Archiv der Kategorie: Einfach schön!

SW 32: Natascha spricht deutsch

Liebe Leser,

Leo und ich sind auf dem Kindergartenfest. Zugegeben – ich hatte keine Lust und habe mich dann von seinem Hundeaugenblick breitschlagen lassen. Und wie es so kommt, dann ist es richtig schön geworden.

Die türkischen und syrischen Mamas sind nicht gekommen, dafür alle russischen. Verblüfft stelle ich fest, dass nur Jutta und ich die „Eingeborenen“ sind. Die anderen Mütter reden alle mit einem Akzent. Da sind Natascha und Svetlana, Tatyana und Olga und alle mit Familie. Eigentlich könnten sie auch russisch miteinander sprechen – das habe ich in Lucys Grundschule oft genug erlebt. Aber sie machen es nicht.

Vielleicht nehmen sie auf Jutta und mich Rücksicht, vielleicht wollen sie ihren Kindern ein Vorbild sein, vielleicht leben sie schon so lange hier, dass sich gar nicht mehr die Frage stellt, was man außer Haus spricht. Allein das rollende R und das lange I verrät die Herkunft noch in der Sprache. Vielleicht sprechen sie auch unterschiedliche russische Dialekte und das Deutsche ist die einfachste Verständigung – ich habe keine Ahnung.

Manchmal spricht Svetlana mit dem kleinen Alexander russisch, mit den anderen Frauen aber nie, Tatyana hat sogar deutsche Kosewörter für ihre Kinder parat, obwohl sie fast unter sich sind. Nur einmal flüstert sie ihrem Mann etwas Russisches zu. Das ist in Ordnung, das ist privat, das will ich sowieso nicht hören.

Ich finde das schön. Nicht, weil sie ihre Kultur verleugnen sollen – nein, sondern weil sie mich nicht ausschließen und das wie selbstverständlich. Also unterhalten wir uns über alles Mögliche, während die Kinder durch das frische Grün toben. Für sie spielen solche Unterschiede sowieso keine Rolle. Da zählt viel mehr, wer am schnellsten rennen kann, am höchsten klettern und wer das saftigste Grillwürstchen hat.

Ab dem nächsten Jahr werden unsere Kinder in verschiedene Grundschulen gehen und es werden sich verschiedene Lebenswege auftun. Dieser Nachmittag ist ein kleiner, feiner Moment, wo es nicht um Unterschiede geht – weil wir alle eine gemeinsame Basis haben. Svetlana wird nie meine Freundin werden, weil ich ihre Einstellung zu einigem nicht mag, aber das ist gerade völlig egal. Wir reden einfach miteinander. Tatyana finde ich sehr sympathisch. Wir reden miteinander. Und das ist des Pudels Kern.

Wir reden.

Und die Kinder spielen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 31: Von roten Riesen und weißen Zwergen und vom Sterben des Lichts

Liebe Leser,

der kleine Leo ist ein pfiffiges Kind, es wird Zeit, dass er in die Schule kommt. Und ganz, ganz langsam beginnt er sich auch darauf zu freuen. Weil dann nicht nur die große Lucy wichtig ist, wenn sie sagt: „Also, ich mach dann mal Schularbeiten!“

Heute ist Lucy im Freibad. Herr Henner muss arbeiten. Leo und ich sitzen allein am Mittagstisch. Zuerst erzählt er von Cäsar und erklärt mir, dass der alleine regieren wollte. Und ja, das hat den anderen Senatoren im alten Rom nicht gefallen und da haben sie ihm die Toga weggerissen und ihn… na du weißt schon… Der kleine Leo redet nicht gerne über den Tod. Und so kommen wir von ganz realen Tod eines mächtigen Mannes zum Tod der roten Riesen. Ob ich wüsste, wie die sterben? Weiß ich nicht. Macht nichts. Das erklärt mir der kleine Leo. Vieles kann er auf meine Nachfrage mit eigenen Worten erklären und nicht nur Theo, Tess und Quentin – das sind die drei Figuren aus „Was ist was?“ – abspulen. Aber als er mir erklären will, wie der Anfang der Welt geht, stolpern wir  beide über das Wort Universum.

„Du sagst also, unser ganzes Universum war in einem Lichtpunkt, was ist denn ein Universum?“, frage ich den kleinen Leo.

Lehrereltern sind gemein, ich weiß. Anstatt sich über ihr wissbegieriges Kind zu freuen, führen sie es zielsicher an seine Grenzen und zeigen ihm, dass es eigentlich nicht viel weiß. Aber ich höre in meinem Hinterkopf unsere Naturwissenschaftler, die sich ständig beschweren, dass die Kinder alles Mögliche aus der Grundschule oder von zuhause mitbrächten, aber keine Ahnung hätten, was sie da eigentlich erzählen.

„Moleküle, ständig reden die von Molekülen  und haben keine Ahnung, was das ist. Und wenn du dann fragst, was denn ein Molekül ist, dann herrscht Schweigen – die sind doch nur vollgestopft mit Pseudowissen…“, regt sich die Biolehrerin auf.

Das Universum also.

Leo überlegt. „Also das weiß ich jetzt nicht.“

„Dann lass uns mal nachgucken“, schlage ich vor und stelle mich auch mal dumm.

Neben unserem Esstisch stehen in Reichweite ein Duden, ein Atlas, Unser tägliches Latein, Unser tägliches Griechisch, ein Pflanzen- und Tierführer, ein Herkunftswörterbuch und allerhand anderer nützlicher Kram. Schnell ist das Wort Universum nachgeschlagen und der kleine Leo staunt, was in diesem Buch alles drin steht. „Ach das kommt aus dem Latein, das hat auch der Cäsar gesprochen… Aber klar, du hast Recht, als die tiefe Nacht war, da gab es ja noch keine Sterne, die waren da alle mit drin in diesem hellen Licht. Deshalb heißt das „Das Gesamte“. Und dann gab es den großen…“ Jetzt schaut mich Leo herausfordernd an und klatscht in seine kleinen Hände.

„Urknall?“

Jetzt lächelt er verschmitzt und sagt mit erhobenem Zeigefinger: „Aber das ist nur eine Vermutung von den Wissenschaftlern.“

Bis der überbackene Toast gegessen ist, werden wir uns noch über den Islam unterhalten haben, den Koran – nur in Ansätzen, ich habe da nicht so viel Ahnung, muss ich gestehen – und über Papyrus.

Nein, der kleine Leo ist nicht hochbegabt. Er ist einfach nur schulreif.

Voll Neugier freue ich mich mit ihm auf die Schule. Dieser kleine Kerl ist so neugierig auf die Welt, geduldig und auch genau, eigentlich kann das doch nur gutgehen mit ihm. Ich verdränge ganz bewusst alles, was ich mit Lucy an Negativem in der Grundschule erlebt habe, und freue mich auf all das Schöne, was uns auch erwarten wird.

Während ich an den Computer gehe, um zu bloggen, schnappt er sich ein weißes Blatt und zeichnet. Die roten Riesen und die weißen Zwerge und das ganz Universum mit dazu. Sein Universum. Da ist noch nicht alles richtig, aber da ist richtig viel Platz. Da stimmen noch nicht alle Zusammenhänge, aber täglich entstehen neue Bahnen. Da hat jemand ein Licht in sich und nun liegt es an uns, dass es leuchtet.

Manchmal frage ich mich, ob nicht doch wir Lehrer Schuld tragen, wenn solche Lichter mit der Zeit verlöschen… Muss ich denn ein Kind mit genervtem Unterton angehen, wenn es das Wort Molekül sinnentleert gelernt hat? Was kann es denn dafür? Seht es doch mal von der anderen Seite. „Aha, du sagst also Molekül und weißt gar nicht, was das genau ist… toll… das ist doch jetzt spannend. Genau das schauen wir uns jetzt gemeinsam an!“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 30: Selektion

Liebe Leser,

da stehen sie nun die Eltern und fragen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, die Klasse noch ein Jahr weiter zu nehmen, sicher könne man doch mal eine Ausnahme machen. Und als ich sage, dass es diese Ausnahme nicht gibt, weil ein Zweijahresrhythmus wichtig ist, das ja nicht jedes Kind mit jeder Lehrerpersönlichkeit klarkommt – und umgekehrt, fragt die eine Mama gleich, ob ich dann nicht wenigstens eine Fünfte nehme, da würde doch dieses Jahr das Geschwisterkind eingeschult.

Im Grunde ist das ein dickes Lob. Selbst Jans Mama ist nett zu mir, auch wenn Jans Papa mir beim Elternsprechtag klipp und klar jegliche pädagogische Kompetenz abgesprochen hat. Trotzdem bemühe ich mich täglich um den Jungen und – Heißa! – endlich sehe ich die Früchte der Mühen klein und zart, aber doch sichtbar heranwachsen. Jan ist seit Wochen nicht mehr ausgetickt. Endlich kann man seine Texte lesen und endlich schreibt er mehr als den obligatorischen einen Satz. Kann mir der Papa doch egal sein.

Natürlich selektiere ich.

Ich denke inzwischen darüber nach, welche Kollegen ich vermissen werde und es kommen schon ein paar zusammen. Schade eigentlich. Da trifft es sich gut, dass sich Fräulein Häuptchen  wieder mal zu einem absolut dämlichen Anfall im Lehrerzimmer hinreißen lässt. Jedes Jahr während der Abikorrekturen dreht diese Frau so am Rad, dass sie sich nicht entblödet, eigene Nichtkompetenz öffentlich an den Pranger zu stellen – sie sieht das natürlich völlig anders.

Naturgemäß. Auch Fräulein Häuptchen selektiert.

Es gibt genügend Kollegen, die ich nicht vermissen werde. Punkt.

Aber die schöne Umgebung… ich gerate wieder mal ins Schwärmen, weil nicht viele Schulen so eine schöne Umgebung aufzuweisen haben – vor allem im Mai, wenn der Park um die Schule grünt und blüht, die Schüler in der Mittagspause unter den Bäumen sitzen, die Jungen mit dem Fußball bolzen und der Grünspecht von Baum zu Baum fliegt. Das kann so keine Schule bieten, die ich mir angeschaut habe. Alles hat seinen Preis.

Werde ich die Schüler vermissen? Die Landeier? Diese netten, naiven Kinder? Möglicherweise, vielleicht, warum eigentlich? Andere Mütter haben auch nette Kinder…

Ich nabele mich langsam ab.

Das tut gut.

Neulich Nacht konnte ich lange nicht einschlafen, weil sich mein Hirn schon ein Projekt für die neue Schule ausgedacht hat – völlig ungefragt. Aber manchmal habe ich keine Macht über meine Gedanken. Schnell habe ich alle Ideen notiert und schon ein richtiges Konzept entwickelt. So soll es sein. Nach vorne schauen ist das Beste, was man machen kann. Und es gibt Momente im Leben, wo einem das leicht fällt. Danke, liebe Eltern, für euer indirektes Lob. Mit dieser Motivation gehe ich gerne zu neuen Aufgaben!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 29: Altersmilde

Liebe Leser,

zwischen Blitz und Donner des einen und des nächsten Frühlingsgewitters wagt sich Frau Henner nun doch einmal an den Computer. Das wechselhafte Wetter draußen verdirbt mir die Laune genauso wenig wie die vielen Abitursaufsätze, die es in diesen Wochen gerade zu korrigieren gilt. Und dies, obwohl die Korrekturzeiten diesmal extrem knapp sind.

Ja, in Deutschland befindet man sich auf den ersten, zaghaften Schritten hin Richtung Zentralabitur und daher müssen die Zeiten angeglichen werden, denn es gibt ja nun endlich einen gemeinsamen Pool, aus dem einzelne Aufgabenteile entnommen werden können. Diese vage Formulierung zeigt, dass dies noch alles sehr halbherzig geschieht. Wie sollte es auch anders sein, wenn wir nicht die gleichen Richtlinien für die Oberstufe in allen Bundesländern haben?!

Haben wir in Baden-Württemberg dieses Jahr etwas gemerkt? Nun ja, es war ein ausgesprochen mildes Abitur – heißt es aus den verschiedenen Fachschaften. Mathe bleibt da die Ausnahme, aber das hat wieder ganz andere Gründe.

Das einzige, was wir ansonsten merken, ist nur die knappe Korrekturzeit. Ansonsten ist alles wie immer. Aber nicht mit mir. Obwohl ich nun mehr unter Druck stehen sollte, korrigiere ich die Aufsätze mit einer inneren Gelassenheit durch, die ich noch vor wenigen Jahren so nicht gehabt hätte. Ich muss selbst in der Zweitkorrektur wahnsinnig viel anstreichen, weil der Erstkorrektor – mit Verlaub – einfach keine Ahnung von der deutschen Sprache zu haben scheint. Dabei geht es mir nicht um Spitzfindigkeiten in der Zeichensetzung, sondern um die ganz basalen Regeln der deutschen Orthografie und Grammatik. Einfachste Fehler werden übersehen, dafür völlig korrekte Schreibungen angestrichen. Ein dutzendmal schlage ich irritiert im Duden Wörter nach, deren Schreibung mit eigentlich bekannt ist. Aber wenn der Kollege das als Fehler markiert, werde ich unsicher.

Das Schöne dabei ist: es ärgert mich nicht – nicht die Bohne rege ich mich darüber auf. Ist das schon die einsetzende Altersmilde? Ich nehme einfach meinen grünen Fineliner und streiche den Fehler an, setze am Rand das entsprechende Kürzel und weiter geht die Chose.

Das Leben ist viel zu kurz für unnützen Ärger.

Liebe Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 25: Hurra, ich mag sie!

Liebe Leser,

der Endspurt vorm Abitur hat meine Nachmittage in Beschlag genommen. Da müssen in kurzer Zeit noch überall Klausuren korrigiert werden, damit die Abiturienten vor den Osterferien mit einer letzten Rückmeldung und viel toi toi toi auf die Zielgerade geschickt werden können. Ich sehe, wie sich die Neigungskursschüler bewähren und gehe guter Dinge aus dieser intensiven Phase heraus. Selbst im Grundkurs kann ich ablesen, dass sich die Mühe der letzten Jahre auszahlt. Einfach schön!

Aber auch eine andere Entwicklung zaubert mir ein Lächeln auf mein Gesicht. Während die Sechser im Allgemeinen anfangen in die Vorpubertät abzurutschen und zickige Mädchen und obercoole Jungs nicht immer angenehm sind, hat sich meine eigene Klasse Schritt für Schritt in einen liebenswerten Haufen verwandelt. Endlich, nach mühevollen Monaten, in denen ich häufig an mir gezweifelt habe und auch manch gesellschaftliche Entwicklung sehr kritisch betrachtet habe, endlich kann ich sagen: Ich mag sie!

Wir sind zusammengewachsen – sie sind zusammengewachsen. Natürlich gibt es mal Streit mit Jan und Franca kämpft noch immer um jede Note und diesen Druck gibt sie noch immer körperlich statt verbal weiter. Aber wenn mir eines in der pädagogischen Arbeit mit meiner Klasse gelungen ist, dann das Stärken eines Gemeinschaftsempfindens, das Zurückstecken der eigenen Interessen zugunsten eines Wirs.

In den letzten Wochen ist mir bewusst geworden, welche gesellschaftliche Mammutaufgabe gerade das ist. Wenn wir als Eltern die Kinder weiterhin zu kleinen Egoisten erziehen, alles aus Liebe und biologisch und psychologisch sicher gut begründbar über den Wunsch des Fortkommens der eigenen Familie, wird unsere Welt nicht bestehen können. Die Probleme, die sich unserer Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten und sicher auch Jahrhunderten stellen werden, lassen sich – meines Erachtens – nur über gemeinsame Anstrengungen bewältigen. Natürlich muss sich ein Individuum als solches wertgeschätzt fühlen, aber es muss sich ebenso in der Verantwortung für eine Gemeinschaft empfinden, um friedvoll und nachhaltig mit der Welt umzugehen. Das alles klingt sehr abstrakt, aber wenn selbst meine 6er das verstehen, sollten es auch die Erwachsenen endlich kapieren. Wenn wir unsere Welt aufrecht erhalten wollen, dann geht das nur gemeinsam. Das bloße Überleben geht auch im Einzelkampf – aber das ist nicht meine Vorstellung von Zukunft!

Wenn ich jetzt in den Unterricht gehe, freue ich mich auf die Kinder. Sie strahlen aus sich heraus. Sie sind angekommen in der Welt des Gymnasiums, in ihrer kleinen Welt der Klasse 6, ihr Blick hat sich über das eigene Ich geöffnet. Die Referendarin ist begeistert von der Klasse. Und dieses Lob „So eine tolle Klasse!“ tut mir gut. Es ist die Anerkennung für die vielen Mühen, die man als Außenstehender bei Lehrern häufig gar nicht wahrnimmt.

Und ich freue mich, hier in dienen Blog auch mal einen rundheraus positiv gestimmten Beitrag einstellen zu können, der Mut machen soll, dass sich pädagogische Arbeit lohnt. Gleichzeitig lese ich immer wieder Artikel, in denen es darum geht, dass ein Lehrer auch gut von einem Computer ersetzt werden kann, weil der Computer den individuellen Lernfortschritt des Lernenden viel effektiver auswerten und begleiten kann.  Der Lehrer habe ausgedient. Man brauche nur noch den Lernbegleiter, der das Lernen – so es denn überhaupt noch an gemeinsamen Orten stattfindet – koordiniert, eventuell zum Lernen motiviert und ganz nebenbei auch noch ein bisschen Soziales im Blick hat. Der müsste ja dann noch nicht einmal ein Fach studiert haben…

Unterschätzt das mal nicht! So ganz nebenbei macht sich Soziales nicht, selbst wenn es in der Performance dann tatsächlich wie eine Nebensache erscheint. Und unterschätzt bitte nicht, wie wertvoll ein Gemeinwesen in der Zukunft sein wird, Menschen, die nicht nur sich sehen, weil sie aufwachsen mit unterschiedlichen Perspektiven und diese tatsächlich erleben. Meine 6er freuen sich morgens in der Regel auf die Schule – weil es ein lebenswerter Ort geworden ist – voll kleiner Bürger. Davon mag man nicht jeden, aber sie haben gelernt, miteinander zu leben. Und es ist allemal besser als ihre Kindheit hinterm Gartenzaun, die sie am Nachmittag in Einsamkeit erleben.

Viele liebe Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 22: Blickkontakt

Liebe Leser,

heute wage ich mich an ein heikles Thema. Denn da ist dieser Schüler. Ich mag ihn. Er ist in der Oberstufe, sieht ganz gut aus, ist schlau, höflich, nicht mainstream, sondern eher ein bisschen Außenseiter, ohne ein Nerd zu sein. ABER ich mag ihn nicht mehr als andere nette Schüler – und da gibt es in meiner Oberstufe ein Menge liebenswerter Menschen.

Mit diesem Schüler ist allerdings etwas anderes. Er sitzt in der ersten Reihe und er schaut mich zu lange an. Manchmal, ganz unvermittelt fängt er im Unterricht meinen Blick und guckt mich einfach an. Er lächelt nicht, er schaut auf eine seltsam intensive Art.

Und ich gucke zurück. Schließlich kann ich nicht schamvoll den Blick senken. Da ist keine Scham. Ich muss mich nicht verstecken. Natürlich zwinkere ich ihm nicht zu oder mache irgend etwas Zweideutiges. Ich versuche, genau so zu gucken, wie ich auch andere Schüler anschaue: mit offenem, meist freundlichem Blick. Und er guckt weiter zurück. Noch eine Sekunde und noch eine und noch eine…

Mit keinem anderen Schüler habe ich einen solchen Blickkontakt. Schließlich gibt es in jeder Gesellschaft dafür Regeln. Wer blickt wen wie lange an, bis der andere wegguckt. Schüler gucken in der Regel schnell weg oder lächeln einen freudig an. Lange Blicke bedeuten etwas, tiefe meist etwas Erotisches.

Läuft da was?

Nö, kann ich nicht behaupten. Da knistert nichts. Und ich denke schon, dass ich eine Antenne dafür hätte. Warum guckt er dann so? Merkwürdigerweise beachtet er mich im Schulhaus gar nicht weiter, grüßt normal wie jeder andere Schüler, den ich unterrichte. Warum dann im Unterricht? Da schon wieder! Alle Schüler schreiben etwas, er schaut mich an. Die Sekunden verstreichen. Er lässt sich Zeit.

In meinem Alter – hüstel, hüstel – kann ich ganz gelassen bleiben und sogar lächeln. Hach, jetzt hat er sogar zurückgelächelt und schreibt wie alle anderen. Es sind doch die kleinen Momente, die einen Tag bedeutsam machen können.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW13: Lügt mich nicht an!

Liebe Leser,

nur noch eine Woche, dann starten wir alle in die nötigen Weihnachtsferien. Vorher gilt es noch eine Menge zu erledigen: diesmal möchte ich alle Korrekturen vom Tisch haben, damit der Erholungseffekt in den Ferien auch tatsächlich messbar ist. Dieses Ziel habe ich fast, aber noch nicht ganz geschafft. Dafür habe ich einige private Angelegenheiten vor dem Fest regeln können, immerhin etwas. Die Geschenke packe ich morgen ein, besorgt ist fast alles. Nur ein Geschenk bereitet mir noch Kopfzerbrechen: ich habe einen Neffen in der neunten Klasse, über den ich kaum etwas weiß, weil er ein ganz ein verschlossenes Kerlchen ist, kein Mainstream-Kind, das sich über irgend etwas Cooles freut, kein geselliges, das man zu einem Event einladen könnte… soll es etwas wieder auf Geld hinauslaufen? Schwieriges Thema, alle Jahre wieder…

Nicht wie alle Jahre war dafür dieses Jahr endlich einmal das Weihnachtskonzert, bei dem sich unsere Schüler wieder zu musikalischen Höhen aufgeschwungen haben, die es anhörbar machten, ein schöner Abend, der nur getrübt wurde von der Erkenntnis, wie wenig Kollegen zugegen waren, um einmal zu sehen, was unsere Schüler in ihrer Freizeit zustande bringen.

Der Lehrer-Elternsprechtag ist überstanden und die ersten pädagogischen Maßnahmen für dieses Schuljahr sind wieder in die Gänge gebracht. Adam und Keran haben sich endlich in der Hausaufgabenbetreuung angemeldet. Vielleicht ein Weg in die richtige Richtung. Nach anderthalb Jahren Mundfusseligredens. Aber wie heißt es: besser spät als nie.

Momentan bin ich also mit mir im Reinen. Neben viel Ärgerlichem, was ich nicht mehr an mich heranlasse, gab es viele kleine Lichtblicke, auf die ich mich konzentrieren mag. Nur eines möchte ich klarstellen, liebe Eltern: Hört auf mich anzulügen!

„Ich verstehe gar nicht, warum MEIN Sohn bei IHNEN das nicht hinkriegen soll. Zuhause kann er ALLES!“

„Aber in Englisch hatte Adam doch eine Zwei!“

„Meine Lina war in der Grundschule IMMER die Beste.“

Im ersten Fall ist Max in fast allen Fächern sehr mittelmäßig. Im zweiten Fall hatte Adam eine Fünf in Englisch und Lina noch nicht einmal eine Grundschulempfehlung für das Gymnasium.

Liebe Eltern, wir Lehrer tauschen uns gegenseitig aus. Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen – nicht von Eltern. Wir merken auch, wenn ein Kind Probleme in der Schule hat, die auf Grundlegendes zurückgehen. Mir persönlich ist es egal, ob ein Kind eine Grundschulempfehlung für das Gymnasium hatte, wenn es bei uns einigermaßen den Anschluss halten kann. Wenn es allerdings ständig überfordert ist, lasse ich mir den schwarzen Peter nicht von Ihnen in die Schuhe schieben. Außerdem verhindern Sie damit, dass wir Lehrer rechtzeitig geeignete Fördermaßnahmen ergreifen. Sie tun Ihrem Kind also keinen Gefallen, wenn Sie massiv darauf pochen, dass im Grunde alles in Ordnung sei und nur der einzelne Lehrer schuld habe. Lassen Sie uns lieber gemeinsam überlegen, welche Schritte eingeleitet werden müssen, damit Max, Adam und Lina Anschluss bekommen.

Lehrer werden – wie andere Menschen sicher auch – nicht gerne angelogen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner