Draußen ist die Welt der anderen

Liebe Leser,

mein ganzes Leben begleitet mich schon das unbestimmte Gefühl, nicht dazuzugehören. Nur in meiner Familie bin ich ganz ich. Im kleinen Freundeskreis vielleicht noch ab und zu, ansonsten sehe ich die Gesellschaft um mich herum meist wie ein Beobachter, manchmal wie ein Feldforscher und ab und zu auch völlig verblüfft wie ein längst aus der Zeit Gefallener. Ein Museumsstück in einer Zeitkapsel. Dabei bin ich offiziell gesehen gerade im besten Alter!

Und nein, es hat absolut nichts mit Nostalgie zu tun.

Wenn ich mich an die Weihnachtsmarktbesuche meiner Kindheit erinnere, dann ist da auch Geschiebe und Gedränge, besonders empfunden, weil man klein war. Zum Glück ist da die breite, immer warme Hand meines Vaters, die mich gehalten hat. Sein Schnurrbart im Senf der Bratwurst und die fröhlichen Kinderweihnachtslieder gehören ebenfalls dazu wie kalte Füße und die Freude über den Lichterglanz in der Winternacht. Die Mutter, die etwas enttäuscht über das Angebot ist, wird genauso erinnert, wie ihre roten Wangen, wenn sie sich dann doch dazu hinreißen ließ, am Schmalzgebäckstand ein paar Kräpfelchen zu erstehen. Und dann der Duft aus der Tüte…

Nun gut, ein bisschen Nostalgie ist dabei und das ist gar nicht schlimm, denn solche Erinnerungen treiben uns als Eltern dazu, an einem kalten Adventssonntag zum kleinstädtischen Weihnachtsmarkt aufzubrechen – en famille natürlich. Die Kälte haben wir also schon, die Menschen kommen von allein und Leo wird die paar Leutchen eventuell auch als Gedränge empfinden, denn er ist ja noch klein. Sein Papa hat auch so eine magische, immerwarme Hand. Wir kaufen gebrannte Mandeln, kalte Füße und Lichterglanz bekommen wir gratis.

Aber eines fehlt und damit ist das ganze Erlebnis nicht das gleiche. Statt fröhlicher Kinderstimmen, die „Oh Tannenbaum“ oder zur Not wenigstens „In der Weihnachtsbäckerei“ trällern, wird der gesamte Weihnachtsmarkt mit einer so primitiven Popsülze übergossen, dass ich nur noch fliehen will. Ich kann das nicht ertragen. Aber die Menschen um mich herum scheint die Kakophonie nicht zu stören. Man steht traut beim Glühwein zusammen, kauft Hosenträger und Handschuhe. Und über allem krächzt ein heißeres Popsternchen mit viel Synthesizer eine gar nicht weihnachtlich anmutende Melodie. Wenn überhaupt eine Melodie noch zu hören ist!

Das sind die Momente, wo mir bewusst wird, dass der Schwarm eben nicht besonders intelligent oder besonders geschmackvoll, sondern einfach nur besonders mittelmäßig ist, und ich in meiner Arroganz mich nicht dazugehörig fühlen kann. Und gleichzeitig weiß ich, dass jeder Mensch gleich viel wert ist und ich mich nicht über andere stellen darf. Das sagt der Verstand, der das sagt, aber das Gefühl sagt etwas ganz anderes.

Unser Weihnachtsmarktbesuch ist schnell beendet, zuhause legen wir klassische Weihnachtsmusik auf und essen selbstgebackene Lebkuchen. Wir haben uns zurückgezogen in unsere Welt, in diese Höhle der Familie, in der wir uns ganz bewusst abgrenzen von vielen Strömungen unserer Zeit.

So häufig wird in der letzten Zeit die Gemeinschaft beschworen und wie gut die Welt wäre, wenn wir alle den anderen anerkennen und in seinen Eigenheiten liebhaben. An solch banalen Kleinigkeiten zeigt sich aber einmal mehr, dass selbst gebildete, vernunftorientierte Menschen nicht dazu in der Lage sind, in der Masse aufzugehen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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