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Die Welt hinter den Mauern

Liebe Leser,

der Gestank ist kaum auszuhalten. Am Anfang war es nur ein irritierender Geruch, inzwischen ist es ganz klar Verwesung. In den Mauern, hinter den Verkleidungen oder in der Zwischendecke des Lehrerzimmers ist ein Tier verendet und verwandelt sich zum buchstäblichen Staub, was allerdings nicht ohne eine bestialische Geruchsbelästigung abläuft. Verwesung ist übel, uns Lehrern ist auch übel. Lüften hilft für einen kurzen Moment, dann schlägt die Biologie zurück. Und da es draußen schon kalt und nass ist, können wir auch nicht dauerlüften. Wir ertragen und schimpfen auf die Stadt, die in solchen Fällen  nichts macht, weil man ja nicht weiß, wo die Maus gestorben ist und man kann ja nicht auf gut Glück… Also Nase zu und durch. Aber eines ist klar, es fällt jede Konzentration schwer und man gewöhnt sich auch nicht an diesen Geruch.

Neulich habe ich mir ein paar Dokumentationen aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen angetan. Es ging um junge Mädchen, die ihren Schulabschluss nicht schaffen, weil sie zu früh Mutter werden und das wenigstens ein akzeptiertes Rollenbild darstellt, um Menschen, die in Stuttgart ihre Miete nicht mehr zahlen können, um eine ganz normale Familie in einem ostdeutschen Plattenbau, deren Söhne in die rechte Szene abdriften. Nicht reißerisch präsentiert, sondern durchaus von mehreren Seiten beleuchtet. Das ist auch Deutschland.

Und es ist eine Welt, die mit meiner so gut wie gar nichts zu tun hat.

Wir haben uns eingerichtet in einem Haus auf dem Lande mit zwei Kindern, die beide gerne zur Schule gehen und große Pläne haben für ihre Zukunft und dabei hauptsächlich an eine gute Welt denken. Wir können uns einen Urlaub in einem schönen Ferienhaus leisten und sorgen für die Rente vor. Das einzige Ungewisse ist die eigene Gesundheit und der Weltfrieden. Was an sich ja schon nicht wenig ist. Und unsere Kinder wachsen in dieser Welt auf. Zwar hat Lucy auch Freundinnen, deren Eltern oder Geschwister schwer krank sind und wo auch mal gespart werden muss, aber doch leben sie alle den kleinen Traum vom kleinen Glück im eigenen Häuschen im Grünen. Und so seltsam manche Eltern sind, sie lieben ihre Kinder und ermöglichen ihnen so viel. Zwar habe ich dieses Jahr definitiv viel weniger Zeit für den kleinen Leo, aber wenn er dann mit leuchtenden Augen ankommt und noch lesen üben will, setze ich mich natürlich mit ihm aufs Sofa und wir lesen gemeinsam und geduldig in einem der zahlreichen Erstlesebücher, die noch von Lucy vorhanden sind. Und Leo will noch eine Seite und noch eine Seite. Ich lese die schwierigen Wörter mit den Buchstaben, die er noch nicht kennt, und er liest die kurzen Wörter, die er schon entziffern kann. Das macht ihm richtig Spaß, denn er ist beseelt von dem Gedanken, endlich selbst lesen zu können und dann nicht mehr der kleine Leo zu sein. Leo weiß, Lesen macht schlau. Und Leo hat mehr Ehrgeiz, als ich ihm zugetraut hätte. Das ist meine Welt.

Die Welt, die ich in den Reportagen sehe, ist ebenfalls geprägt von Erfolgswünschen und Hoffnungen für die eigenen Kinder, aber die Menschen sind hilflos, weil sie nicht wissen, wie sie ihre Kinder unterstützen können, oder sie haben bereits resigniert und ergeben sich den Umständen.

Was wäre mit Lucy, wenn sie nicht soviel Anregung bekäme? Was würde aus dem kleinen Leo werden, wenn sich niemand mit ihm abgäbe, dafür aber der Fernseher liefe? Könnte sich Lucy konzentrieren, wenn es in der Wohnung stinkt? Würde der kleine Leo genauso gewissenhaft seine Hausaufgaben machen, wenn er dafür gar keinen Platz hätte? Was wäre, wenn wir ständig in der Angst leben müssten, auf die Straße geworfen zu werden, wenn abend aus der Nachbarwohnung Geschrei herüberdränge und die Kinder nicht schlafen könnten? Wie sehr prägen die Umstände einen Menschen? Und wieviel können wir uns als Staat eigentlich leisten?

Ich habe keine Antworten, halte es allerdings für ungemein wichtig, ab und zu den Blick zu weiten, denn die Welt hinter den eigenen Mauern ist sehr real, aber niemals in eine Schublade zu stecken. Und irgendwie habe ich selbst großes Glück gehabt, in meinem Elternhaus aufzuwachsen und meinen Kindern wieder einen solchen guten Start mitgeben zu können. Natürlich kommt noch mehr dazu, aber diese Basis ist nicht zu unterschätzen.

Es tut mir leid, zu mehr bin ich heute nicht in der Lage. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren, der Gestank ist zu ekelerregend. Eigentlich will ich nur noch raus hier. Gleich fängt die Stunde an und dann bin ich weg. Dann sitzen wieder dreißig Kinder vor mir und alle haben eine Geschichte und ich kenne nicht eine von ihnen. Schade, vielleicht könnte ich dann manches Mal pädagogischer handeln.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

 

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Genau hinschauen

Liebe Leser,

in Leos erste Schulferien überhaupt fällt die Debatte um die versiebten Grundschultestergebnisse und sie berühren mich persönlich überhaupt nicht. Nein, ich beteilige mich nicht am Grundschulbashing! Im Gegenteil, wir sind als Familie mit der von uns ausgewählten Grundschule sehr zufrieden und das liegt vor allem an Frau Wilde, Leos Klassenlehrerin.

In Leos Grundschule müssen alle Kinder das gleiche lernen, ganz altmodisch. Leo könnte sicher etwas schneller Buchstaben schreiben und Mengen abzählen lernen, aber muss er das überhaupt? Reicht es nicht, wenn Leo am Ende der ersten Klasse sicher lesen kann, ordentlich schreiben und bis zwanzig rechnen? Und bei Frau Wilde wird er genau das lernen, aber auch wie sich Laub im Herbst anfühlt, wenn man in einen Haufen davon hineinspringt, wie man singt und lacht und wie man einen Streit, der verfahren erscheint, auflöst. Dabei ist Frau Wilde einfach kompetent. Sie redet freundlich, aber bestimmt, sie lässt sich siezen und ist doch mütterlich herzlich, sie gibt den Kindern mannigfache Erlebnisse mit auf den Weg und ist doch sehr konsequent. Ole hat bereits die vierte Strafarbeit mit nach Hause bekommen. Frau Wilde kann auch streng, wenn es sein muss. Und das imponiert mir. Sie nimmt uns Eltern in die Verantwortung. Regelmäßig kommen Elternbriefe, in denen sie uns nett, aber eindringlich an unsere Erziehungsaufgaben erinnert. Viele Kinder können noch keine Schleife binden, liebe Eltern, das ist Ihre Sache. Nach den Herbstferien erwartet Frau Wilde eine deutliche Verbesserung und sie erklärt auch, warum Schleifebinden prinzipiell und im Besonderes so wichtig ist. Mir beeindruckt das. Leo kann Schleife binden, aber wenn nicht, würde ich jetzt wirklich üben. So delegiert sie eine Menge wieder zurück ans Elternhaus, was dort auch hingehört. Und ich bin mir sicher, dass sie bei denen, die es allein nicht packen, dann auch Unterstützung anbietet. Aber ich bin der Meinung – und Frau Wilde sicher auch – das die Grundschule nicht für alles da ist. Aber da Frau Wilde aus langjähriger Erfahrung weiß, dass sie manche Eltern nicht erziehen kann, schafft sie den Kindern eine Wohlfühlschule – einen Ort, wie ihn manche zuhause vielleicht nie erleben. Leo geht wahnsinnig gerne in diese Schule. Hausaufgaben macht er immer gleich nach der Schule. Dabei ist er ratzfatz fertig und stolz auf sich. Leos Schulstart ist gelungen, auch wenn er sich den Platz unter den anderen Jungen erst noch erarbeiten muss. Denn Leo ist schon etwas anders. Und selbst das fällt Frau Wilde auf. Während sie Marco und Ole nach dem Ende der letzten Stunde Strafarbeiten gibt, fragt sie mich, ob wir Leo zusätzlich noch fördern lassen wollen in einem Begabtenprojekt, weil das sonst in der Schule zu kurz käme. Frau Wilde hat Erfahrung, kennt ihre Grenzen, sieht das einzelne Kind. Frau Wilde könnte durch ihre Art alle möglichen Methoden unterrichten – es würde immer etwas herauskommen. Was für ein Glück.

So sehen wir das zumindest nach sechs Wochen Schule. Aber die Zahlen sagen etwas anderes. Die Grundschüler schneiden immer schlechter ab, besonders in Baden-Württemberg. Bayern und Sachsen liegen wieder einmal vorn. Schön für diese Bundesländer, schlecht für uns, denn nun schreien alle nach Bildungsreformen. Als ob sich in den letzten Jahren nicht ständig etwas geändert hätte! Und was da alles geschrien wird… An unseren Kindern entscheidet sich schließlich die Zukunft.

Frau Henner ist da eher etwas demütiger. Ich schaue zuerst genauer in die Studie. Die ist frei im Netz verfügbar und für jedermann einsehbar. Liest sich sehr trocken, aber manche Tabelle ist dann schon interessant. Zumindest für mich, die sich auf die Suche gemacht hat nach den Unterschieden. Was ist in Sachsen oder in Bayern so anders?

Meine Grundthese: Überall gibt es Frau Wildes und überall gibt es schlechte Lehrer. Die Elternschaft wird sich in jedem Bundesland in die überambitionierten und die desinteressierten und die große Mitte dazwischen aufspalten. Die Methoden werden sich zwar im Detail von Schule zu Schule unterscheiden, aber ich bezweifle, ob das dann statistisch relevant ist. Schreiben nach Gehör wird schließlich nicht an jeder Schule unterrichtet. Das kann nicht DER Grund sein. Ich suche weiter.

Leider gibt es zu einem mir wichtig erscheinenden Punkt keine Daten, weil man sie schlichtweg nicht erheben darf. Die Studie darf den sozialen Hintergrund der Schüler nicht beleuchten. Ein großer blinder Fleck entsteht damit, der verhindert, dass wir umfangreiche Schlüsse ziehen können. Schade. Was man allerdings statistisch erheben darf, ist der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund – auch wenn das allein noch keine ausreichende Information ist. Was bedeutet das schon – Migrationshintergrund?

Sachsen liegt so weit oben, hat aber einen geringen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund von circa 10 Prozent. Das wird dann besonders drastisch, wenn man die Zahl von Baden-Württemberg dagegenstellt. Dort haben mittlerweile um die 45 Prozent einen Migrationshintergrund. Das sind einfach ganz andere Voraussetzungen. Nun zu Bayern. Ich dachte ja, in Bayern müssten ähnliche Zahlen vorliegen, dort lese ich in der Tabelle jedoch von „nur“ circa 30 Prozent. Bayern und Sachsen haben zusammen nicht mal soviele Kinder mit sprachlich schwierigeren Startbedingungen wie Baden-Württemberg. Das wundert mich. Hätte man nun noch eine bessere Datenlage zur sozialen Situation von Familien, wären vielleicht Rückschlüsse möglich.

Hat man aber nicht. Und deshalb kann jetzt jeder wieder seine Reformidee durchsetzen. Für mich als Laie stellt sich doch eine andere Frage: Welche Schule erzielt vor welchem Hintergrund welche Ergebnisse? Aus einem statistischen Ergebnis eines ganzen Bundeslandes kann ich nichts entnehmen. Wenn eine Schule in einem gutbürgerlichen Viertel nur knapp über dem Durchschnitt liegt, es aber eine Schule mit hohem Migrationsanteil auf eine ebensolche Stufe schafft, dann muss ich doch da genauer hinschauen. Wie machen die das? Dazu bräuchte ich aber gnadenlose Transparenz und auch Ehrlichkeit gegenüber den nackten Zahlen.

An Lucys Grundschule hatte so ziemlich genau die Hälfte der Schüler einen Migrationshintergrund. Entsprechend schwierig gestaltete sich das Lesenlernen. In ihrer Grundschule gab es mehrere zerrüttete Familienkonstellationen, die bis zur Vernachlässigung reichten, entsprechend schwierig gestaltete sich das soziale Miteinander. Immer wieder beklagten die Lehrer, dass sie in dieser Klasse gar nicht zum Unterrichten kämen. Es gab Lehrer, die schlechter, und andere, die besser damit umgehen konnten. Eine war ständig krank. Für Lucy war die Grundschule nicht der ideale Start, aber wir als Familie konnten viel auffangen.

Nun nützt es nicht, über die Gesellschaft zu schimpfen, das Heil nur in DER Methode zu suchen oder über die Lehrer zu wettern. Ich wünsche mir eine ehrlichere Debatte, eine viel genauere Analyse, die uns endlich aufzeigt, wie entscheidend die bestimmte Methode ist – oder eben nicht ist. Die uns auch darlegt, welche Fördermöglichkeiten für welche Kinder fruchtbar sind. Sonst fördern wir ins Blaue – wenn überhaupt.

Und dann wünsche ich mir mehr Frau Wildes, die als Mensch versuchen aufzufangen, was manche Familien eben nicht können. Und ich wünsche mir Unterstützung für diese Frau Wildes. Erst dann kann eine gerechtere Schule entstehen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 36: Frau Henner besucht die neue Schule

Liebe Leser,

nun war ich am Donnerstag schon mal auf Besuch in meiner neuen Schule. Nun also doch ein städtisches Milieu, aber immerhin noch keine Großstadt. Ein bisschen Aufregung machte sich in der Magengegend breit, als ich den altehrwürdigen Bau – der schon deutlich bessere Tage gesehen hat – betrete. Aha, das ist also mein neues Zuhause! Die unglaublich nette Sekretärin bietet mir gleich einen Kaffee an. Unsere Sekretärin ist auch so nett, wahrscheinlich muss man vorher einen Einstellungstest machen, wenn man Schulsekretärin werden will… warum gibt es den eigentlich nicht für Lehrer?

Ich betrete die heiligen Hallen des neuen Lehrerzimmers. Genauso bunt und chaotisch wie bei uns, denke ich noch… ab dem Moment habe ich keine Zeit mehr, an mein Bauchgrummeln zu denken, denn eine neue Kollegin führt mich gleich mal durch das Schulhaus. Sie plappert die ganze Zeit und strahlt mich dabei ebenso freundlich an wie vorhin die Sekretärin. Hier sind die Fachschränke und wenn ich da ein anderes System möchte – gerne! Ob ich die Fachzeitschrift abonnieren möchte? Dann solle ich das gerne tun! Und der Computerraum liegt gleich nebenan – ganz praktisch. Und hier sind die ganzen Schlüssel, braucht man ja schließlich. Ob ich noch etwas sehen möchte? Ich dürfe das ganz nach meiner Ordnung einrichten. Der Beamer ist nicht mehr der neuste, dafür verfügt der Fachraum über eigene Computerplätze natürlich mit Internetanschluss. Aber da sei ja noch Geld da, wenn ich etwas Neues anschaffen möchte, also sie würde voll hinter mir stehen.

Nach anderthalb Stunden strahlt die junge Frau noch immer. Ich habe einen ersten Überblick und bin wirklich eindrucksgesättigt. Noch mal zurück zum Lehrerzimmer. Ein neuer Kollege macht mir gleich noch ein Charmekompliment. Zu offensichtlich und doch einfach nett. Frau Henner lacht. Fühlt sich so an, als könne man sich hier einleben.

Am Freitag in der Schule fragen mich verstohlen ein paar Kollegen, wie es denn so war. Tja, sagen kann man da noch nicht viel. War ja nur ein erster Eindruck. Aber nett war es da auf alle Fälle. Nett ist das richtige Wort. Also schon ein bisschen anders als bei uns. Aber das sagt man ja nun auch wieder nicht. Sonst klingt das so hart… bei denen ist es nett, nicht so hintenrum wie hier. Kann man so nicht sagen. Es gab ja auch wirklich nette Kollegen hier. Eine Handvoll werde ich sicher vermissen. Eine Handvoll… ist das nicht eine kleine Ausbeute?

Egal, da sind die vielen Eltern und die vielen Schüler, die mir in den letzten Wochen gezeigt haben, wie sehr sie meinen Weggang bedauern – und da ist die Handvoll Kollegen, die ich schätze, die sehr guten Unterricht machen, die engagiert sind und einfach so nette Personen und die Schulleitung, die mich in den letzten Monaten so sehr unterstützt hat, sonst hätte ich vieles nicht geschafft. Das war es auf alle Fälle wert – eine gute Zeit geht zu Ende.

Nett war’s auch – mit den Schülern meist, mit den Kollegen manchmal.

Zeit, sich auf Neues zu freuen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

Pfingsten 1: Melancholie

Liebe Leser,

am letzten Freitag vor den Pfingstferien trage ich die ersten beiden großen Kisten aus dem Schulhaus, denn ich habe angefangen aufzuräumen. Was sich alles so angesammelt hat! Ordner, Bücher, lose Blattsammlungen. Da noch ein wenig Zeit ist, setze ich mich an den kleinen Teich im Park und betrachte die blühenden Uferblumen, die Vögel, die Libellen… und da überkommt mich zum ersten Mal das Gefühl der Wehmut. Wahrscheinlich liegt das an den Kisten – sie machen alles endgültig. Ich ziehe aus aus meinem bisherigen Schulleben.

Dann setzt sich Lucy zu mir ins Auto und meint: „Du Mama, ich bin heute so melancholisch, jetzt wird wohl alles anders werden.“ Ja, diese Ferien sind die letzten, nach denen ich noch einmal in mein kleines Landgymnasium zurückkehren werde. Dass Lucy das auch so empfindet, berührt mich fast noch mehr. Der schwarze Hund wird den ganzen Nachmittag lang noch um uns herumschleichen.

Dann räume ich mein Arbeitszimmer auf. Dieses Schuljahr ist nicht mehr viel zu tun, da lohnt es sich, auch hier einmal gründlich klar Schiff zu machen. Zu viel ist in den letzten anstrengenden Wochen liegen geblieben. Auch Lucy räumt ihr Zimmer auf. Sonst kann man ja gar nicht gemütlich in die Ferien gehen, meint sie. Putzen hat etwas Kathartisches.

Während ein Teil Deutschlands sich schon wieder auf die Sommerferien vorbereitet, liegen vor uns noch einige Schulwochen. Noch zähle ich sie nicht rückwärts. Denn jetzt bin ich soweit, dass ich in dieser Zeit tatsächlich Abschied nehmen werde. So vieles ein letztes Mal – ganz bewusst. Um nicht in einen Unruhezustand zu fallen, habe ich mich mit vielen Büchern eingedeckt, werde Freunde treffen, Musik machen, Rosen beschneiden und bloggen. Der Sommer kann kommen!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 31: Von roten Riesen und weißen Zwergen und vom Sterben des Lichts

Liebe Leser,

der kleine Leo ist ein pfiffiges Kind, es wird Zeit, dass er in die Schule kommt. Und ganz, ganz langsam beginnt er sich auch darauf zu freuen. Weil dann nicht nur die große Lucy wichtig ist, wenn sie sagt: „Also, ich mach dann mal Schularbeiten!“

Heute ist Lucy im Freibad. Herr Henner muss arbeiten. Leo und ich sitzen allein am Mittagstisch. Zuerst erzählt er von Cäsar und erklärt mir, dass der alleine regieren wollte. Und ja, das hat den anderen Senatoren im alten Rom nicht gefallen und da haben sie ihm die Toga weggerissen und ihn… na du weißt schon… Der kleine Leo redet nicht gerne über den Tod. Und so kommen wir von ganz realen Tod eines mächtigen Mannes zum Tod der roten Riesen. Ob ich wüsste, wie die sterben? Weiß ich nicht. Macht nichts. Das erklärt mir der kleine Leo. Vieles kann er auf meine Nachfrage mit eigenen Worten erklären und nicht nur Theo, Tess und Quentin – das sind die drei Figuren aus „Was ist was?“ – abspulen. Aber als er mir erklären will, wie der Anfang der Welt geht, stolpern wir  beide über das Wort Universum.

„Du sagst also, unser ganzes Universum war in einem Lichtpunkt, was ist denn ein Universum?“, frage ich den kleinen Leo.

Lehrereltern sind gemein, ich weiß. Anstatt sich über ihr wissbegieriges Kind zu freuen, führen sie es zielsicher an seine Grenzen und zeigen ihm, dass es eigentlich nicht viel weiß. Aber ich höre in meinem Hinterkopf unsere Naturwissenschaftler, die sich ständig beschweren, dass die Kinder alles Mögliche aus der Grundschule oder von zuhause mitbrächten, aber keine Ahnung hätten, was sie da eigentlich erzählen.

„Moleküle, ständig reden die von Molekülen  und haben keine Ahnung, was das ist. Und wenn du dann fragst, was denn ein Molekül ist, dann herrscht Schweigen – die sind doch nur vollgestopft mit Pseudowissen…“, regt sich die Biolehrerin auf.

Das Universum also.

Leo überlegt. „Also das weiß ich jetzt nicht.“

„Dann lass uns mal nachgucken“, schlage ich vor und stelle mich auch mal dumm.

Neben unserem Esstisch stehen in Reichweite ein Duden, ein Atlas, Unser tägliches Latein, Unser tägliches Griechisch, ein Pflanzen- und Tierführer, ein Herkunftswörterbuch und allerhand anderer nützlicher Kram. Schnell ist das Wort Universum nachgeschlagen und der kleine Leo staunt, was in diesem Buch alles drin steht. „Ach das kommt aus dem Latein, das hat auch der Cäsar gesprochen… Aber klar, du hast Recht, als die tiefe Nacht war, da gab es ja noch keine Sterne, die waren da alle mit drin in diesem hellen Licht. Deshalb heißt das „Das Gesamte“. Und dann gab es den großen…“ Jetzt schaut mich Leo herausfordernd an und klatscht in seine kleinen Hände.

„Urknall?“

Jetzt lächelt er verschmitzt und sagt mit erhobenem Zeigefinger: „Aber das ist nur eine Vermutung von den Wissenschaftlern.“

Bis der überbackene Toast gegessen ist, werden wir uns noch über den Islam unterhalten haben, den Koran – nur in Ansätzen, ich habe da nicht so viel Ahnung, muss ich gestehen – und über Papyrus.

Nein, der kleine Leo ist nicht hochbegabt. Er ist einfach nur schulreif.

Voll Neugier freue ich mich mit ihm auf die Schule. Dieser kleine Kerl ist so neugierig auf die Welt, geduldig und auch genau, eigentlich kann das doch nur gutgehen mit ihm. Ich verdränge ganz bewusst alles, was ich mit Lucy an Negativem in der Grundschule erlebt habe, und freue mich auf all das Schöne, was uns auch erwarten wird.

Während ich an den Computer gehe, um zu bloggen, schnappt er sich ein weißes Blatt und zeichnet. Die roten Riesen und die weißen Zwerge und das ganz Universum mit dazu. Sein Universum. Da ist noch nicht alles richtig, aber da ist richtig viel Platz. Da stimmen noch nicht alle Zusammenhänge, aber täglich entstehen neue Bahnen. Da hat jemand ein Licht in sich und nun liegt es an uns, dass es leuchtet.

Manchmal frage ich mich, ob nicht doch wir Lehrer Schuld tragen, wenn solche Lichter mit der Zeit verlöschen… Muss ich denn ein Kind mit genervtem Unterton angehen, wenn es das Wort Molekül sinnentleert gelernt hat? Was kann es denn dafür? Seht es doch mal von der anderen Seite. „Aha, du sagst also Molekül und weißt gar nicht, was das genau ist… toll… das ist doch jetzt spannend. Genau das schauen wir uns jetzt gemeinsam an!“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 30: Selektion

Liebe Leser,

da stehen sie nun die Eltern und fragen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, die Klasse noch ein Jahr weiter zu nehmen, sicher könne man doch mal eine Ausnahme machen. Und als ich sage, dass es diese Ausnahme nicht gibt, weil ein Zweijahresrhythmus wichtig ist, das ja nicht jedes Kind mit jeder Lehrerpersönlichkeit klarkommt – und umgekehrt, fragt die eine Mama gleich, ob ich dann nicht wenigstens eine Fünfte nehme, da würde doch dieses Jahr das Geschwisterkind eingeschult.

Im Grunde ist das ein dickes Lob. Selbst Jans Mama ist nett zu mir, auch wenn Jans Papa mir beim Elternsprechtag klipp und klar jegliche pädagogische Kompetenz abgesprochen hat. Trotzdem bemühe ich mich täglich um den Jungen und – Heißa! – endlich sehe ich die Früchte der Mühen klein und zart, aber doch sichtbar heranwachsen. Jan ist seit Wochen nicht mehr ausgetickt. Endlich kann man seine Texte lesen und endlich schreibt er mehr als den obligatorischen einen Satz. Kann mir der Papa doch egal sein.

Natürlich selektiere ich.

Ich denke inzwischen darüber nach, welche Kollegen ich vermissen werde und es kommen schon ein paar zusammen. Schade eigentlich. Da trifft es sich gut, dass sich Fräulein Häuptchen  wieder mal zu einem absolut dämlichen Anfall im Lehrerzimmer hinreißen lässt. Jedes Jahr während der Abikorrekturen dreht diese Frau so am Rad, dass sie sich nicht entblödet, eigene Nichtkompetenz öffentlich an den Pranger zu stellen – sie sieht das natürlich völlig anders.

Naturgemäß. Auch Fräulein Häuptchen selektiert.

Es gibt genügend Kollegen, die ich nicht vermissen werde. Punkt.

Aber die schöne Umgebung… ich gerate wieder mal ins Schwärmen, weil nicht viele Schulen so eine schöne Umgebung aufzuweisen haben – vor allem im Mai, wenn der Park um die Schule grünt und blüht, die Schüler in der Mittagspause unter den Bäumen sitzen, die Jungen mit dem Fußball bolzen und der Grünspecht von Baum zu Baum fliegt. Das kann so keine Schule bieten, die ich mir angeschaut habe. Alles hat seinen Preis.

Werde ich die Schüler vermissen? Die Landeier? Diese netten, naiven Kinder? Möglicherweise, vielleicht, warum eigentlich? Andere Mütter haben auch nette Kinder…

Ich nabele mich langsam ab.

Das tut gut.

Neulich Nacht konnte ich lange nicht einschlafen, weil sich mein Hirn schon ein Projekt für die neue Schule ausgedacht hat – völlig ungefragt. Aber manchmal habe ich keine Macht über meine Gedanken. Schnell habe ich alle Ideen notiert und schon ein richtiges Konzept entwickelt. So soll es sein. Nach vorne schauen ist das Beste, was man machen kann. Und es gibt Momente im Leben, wo einem das leicht fällt. Danke, liebe Eltern, für euer indirektes Lob. Mit dieser Motivation gehe ich gerne zu neuen Aufgaben!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Osterferien 2: Ranzenparade – ich glaub, die spinnen!

Liebe Leser,

als Lucy vor nunmehr sieben Jahren in die Schule kam, sind wir mit ihr in ein Taschenfachgeschäft gegangen, haben uns beraten lassen von einer freundlichen, kompetenten Verkäuferin und uns dann für den am wenigsten kitschigen Schulranzen für Mädchen entschieden. Der passte, der gefiel und der hielt vier Jahre so gut, dass wir ihn nun vom Dachboden geholt haben, mit Schreibkram gefüllt und einem Kind in Osteuropa vermachen. Der passt, gefällt und hält sicher noch einmal vier Jahre.
Erster Versuch: So blauäugig gehen wir mit dem kleinen Leo in das selbe Fachgeschäft. Eine andere Verkäuferin ist da und hat wenig Einfühlungsvermögen. Ihrer Ansicht nach kann der kleine Leo jedes Ranzenmodell tragen – die passen alle. Der Laden führt inzwischen aber auch nur noch zwei Marken – davon sind dann aber auch alle zwei, drei, vier Modelle da und natürlich hundert verschiedene Designs.

Alle Ranzen – wirklich alle führen irgendwo im Namen das Zauberwort „ergo“. Klar will ich, dass der kleine Leo sich nicht den Rücken ruiniert. Wollte ich bei Lucy auch nicht, also haben wir auf den richtigen Sitz geachtet. Wie schwer der Ranzen wird, liegt ja eher an der Grundschule UND am Kind selbst. Uns wird nun suggeriert, dass wir, wenn wir nicht den Ergobag kaufen, uns sträflich an der Gesundheit unseres Kindes vergreifen. Dann gucken wir uns also mal diesen Ergobag an. Hm…

Ein Vorteil: er ist nicht schreiend bunt… aber es ist ein Rucksack, steht der gut an der Bushaltestelle? Knicken da nicht die Pappordner um? Ach so, da soll ich dann noch die Plastik-Heftbox zukaufen. Hm? Kann ich dann nicht gleich einen mit „Einlage“ nehmen? In dem Moment hat die Verkäuferin das Interesse an uns verloren. Es soll tatsächlich schon Schulen geben, wo der Ergobag das neue Statussymbol unter Grundschulkindern geworden ist. Ohne Ergobag bist du nichts. Und tauschen und sammeln kannst du die netten Kletties, die man an diesen Schulranzen ranklettet, auch – für 14,95 Euro das Pack! Und wenn du noch mehr Reflektorfläche willst, kannst du die ebenfalls gerne dazukaufen… wer wird denn bei der Einschulung seines Prinzenkindes knausrig sein!

Apropos Preis… ja, ich möchte über Geld reden! Das ist überhaupt mein Anlass für diesen Beitrag. Rund 220 Euro soll der Ergobag kosten. Spinnen die – es handelt sich um einen Schulranzen für Erstklässler. Für Lucys Ranzen haben wir um die 100 Euro bezahlt und das war ebenfalls ein Markenprodukt – vor sieben Jahren.

Ich gucke mir noch die zweite Marke an: Scout. Preis sehr schwankend (von 250! bis 150 Euro), klassische Ranzenform möglich – schreckliche Designs. Martialische Fahrzeuge oder Dinosaurier, die ihren Rachen aufreißen. Oh, das ist nicht der kleine Leo. Gibts nichts Nettes? Inzwischen will uns die Verkäuferin eher loswerden. Ob wir nicht hier das nette Playmobil-Gewinnspiel ausfüllen wollen?

Nein, wollen wir nicht. Wir gehen.

Zwischenspiel. Mein Vater wohnhaft nahe einer Großstadt in Deutschland fährt in die Stadt und besucht extra das Kaufhaus und schickt die Prospekte aller möglichen Hersteller. Sein Fazit: Unwissendes Personal, wenig interessiert, aber sehr reiches Angebot. Er hat sogar eine Liste gemacht: Marke und Preis. Das ist mein Vater! Danke Paps! Sieben Schulranzenfirmen hält das große Kaufhaus vorrätig. Ein Ranzen hässlicher als der andere. Und natürlich den Ergobag. Mein Vater weist mich auf den Scooli hin, der von der Stabilität einen guten Eindruck gemacht hat, aber über die Motive ließe sich streiten. Lässt sich nicht – das kommt für den kleinen Leo absolut nicht in Frage. Davon bekomme ich Augenschmerzen. Ranzenkauf hat immerhin auch was mit Geschmacksbildung zu tun.

Nächster Laden, großes Schreibwarengeschäft: Ergobag und Stepp-by-Stepp. Da gibt es einen schwarzen Jaguar-Ranzen. Schwarz-grün, aber immerhin nettes Tier drauf. Das wäre eventuell was – zur Not.

Zweites Zwischenspiel. Ich surfe im Internet, vergleiche Preise bei Idealo. Die Ranzen, die im Laden 250 Euro kosten, bekomme ich dort mit Glück für 150. Ausgenommen den Ergobag. Natürlich. Aber sympathischer wäre mir ein Kauf im realen Laden zur Unterstützung der örtlichen Wirtschaft.

Dritter Laden, kleiner Kofferladen im Ort: Ergobag, Scout und ein paar andere Einzelexemplare anderer Marken. Die Verkäuferin ist nett, hat aber im Grunde nicht viel Ahnung. Wir gucken also mal. Der kleine Leo bleibt vor einem Schulranzen stehen, der aus der Reihe fällt. Der gefällt ihm, der passt und der macht einen guten Eindruck – ob er wirklich hält, wird sich erst im Praxistest nächsten Schuljahr beweisen können. Aber hey, der sieht so… so nett aus?

Ja, das sei ein Modell vom Vorjahr.

Preis?

224.95 Euro.

Für ein Modell vom Vorjahr?

Nun, man könne mir 20 Euro Rabatt geben…

20 Euro klingt großzügig. Ich weiß allerdings, dass jeder Erstklässerlerranzen in diesem Laden mit 20 Euro rabattiert wird – ausgenommen der… natürlich der Ergobag!

Und da macht Frau Henner etwas ganz Unschönes. Sie fährt nach Hause, schmeißt das Internet an und kauft diesen Ranzen für 100 Euro weniger. Ganz ehrlich, die Beratung im Fachgeschäft, die aus „Na, wenn der dir gefällt, probier ihn mal an! Ja, der passt!“ bestand, ist mir nicht 100 Euro wert.

Hier stimmt doch etwas ganz und gar nicht.

Heute kommt ein Päckchen. Leos Schulranzen. Stolz dreht er ein paar Runden im Garten und schaut sich dann ausführlich das mitgelieferte Zubehör zusammen mit Lucy an. Herr Henner meint nur: „War ja ein ganz schöner Zirkus um diesen Ranzen.“ Recht hat er. Irgendwie ist unsere Welt nicht gerade einfacher geworden…

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner