Getaktete Kindheit

Liebe Leser,

in völligem Bewusstsein, dass es mir in meiner Stellung als Lehrerin an einem Gymnasium in Baden-Württemberg noch richtig gut geht, so möchte ich mir doch von der Seele schreiben, was ich immer mehr beobachte und was mich so sehr an meiner Profession zweifeln lässt, dass ich immer häufiger über Alternativen zum Lehrberuf nachdenke. Dabei bin ich mit Leib und Seele Lehrer. Ich begreife mich als Person, die jungen Menschen einen Teil der Welt nahe bringt, in dem sie ihnen Wissen vermittelt, denn ohne Wissen kann man nichts beurteilen, Fähigkeiten, mit Material und Situationen umzugehen, denn alles Wissen nützt nichts, wenn ich es nicht einordnen kann, und sie gleichzeitig versucht anzuhalten, genau dies wieder zu hinterfragen, denn ich will sie nicht zu Ja-Sagern erziehen, sondern zu kritischen, mündigen Bürgern. Dazu gehört für mich das Pädagogensein zwingend dazu. Ich bilde nicht aus, ich bilde und ich erziehe Menschen. Guten Morgen und Auf Wiedersehen, bitte und danke, ja und nein und immer ein Lächeln als kürzesten Weg zwischen zwei Menschen sind da nur ein Anfang.

Nein, ich bin kein Dienstleister, nein, ich bin kein Input-Manager und nein, ich bin kein Lernbegleiter. Ich bin Lehrer. Pädagoge.

Ich arbeite mit Kindern und Jugendlichen, nicht nur mit Schülern. Aber wie soll die Menschlichkeit nicht auf der Strecke bleiben, wenn mir die Sinnhaftigkeit meines Tuns abhanden kommt? Um Lehrer zu sein, muss ich Mensch sein können. Um Schüler zu sein, müssen Kinder auch noch Kinder sein dürfen. Und genau das vermisse ich immer mehr.

Wir takten in unserem Land die Kinder ein wie Erwachsene. Jede Minute ist mit sinnvoller Beschäftigung ausgefüllt – allem voran mit Schule. Die Kinder haben inzwischen einen Stundenplan, der ihnen eine Wochenarbeitszeit von locker vierzig Stunden beschert. Lernen kann Spaß machen, ich weiß. Projekte sind toll. Klar. Merkt ihr, dass das hohle Phrasen sind? Fünftklässler, die zweimal in der Woche Nachmittagsschule haben, Zehntklässler, die bereits an vier Nachmittagen in der Schule bleiben – aber nicht, um in der Theater-AG die eigene Persönlichkeit zu bilden, sondern schnöde um Physik und Geografie zu pauken. Wie um Himmels willen sollen ernsthaft Sechsklässler Geschichte begreifen, die dieses Fach einmal die Woche zwischen 15.30 und 17.30 Uhr haben, nach Englisch, Mathe und Biologie? Unsere Schüler haben nicht nur Kunst und Musik und Sport am Nachmittag – und nebenbei, auch diesen Fächern tut man Unrecht, wenn man sie so an den Rand verdrängt und tut, als wäre das alles Erholung und Larifari, ein reiner Spaß und gar keine Anstrengung. Von früh um acht bis abends halb sechs halten sich die Kinder in hässlichen Räumlichkeiten, wahlweise in zugigen Gängen oder stickigen Klassenräumen auf, sie hecheln von einem Fach zum nächsten, Schule als Lebensraum ist in meinem Umfeld nicht vorgesehen. Begeisterung für Bildung kann da nur die Ausnahme bleiben. Kreatives Andersdenken fällt zu oft unter den Tisch. Zukunft ist anderes. Aber sie lernen auf alle Fälle das Im-Takt-Marschieren. Und sie geben sich redlich Mühe. Ich staune, wie fleißig die Schüler trotz dieser enormen Belastung in der Regel doch sind. Sie haben das Arbeitsleben schon völlig internalisiert.

Wenn es nur diese zwei Nachmittage wären, dann könnte man ja mit mir reden. Aber so ist es nicht. Der normale Stundenplan eines Kindes sieht vielerorts ganz anders aus. An den wenigen freien Nachmittagen findet mindestens noch der Sportverein, die Musikschule und nicht zu vergessen die Nachhilfe statt. Gerne Mathe UND Latein.

Das führt dazu, dass die Kinder nichts mehr mit sich anzufangen wissen, haben sie tatsächlich einmal frei. Wenn ich mittags nach der einstündigen Pause in die Schule zurückkomme, lungern die Fünftklässler schon im Flur herum und fragen, wann es weiter geht, denn ihnen sei langweilig. Gut denke ich, aus Langeweile kann etwas entstehen – etwas Neues. Aber wenn ich mich in der trostlosen Umgebung umschaue und weiß, dass es bis zum Klingeln eh nur noch sieben Minuten sind, ist mir schnell klar, dass auch jetzt nicht Neues entstehen wird. Dann eben Smartphonegedaddel. Das lenkt wieder schön vom eigenen Ich ab.

Es gibt so viele Details, die ich argumentativ heranziehen könnte, aber ich bin es manchmal einfach leid, weil alles Rufen nichts bringt. Wir tackten die Kindheit nur noch enger. Damit Mutter und Vater sorglos arbeiten gehen können. Warum auch nicht. Da habe ich gar nicht dagegen. Nur eben nicht SO!

Und ich bin Teil dieses absurden Systems. Auch ich versuche um 16.20 Uhr Zwölfjährigen etwas zu erklären, anstatt mich mit ihnen draußen ins Herbstlaub zu legen und die letzten warmen Sonnenstrahlen zu spüren, gemeinsam einen Kuchen zu backen und mit ihnen über das Leben zu diskutieren. Wahrscheinlich könnten sie dabei auch eine Menge lernen, doch das ist nunmal nicht so gut abrechenbar. Aber es ist eben 16.20 Uhr und die Schule geht bis 17.30 Uhr und hier ist mein Bildungsplan. Und Kakaotrinken ist in den Schulräumen sowieso verboten. Wenn der Kakao mit den giftigen Dämpfen des abgelatschten, grauen Linoleums zusammentrifft… Grau sind auch die Wände und die Spinde rechts und links im Flur. Farbe wäre ja auch noch schöner. Schule könnte ja Spaß machen. Schule könnte ja ein Lebensraum sein. Leider sieht meine neue Schule sowohl von außen als auch von innen eher aus wie eine Jugendstrafanstalt. Das sind uns also die Kinder wert, unsere Kinder, die Zukunft.

Es reicht ja nicht einmal für einen regelmäßigen Anstrich. Aber wollen die Eltern das überhaupt? Kinder, die den Nachmittag nicht mit einem weiteren Run auf die Poolposition verbringen, sondern an ihrer Persönlichkeit basteln? Haben sie nicht alle Angst, dass ihr Kind dann nicht mitkommt in dieser Welt, wo scheinbar nur die harten Fakten zählen? Ein anderer könnte es überholen. Deshalb muss alles einen Mehrwert haben, vor allem die Freizeit der Nachmittag.

Wenn ich daran denke, wie ich die Nachmittage verträumt habe, welche Wege ich in Kauf genommen habe, um Freunde zu treffen, dafür aber auch die Zeit und das Gottvertrauen meiner Eltern hatte. Was ich neben der Schule alles gemacht habe – aus Langeweile, wovon vieles sinnfrei war und sich doch in ein großes ganzes Selbstbestimmtes gefügt hat. Sprich, wie ich ein kreativer, neugieriger, selbstdenkender Mensch geworden bin. Mir ist völlig klar, dass man die Welt nicht zurückdrehen kann und dass früher nicht alles besser war. Das heißt aber nicht, dass man vor negativen Beobachtungen in der Gegenwart die Augen verschließen muss und behaupten darf, das sei eben so, dass sei der Fortschritt, es gehe nicht anders.

Ich bin sicher, dass es anders geht. Ich bin mir nur nicht sicher, welche Rolle ich in dieser Fantasie spiele. Das ist gerade mein Problem.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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6 Kommentare zu „Getaktete Kindheit“

  1. Und nach der Schule ist manchmal zu wenig echte Zeit zusammen in der Kernfamilie daheim. Denn da muss noch dieses und das durch die Eltern erledigt werden, die Kinder sollen (doch bitte!) nebenbei funktionieren. Schwer abzuschätzen, was für einen Typus Mitmensch/Bürger sich unsere Gesellschaft da heranzieht.

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    1. Ja genau, noch so ein Folgeproblem. Hat man nur ein Kind und einen flexiblen Halbtagsjob, mag es noch gehen. Muss man aber zwei oder mehr Kinder „managen“, die alle ein anderes Nachmittagsprogramm – allein schon durch die Schule – haben, bleibt in der Regel nur das Wochenende, wenn da nicht weitere Verpflichtungen anstehen, um sich einmal als Familie zu erleben. Damit erhält das Wochenende aber nicht einfach mehr Bedeutung und es entwickelt sich eine Wochenendkultur (weil wir dieses Wort so lieben), sondern wird unangenehm mit Erwartungen aufgeladen. Das Wochenende kann nicht kitten, was im Alltag verloren gegangen ist.

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  2. Hat dies auf Experte für Zweisprachigkeit und Weltwirtschaft rebloggt und kommentierte:
    Als Experte für Zweisprachigkeit und Weltwirtschaft hab ich euch Folgendes zu sagen:

    Frau Henner aus der Provinz ist Lehrerin in ebendieser, doch denkt sie alles andere als provinziell. In berührender Weise spricht sie ein globales Phänomen an: das Diktat der Sinnhaftigkeit.

    Wann dürfen unsere Kinder sich endlich mal wieder langweilen? (ezw)

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  3. Ein toller, Text, vielen Dank!

    Was ich vermisse (nicht in deinem Text, sondern in fast allen Debatten über’s Schulsystem) ist die Frage, was wir mit Schule eigentlich erreichen wollen. Was ist das Ziel von Schule, wohin soll sie die Kinder bringen? Was müssen Kinder können, um für zukünftige Herausforderungen gerüstet zu sein? Zu welchen Menschen wollen wir als Gesellschaft diese Kinder erziehen?

    Solange es immer nur darum geht, noch mehr Wissen (möglichst in kürzerer Zeit) in die Kinder reinzustopfen, und beim nächsten Ranking besser abzuschneiden als Bundesland X oder Land Y, solange werden wir auch weiter nachmittags noch fröhlich ein paar Extra-Stunden ansetzen.

    Ob das was bringt, oder vielmehr: WAS das bringen wird, darüber wird leider nicht gesprochen.

    In diesem System einen eigenen, guten Weg zu finden, ist für Eltern und für Lehrer nicht einfach.

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