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Osterferien 2: Ranzenparade – ich glaub, die spinnen!

Liebe Leser,

als Lucy vor nunmehr sieben Jahren in die Schule kam, sind wir mit ihr in ein Taschenfachgeschäft gegangen, haben uns beraten lassen von einer freundlichen, kompetenten Verkäuferin und uns dann für den am wenigsten kitschigen Schulranzen für Mädchen entschieden. Der passte, der gefiel und der hielt vier Jahre so gut, dass wir ihn nun vom Dachboden geholt haben, mit Schreibkram gefüllt und einem Kind in Osteuropa vermachen. Der passt, gefällt und hält sicher noch einmal vier Jahre.
Erster Versuch: So blauäugig gehen wir mit dem kleinen Leo in das selbe Fachgeschäft. Eine andere Verkäuferin ist da und hat wenig Einfühlungsvermögen. Ihrer Ansicht nach kann der kleine Leo jedes Ranzenmodell tragen – die passen alle. Der Laden führt inzwischen aber auch nur noch zwei Marken – davon sind dann aber auch alle zwei, drei, vier Modelle da und natürlich hundert verschiedene Designs.

Alle Ranzen – wirklich alle führen irgendwo im Namen das Zauberwort „ergo“. Klar will ich, dass der kleine Leo sich nicht den Rücken ruiniert. Wollte ich bei Lucy auch nicht, also haben wir auf den richtigen Sitz geachtet. Wie schwer der Ranzen wird, liegt ja eher an der Grundschule UND am Kind selbst. Uns wird nun suggeriert, dass wir, wenn wir nicht den Ergobag kaufen, uns sträflich an der Gesundheit unseres Kindes vergreifen. Dann gucken wir uns also mal diesen Ergobag an. Hm…

Ein Vorteil: er ist nicht schreiend bunt… aber es ist ein Rucksack, steht der gut an der Bushaltestelle? Knicken da nicht die Pappordner um? Ach so, da soll ich dann noch die Plastik-Heftbox zukaufen. Hm? Kann ich dann nicht gleich einen mit „Einlage“ nehmen? In dem Moment hat die Verkäuferin das Interesse an uns verloren. Es soll tatsächlich schon Schulen geben, wo der Ergobag das neue Statussymbol unter Grundschulkindern geworden ist. Ohne Ergobag bist du nichts. Und tauschen und sammeln kannst du die netten Kletties, die man an diesen Schulranzen ranklettet, auch – für 14,95 Euro das Pack! Und wenn du noch mehr Reflektorfläche willst, kannst du die ebenfalls gerne dazukaufen… wer wird denn bei der Einschulung seines Prinzenkindes knausrig sein!

Apropos Preis… ja, ich möchte über Geld reden! Das ist überhaupt mein Anlass für diesen Beitrag. Rund 220 Euro soll der Ergobag kosten. Spinnen die – es handelt sich um einen Schulranzen für Erstklässler. Für Lucys Ranzen haben wir um die 100 Euro bezahlt und das war ebenfalls ein Markenprodukt – vor sieben Jahren.

Ich gucke mir noch die zweite Marke an: Scout. Preis sehr schwankend (von 250! bis 150 Euro), klassische Ranzenform möglich – schreckliche Designs. Martialische Fahrzeuge oder Dinosaurier, die ihren Rachen aufreißen. Oh, das ist nicht der kleine Leo. Gibts nichts Nettes? Inzwischen will uns die Verkäuferin eher loswerden. Ob wir nicht hier das nette Playmobil-Gewinnspiel ausfüllen wollen?

Nein, wollen wir nicht. Wir gehen.

Zwischenspiel. Mein Vater wohnhaft nahe einer Großstadt in Deutschland fährt in die Stadt und besucht extra das Kaufhaus und schickt die Prospekte aller möglichen Hersteller. Sein Fazit: Unwissendes Personal, wenig interessiert, aber sehr reiches Angebot. Er hat sogar eine Liste gemacht: Marke und Preis. Das ist mein Vater! Danke Paps! Sieben Schulranzenfirmen hält das große Kaufhaus vorrätig. Ein Ranzen hässlicher als der andere. Und natürlich den Ergobag. Mein Vater weist mich auf den Scooli hin, der von der Stabilität einen guten Eindruck gemacht hat, aber über die Motive ließe sich streiten. Lässt sich nicht – das kommt für den kleinen Leo absolut nicht in Frage. Davon bekomme ich Augenschmerzen. Ranzenkauf hat immerhin auch was mit Geschmacksbildung zu tun.

Nächster Laden, großes Schreibwarengeschäft: Ergobag und Stepp-by-Stepp. Da gibt es einen schwarzen Jaguar-Ranzen. Schwarz-grün, aber immerhin nettes Tier drauf. Das wäre eventuell was – zur Not.

Zweites Zwischenspiel. Ich surfe im Internet, vergleiche Preise bei Idealo. Die Ranzen, die im Laden 250 Euro kosten, bekomme ich dort mit Glück für 150. Ausgenommen den Ergobag. Natürlich. Aber sympathischer wäre mir ein Kauf im realen Laden zur Unterstützung der örtlichen Wirtschaft.

Dritter Laden, kleiner Kofferladen im Ort: Ergobag, Scout und ein paar andere Einzelexemplare anderer Marken. Die Verkäuferin ist nett, hat aber im Grunde nicht viel Ahnung. Wir gucken also mal. Der kleine Leo bleibt vor einem Schulranzen stehen, der aus der Reihe fällt. Der gefällt ihm, der passt und der macht einen guten Eindruck – ob er wirklich hält, wird sich erst im Praxistest nächsten Schuljahr beweisen können. Aber hey, der sieht so… so nett aus?

Ja, das sei ein Modell vom Vorjahr.

Preis?

224.95 Euro.

Für ein Modell vom Vorjahr?

Nun, man könne mir 20 Euro Rabatt geben…

20 Euro klingt großzügig. Ich weiß allerdings, dass jeder Erstklässerlerranzen in diesem Laden mit 20 Euro rabattiert wird – ausgenommen der… natürlich der Ergobag!

Und da macht Frau Henner etwas ganz Unschönes. Sie fährt nach Hause, schmeißt das Internet an und kauft diesen Ranzen für 100 Euro weniger. Ganz ehrlich, die Beratung im Fachgeschäft, die aus „Na, wenn der dir gefällt, probier ihn mal an! Ja, der passt!“ bestand, ist mir nicht 100 Euro wert.

Hier stimmt doch etwas ganz und gar nicht.

Heute kommt ein Päckchen. Leos Schulranzen. Stolz dreht er ein paar Runden im Garten und schaut sich dann ausführlich das mitgelieferte Zubehör zusammen mit Lucy an. Herr Henner meint nur: „War ja ein ganz schöner Zirkus um diesen Ranzen.“ Recht hat er. Irgendwie ist unsere Welt nicht gerade einfacher geworden…

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 26: Sie will doch nur unterrichten!

Liebe Leser,

mein liebes Kollegium veranlasst mich zu diesem Beitrag. Momentan verhält sich dieses recht ruhig. Das große Gejammere ist zwar nicht leiser geworden, aber es hat sich zum Glück in unsere Mensa verlagert und in die Fachkabinette. Sicher, das ist keine gute Entwicklung: da hocken dann ein paar Lehrer zusammen und wehklagen und verfluchen den Chef oder Frau Hanswurst oder gleich das System, die Eltern, die Gesellschaft. Am liebsten die ganze neue Zeit. Mit dem Absondern schaffen sich Probleme nicht ab und Weltbilder können im kollegialen Gespräch nicht gerade gerückt werden, aber wir anderen haben im Lehrerzimmer wenigstens endlich ein wenig Frieden.

Also regt es mich nicht auf, wenn Frau Schulte morgens das Lehrerzimmer betritt, um ihr Postfach zu leeren, dann aber regelmäßig das Schimpfen anfängt, sich ihre Tasche schnappt und immer noch zeternd den Raum Richtung Oberstufengebäude verlässt. In der Regel bleibt sie dort, bis sie am Mittag wieder das Schulgelände verlässt. Traurig ist es trotzdem. Sie war mal richtig nett.

Was ist passiert?

Das Leben ist passiert. Anders kann ich es nicht sagen. Frau Schulte kommt mit der neuen Zeit nicht mehr mit. Alles nimmt sie persönlich: Die Schüler sind nicht mehr anstrengungsbereit, werden schlechter, die Eltern haben viel zu viele Ansprüche und überhaupt die Erwartungen, die an Schule gestellt werden, immer sollen wir die Welt retten und dabei wollen wir doch einfach nur Unterricht machen…

Wo ist da eigentlich der Gegensatz? Natürlich will ich die Welt retten, sonst hätte ich Jura studiert. Am liebsten zusammen mit meinen Schülern, denn sie sind nun mal die Zukunft – nicht wir. Die Kinder sind die Erwachsenen von morgen und ich habe großes Interesse daran, ihnen meinen Stempel aufzudrücken, damit wir auch morgen noch kraftvoll zubeißen können in den gesunden Apfel von heimischen Streuobstwiesen. Es gibt nicht viele Berufe, bei denen man so vielen jungen Menschen die Welt erklären, sie zum Nachdenken anregen kann, ihnen Lebensfreude und -sinn vermitteln UND das vor allem im Unterricht.

Mich stört die Trennung in den Köpfen. Da ist auf der einen Seite der Fachunterricht, Mathe, Deutsch, Bio. Und auf der anderen Seite sind die Menschenbildung, die Schule als Lebensraum, das soziale Gefüge der Gemeinschaft. Während ich älter werde, begreife ich das immer mehr als untrennbares Gefüge. Ich unterrichte Grammatik und gleichzeitig erziehe ich Kinder und bereite sie auf eine Welt von morgen vor, indem ich ständig hinterfrage, was ich tue, was die Kinder tun, mit welcher Bereitschaft sie an welche Themen gehen. Ich kann Rechtschreibung nicht von Lebensfreude trennen und Literatur nicht von Gewissensbildung. Und ich denke, dass das nicht nur in Deutsch oder Geschichte geht. Jedes Fach bildet im humanistischen Sinne und der Lehrer als Person, der mit den jungen Menschen fiebert, leidet und lacht – der ist der größte Bildner dabei.

Frau Schulte will doch nur unterrichten. Seltsam – genau das will ich auch. Und trotzdem trennen uns Welten. Frau Schulte schüttelt den Kopf. „Wart mal ab, da kommst du auch noch hin“, soll das wahrscheinlich heißen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Fastnacht – Zeit, über den Tellerrand hinauszuschauen – Die Gedanken sind frei!

Liebe Leser,

nach dem letzten Schneesturm genießen wir alle die kräftigen Sonnenstrahlen im Garten. Ich blättere in alten GEOs. Eigentlich wollte ich mich absolut nicht mit Schule beschäftigen, nein, da gibt es momentan zu viele Baustellen in meinem Kopf, der denkt nämlich in letzter Zeit auch manchmal einfach nachts weiter, obwohl ich das gar nicht will! Aber dieser eine kleine Artikel mit dem großen Aufmacher „Digital macht schlau!“ kann doch nicht schaden. Also überfliege ich ihn. Mich regt tatsächlich nichts mehr auf, auch nicht, wenn soviel Dummheit zusammenkommt wie in diesen Zeilen.

Dabei habe ich gar nichts gegen neue Medien. Ihr wisst ja, ich nehme Hörspiele auf, drehe Filmchen mit den Schülern, habe ihnen neulich im Computerraum gezeigt, dass jeder ein anderes Suchergebnis bei google bekommt, selbst wenn wir alle unisono den gleichen Suchbegriff eingeben, neulich habe ich sie kostenlose Lernsoftware ausprobieren lassen… ich muss mich, glaube ich, nicht zum alten Eisen zählen und auch nicht rechtfertigen.

Aber eines überlege ich immer: ist mein Medieneinsatz sinnvoll, was sollen die Kinder eigentlich lernen dabei, was nehmen sie aus dem Umgang mit dem Medium mit? Klar, Kinder müssen ein digitales Gerät anschalten können, sie sollten erkennen, welche Möglichkeiten darin stecken, und genauso merken, wenn sie auf Grenzen stoßen, was unumstritten das Schwierigste ist. Und das  alles ist nicht wenig – das ist ein lebenslanger Lernprozess, der von uns und den Eltern lediglich initiiert werden kann. Denn er ist ein Lernprozess neben vielen anderen.

Na, dann mal los, immerhin heißt der Untertitel des Artikels „So nutzen Eltern und Lehrer die neuen Chancen“. Frau Henner will was lernen.

Die Eingangsbeispiele geben schon die Richtung des ganzen Artikels vor. Beispiel eins ist die niederländische Digitalis-Schule, in der Kinder an iPads ganz individuell Aufgaben bearbeiten. Die Eltern können in den Urlaub fahren, wann sie wollen, denn es gibt keinen Unterricht mehr, da jedes Kind in seinem Tempo seinen Lernstoff bearbeitet. Der Autor ist sichtlich beeindruckt. Beispiel zwei kontrastiert die von ihm selbst erlebte Wirklichkeit seiner Tochter, die für teures Geld Englisch-Wörterbücher kaufen soll. Überhaupt sei die Schultasche viel zu schwer, voll unnötiger Bücher, wo das Kind doch übers Smartphone mit dem größten Lexikon der Menschheitsgeschichte – wikipedia – verbunden sei. Spätestens jetzt hätte ich den Artikel weglegen sollen. Hier werden Ebenen verwechselt, Schlussfolgerungen ohne innere Logik gezogen und im Großen und Ganzen sehr plakativ, wenn nicht schon demagogisch gearbeitet. Aber ich lese weiter, ist ja schließlich ein GEO-Artikel.

Der Autor sieht im Bildungsziel der Schule vorrangig, und er beruft sich dabei nebulös auf „Bildungsforscher“, Fähigkeiten für das 21. Jahrhundert. „Dazu bedarf es Informationskompetenz, also der Fähigkeit, in einem bunten Bilderstrom Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.“ Wer kann da schon etwas dagegen sagen?!

Ich.

Ohne Ausrufezeichen.

Eingangs berichtet der Autor begeistert von einer Schule, in der alles bis auf das iPad abgeschafft wurde, regt sich dann über klassische Medien wie Bücher auf (Über deren Gewicht sich in der Tat streiten lässt. Hätte die Lehrerin der Tochter die digitale Version empfohlen, wäre aber der Aufreger nicht vorhanden…), um dann zu konstatieren, das Wichtigste, das Schüler lernen müssten, wäre die Fähigkeit, Informationen aus dem Netz ordnen und bewerten zu können. Sieht der Autor den Fehler in seiner Argumentation nicht?

Wie soll ich eine Information einordnen, wenn ich kein abgesichertes System habe, in die ich die Information stecken kann? Wie soll ich eine Information bewerten, wenn ich gar nicht über genügend Grundwissen verfüge, das mir dies überhaupt erst ermöglicht, über einen normativen Rahmen, den ich mir nicht aus Fakten zusammenbasteln kann? Wieso geht es nur um Informationen? Bin ich als Mensch des 21. Jahrhunderts nur noch eine Wissensabrufmaschine? Was nutzt mir ein bloßer Fakt aus Wikipedia, wenn ich ihn nicht selbst in Zusammenhänge setzen kann? Und kann meine Basis dafür allein und wiederum ein digitales Medium sein? Was machen denn die Leute bloß mit dem vielen verfügbaren Wikipedia-Wissen?

Ganz ehrlich, ich bin froh, dass meine Tochter Lucy inzwischen viele andere Kompetenzen in der Schule erworben hat, mit denen sie hoffentlich gut durch das 21. Jahrhundert kommen wird. Ihr Denken ist so flüssig geworden, ihr Gedächtnis immer im Training, ihre Sicht inzwischen multiperspektifisch und sie hat eine gesunde, kritische, pazifistische Lebenseinstellung erworben. Solche Menschen braucht das 21. Jahrhundert. Und nebenbei, Lucy ist schlau genug, sich das Bedienen eines digitalen Mediums rasch anzueignen, da habe ich keine Sorgen. Ich habe überhaupt keine Angst um Lucy – obwohl sie immer noch kein Smartphone besitzt. Lucy ist ungemein interessiert an vielen Dingen, manchmal surft sie übers Tablet, aber da dies ein Freizeitgerät bei Jugendlichen ist, schaut sie dort vorrangig die neusten Informationen über ihre Stars an. Soll sie, das ist in Ordnung.

Lucy liest ansonsten nämlich eine Menge. Sie verschlingt Bücher, dicke Fantasy-Romane, düstere Zukunfstszenarien, Sachbücher über Tiere, Geschichte, den Menschen, Zeitschriften wie National Geographic oder eben die GEO, von denen man fundiert recherchierte Artikel erwartet. Eigentlich. Wenn Lucy etwas irritiert, spricht sie mit uns darüber. Um ein solches Mädchen geht es auch in einem der nächsten Abschnitte des Artikels, den muss ich euch zitieren:

„Burn, 60, war 24 Jahre lang Lehrer und lehrt heute als Professor am London Knowledge Lab, einem Institut zur Erforschung digitaler Medien in der Bildung. In einer englischen Schule befragte er Sechstklässler zu Harry Potter und filmte die Interviews. „Hier, dass ist die typische Leserin“, sagt er und zeigt ein Mädchen, das mit leuchtenden Augen referiert, „sie zitiert das Buch wörtlich. Aber er hier, dieser Junge kennt das Buch überhaupt nicht. Ich glaube, das ist so einer, der in seine Schulbücher aus Langeweile Monster zeichnet.“ Der Junge erzählt stattdessen vom Harry-Potter-Computerspiel. „Das Mädchen bekäme wahrscheinlich eine Eins, der Junge höchstens eine Vier“, sagt Burns, „Doch das ist ungerecht: Der Junge besitzt eine herausragende Spiele-Bildung. Er kann genau erklären, warum er Harry Potter nicht leiden kann – Schoßhündchen des Lehrers nennt er ihn – und welche dramaturgischen Lücken das Spiel hat.“ Computerspiele verbinden Geschichte, Architektur, Musik, Fotografie und Videos; sie können die Komplexität eines Gesellschaftsromans haben und verlangen ein tiefes Verständnin multimedialer Verknüpfungen, sagt Burn „Diese Fähigkeiten werden in der Schule aber nicht abgefragt, im Gegenteil, sie werden negativ bewertet.“ Dabei könnten diese Kenntnisse im Jahr 2020 Gold wert sein – etwa, wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter in Computersimulationen schulen, wie bei Piloten und beim Militär längst üblich.“

Soviel Schwachfug habe ich lange nicht gehört. Ich zähle einmal recht wahllos und sicher nicht vollständig auf, welche Fehlschlüsse oder falschen Behauptungen in diesem Absatz vorliegen:

  • Das lesende Mädchen wird abfällig bewertet und ihr wird ohne jegliche Grundlage die Fähigkeit abgesprochen, sich ebenso wie der Junge durch die Komplexität eines Computerspiels arbeiten zu können.
  • Burns glaubt, der Junge male aus Langeweile Monster in sein Schulbuch. Glauben hat in der Wissenschaft keinen Platz und führt hier zu keinem sinnvollen Ergebnis, außer dass der Leser den armen, missverstandenen Jungen bedauern soll. Ursachenforschung sieht anders aus.
  • Für welche Leistung soll das Mädchen eine Eins bekommen und der Junge eine Vier? Diese Aussage hat keinerlei Grundlage.
  • Das Wort „ungerecht“ hat dort ebenfalls nichts zu suchen, denn eine Leistung zu bewerten hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun – zuallererst braucht es Kriterien, nach denen die Bewertung vorgenommen wird. Die Bewertung ist dann lediglich das Einordnen nach der Erfüllung ebendieser Kriterien. Das sollte ein Wissenschaftler eigentlich wissen. Aber solange er uns seine Kriterien nicht nennt, bleiben alle seine Aussagen im luftleeren Raum.
  • Als Beispiel führt Burn dann das nebulöse Wort Spiele-Bildung ein und besteht auf der Komplexität von Computerspielen. Sei es drum, nehmen wir dies mal als gegeben an – dies zu diskutieren, wäre ein ganz neues Thema – wenn der Junge an seinem Spiel sich tatsächlich eine große Kompetenz im Umgang mit Komplexität erwirbt, wo ist dann eigentlich das Problem? Er müsste das doch genauso auf andere Inhalte übertragen können wie das Mädchen sein Komplexitätswissen aus Harry Potter. Es stimmt einfach nicht, dass die Schule den Umgang mit Komplexität nicht honoriert. Sie macht es nur nicht am Beispiel eines Harry-Potter-Spiels, genausowenig wie am Jugendroman selbst. Auch das lesende Mädchen muss seine erworbenen Fähigkeiten an anderen Inhalten, Zusammenhängen unter Beweis stellen.

Der Burn-Absatz gipfelt in folgender Schwarz-Weiß-Malerei, die vom Autor nicht hinterfragt wird. „Romane galten früher als trivial, und Lesen ist eine sehr antisoziale Angelegenheit“, sagt Andrew Burn, „Spiele können dagegen sehr kommunikativ sein.“ Kein Kommentar von meiner Seite.

Der Autor scheint keine guten Erfahrungen mit der Schule gemacht zu haben, denn wenn er von der „klassischen“ Schule spricht, meint er „muffige Lernanstalten“. Also kommt ihm zum Abschluss seiner Ausführungen die Aussage Christoph Meinels vom HPI sehr entgegen:

„Heute geht es nicht mehr darum, dass die Oma an ihrem 70. Geburtstag ein Gedicht aufsagen kann, dass sie als Kind in der Schule gelernt hat. Lernen ändert sich. Heute müssen Massen von Informationen konsumiert werden, aber Wissen muss nicht solange vorhalten wie früher.“

In diesem Sinne, vergessen wir diesen Artikel lieber gleich wieder! Was haben die Menschen bloß für ein Bild von Schule? Als ob ich jedem meiner Schüler einen Trichter in den Kopf stecke und dann Fakten hineinschütte! Und weil es heute zu viele Fakten gibt, lassen wir das lieber ganz… hä? Wann waren diese Menschen das letzte Mal in einem normalen, aber modernen Schule? In einem Unterricht wie meinem, in dem Frau Henner vorne manchmal erklärt, tanzt, singt und lacht, die Kinder schreiben, lesen, nachdenken, streiten, diskutieren, ihr Gedächtnis auch mal durch Auswendiglernen trainieren, Frau Henner nacheifern wollen, sie sicher manchmal auch total doof finden und das Leben ungerecht, wo sie in einen Wettstreit gegeneinander treten, wo sie miteinander Projekte bearbeiten, wo sie lachen und weinen – wo sie leben. Und manchmal auch einen Dialog mit dem Tablet aufnehmen, Standbilder fotografieren oder eine bestimmte Sache kontrolliert im Internet recherchieren.

Auch wenn bei uns nicht alles so gut strukturiert, sauber und leise wie in der Digitalis-Schule abläuft, bin ich mir sicher, dass Lucy lieber in unsere Schule geht. Da kann sie auch mal fünf Minuten abhängen und keiner kriegt das mit, kein Computer überwacht jeden ihrer Schritte, sie wird nicht für andere gläsern. Wenn Lucy mal fünf Minuten abhängt, streifen ihre Gedanken zu den vielen Figuren aus den Büchern, die sie liest. Soll sie, Lucy ist ein junger Mensch mit viel Fantasie und Träumen. (Nebenbei- Lucy spielt sogar Computerspiele und redet mit mir über ihre Bücher.) Sie wird erwachsen werden in einer digitalisierten Welt. Lassen wir ihr ihren Freiraum. Es gibt da dieses schöne, alte, deutsche Lied: Die Gedanken sind frei! Na, wer weiß den Text noch und muss ihn nicht erst googeln?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

 

 

 

SW 21: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Liebe Leser,

morgen haben wir frei, da wird mit viel Alkohol und noch mehr Alkohol die Fastnacht gefeiert. Dementsprechend fröhlich geht es heute an den Bussen zu. Alle Schüler scheinen gleichzeitig aus zu haben. Und Frau Henner steht zwischen dem munter schnatternden Volk und passt auf.

Blöd für die Eltern, die gerne mit den SUVs gleich in den Busbuchten auf ihre Schützlinge warten wollten. Brav stellen sie sich trotzdem möglichst nah und deshalb idiotisch gegenüber auf – damit die blind herzulaufenden Kinder schön vor den einfahrenden Bus laufen und die Busfahrer, die Slalom fahren müssen, natürlich freundlich und aufmerksam bleiben, auf keinen Fall genervt! Das sind die wahren Momente des Lehrerlebens.

Plötzlich steht ein Mann vor mir und fragt allen Ernstes: „Haben Sie meine Tochter gesehen?“

Äh? Wieviel hundert Mädchen stehen um mich herum? Frau Henner lächelt milde: „Ich weiß gar nicht, wer Ihre Tochter ist.“

„Die Amelie Schäfer aus der 5b!“

Ach so, dass ich da nicht gleich darauf gekommen bin.

„Tut mir leid, ich unterrichte keine Fünfer…“, will ich sagen, da durchfährt mich der Blitz der Genialität. Dieser Mann, der so verpeilt ist, keine Perspektive wechseln kann und sich höchstwahrscheinlich für den Nabel der Welt hält, kann eigentlich nur ein Kind gleichen Kalibers zeugen. Biolehrer bitte weghören! Und wer fällt mir bei der Busaufsicht jede Woche von Neuem als verpeilt und egozentriert auf?  Ja, dieses kleine Mädchen, strohblond mit Zöpfchen und einer dicken schwarzen Brille.

Also frage ich den Vater: „Warten Sie, Ihre Tochter, ist das so eine Kleine mit Brille und blonden Zöpfen?“

„Ja, das ist meine Amelie“, erwidert der stolze Vater, der die Genialität meiner Schlussfolgerung nicht würdigt.

„Nun, die habe ich heute noch nicht gesehen“, antworte ich und verkneife mir: „Vielleicht steht sie mal wieder an der falschen Haltestelle oder ist noch mal reingerannt, weil sie ihr Mäppchen liegen lassen hat oder sich noch schnell ein Taschentuch auf der Mädchentoilette holen will, und heult dann, weil der Bus nicht gekommen sei, sonst habe sie ihn ja sehen müssen und überhaupt, warum kümmert sich die Welt nicht um Amelie Schäfer?!“

Die Busse fahren ein und nehmen das Schnattervolk mit. Der Vater steht immer noch da und fragt weiter: „Wo könnte meine Tochter denn sein?“

Hm, lassen Sie mich mal überlegen, ich muss als Lehrer nur meinen Röntgenblick aktivieren… „Vielleicht noch in der Schule?“, vermute ich. Ich würde es ja immer erst mit dem Naheliegenden probieren. Die Schule, das ist das große Gebäude da… Ich begleite den Papa lieber zum Schulhaus. Und wer kommt uns entgegengelaufen?

Amelie Schäfer aus der 5b, deren Namen ich jetzt kenne. Gut, dass der Papa sie abholt, denn die Busse sind längst weg. Überflüssig zu erwähnen, dass hier niemand danke sagt, weder Amelie zum Papa, noch der Papa zu mir. Auch nicht „Schönes Wochenende“ oder so, warum auch…

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner und schöne Fastnacht, schönen Fasching, Karneval oder wie das bei euch so heißt…

SW 20: Politikum oder der Untergang des Abendlandes

Liebe Leser,

seltsam ruhig bleibe ich, als ich den neusten Dorfklatsch erfahre. Auch als ich mich pflichtbewusst ans Internet setze und verifiziere, bleibe ich ruhig, selbst wenn ich dort Dinge erfahre, die mich schockieren müssten. Ich bin nicht glücklich über das, was ich lese, aber meine Emotion erreicht es nicht. Ich überschlage, wie sich meine private Situation im nächsten Jahr verändern wird. Das schaffe ich schon irgendwie, muss ja geh’n. Als ich am Abend Herrn Henner davon berichte, guckt er mich an und sagt: „Erzähl bloß nicht weiter, da wird mir schlecht, ich will das gar nicht wissen. Das ist der Untergang des Abendlandes!“

Sonjas Mama, die mich überhaupt auf den Trichter gebracht hat, hat es so formuliert: „Das geht gar nicht!“ Meine Mutter, mit der ich am Nachmittag lange über dieses Thema gesprochen habe, sagte immer wieder: „Das kann ich gar nicht glauben, dass es das in Deutschland gibt. Das kann doch nicht erlaubt sein!“

Dunkel erinnere ich mich an eine Fernsehsendung, in der über eine Grundschule berichtet wurde, in der die Schüler sich alles selbst beibringen und die dafür einen der vielen Schulpreise erhalten hat. Unser Dorf hat also ab nächstes Jahr enorme Chancen, auch endlich mal in den Medien präsent zu sein – denn wir werden Bildungstrendsetter!

Unsere Grundschule soll über die Sommerferien komplett umgebaut werden – nicht das Gebäude (Schön wär’s!), nein das System. Es wird keinen klassischen, schlechten Deutsch- und Matheunterricht mehr geben (Ihr wisst schon – Frontalunterricht buhen die Medien, obwohl seit vielen Jahren moderner, differenzierter Unterricht in Grundschulen stattfindet), nein, selbst das Lesen und Schreiben werden sich die neuen, schlauen, motivierten Erstklässler größtenteils selbst beibringen. Die ersten zwei Schulstunden arbeitet jedes Kind allein individuell an Arbeitsblättern, die die Kinder sich , weil sie das so gut schon können, ganz nach ihrem eigenen reflektierten Bildungsniveau aus einem Regal zusammenstellen die von der Lehrerin nach dem Leistungsniveau des Kindes zusammengestellt werden. Zuerst reflektiert das Kind: Wo stehe ich? Was kann ich? Was möchte ich gerne können? Dann geht es zum Regal und sucht sich das entsprechende Material heraus setzt sich an seinen Platz und füllt das entsprechende Arbeitsblatt aus. Hat das Kind dabei Probleme, erklärt die Lehrerin nichts, sondern gibt Impulse, damit das Kind von selbst auf die Lösung des Problems kommt. Das wäre ja ansonsten der böse, böse Trichter, den man den Kindern in den Kopf steckt und das will ja keiner. Wir wissen ja alle, dass man so niemals im Leben etwas lernt. Trichter sind absolut verboten. Sehr ungesund. Die Lehrerin gibt also jedem der fünfundzwanzig Kinder zum rechten Zeitpunkt den richtigen Impuls und dann flutscht die Erkenntnis wie von allein hinein. Sie hat ja auch voll den Überblick. In der Schulpreisschule waren pro kleiner Lerngruppe zwei Lehrer anwesend – aber darauf kommt es wohl doch nicht an. Lehrer sind ja keine Lehrer mehr, darf man auch nicht mehr so nennen. Sie heißen also auch in unserer neuen Grundschule Lerncoaches oder Lernbegleiter. Und Coaches sind ja per se besser und können fünfundzwanzig Kinder allein bewältigen, auch wenn jeder tatsächlich etwas anderes macht. Wow!

Keinem Kind soll vorgeschrieben werden, was es lernt, wie lange es etwas übt oder wie es sich in der Gemeinschaft zu verhalten hat. Das muss kann das Kind allein entscheiden. Denn nur, was es selbst lernen will, lernt es auch. Sonjas Mama erzählt, dass das Material übrigens aus Kopien der üblichen Lehrbücher besteht. In der Schulpreisschule waren es ganze Räume voll anregendem Materiel, etwas hochtrabend Forscherboxen und Labore genannt. Für unser popeliges Dorf reichen olle Kopien im Sammelordner. Sehr motivierend. Ab sofort wieder Lernen in schwarz-weiß.

Die Nebenfächer werden dann am späten Vormittag im Klassenverband unterrichtet und dabei kommen auch endlich andere Sozialformen zum Einsatz. Dann will man die Kinder zu Gemeinwesen erziehen. Kinder können das gut trennen. Jedes Kind ist schließlich begabt, jedes Kind will lernen. Sonjas Mama schluckt: „Und wenn mein Kind keine Lust auf Mathe hat?“ „Dann reden wir mit dem Kind und versuchen die Ursachen herauszufinden“, versucht die Grundschullehrerin zu beschwichtigen, die für die Kooperation mit den Eltern zuständig ist. Sonjas Mama ist nicht überzeugt. „Ich könnte dann in der Folgewoche ihrer Tochter nur Mathearbeitsblätter bereit stellen…“, schlägt die Lehrerin vor. Jetzt ist Sonjas Mama vollends verwirrt: „Aber dann ist es ja wie früher, warum sagen Sie dann nicht gleich, jetzt machen wir Mathe!?“ „Wenn wir Kinder zum Lernen zwingen, lernen sie nichts.“ Der Lehrer ist immer der Böse.  Lernbegleiter sind die Guten. Andere Mütter überlegen krampfhaft, wie Arbeitsblätter gestaltet sind für Kinder, die noch nicht lesen können, die ihnen aber das Lesen beibringen sollen.

Was geht mich das alles an? Mal abgesehen davon, dass wir dann in viereinhalb Jahren Kinder am Gymnasium haben, die noch nie eine Klassenarbeit zu einem festgelegten Zeitpunkt geschrieben haben – denn jedes Kind kann selbst entscheiden, wann es die Arbeit schreibt und wie oft und wieviel Zeit es dafür haben möchte, betrifft es mich auch persönlich. Denn da ist der kleine Leo.

Leo gehört inzwischen zu unserer Familie, wir verbringen Zeit miteinander, ich kümmere mich um sein Fortkommen, seine Bildung – mehr erfahrt ihr nicht, das muss reichen. Leo wird nächstes Jahr eingeschult und nun ahnt ihr, was das für mich bedeutet. Meine Nachmittage werden ich jetzt nicht mit einfacher Hausaufgabenbetreuung zubringen , wie ich mir das vorgestellt habe (Erwachsene schnippelt Gemüse fürs Mittagessen, Kind sitzt am Küchentisch und rechnet mal eben die zwei Reihen aus dem Mathebuch runter und wird ab und zu vom Träumen abgehalten), weil ich es von Lucy so kannte, nein, ich werde Leo höchstwahrscheinlich Lesen und Schreiben beibringen, Mathe erklären, Rechnen üben, die Grundregeln der deutschen Rechtschreibung erläutern, denn auf letzteres legt man in der neuen Grundschule keinen Schwerpunkt. Geht das vielleicht nicht so gut über Arbeitsblätter? Sonjas Mama erklärt: „Also die Kinder sollen sich das immer selbst kontrollieren.“ Habt ihr schon mal von Kindern kontrollierte Diktate gegenkorrigiert? Das klappt selbst in meiner sechsten Klasse noch nicht. Für eigene Fehler ist man sowieso blind und die der Freundin übersieht man auch und wie soll man die Fehler vom Jan finden, wenn man als Franca selbst keine Ahnung hat? Die Grundschullehrerin sagt auf alle Zweifel lächelnd zu Sonjas Mama: „Glauben Sie mir, dass kann Ihr Kind!Trauen Sie Ihrem Kind einfach ein bisschen mehr zu!“

Und damit hat sie gar nicht so Unrecht. Frau Henner wird Nachmittags zum Hilfslehrer mutieren. Und auch Sonjas Mama und andere Mütter werden es so machen, denn wir sind nicht davon überzeugt, dass Sechsjährige schon zu solch anhaltendem Lerneifer, Reflexion über den eigenen Kenntnisstand und Entscheidungsfestigkeit fähig sind, wie sie an der neuen Grundschule abverlang werden.

Und wer fällt hinten runter? Na klar, die Kinder aus bildungsfernen Haushalten, Kinder mit nichtdeutschsprachigen Eltern, Kinder mit vollberufstätigen Eltern. Die, die sich auf das Schulsystem verlassen müssen, werden nach vier Jahren preisverdächtiger Schule feststellen, dass ihr Kind es doch nur auf die Gemeinschaftsschule schafft, es sei denn, das ortsansässige Gymnasium zieht nach.

Dann braucht man mich gar nicht mehr. Den Vormittag lang Kindern zugucken, wie sie Arbeitsblätter ausfüllen oder ebensolche nachkopieren, darauf habe ich wirklich keine Lust, dann schaue ich mich lieber nach Plan B um. Ganz ruhig und geerdet, das Leben geht weiter. Wenn ihr das Goldene vom Ei gefunden habt, schön, vielleicht muss man mich als Herzblut-Lehrer tatsächlich ausrangieren. Und es muss mindestens das Goldene sein, denn die Grundschullehrerin sagte zu Sonjas Mama: „Wissen Sie, unser neues System ist einfach alternativlos, wenn wir den heutigen Kindern gerecht werden wollen.“

Die Gesellschaft wird sich noch schneller wandeln, als wir es geglaubt haben, denn ich vermute, dass es Menschen prägt, wenn sie in ihrer Kindheit die Vormittage allein in Stillarbeit vor Regalen verbracht haben. Mal ein, zwei Stunden die Woche am Vormittag oder in der weiterführenden Schule bei einem Lehrer – meinetwegen – aber nicht als radikales System. Ich wäre unglücklich, würde man mich regelmäßig ans Regal verbannen. In der Grundschule habe ich häufig für die Lehrerin gelernt, wollte auch mal aufgerufen werden, mal meinen Text der Klasse vorlesen dürfen und auch mal Applaus von meinen Klassenkameraden bekommen. Die eindrücklichsten Stunden waren die, in denen zwischenmenschlich etwas passierte. Aber vielleicht verkläre ich.

Lucy ist so ein toller Mensch geworden, trotz der auf einmal verschrieenen Grundschule „alter“ Art, verantwortungsbewusst und sehr sozial. Leo soll diese Chance auch bekommen. Und er soll möglichst umfassend gebildet werden. Lucy hat man zu Mathe zwingen müssen und übrigens auch zum Lesen – das ist ihr anfangs schwer gefallen, aber wir Eltern haben nicht locker gelassen, bis sie die Bücher lieben gelernt hat. Jetzt verschlingt sie sie.

Am Ende wird es heißen, seht ihr, dieses neue System produziert genügend Gymnasialschüler, es funktioniert also. Dass dahinter die Eltern stehen, die nachmittags ihre Kinder unterrichten oder zum Lernen anhalten, wird verschwiegen werden. Denn es passt nicht in die Ideologie, dass jedes Kind hochbegabt ist und folglich von allein lernt.

Viele Grüße aus der aufgewühlten Provinz von eurer Frau Henner

SW 19: Einen Gang zurück…

Liebe Leser,

das zweite Halbjahr schlaucht. Durch den neuen Stundenplan bin ich ganz schön am Ende. Ich habe nun mehr Unterricht, das ließ sich dieses Schuljahr nicht anders legen. Hohlstunden fallen weg, aber Hohlstunde kommt ja von Erholung! Zudem habe ich mir schlichtweg zu viel aufgehalst. Frau Henner sitzt in Arbeitskreisen, bereitet hier und dort Fachschaftskram vor, konferiert gefühlt ununterbrochen, offiziell und inoffiziell, privat passieren auch eine Menge Dinge, Klassengeschäfte müssten dringend erledigt werden und dann hat sie auch noch diese Referendarin…

Das tut mir nicht gut. Ich bekomme zu wenig Schlaf. Aber wenigstens am Abend will man dann doch mal etwas für sich tun… Da gucke ich dann Serien, hobbyiere, lese und unterhalte mich mit Herrn Henner. Nein, Stress ist das nicht. Ich hetzte nicht von einem zum anderen. Ich bin kein Workaholic. Aber es ist trotzdem einfach zu viel. Mein Kopf beschäftigt sich mit zu vielen Dingen gleichzeitig.

Ich plane Fördermöglichkeiten für meine Schwächsten und gleichzeitig bin ich mental schon wieder im Abitur. Ich lese Aufsätze zur Schreibentwicklung und muss längst die Elternbriefe fürs Schullandheim aufsetzen. Franziska muss für den Vorlesewettbewerb gecoacht werden und den kleinen Leo möchte ich gerne in die Vorschule begleiten. Ich bereite die Gesamtlehrerkonferenz vor, während der Fortbildungskatalog daneben liegt, weil der kleine Chef ihn mir quasi unter die Nase gehalten hat, ich solle doch endlich einmal ein Führungskräfteseminar belegen. Kann ich das zwischen Abitur und Schullandheim noch irgendwie reinquetschen? Ach ja, und die Rede von Frau Dr. Eisenmann? Wollte nicht die Grundschule Villa Kunterbunt noch ein Schreiben von mir? Warum antworten denn die nicht auf meine Mail? Aber halt, jetzt braucht erst einmal eine Freundin unsere Unterstützung…

Also macht Frau Henner einen Spaziergang, das tut immer gut. Im Kopf lege ich mir einen Plan zurecht. Schritt für Schritt, immer das nahe im Auge behalten und dabei nicht schon an das nächste denken. Und wenn die Referendarin eine unvorbereitete Stunde erlebt, dann weiß sie gleich mal, wie das Leben tickt.

Ich kann momentan meine Arbeit nicht minimieren, ich kann nicht die Sorgen und Nöte meines Umfeldes aufräumen oder abwiegeln, ich kann mich nicht lösen von den Dingen, die mich antreiben, aber ich kann bewusst sagen: Immer eines nach dem anderen!

Mal sehen, ob das funktioniert.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 17: Verantwortung

Liebe Leser,

heute erlebe ich gleich zwei Szenen, die mich innehalten lassen.

Szene 1:

Es hat bereits geklingelt. Ich habe eine Hohlstunde und schlendere Richtung Mensa. Im Unterstufentrakt ist noch eine Tür offen, eine an der Tür hängende Traube Schüler signalisiert nonverbal, dass hier der Lehrer noch nicht da ist. Wird schon gleich kommen, denke ich und gehe weiter. Eigentlich müssten die Schüler bei meinem Anblick (Ein Lehrer!) im Zimmer verschwinden, die Traube wird auch merklich kleiner. Nur löst sich da ein bezopftes Mädchen und gesellt sich ganz selbstbewusst zu mir auf den Weg in die Mensa.

„Wohin willst du denn?“, frage ich freundlich, aber erstaunt.

„Dahin“, sagt sie mit großen Kulleraugen.

„Was heißt denn dahin?“, frage ich nun sachlicher. Plauderton ist aus.

„In die Mensa“, sagt sie.

„Was willst du denn in der Mensa?“

„Mir was zu essen kaufen.“

„Hast du keinen Unterricht?“

„Doch.“

Spätestens jetzt ist Frau Henner nicht mehr nett. Schon gar nicht, wenn diese Göre weiter neben mir hertrabt. „Stopp, du gehst jetzt wieder zurück in deinen Klassenraum! Im Unterricht kauft man sich kein Essen!“ Diskussion Ende ehe sie angefangen hat. Klare Ansage. Das Mädchen dampft ab. Ihr Blick verrät mir jedoch, dass sie das ganz anders sieht.

Es geht mir gar nicht so sehr um die Regeln oder das Versäumnis des Lehrers, pünktlich in seinem Unterricht zu sein. Ich bin bass erstaunt über das Verhalten des Mädchens. Es entfernt sich aus dem Klassenraum, obwohl es offensichtlich Unterricht hat. Die Regeln sind ihm garantiert klar. Ihm fehlt schlichtweg Verantwortungsbewusstsein für das eigene Handeln. Die Verantwortung hat der Lehrer, wenn er nicht da ist, hat sie keiner. Also kann mir keiner was, ich bin doch nicht schuld, wenn ich zu spät zum Unterricht kommen werde. Sag ich halt: „Ich hab mir noch was zum Essen gekauft.“ Ist der Lehrer schuld, wenn er nicht pünktlich ist.

Szene 2:

Im Projekt haben wir heute ein wenig herumgesaut und auf einem Tisch ist noch etwas Matsche, als die neue Klasse schon hereinkommt. Die Schüler haben ordnungsgemäß alles weggeputzt. Es ist Frau Henners Matsche, aber diese hat gerade wortwörtlich alle Hände voll zu tun. Ich räume noch auf. 45 Minuten sind einfach viel zu kurz! Da steht schon die nächste Unterstufenschülerin neben dem Matsche-Tisch und will sich hinsetzen.

„Stopp! Vorsicht, schau mal, dort ist noch Kleister. Bist du bitte so freundlich und holst mal schnell einen Lappen? Sonst machst du deinen Pullover ganz voll“, sage ich und deute, vollgepackt wie ich bin, mit der Nasenspitze auf den Kleisterfleck. Das Mädchen starrt mich an.

„Lappen?“

„Ja, zum Abwischen“, sage ich, gleich unter meinem Zeug zusammenbrechend.

„Wo ist denn ein Lappen?“, fragt das Mädchen strohdoof naiv.

Ich beherrsche mich und antworte sachlich richtig: „Lappen sind am Waschbecken. Wo sollen sie denn sonst sein, auf der Deckenlampe?!

Ich bringe die Material-Kisten weg und mache mich auf den Weg, die nächsten Utensilien zu holen. Das Mädchen steht am Tisch und hält einen trockenen, brettharten Aufwaschlappen in der Hand.

„Ist der richtig?“, säuselt sie und hält ihn mir unter die Nase.

„Ja, wenn du ihn jetzt noch nass machst, dann kannst du auch den Tisch damit abwischen“, säusele ich zurück. Von Ironie versteht das Kind sowieso nichts.

Nun habe ich fast alles aufgeräumt, gleich wird die Pause zuende sein. Puh! Da sehe ich das Mädchen an seinem Tisch. Es hat den Lappen in der Mitte befeuchtet und blickt ihn ratlos an. Also bitte ich das Kind, noch einmal zum Waschbecken zu gehen und den Lappen ganz nass zu machen und dann auszuwringen. Nein, ich erkläre das Wort auswringen nicht. Ich bin jetzt physisch und psychisch an meiner Grenze.

Endlich ist der Lappen feucht. Glaubt ihr, das Mädchen wischt jetzt diesen popeligen Kleisterfleck weg? Nee, wär‘ ja auch zu einfach. Sie wedelt mit dem Lappen darüber. Harry Potter hätte damit vielleicht Erfolg gehabt. Aber dieses Mädchen ist nicht ansatzweise so schlau wie Hermine. Frau Henner vergisst alles, was sie über Nähe und Distanz gelernt hat, stellt sich hinter das Mädchen, nimmt seine Hand, drückt sie auf den übrigens neuen, überhaupt nicht ekligen Lappen und zeigt ihm, wie man einen Tisch abputzt. Peinlich berührt schielt das Kind zu seinen Klassenkameradinnen und lächelt dieses überhebliche Verlegenheitslächeln.

Auch hier geht es mir nicht um den eigentlichen Vorfall. Dieses Kind hat noch nie einen Tisch abwischen müssen. Es ist elf Jahre alt und kann nicht einen einfachen Handgriff, der in jedem Haushalt anfällt. Wahrscheinlich macht Mama zuhause alles. Das Kind hat gar keine Gelegenheit, selbst Verantwortung zu übernehmen. Denn nur, wenn man Dinge tut, muss man für sie einstehen. Menschen wachsen an den Aufgaben, die man ihnen überträgt. Kleine Kinder können den Müll wegbringen, beim Spülerausräumen helfen, den Tisch decken oder eben abwischen.

Szene 2 zeigt also das Problem vor Szene 1. Zuerst muss ich Verantwortung übernehmen dürfen, indem ich etwas tue. Dadurch lerne ich, dass mein Handeln Folgen hat und dass ich dafür einstehen werde.

Gebt Kindern Aufgaben, übertragt ihnen damit Verantwortung. Lobt Kinder für das gute Erfüllen, zeigt ihnen, wie es richtig geht, wenn etwas nicht funktioniert, aber nehmt ihnen um Gottes Willen nicht die Aufgabe weg, nur weil Mama das besser oder Papa das schneller kann, sonst kann euer Kind mal gar nichts. Noch nicht mal Tischabwischen. Und das ist nicht niedlich!

Erst wenn Kinder Verantwortung haben, können sie damit umgehen lernen, merken, dass sie die Konsequenzen ihres Handelns auch tragen müssen. Elfjährige können sehr wohl verstehen, dass man im Klassenraum bleibt, auch wenn der Lehrer sich mal verspätet und die Regel momentan nicht einfordert, auch wenn Verantwortung ein höheres Konzept ist als das einfache Einhalten von Regeln. Schließlich sind wir hier nicht mehr im Kindergarten. Behandeln wir die jungen Menschen auch so.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner