Archiv der Kategorie: Arbeitsalltag

Von der Wirksamkeit

Liebe Leser,

diese Herbstferien nutze ich nur für mich, dabei war ich gar nicht fertig und ferienreif, wie es manchmal der Fall ist – es sind ja auch die ersten Ferien dieses Jahres und da sollte man doch noch voller Energie stecken, oder? Dann lese ich den Beitrag von Herrn Mess vom Brennen beziehungsweise über das Verbrennen und ich finde mich wieder, obwohl ich mich in einer definitiv anderen Lage befinde. Natürlich habe ich längst bemerkt, dass Herr Mess nicht mehr so häufig bloggt, und es schade gefunden, aber mir gedacht: „Wird er wohl viel um die Ohren haben…“ Und genau das scheint der Fall zu sein. Da ist ein engagierter Lehrer, der sich mit so vielen Dingen beschäftigt und damit momentan auch nicht glücklich wird. Vielen Dank, Herr Mess, dass du so ehrlich darüber schreibst.

Meine Ausgangssituation ist eine völlig andere, weil ich die Schule gewechselt und dabei keine Funktionsstelle übernommen habe. Ich bin jetzt nur noch Lehrer. Ha, was für ein Satz! Was bin ich denn sonst?

Jeder, der an einer Schule unterrichtet, weiß, dass nicht nur der Unterricht zu den Aufgaben gehört. Gut, Klassenlehrer bin ich und da ist einiges zu tun, davon aber ein anderes Mal. Durch meinen Wechsel bin ich aber aller meiner Funktiönchen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben, enthoben worden. Keine Mitarbeit im Schulentwicklungsteam mehr, keine Grundschulkooperation, kein Krisenteam usw. Also sollte es mir doch gut gehen. Ich bekomme mein Gehalt und muss viel weniger dafür tun, ist das nicht ein Traumzustand?

Ist es nicht.

Der Stillstand um mich herum lähmt mich selbst. Ich verbrenne nicht, um im Bild von Herrn Mess zu bleiben, ich erkalte eher. Gibt es hier überhaupt ein Schulentwicklungsteam? Ist mir bis jetzt nicht untergekommen, woran sollten die denn arbeiten, ist doch alles so toll hier? Die Grundschulkooperation ist nicht wirklich eine Kooperation, aber der Abteilungsleiter, der sich darum kümmert, fand neulich auch, dass hier doch alles ziemlich gut laufe. nicht wahr?, wie soll man sich da als Neuling einbringen?

In meinem Elternhaus habe ich gelernt, dass man sich erst einmal zurückhält und beobachtet, wenn man irgendwo neu ist. Man schreit nicht gleich: Ich, ich, ich weiß, wie es besser geht! Schließlich hat das Bestehende auch seine innere Logik und die will erst einmal erkundet sein. Also halte ich mich zurück und strecke zaghaft meine Fühler aus. Dabei beobachte ich eine Kollegin, die ganz ähnliche Ziele verfolgt wie ich. Sie ist mir gleich sympathisch, leider haben wir so gut wie nie Zeit uns zu unterhalten, da sie einen gegenläufigen Stundenplan zu meinem hat. Nennen wir sie Frau Schwätzinger, Heidrun, denn sie hat mir schon das Du angeboten. Heidrun versucht also in den fünf Minuten, die wir uns am Kopierer treffen, mich davon zu überzeugen, mich hier und da einzubringen, weil endlich mal jemand gekommen sei, der auch Interesse an Veränderungen habe. Heidrun freut sich. Heidrun versucht nämlich seit fünf Jahren, die sie schon an der Schule ist, etwas zu bewirken. Leider erfolglos. Genau deshalb freue ich mich nicht. Seit fünf Jahren versucht diese Frau mit Engagement schon kleine Veränderungen zu bewirken, aber alles bleibt, wie es ist. Da soll ich motiviert werden? Es versetzt mir regelrecht einen Stich, wenn ich höre, wie Frau Schwätzinger in der Fachkonferenz über den Mund gefahren wird, als sie ein heikles Thema anspricht. Ja, man wisse, dass Sie das wichtig finde, aber das hätte jetzt keinen Platz in der Tagesordnung, ein anderes Mal. Fünf Jahre ein anderes Mal?

Und das ist der Grund für mein Erkalten. Diese Schule gibt mir nicht das Gefühl, gebraucht zu werden. Als Lehrer ja, damit der Schulbetrieb funktioniert. Gut, das ist ein wichtiger Teil meines Berufs. Aber das ist nicht alles. Ich will nicht wie Frau Schwätzinger werden, die voller Ideen ist und doch ständig gegen Mauern rennt. Also beginne ich, mich von meinem eigenen Tun zu distanzieren. Das ist das Gegenteil von Brennen, aber es hat die gleiche Ursache. Ich spüre die Wirksamkeit in meinem Tun nicht. Es geht gar nicht darum, wieviel man tut. Belastung kann sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Es geht darum, ob das, was man tut, eine Wirksamkeit erzielt.

Nun können manche auflachen und sagen: Was hat Frau Henner da für Luxusprobleme, frag doch mal den Fließbandarbeiter, ob er seine Arbeit als wirksam empfindet. Und da widerspreche ich. Das ist kein Luxusproblem und es geht nicht um die gesellschaftliche Anerkennung, die eine Tätigkeit erfährt, es geht um das subjektive Empfinden und das ist kein Luxus, sondern essentiell. Ein Fließbandarbeiter kann zufrieden nach seinem Tagwerk nach Hause gehen, wenn er sich in dem Unternehmen wohlfühlt, oder er kann geschafft nach Hause kommen und krank werden, wenn er seine Arbeit als stupide und sinnentleert wahrnimmt. Und so kann es auch einem Akademiker gehen. Und das wird am Ende zu einem gesellschaftlichen Problem, denn Unzufriedenheit macht auf die Dauer nicht nur die Seele krank.

Nun ist Frau Henner, ihr solltet sie ja nun schon kennengelernt haben, niemand, der sich seinem Schicksal ergibt. Frau Henner schmiedet Pläne. Und seit sie das tut, geht es ihr besser. Frau Henner hat wieder ein klares Ziel vor Augen. Sie strebt einfach nach mehr Wirksamkeit und hat kühl kalkulierend mehrere Optionen aufgestellt, was das in ihrem konkreten Fall bedeuten kann. Alles ist auf den Tisch gekommen. Und dann hat Frau Henner ausgesiebt. Dazu hat sie sich sogar Hilfe geholt. Wem kann man vertrauen, wer kennt sich aus in diesem Schulwirrwarr, wer kann Auskünfte geben über die Gepflogenheiten eines Regierungspräsidiums, wer hat genügend Erfahrung? Und dieser Jemand zeichnet mir kein gutes Bild von meinen Möglichkeiten, aber macht mir dennoch Mut, ich bin ein Sklave meines Regierungspräsidiums, eine bloße Nummer, die eine Planstelle besetzt. Aber da genau sehe ich eine Chance. Seit ich diese Chance sehe, geht es mir besser. Weniger Kopfschmerzen, weniger Erschöpfung, wieder mehr Energie. Ein kleines Leuchten kommt zurück.

Mir ist klar geworden, dass ich nicht den einen Plan B brauche, sondern mindestens drei, ich habe vier Pläne, nach dem Motto: Wenn der erste nicht klappt, versuche ich den zweiten, dann den dritten… denn mir ist ebenso bewusst geworden in den letzten Wochen, dass ich Ziele brauche. Ich werde nicht verbrennen, aber auch nicht erkalten. Dazu muss ich selbst etwas tun, denn niemand wird auf mich zukommen. Aber man kann erst dann etwas tun, wenn man sein Problem klar erkannt hat.

Frau Schwätzinger hat mir dabei geholfen, indem sie mir, ohne es zu wollen, einen Spiegel vorgehalten hat, der einen Prozess beschleunigt. Ich werde weiterhin zuhören und beobachten und gleichzeitig meine Pläne weitertreiben, ohne dies nach außen zu tragen, denn das Problem ist meines, nicht das der anderen, sie fühlen sich wohl. Wer bin ich denn, dass ich mich da einmische?

Und dann denke ich an die Schüler. Da gibt es eine Klasse, die ich sehr ins Herz geschlossen habe – und sie mich, das ist ja häufig ein wechselseitiger Prozess. Sie haben mir schon erzählt, was sie alles sch*e an der Schule finden, Jugendliche drücken sich eben einfach direkter aus. Und gleichzeitig haben sie mich regelrecht gebettelt, doch nicht wieder von der Schule zu gehen. Als ob man das einfach so könnte…

Es gibt also auch Gründe, hier weiterzukämpfen. Aber das geht nur, wenn Frau Henner wieder leuchtet, erkaltet geht da gar nix. Dann macht sie nur Dienst nach Vorschrift. Und damit kommt unserer Gesellschaft über kurz oder lang nicht weiter. Und das ist kein marginales Problem von Frau Henner. Dieses Problem haben viele Menschen. Auch die Fließbandarbeiterin, der Verkäufer und sogar der Mitarbeiter im Regierungspräsidium.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

 

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Pfingsten 2: Vier Frauen – ein Problem

Liebe Leser,

Ferienzeit ist Freundezeit. Also sitzen mal wieder drei Damen im Restaurant – diesmal ist es eine Pizzeria, die wir mangels echter Alternativen aufsuchen – Großstäde sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren – zumindest nicht jede! Wir reden, was Frauen halt so machen. Und es geht kaum um unsere Kinder, Frauen können auch anders.

Diesmal ist das Hauptthema des Abends die Arbeit. Zwei Tage später werde ich noch eine Freundin besuchen, die mit den beiden anderen nicht so viel zu tun hat, deshalb die getrennten Gespräche. Aber schnell stellt sich heraus, dass auch hier die Arbeit ein wichtiger Aspekt geworden ist und vor allem dass der Schuh drückt. Um nicht hin und her zu springen fasse ich beide Treffen in eines zusammen, wir haben sowieso so viel gemeinsam: wir sind gleich alt, wir haben zusammen die Schulbank gedrückt, wir sorgen jeweils für zwei Kinder – wahlweise kommt noch ein Mann dazu. Nach sehr guten und guten Abschlüssen haben wir unterschiedliche Ausbildungswege eingeschlagen: zwei haben eine Ausbildung absolviert, zwei studiert. Eine hat schon mehrfach die Arbeitsstelle gewechselt, wir anderen sind mehr oder weniger direkt von Schule und Uni zu unserer Arbeitsstelle gekommen. Und alle sind wir unzufrieden – aber jede aus einem anderen Grund.

Ist das schon symptomatisch?

Meine Probleme ziehen sich schon länger durch diesen Blog. Da will man so gerne und möchte etwas tun und fühlt sich häufig durch Kollegen ausgebremst, die hübsch ihre Ruhe haben wollen und auch wollen, dass alle anderen Ruhe geben, denn sonst müssten sie ja auch etwas tun. Das ist keine Arbeitsatmosphäre für motivierte Mitarbeiter.

Und genau das gleiche Problem haben auch die anderen Frauen. Die eine wird ausgebremst, weil es die hierarchische Struktur ihrer Arbeitsstelle nicht zulässt, dass sich eine Untergebene engagiert. Sie können da nicht so eigenmächtig handeln, da muss man immer erst den unfähigen allwissenden Chef fragen, der dann die Probleme auf die lange Bank schiebt und Neuerungen aussitzt sorgfältig alle Optionen abwägt. Die andere wird ausgebremst, weil da Männer unter sich ausmachen, wer weiterkommt, und das sind Männer, nicht Frauen. Die sollen sich erst einmal vorrangig um ihre Kinder kümmern. Später ist ja auch noch Zeit für Karriere – und überhaupt, wozu braucht denn eine alleinerziehende Mutter so ein Gehalt, das kann man doch kürzen, damit der andere Mitarbeiter einen schicken Firmenwagen fahren kann. Und die letzte wird von der überforderten Chefin zur Schnecke gemacht, obwohl sie ihre Arbeit erledigt, aber Menschen eignen sich doch so gut als seelische Fußabtreter…

Das ist keine Arbeitsatmosphäre.

Nun wechsle ich die Dienststelle, dabei bin ich eindeutig am besten dran, weil es bei mir nicht um die Existenz geht. Das können die drei anderen Frauen nicht so verhältnismäßig einfach. Die eine ist froh überhaupt eine Stelle in ihrer Branche gefunden zu haben und das bei dem noch akzeptablen Fahrtweg, die andere ist familiär auch gebunden und Stellen in dieser Brache… ha! Und auch die dritte sagt: „Der Arbeitsweg, den ich jetzt gerade habe, der ist einmalig, das bekomme ich sonst nicht mehr und solange die Kinder…“ Und dann hält sie kurz inne und ergänzt: „Aber wenn meine Chefin mich wieder anbrüllt, dass ich zu dumm sei, dann überlege ich mir das vielleicht. Das muss ich mir einfach nicht bieten lassen.“

Vier Frauen, alle wollen gerne arbeiten. Alle kümmern sich trotzdem um ihre Familie. Keine macht hier groß eine „Karriere“. Es geht nur um eine rechtschaffene Arbeit für ein angemessenes Entgelt und vor allem geht es um die Anerkennung der Leistung, die diese Frauen gewollt sind zu erbringen.

Ich wundere mich, dass es sich unserer Gesellschaft leisten kann, dieses Potential nicht voll auszuschöpfen. Vielleicht werden wir uns da in Zukunft noch mehr wundern. Neulich hat Jan-Martin ein ähnliches Problem zum Thema Gleichberechtigung angeschnitten. Wir haben in Deutschland noch immer viel zu tun in dieser Hinsicht.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 23: Beamten-Wolf

Liebe Leser,

pro forma wird ein Lehrer zum Klassenlehrer und der andere zum Stellvertreter, da es in unseren Tagebüchern eben genau diese Kategorien gibt. Im letzten Zwei-Jahres-Zyklus war Wolf als Klassenlehrer eingetragen und ich seine Co, also ist es jetzt andersherum. Wie gesagt: pro forma. Denn eigentlich sollen wir uns als Team begreifen.

Team heißt definitiv nicht: einer macht die Arbeit und der andere verpisst sich. Als Wolf pro forma der Klassenchef war, habe ich wöchentlich kleine Sitzungen abgehalten – auf meine Initiative, mit ihm gemeinsam schwierige Elterngespräche geführt, war immer als Ansprechparner da, habe Aufgaben gesehen und erledigt. Grad die Mädchen sind mit ihrem Zickenkrieg eher zu mir gekommen, was für mich völlig in Ordnung war. Ihr ahnt sicher, was jetzt kommt. Recht habt ihr. Dieser Blogbeitrag hat keine originelle Wendung.

Wenn ich als Klassenchefin eingetragen bin, sehe ich von Wolf so gut wie nichts. Gibt es mal ein Problem, muss ich mich wortwörtlich auf die Suche nach ihm machen. Gilt es, ein paar Zettel auszuteilen, macht er das, keine Frage: wenn ich ihn drum bitte und die Zettel kopiert hinlege. Aber ansonsten wird er nur auf Anweisung aktiv, er sieht die Arbeit nicht von allein, geschweige denn dass er sie mal sucht oder sich zu einem Plausch über unsere Schäfchen zu mir setzt.

Nun könnte man sagen: faule Socke. Stimmt aber gar nicht. Er ist nicht faul, sondern einfach vollkommen durchtränkt von dieser Beamtenmentalität, über den sich der Rest der Nation so gerne lustig macht. Ich mache meinen Unterricht und im Grunde ist mir alles andere zuviel. Nein, es ist eine Zumutung!

Ob Elternsprechtag, Vorbereitung Schullandheim, Klassenrat, Klassenfest, eine zusätzliche Aufsicht, womöglich noch eine Vergleichsarbeit, die Abiturkorrekturen, die feststehenden Klausurtermine, das alles sind unverhältnismäßige Zumutungen, die man stöhnend entgegennimmt, um sich dann mit gleichgesinnten Kollegen jammernd zum Wundenlecken zu verkriechen. Oder zu verpissen, aus welcher Perspektive man das eben sieht.

Mit dieser Mentalität ist Wolf nicht allein, aber zum Glück ist er nicht intrigant wie manch anderer Kollege. Wolf wird nur pampig, wenn er sich überfordert fühlt. Leider ist diese Schwelle enorm niedrig. Schon eine unverhoffte Raumänderung kann Stress bei ihm auslösen. Leute, eine Raumänderung! Dann trollt er sich grimmig in sein Schneckenhaus zurück und pflaumt unterwegs noch Frau Hanswurst an, die sowieso immer Schuld an allem hat. Theatralisch rollt er mit den Augen, wenn sie das Lehrerzimmer betritt. Er bekommt dann rote Flecken am Hals und beginnt zu schwitzen. Was falsche Chemie so alles auslösen kann…

Kollegen wie Wolf gibt es vermutlich an jeder Schule, deshalb schreibe ich über ihn. Er ist bei uns nur einer von vielen. Ein paar davon kann eine Schule ertragen, aber ein Staat ist mit denen nicht zu machen. Und ausgerechnet er und ich sind ein Team – ‚tschuldigung, er ist ja nur der Stellvertreter, steht schließlich so im Tagebuch.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 19: Einen Gang zurück…

Liebe Leser,

das zweite Halbjahr schlaucht. Durch den neuen Stundenplan bin ich ganz schön am Ende. Ich habe nun mehr Unterricht, das ließ sich dieses Schuljahr nicht anders legen. Hohlstunden fallen weg, aber Hohlstunde kommt ja von Erholung! Zudem habe ich mir schlichtweg zu viel aufgehalst. Frau Henner sitzt in Arbeitskreisen, bereitet hier und dort Fachschaftskram vor, konferiert gefühlt ununterbrochen, offiziell und inoffiziell, privat passieren auch eine Menge Dinge, Klassengeschäfte müssten dringend erledigt werden und dann hat sie auch noch diese Referendarin…

Das tut mir nicht gut. Ich bekomme zu wenig Schlaf. Aber wenigstens am Abend will man dann doch mal etwas für sich tun… Da gucke ich dann Serien, hobbyiere, lese und unterhalte mich mit Herrn Henner. Nein, Stress ist das nicht. Ich hetzte nicht von einem zum anderen. Ich bin kein Workaholic. Aber es ist trotzdem einfach zu viel. Mein Kopf beschäftigt sich mit zu vielen Dingen gleichzeitig.

Ich plane Fördermöglichkeiten für meine Schwächsten und gleichzeitig bin ich mental schon wieder im Abitur. Ich lese Aufsätze zur Schreibentwicklung und muss längst die Elternbriefe fürs Schullandheim aufsetzen. Franziska muss für den Vorlesewettbewerb gecoacht werden und den kleinen Leo möchte ich gerne in die Vorschule begleiten. Ich bereite die Gesamtlehrerkonferenz vor, während der Fortbildungskatalog daneben liegt, weil der kleine Chef ihn mir quasi unter die Nase gehalten hat, ich solle doch endlich einmal ein Führungskräfteseminar belegen. Kann ich das zwischen Abitur und Schullandheim noch irgendwie reinquetschen? Ach ja, und die Rede von Frau Dr. Eisenmann? Wollte nicht die Grundschule Villa Kunterbunt noch ein Schreiben von mir? Warum antworten denn die nicht auf meine Mail? Aber halt, jetzt braucht erst einmal eine Freundin unsere Unterstützung…

Also macht Frau Henner einen Spaziergang, das tut immer gut. Im Kopf lege ich mir einen Plan zurecht. Schritt für Schritt, immer das nahe im Auge behalten und dabei nicht schon an das nächste denken. Und wenn die Referendarin eine unvorbereitete Stunde erlebt, dann weiß sie gleich mal, wie das Leben tickt.

Ich kann momentan meine Arbeit nicht minimieren, ich kann nicht die Sorgen und Nöte meines Umfeldes aufräumen oder abwiegeln, ich kann mich nicht lösen von den Dingen, die mich antreiben, aber ich kann bewusst sagen: Immer eines nach dem anderen!

Mal sehen, ob das funktioniert.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 9: Max und Erkan

Liebe Leser,

draußen geht sturzbachartig die Welt unter und unser halbes Kollegium liegt mit föhnbedingtem Kopfschmerz in einer zwischenmenschlichen Grauzone – Scherze sollte man gerade tunlichst vermeiden, sprachliche Ungenauigkeiten auch, sonst geht einem Fräulein Häuptchen gleich an die Gurgel oder Frau von Ostrach schreit lautstark durchs halbe Lehrerzimmer: Das ist ja unerhört! Zu allem Überfluss stinkert ein Kollege das Lehrerzimmer dermaßen aus, dass es nur noch einen Weg gibt: Flucht.

Ich geh dann mal unterrichten. Meine Sechser machen sich gerade. Frau Henner würde zwar mit ihrem deduktiven Grammatikunterricht durch jede Lehrprobe fallen, aber die Fremdsprachenkollegen freuen sich über das Grammatikverständnis meiner Kinderleins. Bei uns wird es gerade ganz vertrackt: meine Sechser unterscheiden Präpositionalobjekte von Präpositionalen Attributen. Das ist so kompliziert, dass es sogar die Jungs interessiert, die sonst für Sprache wenig übrig haben. Immerhin muss man da richtig denken, das kann total Spaß machen.

Macht es mir auch, bis ich im Deutschbuch über Max und Erkan stolpere. Die zwei Jungen können gar nicht dafür, die sind nur ausgedacht. Deutschlehrer sind das inzwischen gewöhnt: in jeder Geschichte, die für das Deutschbuch geschrieben wird, ist mindestens ein türkischstämmiges Kind. Das ist politisch korrekt und soll die bunte Lebenswelt unserer Kinder widerspiegeln. Deshalb sind die Kinder mit den Namen, über die beim Vorlesen meine Kinder, sogar die türkischstämmigen regelmäßig stolpern, immer mit Kinder mit deutschen Namen befreundet. Ayshe ist die Freundin von Lisa und Erkan der beste Kumpel von Max. Natürlich ist DAS kein Grund zum Ärgern!

So wie man hier politisch korrekt sein will, führt es in dem heutigen Beispiel aber ins Absurde. Max und Erkan werden in der Übung beide zitiert und die Kinder sollen den Unterschied zwischen den beiden Aussagen herausfinden – wir sind im Grammatikunterricht, es geht also um Satzglieder.

Ich stelle mir das so vor:

 

 

Lehrbuchautor 1: Wir brauchen zwei Kinder, die inhaltlich das gleiche sagen, aber eins macht das ganz toll und eins sehr mäßig, also den Kontrast, den muss man schon merken.

Lehrbuchautor 2: Ja klar, lass uns Max und Moritz nehmen, das ist lustig.

Lehrbuchautor 1: Max ist gut… aber hey, vergiss nicht den inneren Zensor, wir brauchen einen ausländisch klingenden Namen…

Lehrbuchautor 2: Mehmet?

Lehrbuchautor 1: Nee, den hatten wir doch erst die Seite davor.

Lehrbuchautor 2: Hasan… Murat… Cem? Nee, die hatten wir doch alle schon…

Lehrbuchautor 1: Warte mal, da gab’s doch einen Film….

Lehrbuchautor 2: ERKAN!

Lehrbuchautor 1: Ja, genau, lass uns Max und Erkan nehmen, das sind beste Kumpels, ja?

Die zwei Autoren schreiben die Beispieltexte.

 

Lehrbuchautor 1: Du, sag mal, das können wir nicht bringen.

Lehrbuchautor 2: Was?

Lehrbuchautor 1: Na, dass der Erkan so rumstottert. Da heißt es doch gleich, wir wären ausländerfeindlich.

Lehrbuchautor 2: Ja, Mensch du, da hast du völlig Recht. Was machen wir denn jetzt?

Lehrbuchautor 1: Ist doch logisch. Der Max, der bekommt den schlechten Text, den die dann korrigieren müssen, und der Erkan, der spricht viel besser, das ist dann unser Mustertext!

Lehrbuchautor 2: Jau, das ist eine gute Idee. Kannst du übrigens noch mal die Seite mit den beliebten türkischen Mädchenvornamen aufmachen, ich brauche nämlich noch welche für die Kommasetzung.

 

Nein, ich behaupte hier nicht, Menschen mit Migrationshintergrund würden ein schlechteres Deutsch sprechen als deutsche.

Nein, ich fordere nicht die Abschaffung der türkischen Namen. Auch wenn ich der Gerechtigkeit wegen dann bitte auch die amerikanischen mit im Lehrbuch hätte, das spiegelt dann noch besser unsere Lebenswelt. Man könnte einfach drei Texte draus machen: Max, Erkan und Dwayne.

Und ja, ihr habt völlig Recht, ich kenne genügend Maxens, die Sprachschwierigkeiten haben.

Und trotzdem führt vorauseilender politischer Gehorsam oder political correctness eben auch manchmal nach Absurdistan. Ich habe mich dann übrigens doch nicht geärgert, sondern herzlich gelacht. Natürlich nur innerlich, alles andere wäre politisch nicht korrekt gewesen.

Worüber ich lachen musste?

Mein türkischstämmiger Junge ist immer wieder beim lauten Vorlesen über den Namen Erkan gestolpert. Er konnte einfach nichts mit dem seltsam geschriebenen „er kann“ anfangen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 5: Der Vorhang

Liebe Leser,

mein Leben hat sich grundlegend geändert. Jetzt habe ich nachmittags so viel Zeit, dass ich wieder lese, töpfere und mir bunte Herbstrezepte ausdenke. Das tut der Seele gut. Lucy erzählt mir vor allem von ihren Freundinnen. Was im Unterricht bei den Kollegen abgeht, das erfahre ich nur am Rande, und das ist gut so. Manchmal gehen wir gemeinsam in den Stall, der mittlerweile auch zu einem wichtigen Lebenspunkt geworden ist. Gerade ist Oskar, das neue Kälbchen, geboren worden und wir sind alle ganz vernarrt in diesen verkuschelten Fratz. Es könnte alles so schön sein.

Wenn da nicht die lieben Kollegen wären.

Diese Woche ist wieder mal so eine verflixte, dass ich mir vorkomme wie im Irrenhaus. Ein neuer Vorhang wird installiert, weil der alte bald auseinanderfällt. Endlich wird es ein bisschen freundlicher und vielleicht auch hygienischer. Aber Fräulein Häuptchen dreht durch, als stünde morgen das Abitur ins Haus. Ihr Ton wird laut, als sie den Abteilungsleiter angeht, sie könne nicht noch mehr leisten. Dabei soll sie doch nur wegen des Anbringens des Vorhangs die Fensterbänke freiräumen. Schüler könnten ihr dabei helfen. Herr Albert erklärt mir hinter vorgehaltener Hand und mit bedeutungsschwerer Miene, warum die Farbe des neuen Vorhangs falsch ist und ein absolut unverzeihlicher Fehler der Schulleitung! Frau Mädelmann geht den kleinen Chef an, dass mit der Entfernung des alten Vorhangs nun auch wirklich alles Schöne aus dem Gebäude entfernt würde. Frau Weinstett macht eine Balla-balla-Bewegung in meine Richtung. Recht hat sie.

Und das ist nur eine Szene, den Rest erspare ich euch.

Gegen Ende der Woche sitze ich in trauter Runde mit dem kleinen Chef zusammen. „Wissen Sie was“, sagt er, „wenn das hier so weitergeht, hör‘ ich in zehn Jahren auf. Dann schmeiß ich alles hin und zieh‘ nach Frankreich. Rinder züchten oder Champignons.“ Kein bisschen Ironie schwingt da mit.

Die neue Kollegin lächelt schüchtern, dreht sich kurz um, ob auch niemand weiter im Lehrerzimmer lauschen kann und meint: „Ich habe das schon mitbekommen, hier ist alles… ein wenig altmodisch…“ Wahrscheinlich meint sie rückständig und traut sich nicht, es auch so zu nennen.

Frau Weinstett hingegen wirkt erstaunlich gelöst. Ich weiß jetzt, auch sie hat einen Versetzungsantrag eingereicht. Wohlgemerkt – wir sind erst in Schulwoche 5!

 

Viele Grüße aus Absurdistan von eurer Frau Henner

SW 2: Ein Refugium

Liebe Leser,

ein Aushang am Lehrerbrett sorgt im Lehrerzimmer für helle Aufregung: Fräulein Häuptchen beginnt hektisch zu googeln, Frau von Ostrach rennt gleich zum Schulleiter und Frau Mädelmann ruft laut „Wo ist der ÖPR*?!“ In der Empörung sind die sonst so verschiedenen Kolleginnen sich einig.

Frau Henner denkt: „Ich muss hier raus!“, greift sich ihre Thermoskanne mit Kaffee und begibt sich auf die Suche nach einem Ort der Stille. Irgendwo in einem die vielen Gebäude wird doch ein Plätzchen für eine Lehrerzimmerwaise sein… Es ist Mittagspause und hinter einer selten benutzen Tür wird Frau Henner fündig. Ein altes, aber bequemes Sofa, ein Bücherregal und viel durcheinanderliegendes Werkzeug. Rumpelig, aber still. Frau Henner versinkt auf dem Sofa. Ganz leise dringt aus der Ferne Musik durch das Tal. Die Vögel zwitschern. Frau Henner macht die Augen zu.

Nach einer Stunde schenke ich mir Kaffee ein und werde wieder munter. Einmal halte ich kurz die Luft an, als ich draußen Schritte höre. Aber die gehen vorbei, hier kommt keiner rein, viel zu abseits. Das ist mein Refugium. Noch.

Menschen wie ich brauchen das: Orte, an denen positive Energie fließt, Stille, Natur, wo jede Hysterie draußen bleibt, wo die vielen Krankheiten, Kriege und Tode auch einmal verdrängt werden können, weltabgewandte Momente. Geerdete. Lehrer sind oft so schrecklich interessiert, besorgt und wichtig. Sie meinen es in der Regel immer gut, aber manchmal ist das einfach zuviel des Guten. Also fliehe ich.

Auch im Privaten zeigt sich das. Ob ihr das glaubt oder nicht, ich habe mich tatsächlich bei einem VHS-Kurs angemeldet. Frau Henner lernt jetzt Töpfern für Anfänger! Dass ich nicht lache… Ton kneten und formen – ganz geerdet. Und hoffentlich ohne schlaue Lehrer, die immer alles besser wissen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

 *Für alle Unwissenden, diese magische Formel heißt ausgeschrieben Örtlicher Personalrat und wird in unserem Kollegium als Allheilmittel bei allen großen und kleinen Wehwehchen beschworen.