Archiv der Kategorie: Bewertungen

Seitenhiebe – noch ein Nachtrag

Liebe Leser,

es geht mir wieder gut. Ich grübele nicht mehr. Die Schüler waren in den letzten Tagen alle so nett zu mir, dass ich diesen einen blöden Satz einfach verdrängen kann. Schön, wie schnell so etwas geht. Zumindest bei mir.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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Seitenhiebe – ein Nachtrag

Liebe Leser,

es stört mich doch. Es ist nur ein Satz und auf der anderen Seite der Waagschale unzählige nette, liebe, lobende Sätze in der Abizeitung, die es seit letzter Woche gibt und inzwischen von wirklich jedem an der Schule gelesen wurde. Aber dieser eine Satz ist eben unter aller Sau und ich merke nach einer Weile, dass er mich trifft.

Frau Weinstett steht in der Pause da und raunt mir zu: „Du, ich versteh das überhaupt nicht. Wie meinen die denn das? – Damit kannst doch gar nicht du gemeint sein…“

Frau Sonnenschein sagt erstaunt: „Aber Sie machen doch guten Unterricht und sind immer gut gelaunt!“

Vor der Tür steht eine Gruppe vom Neigungskurs, um sich noch mal für die zwei Jahre zu bedanken. Sie haben mir ein Geschenk selbstgemacht. Jeder hat einen kleinen Teil an einer Geschichte der Frau Henner geschrieben. Eigentlich superrührend.

Hilft trotzdem nichts, das Geschenk nehme ich dankend entgegen und wünsche allen noch einmal viel Erfolg im Leben und stecke das Geschenk im Lehrerzimmer schnell weg. Dieser eine Satz wurmt sich durch mich hindurch. Und da ist es bei mir nur dieser eine Satz. Herr Schrat hat heute Saulaune. Könnte an seinem Abitext liegen. Hat aber sicher auch noch andere Ursachen. Und wenn ich erst an Frau Christmann denke…

ja, wo ist denn Frau Christmann?

Die ist heute gleich gar nicht da.

Fällt aber gar nicht auf, weil Frau von Ostrach an unserem Tisch jedem, aber auch jedem ihr Abigeschenk unter die Nase hält: „Och ist das nicht toll, was mir die Schüler geschenkt haben! Sag mal!“ Ich verlasse das Lehrerzimmer.

In der Mensa beugt sich eine Gruppe Mittelstufenschüler über die Zeitung und hat Gaudi daran, die schlechten Bewertungen einzelner Kollegen mit großem Hallo und Beifall zu bejubeln. Es geht hier gar nicht um mich, meine Noten sind voll okay. Einser, Zweier und auch Zweibisdrei in einer Kategorie, die misst, wie cool man ist. Und cool, das war Frau Henner in diesem Jahrgang definitiv nicht. Das kann ich nur dann sein, wenn die Schüler selbst cool sind. Ich bin nicht von mir aus cool, sondern nur in Reaktion auf coole Situationen. Da fühle ich mich also völlig richtig bewertet. Trotzdem stört mich diese Szene. Und diesmal liegt es nicht an diesem einen Satz.

Man darf Schülern Kritik nicht verwehren. Wir sollen sie zu kritischen Menschen erziehen. Und natürlich vergeben wir Noten in vorher transparent gemachten Kategorien. Ich will hier nicht die Schülermeinung einfach weichgespült haben. Wer will schon noch eine Abizeitung, wenn nur noch seichte Texte darin stehen. Gähn!

Aber wir hängen die Noten der Schüler nicht am SMV-Brett aus, damit sie von allen anderen Schülern begafft werden können. Im Regelfall suchen wir das Gespräch mit einem Schüler, wenn wir ein Problem mit ihm haben. Ein Schüler soll die Chance haben, seine Sicht darzulegen. Zumindest die guten Lehrer machen das so.

Meinen einen Satz, den schlucke ich herunter und lese mir die vielen schönen Sätze durch. Aber die Sache mit den Noten in der Abizeitung, also da muss ich wohl mal mit der Schulleitung reden. Freundlich und sachlich, wie die Frau Henner halt ist.

In unserem Lehrerzimmer wird sowieso schon genug Gift versprüht.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Was am Ende bleibt

Liebe Leser,

Prüfungen kann man immer aus mehreren Perspektiven betrachten. Der Prüfling hat eine völlig andere Wahrnehmung als der Prüfer und die Eltern sehen es wieder anders. Das liegt in der Natur der Sache bzw. des Menschen.

Die mündlichen Prüfungen laufen gut. Natürlich gibt es sehr unterschiedliche Ergebnisse. Mit sechs Punkten ist wahrscheinlich keiner zufrieden, mit neun Punkten kommt es auf den Schüler an, ein sonst sehr guter Schüler ärgert sich sogar noch über zehn Punkte und mit vierzehn sollte eigentlich jeder glücklich sein. Fünfzehn Punkte sorgen für Ungläubigkeit und/oder totale Freudenhysterie. Alles im normalen Bereich. Es ist eine gute Prüfung.

Sie ist nicht gut, weil alle Schüler gut wären. Sie sind es nicht, die Gaußsche Normalverteilungskurve schlägt zu! Sie ist gut, weil wir Prüfer uns bei jedem Kandidaten einig sind. Grübele ich über neun oder zehn Punkte, grübelt der zweite Prüfer genauso und auch der Protokollant hängt genau zwischen dieses beiden Bewertungen fest. Dann diskutieren wir, schauen uns unsere Notizen noch einmal an, lassen die Prüfung Revue passieren und kommen einstimmig zu einem Ergebnis. Was für eine Prüfung! Drei Menschen sind sich einig, objektiver geht es kaum in den Geisteswissenschaften.

Die Kandidaten, die schlecht abschneiden, waren auch schlecht. Die Kandidaten, die gut abschneiden, haben sich das redlich verdient. Selten gehe ich so zufrieden aus so einem Tag, ich fühle mich von niemandem über den Tisch gezogen.

Die Schüler, die schlechter als von sich selbst erwartet abgeschnitten haben, schon. Noch bevor ich das Schulhaus verlasse, höre ich schon die ersten Gerüchte. „Das war ein besonders strenger Prüfer!“ „Das ist ja gar nicht gut gelaufen!“

Stimmt alles nicht. Aber das wird am Ende dieses Tages bleiben.

Schade, denn es war ein guter Tag zum Prüfen!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Die nackten Zahlen

Liebe Leser,

dieses Jahr habe ich mich gar nicht über den Abituraufwand geärgert, weil es ganz moderat zuging. Lehrer A hat sich bemüht, Lehrer B auch und Lehrer C sieht zwar die großen Differenzen in manch Entscheidung, aber es ist alles vermittelbar. Natürlich werden einige Schüler bei soften Lehrern bevorteilt – glaubt ja nie wieder einem Abi-Schnitt! – aber es sind dieses Jahr keine größeren Katastrophen zu vermelden.

Nur eines stimmt mich etwas wehmütig, weil es auch meine Schüler und auch mal mein Töchterlein betreffen wird, sofern wir nicht noch vor der Oberstufe in eine größere Stadt ziehen sollten.

Die Zahlen lügen nicht.

Die Schüler in den Städten der mir zur Korrektur vorliegenden Abiture haben durch die Bank weg bessere Vornoten als meine Schüler, die Schüler an unserem ollen Landgymnasium überhaupt. Lucy wird sicher mal ein gutes, vielleicht sogar ein sehr gutes Abitur machen, aber der Notenschnitt ist anderswo leichter zu bekommen, denn eines lasse ich mir nicht einreden: die Kinder auf dem Land sind im Durchschnitt nicht dümmer!

Aber sie haben die schlechteren Schnitte.

Weil wir strenger sind.

In der Pause quatsche ich mit ein paar der netten Kollegen. Natürlich ist die Drittkorrektur eines der Themen. Auch die anderen beobachten dieses Phänomen.

„Sind wir denn zu streng?“, frage ich ratlos.

„Du, aber noch bessere Noten geben, das kann ich dann doch nicht mit meinem Gewissen vereinbaren“, sagt Frau Weinstett.

„Wie oft ich schon ein Auge zugedrückt habe und wenn die Korrekturen zurückkommen, könnte ich mich in den Hintern beißen, weil ich locker zwei, drei Notenpunkte hätte höher gehen können. Dabei hatte ich schon das Gefühl, ich gehe ans Äußerste“, nickt Frau Sellawie.

„Naja, meist werden sie (die Schüler der Stadtgymnasien) ja in den Prüfungen runterkorrigiert, aber guckt euch doch mal die Vornoten an. Kann mir keiner erzählen, dass die alle mit realistischen 12,6 bis 13,6 ins Abi gegangen sind und dann ach so plötzlich nur mit 6 oder 7 Punkten rauskommen. Das ist doch die Ungerechtigkeit!“

Wir kennen dieses Phänomen auch aus mündlichen Prüfungen. Mit 13 Punkten angemeldet und der Schüler stottert sich mit Halbwissen so durch seinen Text und der unterrichtende Lehrer kann nicht fassen, dass ein Lehrer unserer Schule das eher in den befriedigenden Bereich setzen möchte und nicht in den sehr guten. Am Ende einigt man sich dann vielleicht auf 11, 12 Punkte. Bei uns hätte der Schüler 9 Punkte bekommen, weil er nicht mehr verdient hat. Und weil er nett und freundlich war, bekommt er eben 9 statt 8.

Dort eine Zwei bei uns eine Drei.

Am Ende bleibt aber die nackte Zahl. Meine Schüler erreichen die Traumschnitte der Stadtgymnasien nicht. Lucy wird hier mehr rudern müssen, wenn sie eine Medaille will. Ja, wie sagt man so schön: Sellawie!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

Wer hat die beste Klasse?

Liebe Leser,

Halbjahr. Halbjahresinformationen. Notenkonferenzen.

Meine Fünfer sind ja leistungstechnisch nicht so der Knaller, aber wenn ich die Liste mit Frau Weinstetts Schäfchen vergleiche, dann ist alles normal. Ihre sind besser, aber nicht viel, und irgendeiner muss ja schließlich das Schlusslicht sein. Wären Elif und Adam nicht in meiner Klasse, sehe alles auch anders aus. Aber jede Klasse hat ihre Elifs und Adams und wir kämpfen gemeinsam weiter. Frau Weinstett und ich, wir tauschen uns oft aus, sprechen unsere Maßstäbe ab, so ein bisschen innere Transparenz muss schon sein. Das gibt uns bei der veränderten Schülerschaft auch ein bisschen Sicherheit.

Dann komme ich an der offen einzusehenden Notenliste der dritten Fünferklasse vorbei und ich muss einfach kurz draufschauen – ich kann nicht anders. Mir stockt der Atem.

Wow, sind das gute Noten in Deutsch! Wie macht der das nur? Ganz im Ernst, ich fange an zu überlegen, wie man bei einem Diktat als Klassenarbeit überhaupt auf solche Noten kommen kann. ALLE Noten in Deutsch sind überdurchschnittlich, da gibt es keine Ausreißer nach unten – KEINE. Wie macht der Kollege das mit seiner Elif und seinem Adam?

Dann erinnere ich mich. Eine Preisverleihung, der Kollege steht vor mir. Seine Klasse sahnt voll ab. So viele Preise und Belobigungen hat keine andere Klasse.

„Wow!“, sage ich.

„Ja, wow“, strahlt der Kollege, „meine Klasse ist echt gut!“

Ich würde den Kollegen ja fragen, wie er zu solchen Leistungen kommt, aber er arbeitet nicht gerne mit anderen zusammen, das habe ich inzwischen erkannt. Er wiegelt immer ab. Dann soll er den Wanderpokal für die beste Klasse am besten gleich behalten. Ich gehe lieber zu Frau Weinstett, die teilt mein Schicksal. Wir überlegen gemeinsam, wie wir unseren Elifs und Adams deutsche Rechtschreibung beibringen könnten, welches Arbeitsheft für Kinder mit Migrationshintergrund vielleicht gewinnbringender wäre als unser übliches, was wir den Eltern nach der Halbjahresinformation raten. Das alles hat der dritte Kollege im Bunde ja gar nicht nötig. Dort ist alles in Butter.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Winter is coming

Liebe Leser,

von Termin zu Termin, die Konferenzen geben sich die Klinke in die Hand. Und trotzdem gehe ich in jeder freien Minuten in den unglaublich warmen November hinaus, um mein Gesicht in die Spätherbstsonne zu halten und durchzuatmen. Fast erscheint es mir dabei schicksalshaft, wie dieses Wetter uns in Deutschland noch ein paar Wochen mehr Zeit gibt, unsere Gemeinden auf einen unbekannten Flüchtlingswinter vorzubereiten. So fügen sich die Puzzleteile nach und nach zusammen, noch kann ich kurzärmelig im Freien sitzen. Dass in drei Wochen der Advent beginnt, verdränge ich völlig.

Die Zeit zwischen den Herbstferien und Weihnachten erlebe ich fast immer als dicht gedrängte Zeit. Die Fünfer kennen mich jetzt und nun muss hart gearbeitet werden. Die Treffen mit den Grundschullehrern stehen an, Elterngespräche ebenfalls. Mit Jans Mama zum Beispiel habe ich schon über sein Verhalten gesprochen, mit Francas Mama über das der Tochter. Kinder, die unter Druck stehen und nun Probleme mit den Leistungen haben UND dies dann auch durch aggressives Verhalten nach außen tragen. Beide Eltern sind sehr überrascht von den Noten und versichern mir ungefragt, dass ihr Kind ja immer gut war und natürlich die Gymnasialempfehlung hatte. Nicht das ein falscher Eindruck entstehe. Es fällt den Eltern schwer zu akzeptieren, dass die Karten neu gemischt werden.

Auch Adams Eltern habe ich endlich kennen gelernt. Es war ein nettes Gespräch, aber mein erstes, bei dem ich sprachlich an meine Grenzen kam, weil beide Eltern nicht gut genug deutsch sprachen, um die Feinheiten zu verstehen. Das Prinzipielle ja, aber die Feinheiten nein. Also wird sehr schnell klar, dass die Eltern ihn nicht unterstützen können. Das Gymnasium ist nicht so die Schulart für das Prinzipielle… Es tut mir fast leid, wie die Eltern erschrecken, als ihnen klar wird, dass Adam kein guter Schüler ist. Zuhause behauptet er das. Sehen die Eltern seine Noten nicht? Wissen sie nicht um die Bedeutung einer Sechs, einer Fünf, einer Vier minus? Haben sie den Elternbrief mit den Fördermöglichkeiten nicht gelesen?

Wahrscheinlich.

Gemeinsam überlegen wir, wie wir Adam helfen können. Hausaufgabenbetreuung? Gemeinsames Lesen von Jungendbüchern am Abend? (Würde auch der Mama guttun…) Die Eltern fragen gleich nach Nachhilfe, aber da bin ich der falsche Ansprechpartner. Rechtschreibförderkurs?

„Na, Adam sagt, er ist gut in Rechtschreibung. Er muss bestimmt nicht Förderkurs“, sagt seine Mama darauf, „Er hat immer gut geschrieben in Grundschule. Immer gut.“ Und nach einer Weile kommt heraus: „Er hat immer Texte auswendig gelernt. Adam kann gut auswendig lernen.“

Als ich der Mutter sage, dass am Gymnasium die Diktattexte vorher nicht mehr bekannt sind und somit nicht auswenig gelernt werden können, so wie es bei vielen anderen Aufgaben nicht auf das bloße Wiedergeben von Auswendiggelerntem ankommt, macht sie große Augen und sagt wieder: „Aber Adam war immer gut in Grundschule.“

Der Papa wiederholt immer wieder: „Wir wollen nur das Beste.“

Das will ich auch. Ich will Adam gar nicht von der Schule haben, das wäre absolut verfrüht. Auch wenn ich hier ahne, dass Adam keine Gymnasialempfehlung hatte, es würde mich zumindest sehr wundern, so kann ich mich momentan nur darum kümmern, wie wir ihm den Start erleichtern. Frühestens am Halbjahr könnte man, wenn vorher auch Fördermöglichkeiten ausgeschöpft sind, mit den Eltern über die Schullaufbahnmöglichkeiten in Deutschland reden.

Alle Eltern wollen nämlich das Beste für ihr Kind. Das Beste muss aber nicht immer das Gymnasium sein. Bei Adams Eltern habe ich den Eindruck, dass sie das deutsche Schulsystem noch gar nicht durchschaut haben. Kann man es denn durchschauen – bei dem Wandel? Warum nur will niemand mehr auf die Realschule?

Neulich traf ich Fabrice‘ Mutter. Der Junge hat unser Gymnasium verlassen und besucht nun die örtliche Realschule. Seine Mutter ist happy: ihr Sohn kommt gut mit, hat Freunde, bekommt gute Noten und ist vor allem glücklich. „Das war die absolut richtige Entscheidung, Frau Henner“, lacht die Mutter. Bin ich erleichtert, man weiß ja nie.

Und jetzt Adams Eltern, die eine Vier für eine passable Leistung halten. Nun, es ist alles Ansichtssache. Wir wollen nur das Beste. Immer wieder hallt dieser Satz in meinem Kopf. Wisst ihr, was mich daran stört?

Jeder redet von Diversität. Wir Lehrer sollen die Unterschiedlichkeit von Kindern anerkennen. Aber wenn wir das tun, wird uns vorgeworfen, wir würden aussortieren. Ich akzeptiere, dass es Menschen gibt, die schneller und schärfer nachdenken können als andere, genauso wie ich akzeptiere, dass es hübschere Menschen gibt als andere. Manche sind freundlicher als andere, manche sind stärker, manche witziger. Leider gibt es auch die ganz und gar talentfreien und mit denen empfinde ich Mittleid. Das ist einfach unfair.

Ayshe geht im Schulflur vor mir und sagt zu ihrer Freundin: „Das ist total gemein. Ich lerne total viel und schreibe doch bloß eine Vier und andere lernen gar nicht und schreiben eine Zwei. Das ist unfair!“ Nein, das ist das Leben, Ayshe. Du bist zum Beispiel sehr hübsch. Mit deinen großen, funkelnden, braunen Augen und deinem vollen, dunklen Haar verzauberst du mich, wenn du lachst oder mich fragend anguckst. Ich selbst hingegen werde nie vergessen, wie mein Vater einmal ganz lapidar zu mir sagte, als ich mich beklagte, dass so viele andere Klassenkameradinnen hübscher seien: „Na und? Dafür bist du schlauer!“ Was blieb mir anderes übrig, als zu akzeptieren, dass manche Menschen Pickel bekommen und andere nicht. Das ist das Leben.

Ich kann fördern und fördern und fördern. Einigen werde ich helfen können, bei anderen platzt irgendwann der Knoten von allein, aber es gibt genügend Kinder, die nicht die geistige Geschmeidigkeit besitzen, die nötig ist, um in Deutsch ein Essay zum Thema „Der Mensch als digitales Wesen“ zu schreiben, in Kunst einen Vergleich zwischen Werken von Michelangelo und Rodin zu verfassen, mit Integralen zu jonglieren und in Biologie in die Tiefe der menschlichen Gene abzutauchen. Ist das schlimm?

NEIN!

Das muss nicht jeder können. Ein Mensch ist nicht weniger wert, nur weil er einen Realschulabschluss hat. Bis vor kurzem ging es beim Schulabschluss „nur“ um den angestrebten Berufsweg – jetzt verbinden wir etwas Normatives damit. Etwas Besseres – das Beste! Das stört mich. Das Abitur ist der Abschluss, der zu einem erfolgreichen Studium befähigen soll. Nicht mehr und nicht weniger.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Lernstand 2015 – das Ergebnis

Liebe Leser,

ein Korrekturwochenende später halte ich die Analyse der Lesefähigkeiten meiner fünften Klasse in den Händen. Schwarz auf weiß – bzw. bunt auf weiß, es geht doch nichts über farbige Statistiken.

Beim Korrigieren dachte ich noch: „Oh mein Gott, das wird ein Desaster!“ Jetzt sehe ich, dass viele Kinder im grünen und blauen Bereich liegen. Das lässt sich aber nur so begründen, dass allein die Kinder rot gekennzeichnet werden, bei denen Förderalarm ausgelöst wird. Und das geschieht erst, wenn man weniger als 40% richtig gelöst hat. Nun kann ich mich also an vielen grünen und blauen Kindern erfreuen.

Aber mein flaues Gefühl, was meinen Adam anbelangt, hat sich bestätigt. Adam kann Informationen aus einem Text nur dann richtig herausfiltern, wenn diese wortwörtlich und möglichst an exponierter Stelle genannt werden. Alles andere überfordert ihn momentan. Das merke ich zum Beispiel auch bei den Hausaufgaben. Adam versteht nicht, was man tun muss, wenn der Arbeitsauftrag mehr als einen Satz beinhaltet oder gar in Nebensätzen erklärt wird. Dann macht Adam halt irgendetwas. Immerhin macht er etwas, könnte man meinen. Immerhin verweigert er sich noch nicht.

Und dann sind da ja noch die Kinder, die es zwar in den blauen Bereich geschafft haben, aber in Noten übersetzt irgendwo zwischen 4- und 4+ herumtingeln. Diese Kinder können dann schon erste Verknüpfungen zwischen einzelnen Informationen herstellen – aber mehr eben nicht. Und es sind viele, die auf dieser Niveaustufe stehen. Auffällig viele der stillen Mädchen.

Zuguterletzt gibt es noch eine kleine Gruppe von Kindern, die gute Ergebnisse erzielen, aber viel zu langsam sind. Der Test war so konzipiert, dass die Fünfer viel Zeit hatten – fast alle haben hinterher gemalt, geschrieben, Flugzeuge gebastelt oder einfach nur geschlafen. Hätte ich in dieser Phase schon eingesammelt, wären die Langsamen nicht fertig geworden. Aber um sie mache ich mir wenig Sorgen. Das Arbeitstempo zu steigern, dass wird mit der Zeit von alleine kommen. Nun ahne ich, dass Hendrik zwar verwuschelt und verpeilt ist, aber ein kluger Kopf sich hinter diesem Gesamtchaos verbirgt.

Nach drei Schulwochen stecken alle Kinder schön in ihrer Schublade!

Halt… Tom, der kleine, schlaue Tom aus der ersten Reihe, der motiviert mitmacht und immer eine Antwort hat, der hat bei Lernstand 15 total versagt. Das passt so gar nicht in das Bild, was ich mir gemacht habe. Dafür hat Franca, die eigentlich nur Kauderwelsch erzählt und NIE mit etwas fertig wird, ziemlich viele Punkte eingeheimst – auch so ein Rätsel! Was sagt das jetzt über die schlechten Ergebnisse von Elif und Keran aus? Oder über das erstaunlich gute von Hendrik?

Zwei Dinge kann ich aus diesem Test mitnehmen:

  1. Ich muss fördern, fördern, fördern – denn meine Klasse liegt im Gesamten kaum über dem Leistungsniveau einer völlig durchmischten Grundschulklasse, die als Referenzgröße der Auswertung beigelegt war. Das Gymnasium ist somit auch auf dem Papier die neue Gesamtschule.
  2. Was das einzelne Kind anbelangt, bietet mir der Test zwar Hinweise, aber ich werde mich hüten, die Schubladen zuzumachen. So sehr vertraue ich nicht auf diesen Test. Warten wir ab – den ersten Aufsatz, die Rückmeldungen der Kollegen, das, was wir sowieso jedes Schuljahr machen.

Aber sollten sich die Bedenken bei einzelnen Schülern häufen, dann habe ich etwas, was ich den Eltern vorlegen kann. Das ist viel konkreter als ein „meinem Eindruck nach tut sich XY schwer am Gymnasium“. Alle anderen niederschmetternden Testergebnisse kann ich unter den Tisch kehren, wenn die Ergebnisse des „normalen“ Unterrichts passabel sind. Soweit der Plan. Ich fürchte nur, dass die Eltern eine Rückmeldung zeitnah wünschen und diese auch bekommen sollen.

Aber was nützt Eltern die Aussage: „Ihre Tochter hat in drei Minuten 43 von 65 richtig beantworten können und 63% der zu bearbeitenden Aufgaben richtig gelöst“? Fragen sie dann nicht zurecht: „Und nun?“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner