Archiv der Kategorie: Alles neu macht die Schule!

Selbstoptimierung als schöner Schein

Liebe Leser,

neue Schule, neue Schüler, alles beim Alten?

Die Kinderlein sehen zumindest fast genauso aus wie an meiner alten Schule. Es sind zwar Stadtkinder, aber ländlich geprägte Stadtkinder, viele kommen aus den umliegenden Dörfern, also im Grunde doch Landeier. Und ich mag Landeier… Trotzdem beobachte ich hier etwas für mich Neues.

Ein Beispiel: Früher habe ich eine Aufgabe gestellt und die Schüler haben diese halt erledigt. Da gab es die Ehrgeizigen, die es besonders gut machen wollten, und die Null-Bock-Schüler, die irgendwas hingeschludert haben, Hauptsache, da steht was auf dem Blatt, und die große Masse, die die Aufgabe mit ihren Fähigkeiten solide gelöst hat. Das hatte ich für normal gehalten. Mal war die Klasse an sich motivierter, mal war die Aufgabe ansprechender, mal war die Motivation durch einen Wettbewerb größer. Aber die Gaußsche Normalverteilungskurve schlug immer wieder zu, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau.

Das ist hier anders. Gebe ich an der neuen Schule eine Aufgabe, will das die große Masse besonders gut machen, denn eine schlechte Leistung ist eigentlich nicht akzeptabel. Die besonders Ehrgeizigen müssen sich also noch mehr anstrengen, um glänzen zu können. Da kommen dann Kinder freiwillig in ihrer eh schon knappen Freizeit, um noch „was nachzuarbeiten“. Erlaube ich das nicht, weil ich möchte, dass die Schüler auch noch Kinder sind und Freizeit haben, sind sie unglücklich, also dürfen sie auch noch am Nachmittag zwischen vier und fünf zusätzlich kommen. Und dann haben sie zuhause „schon mal was vorbereitet“. Alles komplett ausgearbeitet!

Wann machen die das? Von Juliane weiß ich, dass sie in der Mittagspause schnell in die Musikschule zum Geigenunterricht fährt. Pünktlich zum Mittagsunterricht sitzt sie wieder auf ihrer Bank, noch den letzten Bissen vom Asia-Imbiss kauend. Natürlich muss ich sie loben, was sie leistet ist überkindlich, und gleichzeitig bleibt mir der letzte Bissen von meinem Mittagessen im Halse stecken, das ich ganz in Ruhe, faulenzend im Lehrerzimmer eingenommen habe, schließlich war Pause. Und danach habe ich noch ein bisschen beim Käffchen mit Frau Ohrwick geplaudert, schließlich war Pause. Das kann sich Juliane nicht leisten. Schade.

Erschreckend wird es dann, wenn ich merke, dass sie nicht die einzige ist.

Weil es in der Stunde etwas knapp geworden ist, die Präsentation aber schon nächste Woche sein wird, betteln mich die Achter, dass sie die Plakate mit nach Hause nehmen dürfen. Ich gebe nach. Und bekomme sie zwei Tage später perfekt wieder, dabei weiß ich genau, dass sie Mittagsschule hatten und am Tag der Abgabe auch noch eine Physikarbeit schreiben mussten. Sicher haben sie auch dafür gelernt. Hat ihr Tag mehr Stunden als meiner?

Jetzt könnte man sagen: „Mach dich locker, Frau Henner! Freu dich doch einfach, was das mal für eine Wahnsinnsgeneration wird. Die wuppen mal unsere Zukunft. Und fast alles Mädels, hey, Frauenpower vor!“ Jetzt möchte ich euch aber noch von einer zweiten Beobachtung berichten.

An meiner alten Schule waren Handys prinzipiell verboten, es sei denn der Lehrer erlaubte den Einsatz im Unterricht. Weil es aber prinzipiell verboten war, hat das Smartphone keine große Rolle gespielt und damit auch das Internet nicht. Die Schüler haben also die Aufgaben so gut erledigt, wie sie es konnten. Dadurch haben sich die Leistungen recht schnell differenziert. Sara und Johannes hatten spontan Ideen, die weit über das Erwartete hinausgingen. Julius hat viel Hilfestellung gebraucht, ehe er einen soliden Gedanken fassen konnte, und der große Rest hat sich mit Hilfe des Materials oder des Lehrers Schritt für Schritt einem möglichen Lösungshorizont angenähert. Mal mehr, mal weniger. Das hatte ich für normal gehalten und gehofft, dass so jeder auf seinem Niveau etwas dazulernt.

Hier sind Handys erlaubt und sie werden rege genutzt. Im Unterricht müssen die Schüler fragen, aber es scheint schon selbstverständlich zu sein, dass sie darauf zurückgreifen. Ich – neu und naiv – denke, als ich mal wieder gefragt werde, ob sie schnell etwas nachschauen könnten: „Warum eigentlich nicht, ist doch schön, wenn sie das Nachschlagen lernen…“ Erleichterung wird sichtbar. Ich werde misstrauisch. Nun bin ich sensibilisiert und gucke genauer hin, was schlagen sie nach und wie gehen sie damit um?

Sie schreiben ab, was sie irgendwo lesen, sie zeichnen ab, was sie irgendwo finden, sie suchen nicht nach Hilfestellung für ihr Problem, sie haben gar kein Problem, weil sie gar nicht erst anfangen nachzudenken. Sie suchen gleich die Lösung für die Aufgabe. Sie vertrauen nicht ihren eigenen Gedanken, sie sind nicht kreativ, sie sind perfekt im Nachmachen. Für den äußeren Schein verwenden sie dann irre viel Zeit. Sieht toll aus am Ende!

Aber im Grunde ist es nicht die gleiche Leistung wie die, die Schüler meiner alten Schule gebracht haben, obwohl deren Ergebnisse nicht einmal annähernd so gut aussahen und zum Teil auch nicht so weit gingen. Sara, Johannes, Julius, Murat und Cheyenne haben eine eigenständige Leistung gebracht, die ihrem Alter entspricht und ihre Ansprüche waren individuell zwar verschieden, aber doch auf einem nachvollziehbaren Niveau. Hier erlebe ich nun Schüler die völlig überzogene Ansprüche an sich selbst haben, es muss perfekt sein und das heißt in erster Linie, es muss perfekt erscheinen. Ob das nun von ihnen stammt oder geistiger Diebstahl ist, ist ihnen völlig schnuppe.

Ich rede mit einer Kollegin über die Handhabung von Smartphones, weil ich nicht so recht weiter weiß. Sie unterrichtet Kunst und bestätigt meine Beobachtung. Ja, das sei in den letzten Jahren extrem geworden. Die Schüler würden nur noch abzeichnen. Fertige Arbeiten von Pinterest kopieren. „Sie bringen sogar Tablets mit, um die Bilder möglichst detailiert sehen zu können, die sie abzeichnen wollen.“ Und wenn man das nicht erlaube, würden sie zuhause Fotovorlagen erstellen und diese ausgedruckt mitbringen. Der Frust über ein nicht perfektes Werk sei groß. „Du, neulich habe ich Linoldrucke mit den Schülern angefertigt. Da wird die Oberfläche nicht immer spiegelglatt satt mit Farbe und das ist nicht schlimm, jeder Druck ist schließlich handgemacht, das darf man sehen. Aber die Schüler akzeptieren das nicht, wollen noch einen Druck machen und noch einen – bis es aussieht, als käme es aus dem Drucker. Aber das schaffen sie nicht, weil es nunmal nicht die Technik dazu ist. Wenn ich sage: Jeder macht fünf Drucke und dann ist Schluss, mache ich mich unbeliebt. Ich weiß, dass auch der sechste Druck nicht ihren Ansprüchen genügen wird. Dabei kommt es bei der Bewertung doch auf ganz andere Kriterien an…“ „Zum Beispiel?“ Die Kollegin lacht. „Bei den Drucken kam es zwar auch auf den Bildaufbau und die Arbeit mit Hell-Dunkel an, aber vor allem auf die eigene Idee!“

Nun bin ich gespannt auf eure Beobachtungen zu diesem Thema.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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Der gute Ruf

Liebe Leser,

auf einer Abendveranstaltung treffe ich einen Bekannten. „Ach du bist jetzt in T.? Und auch noch am EG? Na, das EG, das hat aber einen guten Ruf, alle Achtung!“

Was sagt man da… Sagt man, dass das mit dem guten Ruf nun wirklich ein alter Hut ist, dass es eine von der Struktur her altmodische Schule ist, die bis jetzt nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist, wo mir zwar das Unterrichten Spaß macht (denn es sind ja auch normale Schüler und da funktioniert das Unterrichten eben so wie sonst auch), der ganze Rest aber nicht? Ich entscheide mich für eine diplomatische Antwort:

„Es ist eine ganz normale Schule…“

Mein Gegenüber fällt mir gleich ins Wort: „Nein, nein, das EG hat wirklich einen guten Ruf!“

„Glaub mir, als Schule von innen betrachtet, ist es eine ganz normale Schule…“

Doch mein Bekannter insistiert weiterhin: „Nein, die Schule hat einen sehr guten Namen – wirklich!“

Mag sein, aber was kann man sich für einen sehr guten Namen oder guten Ruf kaufen, wenn nicht viel dahintersteckt?

Natürlich funktioniert die Schule – ich bin zwar jetzt im städtischen Umfeld, aber es ist doch immer noch kleinstädtisches Milieu. Und wer sich im Südwesten Deutschlands auskennt, der weiß, wie kleinstädtisch das ist! Nun gibt es in T. zwei Gymnasien neben vielen anderen Schulen und das EG ist das Gymnasium der Bürgerschaft. Dort sammeln sich die Akademikerkinder und die ambitionierten Eltern und das merkt man. Im Positiven (Disziplin) wie im Negativen (übersteigertes Selbstbewusstsein). Auch wenn dieser Satz natürlich sehr plakativ ist – aber hey, das hier ist ein Blog! Und gerade weil wir das obere Klientel abschöpfen, funktioniert die Schule so gut – viele Probleme sind einfach nicht so akut.

Aber Frau Henner sieht die Welt nun ein bisschen anders. Tradition ist etwas Gutes, wenn man dieselbige hinterfragt und die Essenz weitergibt, die in der neuen Zeit von Bedeutung ist. Ein „Das wird hier schon immer so gemacht“ nützt niemandem. Das ist zumindest meine Meinung.

Viele sind überzeugt, dass ihre Schule etwas Besonderes ist und dass das alles gut ist, wie es ist. Dass es auch anders geht, kommt ihnen gar nicht in den Sinn. Ein guter Ruf verstellt eben auch manchmal die Sicht. Wenn ich dann vorsichtig anfrage, warum dieses und jenes eigentlich so oder so ist, höre ich fadenscheinige Begründungen mit dem Nachschub: „Stört dich das?“

Und ja: Es stört mich. Ich hatte nun schon mehrere Erlebnisse, bei denen ich merkte, dass ich ein anderes pädagogisches Grundverständnis habe. Es ist für mich kein Widerspruch, nett zu Schülern zu sein UND das Einhalten von Regeln einzufordern, und dann auch irgendwann einmal nicht nett zu sein, wenn das mit den Regeln eben nicht klappt. Und das ist dann nicht immer leicht, es ist anstrengend und herausfordernd. Hier sind alle supernett zueinander, besonders die Lehrer. Das ist natürlich schön! Versteht mich bitte nicht falsch. Sie sind aber zum Teil so nett zu den Schülern, dass man kein „Guten Morgen“ einfordert, die Schüler nicht zum Aufheben von Müll anhält, den Schülern vieles hinterherträgt, was sie besorgen müssten, Sachen ohne „bitte“ und „danke“ aushändigt, wegguckt, wenn Schüler Handys unsachgemäß benutzen und und und. Das macht das Leben erheblich leichter, denn es gibt weniger Konflikte. Und nein, es sind nicht alle Kollegen so. Ich kehre hier nichts über den berühmten einen Kamm. Es ist eher die Grundstimmung. Wir sind alle ganz toll hier, wir regeln alles menschlich, wir wollen es mal nicht übertreiben, das kann ja jeder mit Augenmaß entscheiden. Läuft ja alles ganz super bei uns.

Klingt gut, oder? Passt aber nicht zu einer Institution, in der 600 junge Menschen lernen – lernen fürs Leben.

Das alles kann man aber nicht am Rande einer Abendveranstaltung erklären, vor allem nicht, wenn der gute Ruf des EGs in Zement gegossen scheint. Unverrückbar steht sie da, die strahlende Schule, deren Glanz jetzt auf mich abfärbt. Was für ein Glück, an dieser Institution zu sein!

„Doch, doch – ein blendender Ruf!“, wiederholt mein Bekannter. Zum Glück beginnt da die Veranstaltung und wir müssen unserer Sitzplätze aufsuchen. Mir wird klar, dass ich Außenstehenden kaum verständlich machen kann, was mich bewegt, denn Bilder in den Köpfen haben magische Wirkung.

Und momentan ist nur mein Bild schief – alle anderen scheinen mir glücklich mit ihrem zu sein. Ich bin also der Spielverderber. Pssst!… auf der Bühne geht es los…

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Aller Anfang ist schwer

Liebe Leser,

die Sonne wärmt mir den Pelz, ich nutze den freien Nachmittag, um einfach einmal NICHTS zu tun. Dann habe ich plötzlich wieder Lust zum Bloggen – das erste Mal seit Wochen. Das heißt, es geht mir besser. Die Welt ist schon verflixt – aus den Augen eines Individuums betrachtet…

In den Sommerferien hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben anhaltende Schlafprobleme. Obwohl mich im Alltag nichts belastete, lag ich nachts sinnlos wach und hatte nicht einmal Sorgen, die ich hätte wälzen können. Bin ich dann doch eingeschlafen, plagten mich kuriose Schulträume. Und mir wurde bewusst, dass es in mir arbeitet, da kommt selbst mein Verstand nicht dagegen an. Erst die Sonne des Südens hat dieses Ungleichgewicht weggebrannt. Dauerhafte 35 Grad Celsius wirken Wunder!

Am letzten Tag des Urlaubs musste ich mich noch einmal vom Pool verabschieden und ich drehte eine Runde nach der anderen. Hin der Blick auf den Olivenhain, zurück der Blick auf das malerische Bergstädtchen, wieder hin Olivenhain, zurück Bergstädtchen, Olivenhain, Bergstädtchen… ich hätte ewig so weiter schwimmen können. Kein Drang, nach Hause zu fahren. Auch das war für mich neu. Dabei bin ich sonst so souverän – nun ja – nach außen zumindest.

Und dann die erste Schulwoche. Nun hatte man mich doch in eine Stadt versetzt, hier gibt es noch ein Gymnasium, sozusagen Konkurrenz, morgens muss ich mir nun selbst einen Parkplatz suchen und mit den Eltern konkurrieren, die ihre Kinder bis vor die Türe fahren und die Parkplätze besetzen, hundert neue Namen lernen und vor allem die Regeln UND die Gewohnheiten. Und die unterscheiden sich sehr.

An meiner neuen Schule gibt es Regeln – natürlich, aber es scheint Gewohnheit, dass man die nicht so ernst nimmt. Und Frau Henner hält sich natürlich an die Regeln der Hausordnung und wundert sich, warum die Schüler sich häufig nicht daran halten, aber das hier keinen stört.

Ich kann so nicht arbeiten, ich denke ernsthaft, dass junge Menschen ganz gerne Regeln haben, weil sie ihnen einen Rahmen geben. Also führt Frau Henner die Regeln ein, die es ja sowieso gibt. Einige Schüler murren, einige wollen verhandeln, andere strahlen mich an. Ja, nett sind die meisten Schüler schon. Und selbstbewusst…

In der Woche zwei habe ich mich dann schon etwas eingerichtet, den Müll meines Vorgängers entsorgt, Platz geschaffen im Fachkabinett und nebenbei festgestellt, dass die Oberstufenschüler nicht so feindselig waren, weil ich da stand, sondern weil sie das Fach hassen. Nachdem ich ihre Ordner im Fachkabinett gefunden und durchgeblättert habe, ahne ich, was ich da für einen Vorgänger hatte. Es gibt hier viel Arbeit…

Und dann kommt die zweite Woche und ich sehe Licht am Horizont. Erste nette Gespräche im Lehrerzimmer entwickeln sich, der Schulleiter ist unheimlich entgegenkommend, ich verstehe langsam das System und vor allem, die Schüler werden immer netter. Inzwischen sprechen sie mich mit Namen im Schulhaus an, lächeln und akzeptieren meine Regeln. Nun bin ich froh, dass ich nicht gleich in der ersten Woche gebloggt habe: da war ich ein paarmal nahe am Verzweifeln. Aber jetzt erscheint mir vieles in anderem Licht. Einzelne Schüler werde ich nicht kriegen, aber die Mehrheit. Es ist an dieser Schule auf alle Fälle anstrengender als an meinem Landgymnasium, aber ich packe das. Frau Henner hat sich gefangen, richtet das Krönchen und fängt an loszulegen. Auf in ein neues Schuljahr. Es wird spannend!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner