Archiv der Kategorie: Arbeitsalltag

Pfingsten 2: Vier Frauen – ein Problem

Liebe Leser,

Ferienzeit ist Freundezeit. Also sitzen mal wieder drei Damen im Restaurant – diesmal ist es eine Pizzeria, die wir mangels echter Alternativen aufsuchen – Großstäde sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren – zumindest nicht jede! Wir reden, was Frauen halt so machen. Und es geht kaum um unsere Kinder, Frauen können auch anders.

Diesmal ist das Hauptthema des Abends die Arbeit. Zwei Tage später werde ich noch eine Freundin besuchen, die mit den beiden anderen nicht so viel zu tun hat, deshalb die getrennten Gespräche. Aber schnell stellt sich heraus, dass auch hier die Arbeit ein wichtiger Aspekt geworden ist und vor allem dass der Schuh drückt. Um nicht hin und her zu springen fasse ich beide Treffen in eines zusammen, wir haben sowieso so viel gemeinsam: wir sind gleich alt, wir haben zusammen die Schulbank gedrückt, wir sorgen jeweils für zwei Kinder – wahlweise kommt noch ein Mann dazu. Nach sehr guten und guten Abschlüssen haben wir unterschiedliche Ausbildungswege eingeschlagen: zwei haben eine Ausbildung absolviert, zwei studiert. Eine hat schon mehrfach die Arbeitsstelle gewechselt, wir anderen sind mehr oder weniger direkt von Schule und Uni zu unserer Arbeitsstelle gekommen. Und alle sind wir unzufrieden – aber jede aus einem anderen Grund.

Ist das schon symptomatisch?

Meine Probleme ziehen sich schon länger durch diesen Blog. Da will man so gerne und möchte etwas tun und fühlt sich häufig durch Kollegen ausgebremst, die hübsch ihre Ruhe haben wollen und auch wollen, dass alle anderen Ruhe geben, denn sonst müssten sie ja auch etwas tun. Das ist keine Arbeitsatmosphäre für motivierte Mitarbeiter.

Und genau das gleiche Problem haben auch die anderen Frauen. Die eine wird ausgebremst, weil es die hierarchische Struktur ihrer Arbeitsstelle nicht zulässt, dass sich eine Untergebene engagiert. Sie können da nicht so eigenmächtig handeln, da muss man immer erst den unfähigen allwissenden Chef fragen, der dann die Probleme auf die lange Bank schiebt und Neuerungen aussitzt sorgfältig alle Optionen abwägt. Die andere wird ausgebremst, weil da Männer unter sich ausmachen, wer weiterkommt, und das sind Männer, nicht Frauen. Die sollen sich erst einmal vorrangig um ihre Kinder kümmern. Später ist ja auch noch Zeit für Karriere – und überhaupt, wozu braucht denn eine alleinerziehende Mutter so ein Gehalt, das kann man doch kürzen, damit der andere Mitarbeiter einen schicken Firmenwagen fahren kann. Und die letzte wird von der überforderten Chefin zur Schnecke gemacht, obwohl sie ihre Arbeit erledigt, aber Menschen eignen sich doch so gut als seelische Fußabtreter…

Das ist keine Arbeitsatmosphäre.

Nun wechsle ich die Dienststelle, dabei bin ich eindeutig am besten dran, weil es bei mir nicht um die Existenz geht. Das können die drei anderen Frauen nicht so verhältnismäßig einfach. Die eine ist froh überhaupt eine Stelle in ihrer Branche gefunden zu haben und das bei dem noch akzeptablen Fahrtweg, die andere ist familiär auch gebunden und Stellen in dieser Brache… ha! Und auch die dritte sagt: „Der Arbeitsweg, den ich jetzt gerade habe, der ist einmalig, das bekomme ich sonst nicht mehr und solange die Kinder…“ Und dann hält sie kurz inne und ergänzt: „Aber wenn meine Chefin mich wieder anbrüllt, dass ich zu dumm sei, dann überlege ich mir das vielleicht. Das muss ich mir einfach nicht bieten lassen.“

Vier Frauen, alle wollen gerne arbeiten. Alle kümmern sich trotzdem um ihre Familie. Keine macht hier groß eine „Karriere“. Es geht nur um eine rechtschaffene Arbeit für ein angemessenes Entgelt und vor allem geht es um die Anerkennung der Leistung, die diese Frauen gewollt sind zu erbringen.

Ich wundere mich, dass es sich unserer Gesellschaft leisten kann, dieses Potential nicht voll auszuschöpfen. Vielleicht werden wir uns da in Zukunft noch mehr wundern. Neulich hat Jan-Martin ein ähnliches Problem zum Thema Gleichberechtigung angeschnitten. Wir haben in Deutschland noch immer viel zu tun in dieser Hinsicht.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 23: Beamten-Wolf

Liebe Leser,

pro forma wird ein Lehrer zum Klassenlehrer und der andere zum Stellvertreter, da es in unseren Tagebüchern eben genau diese Kategorien gibt. Im letzten Zwei-Jahres-Zyklus war Wolf als Klassenlehrer eingetragen und ich seine Co, also ist es jetzt andersherum. Wie gesagt: pro forma. Denn eigentlich sollen wir uns als Team begreifen.

Team heißt definitiv nicht: einer macht die Arbeit und der andere verpisst sich. Als Wolf pro forma der Klassenchef war, habe ich wöchentlich kleine Sitzungen abgehalten – auf meine Initiative, mit ihm gemeinsam schwierige Elterngespräche geführt, war immer als Ansprechparner da, habe Aufgaben gesehen und erledigt. Grad die Mädchen sind mit ihrem Zickenkrieg eher zu mir gekommen, was für mich völlig in Ordnung war. Ihr ahnt sicher, was jetzt kommt. Recht habt ihr. Dieser Blogbeitrag hat keine originelle Wendung.

Wenn ich als Klassenchefin eingetragen bin, sehe ich von Wolf so gut wie nichts. Gibt es mal ein Problem, muss ich mich wortwörtlich auf die Suche nach ihm machen. Gilt es, ein paar Zettel auszuteilen, macht er das, keine Frage: wenn ich ihn drum bitte und die Zettel kopiert hinlege. Aber ansonsten wird er nur auf Anweisung aktiv, er sieht die Arbeit nicht von allein, geschweige denn dass er sie mal sucht oder sich zu einem Plausch über unsere Schäfchen zu mir setzt.

Nun könnte man sagen: faule Socke. Stimmt aber gar nicht. Er ist nicht faul, sondern einfach vollkommen durchtränkt von dieser Beamtenmentalität, über den sich der Rest der Nation so gerne lustig macht. Ich mache meinen Unterricht und im Grunde ist mir alles andere zuviel. Nein, es ist eine Zumutung!

Ob Elternsprechtag, Vorbereitung Schullandheim, Klassenrat, Klassenfest, eine zusätzliche Aufsicht, womöglich noch eine Vergleichsarbeit, die Abiturkorrekturen, die feststehenden Klausurtermine, das alles sind unverhältnismäßige Zumutungen, die man stöhnend entgegennimmt, um sich dann mit gleichgesinnten Kollegen jammernd zum Wundenlecken zu verkriechen. Oder zu verpissen, aus welcher Perspektive man das eben sieht.

Mit dieser Mentalität ist Wolf nicht allein, aber zum Glück ist er nicht intrigant wie manch anderer Kollege. Wolf wird nur pampig, wenn er sich überfordert fühlt. Leider ist diese Schwelle enorm niedrig. Schon eine unverhoffte Raumänderung kann Stress bei ihm auslösen. Leute, eine Raumänderung! Dann trollt er sich grimmig in sein Schneckenhaus zurück und pflaumt unterwegs noch Frau Hanswurst an, die sowieso immer Schuld an allem hat. Theatralisch rollt er mit den Augen, wenn sie das Lehrerzimmer betritt. Er bekommt dann rote Flecken am Hals und beginnt zu schwitzen. Was falsche Chemie so alles auslösen kann…

Kollegen wie Wolf gibt es vermutlich an jeder Schule, deshalb schreibe ich über ihn. Er ist bei uns nur einer von vielen. Ein paar davon kann eine Schule ertragen, aber ein Staat ist mit denen nicht zu machen. Und ausgerechnet er und ich sind ein Team – ‚tschuldigung, er ist ja nur der Stellvertreter, steht schließlich so im Tagebuch.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 19: Einen Gang zurück…

Liebe Leser,

das zweite Halbjahr schlaucht. Durch den neuen Stundenplan bin ich ganz schön am Ende. Ich habe nun mehr Unterricht, das ließ sich dieses Schuljahr nicht anders legen. Hohlstunden fallen weg, aber Hohlstunde kommt ja von Erholung! Zudem habe ich mir schlichtweg zu viel aufgehalst. Frau Henner sitzt in Arbeitskreisen, bereitet hier und dort Fachschaftskram vor, konferiert gefühlt ununterbrochen, offiziell und inoffiziell, privat passieren auch eine Menge Dinge, Klassengeschäfte müssten dringend erledigt werden und dann hat sie auch noch diese Referendarin…

Das tut mir nicht gut. Ich bekomme zu wenig Schlaf. Aber wenigstens am Abend will man dann doch mal etwas für sich tun… Da gucke ich dann Serien, hobbyiere, lese und unterhalte mich mit Herrn Henner. Nein, Stress ist das nicht. Ich hetzte nicht von einem zum anderen. Ich bin kein Workaholic. Aber es ist trotzdem einfach zu viel. Mein Kopf beschäftigt sich mit zu vielen Dingen gleichzeitig.

Ich plane Fördermöglichkeiten für meine Schwächsten und gleichzeitig bin ich mental schon wieder im Abitur. Ich lese Aufsätze zur Schreibentwicklung und muss längst die Elternbriefe fürs Schullandheim aufsetzen. Franziska muss für den Vorlesewettbewerb gecoacht werden und den kleinen Leo möchte ich gerne in die Vorschule begleiten. Ich bereite die Gesamtlehrerkonferenz vor, während der Fortbildungskatalog daneben liegt, weil der kleine Chef ihn mir quasi unter die Nase gehalten hat, ich solle doch endlich einmal ein Führungskräfteseminar belegen. Kann ich das zwischen Abitur und Schullandheim noch irgendwie reinquetschen? Ach ja, und die Rede von Frau Dr. Eisenmann? Wollte nicht die Grundschule Villa Kunterbunt noch ein Schreiben von mir? Warum antworten denn die nicht auf meine Mail? Aber halt, jetzt braucht erst einmal eine Freundin unsere Unterstützung…

Also macht Frau Henner einen Spaziergang, das tut immer gut. Im Kopf lege ich mir einen Plan zurecht. Schritt für Schritt, immer das nahe im Auge behalten und dabei nicht schon an das nächste denken. Und wenn die Referendarin eine unvorbereitete Stunde erlebt, dann weiß sie gleich mal, wie das Leben tickt.

Ich kann momentan meine Arbeit nicht minimieren, ich kann nicht die Sorgen und Nöte meines Umfeldes aufräumen oder abwiegeln, ich kann mich nicht lösen von den Dingen, die mich antreiben, aber ich kann bewusst sagen: Immer eines nach dem anderen!

Mal sehen, ob das funktioniert.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 9: Max und Erkan

Liebe Leser,

draußen geht sturzbachartig die Welt unter und unser halbes Kollegium liegt mit föhnbedingtem Kopfschmerz in einer zwischenmenschlichen Grauzone – Scherze sollte man gerade tunlichst vermeiden, sprachliche Ungenauigkeiten auch, sonst geht einem Fräulein Häuptchen gleich an die Gurgel oder Frau von Ostrach schreit lautstark durchs halbe Lehrerzimmer: Das ist ja unerhört! Zu allem Überfluss stinkert ein Kollege das Lehrerzimmer dermaßen aus, dass es nur noch einen Weg gibt: Flucht.

Ich geh dann mal unterrichten. Meine Sechser machen sich gerade. Frau Henner würde zwar mit ihrem deduktiven Grammatikunterricht durch jede Lehrprobe fallen, aber die Fremdsprachenkollegen freuen sich über das Grammatikverständnis meiner Kinderleins. Bei uns wird es gerade ganz vertrackt: meine Sechser unterscheiden Präpositionalobjekte von Präpositionalen Attributen. Das ist so kompliziert, dass es sogar die Jungs interessiert, die sonst für Sprache wenig übrig haben. Immerhin muss man da richtig denken, das kann total Spaß machen.

Macht es mir auch, bis ich im Deutschbuch über Max und Erkan stolpere. Die zwei Jungen können gar nicht dafür, die sind nur ausgedacht. Deutschlehrer sind das inzwischen gewöhnt: in jeder Geschichte, die für das Deutschbuch geschrieben wird, ist mindestens ein türkischstämmiges Kind. Das ist politisch korrekt und soll die bunte Lebenswelt unserer Kinder widerspiegeln. Deshalb sind die Kinder mit den Namen, über die beim Vorlesen meine Kinder, sogar die türkischstämmigen regelmäßig stolpern, immer mit Kinder mit deutschen Namen befreundet. Ayshe ist die Freundin von Lisa und Erkan der beste Kumpel von Max. Natürlich ist DAS kein Grund zum Ärgern!

So wie man hier politisch korrekt sein will, führt es in dem heutigen Beispiel aber ins Absurde. Max und Erkan werden in der Übung beide zitiert und die Kinder sollen den Unterschied zwischen den beiden Aussagen herausfinden – wir sind im Grammatikunterricht, es geht also um Satzglieder.

Ich stelle mir das so vor:

 

 

Lehrbuchautor 1: Wir brauchen zwei Kinder, die inhaltlich das gleiche sagen, aber eins macht das ganz toll und eins sehr mäßig, also den Kontrast, den muss man schon merken.

Lehrbuchautor 2: Ja klar, lass uns Max und Moritz nehmen, das ist lustig.

Lehrbuchautor 1: Max ist gut… aber hey, vergiss nicht den inneren Zensor, wir brauchen einen ausländisch klingenden Namen…

Lehrbuchautor 2: Mehmet?

Lehrbuchautor 1: Nee, den hatten wir doch erst die Seite davor.

Lehrbuchautor 2: Hasan… Murat… Cem? Nee, die hatten wir doch alle schon…

Lehrbuchautor 1: Warte mal, da gab’s doch einen Film….

Lehrbuchautor 2: ERKAN!

Lehrbuchautor 1: Ja, genau, lass uns Max und Erkan nehmen, das sind beste Kumpels, ja?

Die zwei Autoren schreiben die Beispieltexte.

 

Lehrbuchautor 1: Du, sag mal, das können wir nicht bringen.

Lehrbuchautor 2: Was?

Lehrbuchautor 1: Na, dass der Erkan so rumstottert. Da heißt es doch gleich, wir wären ausländerfeindlich.

Lehrbuchautor 2: Ja, Mensch du, da hast du völlig Recht. Was machen wir denn jetzt?

Lehrbuchautor 1: Ist doch logisch. Der Max, der bekommt den schlechten Text, den die dann korrigieren müssen, und der Erkan, der spricht viel besser, das ist dann unser Mustertext!

Lehrbuchautor 2: Jau, das ist eine gute Idee. Kannst du übrigens noch mal die Seite mit den beliebten türkischen Mädchenvornamen aufmachen, ich brauche nämlich noch welche für die Kommasetzung.

 

Nein, ich behaupte hier nicht, Menschen mit Migrationshintergrund würden ein schlechteres Deutsch sprechen als deutsche.

Nein, ich fordere nicht die Abschaffung der türkischen Namen. Auch wenn ich der Gerechtigkeit wegen dann bitte auch die amerikanischen mit im Lehrbuch hätte, das spiegelt dann noch besser unsere Lebenswelt. Man könnte einfach drei Texte draus machen: Max, Erkan und Dwayne.

Und ja, ihr habt völlig Recht, ich kenne genügend Maxens, die Sprachschwierigkeiten haben.

Und trotzdem führt vorauseilender politischer Gehorsam oder political correctness eben auch manchmal nach Absurdistan. Ich habe mich dann übrigens doch nicht geärgert, sondern herzlich gelacht. Natürlich nur innerlich, alles andere wäre politisch nicht korrekt gewesen.

Worüber ich lachen musste?

Mein türkischstämmiger Junge ist immer wieder beim lauten Vorlesen über den Namen Erkan gestolpert. Er konnte einfach nichts mit dem seltsam geschriebenen „er kann“ anfangen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 5: Der Vorhang

Liebe Leser,

mein Leben hat sich grundlegend geändert. Jetzt habe ich nachmittags so viel Zeit, dass ich wieder lese, töpfere und mir bunte Herbstrezepte ausdenke. Das tut der Seele gut. Lucy erzählt mir vor allem von ihren Freundinnen. Was im Unterricht bei den Kollegen abgeht, das erfahre ich nur am Rande, und das ist gut so. Manchmal gehen wir gemeinsam in den Stall, der mittlerweile auch zu einem wichtigen Lebenspunkt geworden ist. Gerade ist Oskar, das neue Kälbchen, geboren worden und wir sind alle ganz vernarrt in diesen verkuschelten Fratz. Es könnte alles so schön sein.

Wenn da nicht die lieben Kollegen wären.

Diese Woche ist wieder mal so eine verflixte, dass ich mir vorkomme wie im Irrenhaus. Ein neuer Vorhang wird installiert, weil der alte bald auseinanderfällt. Endlich wird es ein bisschen freundlicher und vielleicht auch hygienischer. Aber Fräulein Häuptchen dreht durch, als stünde morgen das Abitur ins Haus. Ihr Ton wird laut, als sie den Abteilungsleiter angeht, sie könne nicht noch mehr leisten. Dabei soll sie doch nur wegen des Anbringens des Vorhangs die Fensterbänke freiräumen. Schüler könnten ihr dabei helfen. Herr Albert erklärt mir hinter vorgehaltener Hand und mit bedeutungsschwerer Miene, warum die Farbe des neuen Vorhangs falsch ist und ein absolut unverzeihlicher Fehler der Schulleitung! Frau Mädelmann geht den kleinen Chef an, dass mit der Entfernung des alten Vorhangs nun auch wirklich alles Schöne aus dem Gebäude entfernt würde. Frau Weinstett macht eine Balla-balla-Bewegung in meine Richtung. Recht hat sie.

Und das ist nur eine Szene, den Rest erspare ich euch.

Gegen Ende der Woche sitze ich in trauter Runde mit dem kleinen Chef zusammen. „Wissen Sie was“, sagt er, „wenn das hier so weitergeht, hör‘ ich in zehn Jahren auf. Dann schmeiß ich alles hin und zieh‘ nach Frankreich. Rinder züchten oder Champignons.“ Kein bisschen Ironie schwingt da mit.

Die neue Kollegin lächelt schüchtern, dreht sich kurz um, ob auch niemand weiter im Lehrerzimmer lauschen kann und meint: „Ich habe das schon mitbekommen, hier ist alles… ein wenig altmodisch…“ Wahrscheinlich meint sie rückständig und traut sich nicht, es auch so zu nennen.

Frau Weinstett hingegen wirkt erstaunlich gelöst. Ich weiß jetzt, auch sie hat einen Versetzungsantrag eingereicht. Wohlgemerkt – wir sind erst in Schulwoche 5!

 

Viele Grüße aus Absurdistan von eurer Frau Henner

SW 2: Ein Refugium

Liebe Leser,

ein Aushang am Lehrerbrett sorgt im Lehrerzimmer für helle Aufregung: Fräulein Häuptchen beginnt hektisch zu googeln, Frau von Ostrach rennt gleich zum Schulleiter und Frau Mädelmann ruft laut „Wo ist der ÖPR*?!“ In der Empörung sind die sonst so verschiedenen Kolleginnen sich einig.

Frau Henner denkt: „Ich muss hier raus!“, greift sich ihre Thermoskanne mit Kaffee und begibt sich auf die Suche nach einem Ort der Stille. Irgendwo in einem die vielen Gebäude wird doch ein Plätzchen für eine Lehrerzimmerwaise sein… Es ist Mittagspause und hinter einer selten benutzen Tür wird Frau Henner fündig. Ein altes, aber bequemes Sofa, ein Bücherregal und viel durcheinanderliegendes Werkzeug. Rumpelig, aber still. Frau Henner versinkt auf dem Sofa. Ganz leise dringt aus der Ferne Musik durch das Tal. Die Vögel zwitschern. Frau Henner macht die Augen zu.

Nach einer Stunde schenke ich mir Kaffee ein und werde wieder munter. Einmal halte ich kurz die Luft an, als ich draußen Schritte höre. Aber die gehen vorbei, hier kommt keiner rein, viel zu abseits. Das ist mein Refugium. Noch.

Menschen wie ich brauchen das: Orte, an denen positive Energie fließt, Stille, Natur, wo jede Hysterie draußen bleibt, wo die vielen Krankheiten, Kriege und Tode auch einmal verdrängt werden können, weltabgewandte Momente. Geerdete. Lehrer sind oft so schrecklich interessiert, besorgt und wichtig. Sie meinen es in der Regel immer gut, aber manchmal ist das einfach zuviel des Guten. Also fliehe ich.

Auch im Privaten zeigt sich das. Ob ihr das glaubt oder nicht, ich habe mich tatsächlich bei einem VHS-Kurs angemeldet. Frau Henner lernt jetzt Töpfern für Anfänger! Dass ich nicht lache… Ton kneten und formen – ganz geerdet. Und hoffentlich ohne schlaue Lehrer, die immer alles besser wissen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

 *Für alle Unwissenden, diese magische Formel heißt ausgeschrieben Örtlicher Personalrat und wird in unserem Kollegium als Allheilmittel bei allen großen und kleinen Wehwehchen beschworen.

Ein kleines bisschen Hexerei

Liebe Leser,

das Lehrercafe fragte mich, ob ich tatsächlich meinen ganzen Unterricht in der Schule vorbereite.

Ja.

Natürlich bin ich kein Übermensch, ich habe genügend Schwächen. Das Unterrichten gehört aber nicht dazu. Es ist einfach so, dass ich im Laufe der Jahre viele pädagogische und methodische Arangements ausprobiert habe und schnell erkenne, was sie mir und der jeweiligen Klasse bringen oder auch nicht, und in meinem Gehirn einen Speicherplatz dafür habe. Ein unermesslicher Erfahrungsschatz, der einfach in mir drin ist. Ich lerne sehr schnell aus eigenen Fehlern. Was nicht funktioniert, wird verändert oder aussortiert. Fachlich stehe ich seit dem Studium sowieso meilenweit über den Schülern, ein bisschen Talent gehört dazu, Interesse und Freude an der Materie, sicher auch Intelligenz. Das ist die Basis, die mir das Lehrersein im Hinblick auf das Unterrichten so leicht macht.

Die räumliche Situation ist ungenügend, aber ich habe meinen kleinen Platz im Lehrerzimmer einfach in die Höhe erweitert und die wichtigsten Arbeitsmaterialien und die fetten Ordner dort deponiert und auch diese kleinen Utensilien wie Schere, Tipp-Ex, Klebeband. Und wenn mein Aufbau meinen Kollegen im Lehrerzimmer vielleicht nicht immer gefällt, meine kleinen Sächelchen nutzen sie so gerne heimlich mit, dass ich immer mal wieder neue Fineliner kaufen muss. Das sind also die Rahmenbedingungen, die man sich schaffen muss.

Eine Grundeigenschaft meines Gehirns ist Strukturiertheit. Mein Platz ist das reinste Chaos, meine Gedanken sind es nicht. Das hilft ungemein beim Planen. Selten mache ich To-do-Listen. Noch habe ich meinen Kram im Blick. Sehr Wichtiges notiere ich auf Zettel, die ich mir auf den Platz lege. Aber wann ich welche Stunde vorbereite, das habe ich im Blut oder besser im Gehirn. Oft gehe ich morgens unvorbereitet aus dem Haus, wenn ich weiß, ich habe doch noch diese Hohlstunde, da kann ich mich dann um meinen Neigungskurs kümmern. Das geht, weil ich soviel Routine habe, dass ich mir sicher sein kann, das auch in 30 Minuten zu schaffen. Das ist die Gelassenheit, die mir Selbstsicherheit gibt.

Dann stelle ich mir im Grunde nur zwei Fragen:

  1. Wohin will ich mit der Stunde? Also, was ist mein Ziel?
  2. Brauche ich für dieses Ziel ein Material, was ich besorgen muss – in meinem Fall in der Regel einen Text oder eine Bildquelle?

Habe ich beides, kann ich eine Stunde halten. Das Handwerkszeug ist da und es sprudelt aus mir immer im richtigen Moment – bis jetzt konnte ich mich immer darauf verlassen. Es ist tatsächlich ein bisschen wie Hexerei. Oft gehe ich in den Unterricht und weiß noch nicht, wie die Stunde im Detail aussehen wird. Im Hinterkopf habe ich aber diverse Möglichkeiten, wie sie aussehen kann. Das hat einen großen Vorteil: Ich bin immer nah am Schüler und beobachte genau, wie weit er im Unterricht mitkommt und kann dann sehr spontan reagieren, denn ich muss mich ja nicht an die nichtvorhandene Vorbereitung halten.

So zu unterrichten, würde vielen Menschen bestimmt Bauchschmerzen machen und sie würden sich überfordert fühlen – mir kommt es entgegen. Es ist nicht der Stein der Weisen und es ist nicht jede meiner Stunden ein Meisterwerk – es ist allein meine Art, Unterricht vorzubereiten.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner