens der Natur. Um uns herum tanzen gelbe Blätter, die Rosen blühen in einer stattlichen Parade im Garten und wir sitzen am Esstisch und lernen Physik.

Wir, das sind Lucy und ich. Wie ich es schon geahnt hatte, weil ich nun mal meine alten Kollegen noch kenne, entpuppt sich Lucys Physikunterricht als Katastrophe. Ich kann mich nur auf die Erzählungen meiner Tochter verlassen, aber höre quasi als Resonanz die vielen Schülerstimmen dazu, die alle den gleichen Ton anschlagen und den Physiklehrer zum unbeliebtesten Lehrer der Schule machen. Lucy nennt ihn nur ML – Miese Laune.

Ich selbst fand Physik an sich gar nicht so dröge, aber habe auch diese Erinnerungen an laaaaaaaaaangweilige Stunden in potthässlichen Fachräumen. Schlimm genug, dass Lucy das ganze 25 Jahre später wieder genauso erleben muss. ML steht vorne, macht ein Experiment und erklärt es nebenbei. Nun hängt es von der Sichtachse des jeweiligen Schülers und der direkten Umgebung ab, wieviel er überhaupt von diesem Experiment mitbekommt. Aber immerhin wird überhaupt ein Experiment gemacht. Leider sind die Erklärungen nicht sonderlich verständlich, weil ML Fachbegriffe benutzt, die den Schülern nicht klar sind. Ihm ist ja alles klar. Fragen die Schüler nun nach, bekommen sie Sätze wie: „Du weißt nicht, was eine Auslenkung ist? Ja, lebst du auf dem Mars?“ zu hören, aber das ist nunmal nicht sonderlich hilfreich. Besonders demotivierend ist es dann, wenn das anschließende, sich ewig hinziehende Lehrer-Schüler-Gespräch von Lehrers Seite nur mit den Jungen geführt wird, weil Mädchen ja eh keine Ahnung haben. Als bestätigendes Beispiel wird dann ab und zu die schüchterne Leonie aufgerufen. Und Lucy bekommt zu hören, als sie eine Frage richtig und mit Fachbegriff beantworten kann: „Den Fachbegriff darfst du noch gar nicht kennen, der ist erst in Klasse 10 dran.“ Super.

Lucy hat also nach drei Wochen die Segel gestreckt, ich weiß nicht, ob der Rest der Klasse überhaupt aufgetakelt hatte. Ergebnis: keiner macht mehr mit und Miese Laune bekommt noch miesere Laune. Jetzt droht der Lehrer mit Tests, denn so doof kann sich ja kein Schüler anstellen. Frau Henner will Lucy vor einem Riesenreinfall bewahren und findet außerdem, dass man Physik auch verstehen kann – der Lehrerehrgeiz ist erwacht. Und Lucy? Die sagt: „Also diesem Typen will ich’s grade beweisen, der darf nicht glauben, dass Mädchen alle doof sind!“ Also sitzen wir beide über dem Physikstoff. Ohne das Buch wäre ich aufgeschmissen. Es existiert zwar ein Heftaufschrieb, aber der besteht allein aus Versuchsaufbauten. Erklärungen, Rechnungen, Übungen, das alles fehlt. Merksätze?

Ich bin gut vorbereitet. Aus dem Internet habe ich mir Beispieltests runtergeladen, leider hätte ich die Lösungen bezahlen müssen. Seis drum, das kriegen wir schon hin. Auch finde ich You-tube-Videos, die sind zwar cool gemacht, aber in ihrer Verkürzung viel zu simplifizierend und trashig, da bleibt nicht viel hängen. Man kann ein ganzes Stoffgebiet eben nicht in 2.40 Minuten packen.

Anfänglich sträubt sich die Tochter. Physik ist ja voll doof. Aber als wir dann zu allerlei Naturphänomenen kommen, die sie nun endlich erklären kann und damit tiefer begreift, findet sie es selbst ganz interessant. Nur mit den Rechnungen klappt es nicht so recht, aber das ist ja wieder ein anderes Problem. Gerne hätte ich ein paar mehr Übungsaufgaben gefunden – mit Erklärung und Lösung, denn Miese Laune wird der Klasse ja beweisen wollen, WIE doof sie ist. Aber selbst wenn sich Lucy bei den Rechnungen schwertut, das Prinzip hat sie kapiert, darauf kommt es an.

Lucy wird langsam klar, dass zum Weltretten auch ein bisschen Physik dazugehört. Biologie ist das eine, Politik und Ethik das andere, aber die Wasserpumpe in Afrika ist das dritte. „Dann sollte ich wohl Physik auch in der Oberstufe machen“, überlegt Lucy tollkühn. Nun ja, hängen wir uns mal lieber nicht so weit aus dem Fenster, freuen wir uns über diesen kleinen Anfang. So gehen wir auseinander und haben beide das Gefühl, dass es etwas gebracht hat. Miese Laune kann uns den Tag nicht verderben!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Physiknachhilfelehrerin Frau Henner

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8 Kommentare zu „Physik und die Welt“

  1. Bei diesem Beitrag geht mir besonders das Herz auf und ich erinnere mich an meinen Start in Physik vor vielen, vielen Jahren.
    Die Lehrerin war eine Katastrophe und der (auch) angedrohte Test brachte mir einen ‚Beweis‘-Dreier ein.
    Mein Ehrgeiz war geweckt, es dieser unsäglichen Lehrkraft zu zeigen.
    Zwei Jahre später übernahm ein Lehrer. Inzwischen war ich auf dem Laufenden und infolge der veränderten Unterrichtsmethodik wuchs mein Interesse. Experimente – z.B. zur BlackBox – trugen ebenfalls dazu bei, dass ich immer mehr mit Begeisterung bei der Sache war.
    Schlussendlich habe ich das Abitur in Physik abgelegt – als einziges Mädchen meines Jahrgangs (drei Stufen).
    Heute, fast dreißig Jahre später, bin ich sehr froh über diese Entscheidung, habe ich doch schon oft von diesem Wissen profitieren können.

    Möge also die Nachhilfe-Physik-Lehrerin Frau Henner das Projekt noch ein wenig fortführen.

    Lucy wünsche ich von Herzen einen langen Atem. Vielleicht kann sie sich auf mein Wort verlassen, dass sich jedes in Physik erworbene Wissen später auszahlen wird.

    Gutes Gelingen!

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  2. Tja, die Hierarchie der Gesetze ist eben wie folgt:

    Ganz unten sind die menschengemachten Gesetze, Diebstahl, Ehebruch, usw.

    Darüber kommen die der Wirtschaft, es wird eben gestohlen

    Darüber die der Biologie, nur sehr wenige brauchen Turnschuhe für 200€, aber das ist eben das Äquivalent zu den Pfauenfedern.

    Die Physik schlägt sie alle.

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  3. Als angehende Physiklehrerin macht es mich traurig immer wieder solche Geschichten zu hören. Denn Lucy ist mit diesem Problem nicht alleine, meine Nachhilfeschüler berichten häufig von ähnlichen Problemen.
    Die beste Seite (die hier auch schon häufiger genannt wurde) ist LeifiPhysik, besonders die Quizze mit denen die Schüler gucken können ob sie ein Thema verstanden haben, empfinde ich als besondere Bereicherung.

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