Archiv der Kategorie: Einfach schön!

Gemeinschaftsspiel

Liebe Leser,

pünktlich zum Song „Let it snow“, der gerade durch die Klassenräume hallt, beginnen draußen zarte, weiße Flocken durch die kalte Winterluft zu schweben. Fabrizio ist so begeistert, dass er aufspringt und vorm Fenster stehend einen Freudentanz vollführt, im Grunde wackelt er nur mit dem Hintern, aber sein Ententanz kommt so von Herzen, das mir selbiges aufgeht.

In der grad beginnenden Pause stürmen entsprechend motiviert die Unterstufenschüler auf den Hof. Ich habe Aufsicht, ziehe meinen dicken Schal an und gehe etwas gemesseneren Schritts hinterher. Herrlich! Der Schnee lässt einen fast die Hässlichkeit des Hofs vergessen, der sonst dem einer Kaserne gleicht.

Rafael ruft mir etwas zu. Missmutig steht er vorm Fußballtor herum. Da er sich dabei immer wieder von mir abwendet, verstehe ich ihn nicht und es folgt ein absurder Dialog, bis ich endlich begreife, dass er sich bei mir beschwert, weil die Achtklässler mit dem Fußball der Siebtklässler spielen, also mit seinem Ball. Konstantin aus der b startet gerade einen Angriff  u n d IHM GELINGT EIN TOR! Ist auch keine Kunst, denn die Siebener machen nichts, außer sich bei mir zu beschweren.

„Konstantin, ist das dein Ball?“, frage ich.

„Nö“, antwortet er.

„Ist das der Ball der Siebener?“

„Kann sein…“, murmelt er und dreht das runde Ding schon wieder geschickt in die Richtung der Großen.

Rafaels Gesicht hat sich trotz Schnee und klarer Winterluft inzwischen ebenfalls in einen zerknautschten Ball verwandelt. „Sag ich doch!“, ruft er erbost.

Konstantin ist schon wieder am Tor. Ein neuer Angriff…. TOR! Die Siebener machen immer noch nichts, stehen nur wütend herum.

„Also Konstantin, du gibst entweder den Siebenern ihren Ball zurück oder, und das würde ich ja bevorzugen, ihr spielt gemeinsam. Siebener gegen Achter, das ist doch dann mal spannend!“

Jetzt gucken mich alle überrascht an. Dieser Gedanke ist ihnen noch gar nicht gekommen. Aber plötzlich kommt Leben in die Bude. Endlich bewegen sich auch mal die Siebener und versuchen wie Fußballer in den Besitz des Balles zu kommen – auf sportliche Weise. Zwar haben sie kaum eine Chance, aber doch einen ganz guten Torwart, der ab diesem Moment wenigstens jeden zweiten Ball hält, anstatt nur dumm rumzustehen. Die Mittelstufenjungs kriegen rote Wangen. Allesamt. Rafael rennt. Konatantin muss sogar den Ball ab und zu abgeben.

Fußball kann doch richtig Spaß machen, wenn man es gemeinsam spielt.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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Genau hinschauen

Liebe Leser,

in Leos erste Schulferien überhaupt fällt die Debatte um die versiebten Grundschultestergebnisse und sie berühren mich persönlich überhaupt nicht. Nein, ich beteilige mich nicht am Grundschulbashing! Im Gegenteil, wir sind als Familie mit der von uns ausgewählten Grundschule sehr zufrieden und das liegt vor allem an Frau Wilde, Leos Klassenlehrerin.

In Leos Grundschule müssen alle Kinder das gleiche lernen, ganz altmodisch. Leo könnte sicher etwas schneller Buchstaben schreiben und Mengen abzählen lernen, aber muss er das überhaupt? Reicht es nicht, wenn Leo am Ende der ersten Klasse sicher lesen kann, ordentlich schreiben und bis zwanzig rechnen? Und bei Frau Wilde wird er genau das lernen, aber auch wie sich Laub im Herbst anfühlt, wenn man in einen Haufen davon hineinspringt, wie man singt und lacht und wie man einen Streit, der verfahren erscheint, auflöst. Dabei ist Frau Wilde einfach kompetent. Sie redet freundlich, aber bestimmt, sie lässt sich siezen und ist doch mütterlich herzlich, sie gibt den Kindern mannigfache Erlebnisse mit auf den Weg und ist doch sehr konsequent. Ole hat bereits die vierte Strafarbeit mit nach Hause bekommen. Frau Wilde kann auch streng, wenn es sein muss. Und das imponiert mir. Sie nimmt uns Eltern in die Verantwortung. Regelmäßig kommen Elternbriefe, in denen sie uns nett, aber eindringlich an unsere Erziehungsaufgaben erinnert. Viele Kinder können noch keine Schleife binden, liebe Eltern, das ist Ihre Sache. Nach den Herbstferien erwartet Frau Wilde eine deutliche Verbesserung und sie erklärt auch, warum Schleifebinden prinzipiell und im Besonderes so wichtig ist. Mir beeindruckt das. Leo kann Schleife binden, aber wenn nicht, würde ich jetzt wirklich üben. So delegiert sie eine Menge wieder zurück ans Elternhaus, was dort auch hingehört. Und ich bin mir sicher, dass sie bei denen, die es allein nicht packen, dann auch Unterstützung anbietet. Aber ich bin der Meinung – und Frau Wilde sicher auch – das die Grundschule nicht für alles da ist. Aber da Frau Wilde aus langjähriger Erfahrung weiß, dass sie manche Eltern nicht erziehen kann, schafft sie den Kindern eine Wohlfühlschule – einen Ort, wie ihn manche zuhause vielleicht nie erleben. Leo geht wahnsinnig gerne in diese Schule. Hausaufgaben macht er immer gleich nach der Schule. Dabei ist er ratzfatz fertig und stolz auf sich. Leos Schulstart ist gelungen, auch wenn er sich den Platz unter den anderen Jungen erst noch erarbeiten muss. Denn Leo ist schon etwas anders. Und selbst das fällt Frau Wilde auf. Während sie Marco und Ole nach dem Ende der letzten Stunde Strafarbeiten gibt, fragt sie mich, ob wir Leo zusätzlich noch fördern lassen wollen in einem Begabtenprojekt, weil das sonst in der Schule zu kurz käme. Frau Wilde hat Erfahrung, kennt ihre Grenzen, sieht das einzelne Kind. Frau Wilde könnte durch ihre Art alle möglichen Methoden unterrichten – es würde immer etwas herauskommen. Was für ein Glück.

So sehen wir das zumindest nach sechs Wochen Schule. Aber die Zahlen sagen etwas anderes. Die Grundschüler schneiden immer schlechter ab, besonders in Baden-Württemberg. Bayern und Sachsen liegen wieder einmal vorn. Schön für diese Bundesländer, schlecht für uns, denn nun schreien alle nach Bildungsreformen. Als ob sich in den letzten Jahren nicht ständig etwas geändert hätte! Und was da alles geschrien wird… An unseren Kindern entscheidet sich schließlich die Zukunft.

Frau Henner ist da eher etwas demütiger. Ich schaue zuerst genauer in die Studie. Die ist frei im Netz verfügbar und für jedermann einsehbar. Liest sich sehr trocken, aber manche Tabelle ist dann schon interessant. Zumindest für mich, die sich auf die Suche gemacht hat nach den Unterschieden. Was ist in Sachsen oder in Bayern so anders?

Meine Grundthese: Überall gibt es Frau Wildes und überall gibt es schlechte Lehrer. Die Elternschaft wird sich in jedem Bundesland in die überambitionierten und die desinteressierten und die große Mitte dazwischen aufspalten. Die Methoden werden sich zwar im Detail von Schule zu Schule unterscheiden, aber ich bezweifle, ob das dann statistisch relevant ist. Schreiben nach Gehör wird schließlich nicht an jeder Schule unterrichtet. Das kann nicht DER Grund sein. Ich suche weiter.

Leider gibt es zu einem mir wichtig erscheinenden Punkt keine Daten, weil man sie schlichtweg nicht erheben darf. Die Studie darf den sozialen Hintergrund der Schüler nicht beleuchten. Ein großer blinder Fleck entsteht damit, der verhindert, dass wir umfangreiche Schlüsse ziehen können. Schade. Was man allerdings statistisch erheben darf, ist der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund – auch wenn das allein noch keine ausreichende Information ist. Was bedeutet das schon – Migrationshintergrund?

Sachsen liegt so weit oben, hat aber einen geringen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund von circa 10 Prozent. Das wird dann besonders drastisch, wenn man die Zahl von Baden-Württemberg dagegenstellt. Dort haben mittlerweile um die 45 Prozent einen Migrationshintergrund. Das sind einfach ganz andere Voraussetzungen. Nun zu Bayern. Ich dachte ja, in Bayern müssten ähnliche Zahlen vorliegen, dort lese ich in der Tabelle jedoch von „nur“ circa 30 Prozent. Bayern und Sachsen haben zusammen nicht mal soviele Kinder mit sprachlich schwierigeren Startbedingungen wie Baden-Württemberg. Das wundert mich. Hätte man nun noch eine bessere Datenlage zur sozialen Situation von Familien, wären vielleicht Rückschlüsse möglich.

Hat man aber nicht. Und deshalb kann jetzt jeder wieder seine Reformidee durchsetzen. Für mich als Laie stellt sich doch eine andere Frage: Welche Schule erzielt vor welchem Hintergrund welche Ergebnisse? Aus einem statistischen Ergebnis eines ganzen Bundeslandes kann ich nichts entnehmen. Wenn eine Schule in einem gutbürgerlichen Viertel nur knapp über dem Durchschnitt liegt, es aber eine Schule mit hohem Migrationsanteil auf eine ebensolche Stufe schafft, dann muss ich doch da genauer hinschauen. Wie machen die das? Dazu bräuchte ich aber gnadenlose Transparenz und auch Ehrlichkeit gegenüber den nackten Zahlen.

An Lucys Grundschule hatte so ziemlich genau die Hälfte der Schüler einen Migrationshintergrund. Entsprechend schwierig gestaltete sich das Lesenlernen. In ihrer Grundschule gab es mehrere zerrüttete Familienkonstellationen, die bis zur Vernachlässigung reichten, entsprechend schwierig gestaltete sich das soziale Miteinander. Immer wieder beklagten die Lehrer, dass sie in dieser Klasse gar nicht zum Unterrichten kämen. Es gab Lehrer, die schlechter, und andere, die besser damit umgehen konnten. Eine war ständig krank. Für Lucy war die Grundschule nicht der ideale Start, aber wir als Familie konnten viel auffangen.

Nun nützt es nicht, über die Gesellschaft zu schimpfen, das Heil nur in DER Methode zu suchen oder über die Lehrer zu wettern. Ich wünsche mir eine ehrlichere Debatte, eine viel genauere Analyse, die uns endlich aufzeigt, wie entscheidend die bestimmte Methode ist – oder eben nicht ist. Die uns auch darlegt, welche Fördermöglichkeiten für welche Kinder fruchtbar sind. Sonst fördern wir ins Blaue – wenn überhaupt.

Und dann wünsche ich mir mehr Frau Wildes, die als Mensch versuchen aufzufangen, was manche Familien eben nicht können. Und ich wünsche mir Unterstützung für diese Frau Wildes. Erst dann kann eine gerechtere Schule entstehen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Physik und die Welt

Liebe Leser,

die erste Oktoberwoche vergeht mit der Vehemenz und strahlenden Kraft eines letzten Aufbäumens der Natur. Um uns herum tanzen gelbe Blätter, die Rosen blühen in einer stattlichen Parade im Garten und wir sitzen am Esstisch und lernen Physik.

Wir, das sind Lucy und ich. Wie ich es schon geahnt hatte, weil ich nun mal meine alten Kollegen noch kenne, entpuppt sich Lucys Physikunterricht als Katastrophe. Ich kann mich nur auf die Erzählungen meiner Tochter verlassen, aber höre quasi als Resonanz die vielen Schülerstimmen dazu, die alle den gleichen Ton anschlagen und den Physiklehrer zum unbeliebtesten Lehrer der Schule machen. Lucy nennt ihn nur ML – Miese Laune.

Ich selbst fand Physik an sich gar nicht so dröge, aber habe auch diese Erinnerungen an laaaaaaaaaangweilige Stunden in potthässlichen Fachräumen. Schlimm genug, dass Lucy das ganze 25 Jahre später wieder genauso erleben muss. ML steht vorne, macht ein Experiment und erklärt es nebenbei. Nun hängt es von der Sichtachse des jeweiligen Schülers und der direkten Umgebung ab, wieviel er überhaupt von diesem Experiment mitbekommt. Aber immerhin wird überhaupt ein Experiment gemacht. Leider sind die Erklärungen nicht sonderlich verständlich, weil ML Fachbegriffe benutzt, die den Schülern nicht klar sind. Ihm ist ja alles klar. Fragen die Schüler nun nach, bekommen sie Sätze wie: „Du weißt nicht, was eine Auslenkung ist? Ja, lebst du auf dem Mars?“ zu hören, aber das ist nunmal nicht sonderlich hilfreich. Besonders demotivierend ist es dann, wenn das anschließende, sich ewig hinziehende Lehrer-Schüler-Gespräch von Lehrers Seite nur mit den Jungen geführt wird, weil Mädchen ja eh keine Ahnung haben. Als bestätigendes Beispiel wird dann ab und zu die schüchterne Leonie aufgerufen. Und Lucy bekommt zu hören, als sie eine Frage richtig und mit Fachbegriff beantworten kann: „Den Fachbegriff darfst du noch gar nicht kennen, der ist erst in Klasse 10 dran.“ Super.

Lucy hat also nach drei Wochen die Segel gestreckt, ich weiß nicht, ob der Rest der Klasse überhaupt aufgetakelt hatte. Ergebnis: keiner macht mehr mit und Miese Laune bekommt noch miesere Laune. Jetzt droht der Lehrer mit Tests, denn so doof kann sich ja kein Schüler anstellen. Frau Henner will Lucy vor einem Riesenreinfall bewahren und findet außerdem, dass man Physik auch verstehen kann – der Lehrerehrgeiz ist erwacht. Und Lucy? Die sagt: „Also diesem Typen will ich’s grade beweisen, der darf nicht glauben, dass Mädchen alle doof sind!“ Also sitzen wir beide über dem Physikstoff. Ohne das Buch wäre ich aufgeschmissen. Es existiert zwar ein Heftaufschrieb, aber der besteht allein aus Versuchsaufbauten. Erklärungen, Rechnungen, Übungen, das alles fehlt. Merksätze?

Ich bin gut vorbereitet. Aus dem Internet habe ich mir Beispieltests runtergeladen, leider hätte ich die Lösungen bezahlen müssen. Seis drum, das kriegen wir schon hin. Auch finde ich You-tube-Videos, die sind zwar cool gemacht, aber in ihrer Verkürzung viel zu simplifizierend und trashig, da bleibt nicht viel hängen. Man kann ein ganzes Stoffgebiet eben nicht in 2.40 Minuten packen.

Anfänglich sträubt sich die Tochter. Physik ist ja voll doof. Aber als wir dann zu allerlei Naturphänomenen kommen, die sie nun endlich erklären kann und damit tiefer begreift, findet sie es selbst ganz interessant. Nur mit den Rechnungen klappt es nicht so recht, aber das ist ja wieder ein anderes Problem. Gerne hätte ich ein paar mehr Übungsaufgaben gefunden – mit Erklärung und Lösung, denn Miese Laune wird der Klasse ja beweisen wollen, WIE doof sie ist. Aber selbst wenn sich Lucy bei den Rechnungen schwertut, das Prinzip hat sie kapiert, darauf kommt es an.

Lucy wird langsam klar, dass zum Weltretten auch ein bisschen Physik dazugehört. Biologie ist das eine, Politik und Ethik das andere, aber die Wasserpumpe in Afrika ist das dritte. „Dann sollte ich wohl Physik auch in der Oberstufe machen“, überlegt Lucy tollkühn. Nun ja, hängen wir uns mal lieber nicht so weit aus dem Fenster, freuen wir uns über diesen kleinen Anfang. So gehen wir auseinander und haben beide das Gefühl, dass es etwas gebracht hat. Miese Laune kann uns den Tag nicht verderben!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Physiknachhilfelehrerin Frau Henner

SW 38: Ein bewegender Abschied

Liebe Leser,

die Emotionen sind in den letzten Tagen hochgekocht wie sonst nie. Ich habe mich geärgert, mich gefreut, vor Rührung geweint und mit mir vor allem die Kinder, deren Gefühle so unmittelbar und ehrlich sind, dass mir diese Tränen am meisten guttun, denn die Kinder haben geweint, weil ich gehe. Nach zwei Jahren auf und ab mit dieser Klasse ist sie am Ende doch zusammengewachsen. Nach einer äußerst berührenden Verabschiedung, die ich meinen Lebtag nicht vergessen werde, ist es zum großen Gruppenkuscheln gekommen, an dem sogar die Jungen teilgenommen haben. Da standen wir alle im Kreis und haben gelacht und geweint. Die Geschenke, die sie mir gemacht haben, waren so individuell und persönlich und seit Wochen in Arbeit, dass ich gleich noch einmal hätte weinen können. Ihr Abschiedslied, zusammen einstudiert und sogar instrumental begleitet, hat dann sein Übriges getan. Wo sind die Taschentücher? Aber die Mädchen haben die Packungen eh schon in der Hand. Und Vladimir fragt mich, ob das schlimm sei, wenn er als Junge jetzt auch mal weinen würde…

Auch von vielen Kollegen werde ich geknuddelt und ich weiß, dass es viele ernst meinen, andere halten sich bedeckt und das ist gut so. Auf Abschiedsfeiern und Beerdigungen wird bekanntlich viel gelogen. Frau von Ostrach schafft es nicht, herzlich zu sein, und das ist völlig in Ordnung. So muss ich mich nicht verstellen. Ein einfaches „Auf Wiedersehen“ tut es auch. Letzte Woche bei den Zeugniskonferenzen habe ich mich nämlich wieder geärgert. Fachnoten sind das eine, auch wenn man sich wirklich fragt, wie es sein kann, dass die Schüler bei dem einen Lehrer nur Einser, Zweier und Dreier erhalten, und bei einem anderen Lehrer im gleichen Fach ein Jahr später die Klasse um die Vier herumtingelt. Aber da kann ich mich nicht einmischen, das geht über meine Kenntnis und über meine Befugnis. Fachnoten sind Schicksal. Aber wenn wir dann wieder mal über die sogenannten Kopfnoten (Verhalten und Mitarbeit) diskutieren, und es kein einziger Schüler im Verhalten auf eine Eins schafft, dann bin ich schon irritiert. Der Maximilian soll die gleiche Verhaltensnote erhalten wie der Yannik, der ständig stört und bei Gruppenarbeiten prinzipiell die anderen arbeiten lässt? Das ist nicht fair.

Frau von Ostrach ereifert sich: „Also der Maximilian, Frau Henner, der ist doch nur so nett, damit der bessere Noten bekommt! Und überhaupt, der engagiert sich nur in der Schule, weil er an sein eigenes Fortkommen denkt!“ Punkt. Basta! Am Ende haben wieder mal alle eine Zwei bekommen. Und Fräulein Häuptchen bemerkt in harschem Tonfall: „Und dann möchte ich noch sagen, der Ton den der Maximilian an den Tag legt, wenn er Dinge in der Klasse organisiert, also der ist ja der eines Feldmarschalls. SO REDET MAN NICHT!“ Zum Abschluss bin ich also noch einmal in eine Comedyshow geraten. Ich sehe das schon als Sketch mit Anke Engelke vor mir.

Im Flur treffe ich an meinem letzten Tag dann auf besagten Maximilian. „Oh Frau Henner, gut, dass ich Sie treffe“, sagt er freundlich, „ich habe Sie schon überall gesucht. Hier habe ich noch ein Geschenk für Sie. Das ist eine CD mit allen Fotos drauf, die wir im Laufe der Jahre mit Ihnen gemacht haben, damit Sie uns nicht vergessen!“ Das ist aber nett. Wir verabreden uns gleich einmal zum Abitur. Spätestens dann sehen wir uns wieder, dann stehst du da oben auf unserer Bühne mit all den anderen aus deiner Klasse, abgemacht? Maximilian nickt: „Hoffentlich.“ „Was heißt hier hoffentlich, na klar, ich trau das euch allen zu!“ Jetzt lächelt Maximilian. „Na, wenn Sie das sagen.“ Klar sage ich das, die wirklich überforderten Schüler habe diese Klasse längst verlassen müssen. Jeder, der jetzt noch dabei ist, kann sein Abitur schaffen – mit mehr oder weniger Aufwand. Bei Maximilian eindeutig mit weniger Aufwand. Und weil er trotzdem immer viel tut, wird es ein super Abitur werden. Ganz bestimmt. Egal welche Verhaltensnote dasteht.

Als nach der Zeunisausgabe die ganze Schulmeute endlich weg ist, sitzt Anita noch da. Der Papa hat vergessen sie abzuholen, gerade hat sie mit dem Handy zuhause angerufen. Ich finde das traurig. Vergessen zu werden, ist schlimm. Also setzte ich mich die zehn Minuten noch zu ihr, die der Papa brauchen wird, auch wenn Anita nicht zu meinen Lieblingsschülerinnen gehört hat. Im Unterricht war sie häufig bockig, suchte Fehler nie bei sich und hatte schnell schlechte Laune. Aber Kinder sind häufig Spiegelbilder der häuslichen Verhältnisse. Die Anita, die ein wenig traurig grade an der Bushaltestelle sitzt, ist eine ganz andere als die aus dem Unterricht. Ich frage nach den Sommerferien und sie erzählt von dem Haus in Rumänien, dass der Papa gerade gebaut hat und der fünfzehnstundenlangen Fahr dahin und von der großen Verwandtschaft dort und von der kleinen Schwester, auf die sie Rücksicht nehmen muss. Und ich erkenne ein zerrissenes Ich, einen Menschen, der in zwei Welten lebt, der auf der Suche nach Identität ist. Endlich verstehe ich Anita besser und freue mich sehr, dass sie mich warmherzig anlächelt, als der Papa vorfährt. Also auch mit Anita ausgesöhnt, selbst wenn nie etwas vorgefallen ist zwischen uns, so scheiden wir noch viel besser voneinander. Schade, dass wir nicht schon früher dieses Gespräch hatten.

Seltsam, aber die Abschiede von den Kindern, die berühren mich im Innersten, während es mir nicht schwerfiel, mich von den Erwachsenen zu verabschieden. Und da wird mir bewusst, dass ich tatsächlich mit Leib und Seele Lehrer geworden bin in den letzten Jahren.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 36: Frau Henner besucht die neue Schule

Liebe Leser,

nun war ich am Donnerstag schon mal auf Besuch in meiner neuen Schule. Nun also doch ein städtisches Milieu, aber immerhin noch keine Großstadt. Ein bisschen Aufregung machte sich in der Magengegend breit, als ich den altehrwürdigen Bau – der schon deutlich bessere Tage gesehen hat – betrete. Aha, das ist also mein neues Zuhause! Die unglaublich nette Sekretärin bietet mir gleich einen Kaffee an. Unsere Sekretärin ist auch so nett, wahrscheinlich muss man vorher einen Einstellungstest machen, wenn man Schulsekretärin werden will… warum gibt es den eigentlich nicht für Lehrer?

Ich betrete die heiligen Hallen des neuen Lehrerzimmers. Genauso bunt und chaotisch wie bei uns, denke ich noch… ab dem Moment habe ich keine Zeit mehr, an mein Bauchgrummeln zu denken, denn eine neue Kollegin führt mich gleich mal durch das Schulhaus. Sie plappert die ganze Zeit und strahlt mich dabei ebenso freundlich an wie vorhin die Sekretärin. Hier sind die Fachschränke und wenn ich da ein anderes System möchte – gerne! Ob ich die Fachzeitschrift abonnieren möchte? Dann solle ich das gerne tun! Und der Computerraum liegt gleich nebenan – ganz praktisch. Und hier sind die ganzen Schlüssel, braucht man ja schließlich. Ob ich noch etwas sehen möchte? Ich dürfe das ganz nach meiner Ordnung einrichten. Der Beamer ist nicht mehr der neuste, dafür verfügt der Fachraum über eigene Computerplätze natürlich mit Internetanschluss. Aber da sei ja noch Geld da, wenn ich etwas Neues anschaffen möchte, also sie würde voll hinter mir stehen.

Nach anderthalb Stunden strahlt die junge Frau noch immer. Ich habe einen ersten Überblick und bin wirklich eindrucksgesättigt. Noch mal zurück zum Lehrerzimmer. Ein neuer Kollege macht mir gleich noch ein Charmekompliment. Zu offensichtlich und doch einfach nett. Frau Henner lacht. Fühlt sich so an, als könne man sich hier einleben.

Am Freitag in der Schule fragen mich verstohlen ein paar Kollegen, wie es denn so war. Tja, sagen kann man da noch nicht viel. War ja nur ein erster Eindruck. Aber nett war es da auf alle Fälle. Nett ist das richtige Wort. Also schon ein bisschen anders als bei uns. Aber das sagt man ja nun auch wieder nicht. Sonst klingt das so hart… bei denen ist es nett, nicht so hintenrum wie hier. Kann man so nicht sagen. Es gab ja auch wirklich nette Kollegen hier. Eine Handvoll werde ich sicher vermissen. Eine Handvoll… ist das nicht eine kleine Ausbeute?

Egal, da sind die vielen Eltern und die vielen Schüler, die mir in den letzten Wochen gezeigt haben, wie sehr sie meinen Weggang bedauern – und da ist die Handvoll Kollegen, die ich schätze, die sehr guten Unterricht machen, die engagiert sind und einfach so nette Personen und die Schulleitung, die mich in den letzten Monaten so sehr unterstützt hat, sonst hätte ich vieles nicht geschafft. Das war es auf alle Fälle wert – eine gute Zeit geht zu Ende.

Nett war’s auch – mit den Schülern meist, mit den Kollegen manchmal.

Zeit, sich auf Neues zu freuen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

SW 32: Natascha spricht deutsch

Liebe Leser,

Leo und ich sind auf dem Kindergartenfest. Zugegeben – ich hatte keine Lust und habe mich dann von seinem Hundeaugenblick breitschlagen lassen. Und wie es so kommt, dann ist es richtig schön geworden.

Die türkischen und syrischen Mamas sind nicht gekommen, dafür alle russischen. Verblüfft stelle ich fest, dass nur Jutta und ich die „Eingeborenen“ sind. Die anderen Mütter reden alle mit einem Akzent. Da sind Natascha und Svetlana, Tatyana und Olga und alle mit Familie. Eigentlich könnten sie auch russisch miteinander sprechen – das habe ich in Lucys Grundschule oft genug erlebt. Aber sie machen es nicht.

Vielleicht nehmen sie auf Jutta und mich Rücksicht, vielleicht wollen sie ihren Kindern ein Vorbild sein, vielleicht leben sie schon so lange hier, dass sich gar nicht mehr die Frage stellt, was man außer Haus spricht. Allein das rollende R und das lange I verrät die Herkunft noch in der Sprache. Vielleicht sprechen sie auch unterschiedliche russische Dialekte und das Deutsche ist die einfachste Verständigung – ich habe keine Ahnung.

Manchmal spricht Svetlana mit dem kleinen Alexander russisch, mit den anderen Frauen aber nie, Tatyana hat sogar deutsche Kosewörter für ihre Kinder parat, obwohl sie fast unter sich sind. Nur einmal flüstert sie ihrem Mann etwas Russisches zu. Das ist in Ordnung, das ist privat, das will ich sowieso nicht hören.

Ich finde das schön. Nicht, weil sie ihre Kultur verleugnen sollen – nein, sondern weil sie mich nicht ausschließen und das wie selbstverständlich. Also unterhalten wir uns über alles Mögliche, während die Kinder durch das frische Grün toben. Für sie spielen solche Unterschiede sowieso keine Rolle. Da zählt viel mehr, wer am schnellsten rennen kann, am höchsten klettern und wer das saftigste Grillwürstchen hat.

Ab dem nächsten Jahr werden unsere Kinder in verschiedene Grundschulen gehen und es werden sich verschiedene Lebenswege auftun. Dieser Nachmittag ist ein kleiner, feiner Moment, wo es nicht um Unterschiede geht – weil wir alle eine gemeinsame Basis haben. Svetlana wird nie meine Freundin werden, weil ich ihre Einstellung zu einigem nicht mag, aber das ist gerade völlig egal. Wir reden einfach miteinander. Tatyana finde ich sehr sympathisch. Wir reden miteinander. Und das ist des Pudels Kern.

Wir reden.

Und die Kinder spielen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 31: Von roten Riesen und weißen Zwergen und vom Sterben des Lichts

Liebe Leser,

der kleine Leo ist ein pfiffiges Kind, es wird Zeit, dass er in die Schule kommt. Und ganz, ganz langsam beginnt er sich auch darauf zu freuen. Weil dann nicht nur die große Lucy wichtig ist, wenn sie sagt: „Also, ich mach dann mal Schularbeiten!“

Heute ist Lucy im Freibad. Herr Henner muss arbeiten. Leo und ich sitzen allein am Mittagstisch. Zuerst erzählt er von Cäsar und erklärt mir, dass der alleine regieren wollte. Und ja, das hat den anderen Senatoren im alten Rom nicht gefallen und da haben sie ihm die Toga weggerissen und ihn… na du weißt schon… Der kleine Leo redet nicht gerne über den Tod. Und so kommen wir von ganz realen Tod eines mächtigen Mannes zum Tod der roten Riesen. Ob ich wüsste, wie die sterben? Weiß ich nicht. Macht nichts. Das erklärt mir der kleine Leo. Vieles kann er auf meine Nachfrage mit eigenen Worten erklären und nicht nur Theo, Tess und Quentin – das sind die drei Figuren aus „Was ist was?“ – abspulen. Aber als er mir erklären will, wie der Anfang der Welt geht, stolpern wir  beide über das Wort Universum.

„Du sagst also, unser ganzes Universum war in einem Lichtpunkt, was ist denn ein Universum?“, frage ich den kleinen Leo.

Lehrereltern sind gemein, ich weiß. Anstatt sich über ihr wissbegieriges Kind zu freuen, führen sie es zielsicher an seine Grenzen und zeigen ihm, dass es eigentlich nicht viel weiß. Aber ich höre in meinem Hinterkopf unsere Naturwissenschaftler, die sich ständig beschweren, dass die Kinder alles Mögliche aus der Grundschule oder von zuhause mitbrächten, aber keine Ahnung hätten, was sie da eigentlich erzählen.

„Moleküle, ständig reden die von Molekülen  und haben keine Ahnung, was das ist. Und wenn du dann fragst, was denn ein Molekül ist, dann herrscht Schweigen – die sind doch nur vollgestopft mit Pseudowissen…“, regt sich die Biolehrerin auf.

Das Universum also.

Leo überlegt. „Also das weiß ich jetzt nicht.“

„Dann lass uns mal nachgucken“, schlage ich vor und stelle mich auch mal dumm.

Neben unserem Esstisch stehen in Reichweite ein Duden, ein Atlas, Unser tägliches Latein, Unser tägliches Griechisch, ein Pflanzen- und Tierführer, ein Herkunftswörterbuch und allerhand anderer nützlicher Kram. Schnell ist das Wort Universum nachgeschlagen und der kleine Leo staunt, was in diesem Buch alles drin steht. „Ach das kommt aus dem Latein, das hat auch der Cäsar gesprochen… Aber klar, du hast Recht, als die tiefe Nacht war, da gab es ja noch keine Sterne, die waren da alle mit drin in diesem hellen Licht. Deshalb heißt das „Das Gesamte“. Und dann gab es den großen…“ Jetzt schaut mich Leo herausfordernd an und klatscht in seine kleinen Hände.

„Urknall?“

Jetzt lächelt er verschmitzt und sagt mit erhobenem Zeigefinger: „Aber das ist nur eine Vermutung von den Wissenschaftlern.“

Bis der überbackene Toast gegessen ist, werden wir uns noch über den Islam unterhalten haben, den Koran – nur in Ansätzen, ich habe da nicht so viel Ahnung, muss ich gestehen – und über Papyrus.

Nein, der kleine Leo ist nicht hochbegabt. Er ist einfach nur schulreif.

Voll Neugier freue ich mich mit ihm auf die Schule. Dieser kleine Kerl ist so neugierig auf die Welt, geduldig und auch genau, eigentlich kann das doch nur gutgehen mit ihm. Ich verdränge ganz bewusst alles, was ich mit Lucy an Negativem in der Grundschule erlebt habe, und freue mich auf all das Schöne, was uns auch erwarten wird.

Während ich an den Computer gehe, um zu bloggen, schnappt er sich ein weißes Blatt und zeichnet. Die roten Riesen und die weißen Zwerge und das ganz Universum mit dazu. Sein Universum. Da ist noch nicht alles richtig, aber da ist richtig viel Platz. Da stimmen noch nicht alle Zusammenhänge, aber täglich entstehen neue Bahnen. Da hat jemand ein Licht in sich und nun liegt es an uns, dass es leuchtet.

Manchmal frage ich mich, ob nicht doch wir Lehrer Schuld tragen, wenn solche Lichter mit der Zeit verlöschen… Muss ich denn ein Kind mit genervtem Unterton angehen, wenn es das Wort Molekül sinnentleert gelernt hat? Was kann es denn dafür? Seht es doch mal von der anderen Seite. „Aha, du sagst also Molekül und weißt gar nicht, was das genau ist… toll… das ist doch jetzt spannend. Genau das schauen wir uns jetzt gemeinsam an!“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner