Archiv der Kategorie: Entwicklungen

SW 28: Die Lücke, die der Teufel lässt 2

Liebe Leser,

es verändert sich noch mehr in unserer Gesellschaft, diesmal geht es nicht ums Internet und die Wahrnehmung von Wirklichkeit, sondern um die heilige Institution Familie. Aber fangen wir mit dem Altern an…

Warum altern wir? Seltsame Frage, oder? Unser Körper wird halt schwach. Aber so meine ich diese Frage nicht. Biologisch gesehen ist es nicht sinnvoll zu altern. Die meisten Lebewesen sterben recht schnell, wenn sie sich nicht mehr reproduzieren können. Anders einige Säugetiere und eben der Mensch. Eine Frau um die 50 kann sich in der Regel nicht mehr ohne fremde Hilfe reproduzieren, hat aber statistisch gesehen noch drei gute Jahrzehnte vor sich. Selbst wenn wir sagen, sie muss ja noch Kinder großziehen, können wir klar behaupten: Im Normalfall bekommt eine Frau zwischen 20 und 40 Kinder und die sind mit 10 Jahren auch in unserer Gesellschaft allein lebensfähig, also was soll das lange Alter?

Wissenschaftler haben natürlich Theorien: Alte Menschen haben Erfahrungen und werden ob dieser Weisheit geschätzt, insbesondere alte Frauen halten durch ihre hohe soziale Kompetenz Gemeinschaften zusammen und sichern so deren Fortbestand. So eine Theorie will aber nachgewiesen werden. Und das versuchen Wissenschaftler natürlich.

Karen McComb untersuchte zusammen mit ihrem Team über Jahre hinweg das Verhalten von Elefantengruppen im Amboseli-Nationalpark in Kenia. Solche Familiengruppen, die aus Elefanten unterschiedlichsten Alters bestehen, werden in der Regel von meist der ältesten Elefantin angeführt, da diese die größte Fähigkeit hat, Freund und Feind der anderen Elefantenfamilien, die man so trifft, wenn man auf Futtersuche durch die Steppen streift, unterscheiden zu können. Dies können sie schon anhand der sich über Luft UND Boden ausbreitenden Schallwellen der Rufe der fremden Tiere identifizieren. Je älter das Leittier war, desto besser konnte es das fremde Verhalten im Vorfeld einschätzen und die eigene Sippe schützen – ein klarer Vorteil.

Nun sind wir keine Elefanten, aber auch wir schätzen in der Regel die Erfahrung, die ältere Menschen haben. Für berufstätige Mütter ist es ein großer Vorteil, wenn sie eine Großmutter in der Nähe haben, die sie bei der Erziehung und Betreuung der eigenen Kinder unterstützt. Ist die Familie weit weg, so ist es doch eine unglaublich wichtige Basis, wenn man miteinander telefonieren kann und sich so wenigstens emotional Rückendeckung geben. Manchmal hilft auch ein guter Rat.

Wenn wir den überhaupt wollen. Und genau das ist die Veränderung, die ich zunehmend beobachte und die unserer Gesellschaft möglicherweise in den nächsten Jahrzehnten mehr beeinflussen wird, als wir momentan glauben, da wir alle ja selbst mit unserem Leben, den Kindern, der Arbeit voll beschäftigt sind.

Immer mehr Menschen in meiner Umgebung definieren ihre Familie ausschließlich über das Modell Mutter-Vater-Kind. Und keiner hat da reinzureden. Großeltern werden manchmal gebraucht, um die Enkel zu versorgen, aber ihre Meinung zu verschiedenen Dingen haben sie bitteschön für sich zu behalten.

Es geht mir nicht darum, dass man alles miteinander teilen muss. Ich romantisiere auch keine Großfamilien im 19. Jahrhundert, wo sich alle dem Familienpatriarchen unterzuordnen hatten. Aber ich sehe Großeltern, die sich nicht trauen, etwas von früher zu erzählen oder mit ihren Kindern über Erziehung überhaupt einmal zu reden, weil sie Angst haben, dass ihre Kinder sich bevormundet fühlen und ihnen im schlimmsten Fall die Enkel entziehen. Ich sehe auch berufstätige Mütter, die sich lieber Betreuung einkaufen, als ihre Kinder ab und zu in der eigenen Familie betreuen zu lassen, weil sie sich ja nicht in Abhängigkeiten begeben wollen. Wer zahlt, bestimmt die Regeln. Ich sehe Familien, in denen ein normaler Diskurs abgebrochen wurde, wenn es um private Dinge geht. Man spricht noch über den Urlaub und das neue Auto, aber wehe die Oma fragt, wie es in der Schule läuft, oder der Opa will wissen, ob Mäxchen schon Fahrrad fahren kann. Familiäre Dialoge werden so zum Lauf auf dünnem Eis.

Ein Glück, wenn dies bei euch nicht so ist. Ich selbst schätze mich glücklich, weil ich meine Eltern und sogar von Zeit zu Zeit die Schwiegereltern anrufen kann und alles Mögliche besprechen. Natürlich stammen manche ihrer Meinungen aus dem vorigen Jahrhundert, aber wir reden dann darüber. Sie erzählen mir, wie das früher war, und ich erzähle ihnen, wie sich die Welt inzwischen verändert hat und warum manches so nicht mehr geht. Und stellt euch vor: vieles ist noch genau gleich und für das andere haben sie meist volles Verständnis. Meist. Grenzen gibt es immer. Aber wir sind im Gespräch.

Mein Vater sagt immer häufiger, er wolle uns noch ein wenig erhalten bleiben. Und statistisch gesehen ist mir klar, dass er inzwischen in geschenkten Lebensjahren lebt. Ich möchte noch einiges von ihm erfahren, denn mit ihm wird die Generation sterben, die tatsächlich noch vor dem zweiten Weltkrieg geboren wurde. Bei meinen Großeltern war ich zu jung, um diesen Schatz zu verstehen. Wir haben viel zu wenig von früher gesprochen. Das ist nun längst zu spät.

Ich hatte Freunde, die ihre alten Eltern als Last empfinden. Inzwischen sind wir nicht mehr befreundet. Einmal im Jahr besuche ich dennoch die Eltern der Freunde. Das mag seltsam erscheinen, aber sie freuen sich so und nehmen sich die Zeit zum Erzählen. Warum ich mit ihren Kindern nicht mehr befreundet bin? Sie haben keine Zeit mehr. Arbeit, Kindererziehung, das alles fordert so viel Kraft. Und dann auch noch die nervigen Eltern, die die Enkelkinder so gerne sehen wollen und dann doch alles falsch machen, weil sie einfach nicht im Hier und Jetzt angekommen sind, bestimmt reden die auch schlecht über uns.

Tun sie nicht. Die Eltern verteidigen ihre Kinder, berichten, wie viel die Kinder arbeiten müssen und wie fleißig die Enkelkinder sind, wie anstrengend das Leben geworden ist und wie toll das ihre Familie meistert. Und sie springen immer ein, wenn sie gebraucht werden. Es sind Eltern, die ihre Familie über alles lieben. Aber die Familie sieht das nicht im gleichen Maße.

Dies ist nicht der einzige Fall, den ich kenne, sonst würde ich hier nicht darüber berichten. Und natürlich weiß man nie genau, was in Familien vorfällt. Deshalb will ich niemanden beurteilen, schon gar nicht verurteilen. Ich frage mich nur, was aus den Elefantenfamilien würde, wenn sie die alten Leitkühe verstoßen und nicht mehr auf sie hören, weil die eh zu alt sind? Welchen Wert hat das Alter bei uns Menschen in diesem Falle?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Osterferien 3: Stadtgeflüster

Liebe Leser,

Herr und Frau Henner unternehmen eine kurze Reise in eine deutsche Großstadt. Es sind nur ein paar Stunden mit dem Zug, aber doch ist es eine unendliche Reise in eine völlig andere Welt. Und genau aus ebendiesem Grund muss ich hier davon berichten. Wir sehen doch jeder nur einen so kleinen Ausschnitt von der Welt und gehen oft irre in dem Glauben, das wäre sie – die Welt. Nein, sie ist es nicht. Es gibt tausende Welten und die fangen schon hinter unserer Haustür an.

Oder eben beim Aussteigen aus einem ICE. Wir kommen abends an, es ist bereits dunkel. Als wir die Bahnhofshalle verlassen, hören wir um uns herum die laute Stadt, aber kein einziges deutsches Wort mehr. Dafür empfängt uns ein Mensch mit so dunkler Hautfarbe, dass er mit der Nacht verschmilzt, mit den Worten: Welcome in the jungle! Immer wieder ruft er: Well-kamm in de dschung-gell! Seine weißen Zähne blitzen im Nichts wie die der Grinsekatze bei Lewis Carroll. Schon jetzt komme ich mir vor wie in einem Film.

Wir tauchen ein in das Menschenbad hinterm Bahnhof. Türkische Bars mit türkischen Männern davor. Gruppen afrikanischer Männer, Flüchtlinge aus Syrien – junge Männer in Gruppen. Es ist bunt, laut und so es fühlt sich fremd an. Ganz wertfrei. Einfach ungewohnt. Überall ist Gewusel, Musik, Gerede, Menschen drängen sich zusammen. Es ist trotz der vielen Lichter einer Stadt wirr und unübersichtlich. Als Frau wird mir dann doch mulmig. Das hat möglicherweise gar nicht mit der fremdländischen Herkunft der Herren zu tun, sondern vielmehr mit der Menge sich zusammenrottender Männer. Ich bin doch nur eine kleine, zaghafte Frau vom Lande! Und damit eine der überhaupt wenigen Frauen hier und eine der ganz wenigen ohne Kopftuch.

Ohjeh, was bin ich nur für ein Landei! Ich habe nicht geahnt, wie extrem sich das Stadtbild in manchen Großstädten in Deutschland in den letzten Monaten gewandelt hat. Als ich Studentin war und nach dem Studentenclub allein durch die große Stadt geradelt bin, hat man in Deutschland abends brav die Bürgersteige hochgeklappt und sich hinter Vorhängen beim Tatort verschanzt. Die Studenten hatten ihre Kneipen und die nächtliche Stadt gehörte den Katzen und eben spät heimradelnden Studenten. Nun gehört sie jungen Männern mit ausländischer Herkunft. Würde ich als Studentin noch sorglos mit meinem Rad allein hier langfahren? Nö, ganz sicher nicht. Langsam verstehe ich Frau K., die ihre Tochter nicht mehr abends allein zum Geigenunterricht gehen lässt. Die Welt verändert sich und mit ihr verändern sich auch unsere Handlungsweisen.

Ist es übertriebene Furcht? Ist es Separatismus? Ich fühle mich nicht so. Ich habe keine Angst. Ich bin hier in Deutschland, was soll mir schon passieren, denke ich und klammere mich doch ein wenig an meinen Herrn Henner. Aus dieser Position heraus kann ich das Treiben um mich herum sogar mit einer gewissen Faszination und Neugier betrachten. Zusammen mit meinem Mann. Allein würde ich hier nicht herkommen.

Erschöpft von der Reise fallen wir in unsere Hotelbetten. Nachts schlafen wir nicht besonders gut, was mit der ungewohnten Umgebung zusammenhängt. Wir mussten die Fenster und die Vorhänge schließen, um uns vor dem Lärm der Straße und den Lichtern des gegenüberliegenden Hochhauses zu schützen. Jetzt liegen wir in einem hermetisch abgeriegelten Raum und bekommen kaum Luft. Für Landmenschen ist das kein Zustand. Wenn ich in unserem Dorf ins Bett gehe, kann ich das Fenster auflassen, die einzigen Geräusche sind das Grillengezirpse am Abend und der Vogelgesang am Morgen. Vielleicht noch das Blätterrauschen vom Wind. Dazwischen ist unendliche Ruhe. Licht gibt es auch nicht, da ich in einer Gegend lebe, in der tatsächlich um Mitternacht die Straßenlaternen ausgeschaltet werden. Nachst sind wir einer der dunkelsten Flecken Deutschlands, dafür leuchten hier die Sterne besonders hell.

Dafür begegnet man tagsüber auch kaum einem Menschen. Das ist in so einer Großstadt natürlich ganz anders. Hier pulsiert das Leben. Menschen joggen, radeln, frühstücken im Gehen, hören Musik, smartphonen oder machen alles gleichzeitig und sehen dabei auch alle gut aus. Jeder weiß, dass er gesehen wird. Die Welt gehört ab Morgen wieder der etablierten Bevölkerung. Die Stadt zeigt sich offen und bunt und hell, auch wenn hier nicht jeder freundlich zum anderen ist. Der Mensch bleibt halt der Mensch. Wir erleben einen wunderschönen Tag und gehen zum Abschluss am Abend fein essen. Ganz in Ruhe.

Und hier der größte Kontrast. In diesem Restaurant ist alles bis ins kleinste Detail gestaltet, die Gäste sind distinguiert oder tun zumindest so. Der Ober ist zurückhaltend und ungeheuer aufmerksam zugleich. Die Kerzen lassen das gesamte Ambiente golden leuchten. Das ist wieder eine andere Seite Deutschlands. Dieser Abend hier hat nichts mit meinem bäuerlichen Sternenhimmel zu tun und erst recht nichts mit dem wenige Kilometer entfernten Bahnhofsviertel. Deutschland mit den vielen Gesichtern…

Wieder angekommen am Kleinstadtbahnhof – an dem niemand herumlungert, weil da einfach nichts ist zum Herumlungern – und durch die vertraute Natur fahrend, die so schön ist, dass es an ein Wunder grenzt, dass hier kaum einer leben will, freue ich mich, dass mir all die Annehmlichkeiten der Großstadt (Cafés, Kultur und fröhliches Menschentreiben) nicht so wichtig sind wie die Vorteile eines Landlebens (gute Luft, Ruhe und Gelassenheit). So ist es mir möglich, auch all die negativen Seiten eines Lebens weit ab vom Puls der Zeit zu ertragen. Ein kurzer Ausflug reicht mir völlig.

In den letzten Tagen habe ich viel über die Urbanisierung nachgedacht. Mir ist völlig klar, dass nicht alle Menschen freiwillig in die Städte ziehen. Natürlich ist das Landleben nicht nur Landlust. Wir sind hier nicht naiv! Aber es gibt auch noch die Menschen auf dem Lande. Und deren Lebensbedingungen sollten wir in unserer Gesellschaft nicht vernachlässigen, sonst gehen immer mehr junge Menschen in die Städte und dann wird es da verdammt eng für euch.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

SW 20: Politikum oder der Untergang des Abendlandes

Liebe Leser,

seltsam ruhig bleibe ich, als ich den neusten Dorfklatsch erfahre. Auch als ich mich pflichtbewusst ans Internet setze und verifiziere, bleibe ich ruhig, selbst wenn ich dort Dinge erfahre, die mich schockieren müssten. Ich bin nicht glücklich über das, was ich lese, aber meine Emotion erreicht es nicht. Ich überschlage, wie sich meine private Situation im nächsten Jahr verändern wird. Das schaffe ich schon irgendwie, muss ja geh’n. Als ich am Abend Herrn Henner davon berichte, guckt er mich an und sagt: „Erzähl bloß nicht weiter, da wird mir schlecht, ich will das gar nicht wissen. Das ist der Untergang des Abendlandes!“

Sonjas Mama, die mich überhaupt auf den Trichter gebracht hat, hat es so formuliert: „Das geht gar nicht!“ Meine Mutter, mit der ich am Nachmittag lange über dieses Thema gesprochen habe, sagte immer wieder: „Das kann ich gar nicht glauben, dass es das in Deutschland gibt. Das kann doch nicht erlaubt sein!“

Dunkel erinnere ich mich an eine Fernsehsendung, in der über eine Grundschule berichtet wurde, in der die Schüler sich alles selbst beibringen und die dafür einen der vielen Schulpreise erhalten hat. Unser Dorf hat also ab nächstes Jahr enorme Chancen, auch endlich mal in den Medien präsent zu sein – denn wir werden Bildungstrendsetter!

Unsere Grundschule soll über die Sommerferien komplett umgebaut werden – nicht das Gebäude (Schön wär’s!), nein das System. Es wird keinen klassischen, schlechten Deutsch- und Matheunterricht mehr geben (Ihr wisst schon – Frontalunterricht buhen die Medien, obwohl seit vielen Jahren moderner, differenzierter Unterricht in Grundschulen stattfindet), nein, selbst das Lesen und Schreiben werden sich die neuen, schlauen, motivierten Erstklässler größtenteils selbst beibringen. Die ersten zwei Schulstunden arbeitet jedes Kind allein individuell an Arbeitsblättern, die die Kinder sich , weil sie das so gut schon können, ganz nach ihrem eigenen reflektierten Bildungsniveau aus einem Regal zusammenstellen die von der Lehrerin nach dem Leistungsniveau des Kindes zusammengestellt werden. Zuerst reflektiert das Kind: Wo stehe ich? Was kann ich? Was möchte ich gerne können? Dann geht es zum Regal und sucht sich das entsprechende Material heraus setzt sich an seinen Platz und füllt das entsprechende Arbeitsblatt aus. Hat das Kind dabei Probleme, erklärt die Lehrerin nichts, sondern gibt Impulse, damit das Kind von selbst auf die Lösung des Problems kommt. Das wäre ja ansonsten der böse, böse Trichter, den man den Kindern in den Kopf steckt und das will ja keiner. Wir wissen ja alle, dass man so niemals im Leben etwas lernt. Trichter sind absolut verboten. Sehr ungesund. Die Lehrerin gibt also jedem der fünfundzwanzig Kinder zum rechten Zeitpunkt den richtigen Impuls und dann flutscht die Erkenntnis wie von allein hinein. Sie hat ja auch voll den Überblick. In der Schulpreisschule waren pro kleiner Lerngruppe zwei Lehrer anwesend – aber darauf kommt es wohl doch nicht an. Lehrer sind ja keine Lehrer mehr, darf man auch nicht mehr so nennen. Sie heißen also auch in unserer neuen Grundschule Lerncoaches oder Lernbegleiter. Und Coaches sind ja per se besser und können fünfundzwanzig Kinder allein bewältigen, auch wenn jeder tatsächlich etwas anderes macht. Wow!

Keinem Kind soll vorgeschrieben werden, was es lernt, wie lange es etwas übt oder wie es sich in der Gemeinschaft zu verhalten hat. Das muss kann das Kind allein entscheiden. Denn nur, was es selbst lernen will, lernt es auch. Sonjas Mama erzählt, dass das Material übrigens aus Kopien der üblichen Lehrbücher besteht. In der Schulpreisschule waren es ganze Räume voll anregendem Materiel, etwas hochtrabend Forscherboxen und Labore genannt. Für unser popeliges Dorf reichen olle Kopien im Sammelordner. Sehr motivierend. Ab sofort wieder Lernen in schwarz-weiß.

Die Nebenfächer werden dann am späten Vormittag im Klassenverband unterrichtet und dabei kommen auch endlich andere Sozialformen zum Einsatz. Dann will man die Kinder zu Gemeinwesen erziehen. Kinder können das gut trennen. Jedes Kind ist schließlich begabt, jedes Kind will lernen. Sonjas Mama schluckt: „Und wenn mein Kind keine Lust auf Mathe hat?“ „Dann reden wir mit dem Kind und versuchen die Ursachen herauszufinden“, versucht die Grundschullehrerin zu beschwichtigen, die für die Kooperation mit den Eltern zuständig ist. Sonjas Mama ist nicht überzeugt. „Ich könnte dann in der Folgewoche ihrer Tochter nur Mathearbeitsblätter bereit stellen…“, schlägt die Lehrerin vor. Jetzt ist Sonjas Mama vollends verwirrt: „Aber dann ist es ja wie früher, warum sagen Sie dann nicht gleich, jetzt machen wir Mathe!?“ „Wenn wir Kinder zum Lernen zwingen, lernen sie nichts.“ Der Lehrer ist immer der Böse.  Lernbegleiter sind die Guten. Andere Mütter überlegen krampfhaft, wie Arbeitsblätter gestaltet sind für Kinder, die noch nicht lesen können, die ihnen aber das Lesen beibringen sollen.

Was geht mich das alles an? Mal abgesehen davon, dass wir dann in viereinhalb Jahren Kinder am Gymnasium haben, die noch nie eine Klassenarbeit zu einem festgelegten Zeitpunkt geschrieben haben – denn jedes Kind kann selbst entscheiden, wann es die Arbeit schreibt und wie oft und wieviel Zeit es dafür haben möchte, betrifft es mich auch persönlich. Denn da ist der kleine Leo.

Leo gehört inzwischen zu unserer Familie, wir verbringen Zeit miteinander, ich kümmere mich um sein Fortkommen, seine Bildung – mehr erfahrt ihr nicht, das muss reichen. Leo wird nächstes Jahr eingeschult und nun ahnt ihr, was das für mich bedeutet. Meine Nachmittage werden ich jetzt nicht mit einfacher Hausaufgabenbetreuung zubringen , wie ich mir das vorgestellt habe (Erwachsene schnippelt Gemüse fürs Mittagessen, Kind sitzt am Küchentisch und rechnet mal eben die zwei Reihen aus dem Mathebuch runter und wird ab und zu vom Träumen abgehalten), weil ich es von Lucy so kannte, nein, ich werde Leo höchstwahrscheinlich Lesen und Schreiben beibringen, Mathe erklären, Rechnen üben, die Grundregeln der deutschen Rechtschreibung erläutern, denn auf letzteres legt man in der neuen Grundschule keinen Schwerpunkt. Geht das vielleicht nicht so gut über Arbeitsblätter? Sonjas Mama erklärt: „Also die Kinder sollen sich das immer selbst kontrollieren.“ Habt ihr schon mal von Kindern kontrollierte Diktate gegenkorrigiert? Das klappt selbst in meiner sechsten Klasse noch nicht. Für eigene Fehler ist man sowieso blind und die der Freundin übersieht man auch und wie soll man die Fehler vom Jan finden, wenn man als Franca selbst keine Ahnung hat? Die Grundschullehrerin sagt auf alle Zweifel lächelnd zu Sonjas Mama: „Glauben Sie mir, dass kann Ihr Kind!Trauen Sie Ihrem Kind einfach ein bisschen mehr zu!“

Und damit hat sie gar nicht so Unrecht. Frau Henner wird Nachmittags zum Hilfslehrer mutieren. Und auch Sonjas Mama und andere Mütter werden es so machen, denn wir sind nicht davon überzeugt, dass Sechsjährige schon zu solch anhaltendem Lerneifer, Reflexion über den eigenen Kenntnisstand und Entscheidungsfestigkeit fähig sind, wie sie an der neuen Grundschule abverlang werden.

Und wer fällt hinten runter? Na klar, die Kinder aus bildungsfernen Haushalten, Kinder mit nichtdeutschsprachigen Eltern, Kinder mit vollberufstätigen Eltern. Die, die sich auf das Schulsystem verlassen müssen, werden nach vier Jahren preisverdächtiger Schule feststellen, dass ihr Kind es doch nur auf die Gemeinschaftsschule schafft, es sei denn, das ortsansässige Gymnasium zieht nach.

Dann braucht man mich gar nicht mehr. Den Vormittag lang Kindern zugucken, wie sie Arbeitsblätter ausfüllen oder ebensolche nachkopieren, darauf habe ich wirklich keine Lust, dann schaue ich mich lieber nach Plan B um. Ganz ruhig und geerdet, das Leben geht weiter. Wenn ihr das Goldene vom Ei gefunden habt, schön, vielleicht muss man mich als Herzblut-Lehrer tatsächlich ausrangieren. Und es muss mindestens das Goldene sein, denn die Grundschullehrerin sagte zu Sonjas Mama: „Wissen Sie, unser neues System ist einfach alternativlos, wenn wir den heutigen Kindern gerecht werden wollen.“

Die Gesellschaft wird sich noch schneller wandeln, als wir es geglaubt haben, denn ich vermute, dass es Menschen prägt, wenn sie in ihrer Kindheit die Vormittage allein in Stillarbeit vor Regalen verbracht haben. Mal ein, zwei Stunden die Woche am Vormittag oder in der weiterführenden Schule bei einem Lehrer – meinetwegen – aber nicht als radikales System. Ich wäre unglücklich, würde man mich regelmäßig ans Regal verbannen. In der Grundschule habe ich häufig für die Lehrerin gelernt, wollte auch mal aufgerufen werden, mal meinen Text der Klasse vorlesen dürfen und auch mal Applaus von meinen Klassenkameraden bekommen. Die eindrücklichsten Stunden waren die, in denen zwischenmenschlich etwas passierte. Aber vielleicht verkläre ich.

Lucy ist so ein toller Mensch geworden, trotz der auf einmal verschrieenen Grundschule „alter“ Art, verantwortungsbewusst und sehr sozial. Leo soll diese Chance auch bekommen. Und er soll möglichst umfassend gebildet werden. Lucy hat man zu Mathe zwingen müssen und übrigens auch zum Lesen – das ist ihr anfangs schwer gefallen, aber wir Eltern haben nicht locker gelassen, bis sie die Bücher lieben gelernt hat. Jetzt verschlingt sie sie.

Am Ende wird es heißen, seht ihr, dieses neue System produziert genügend Gymnasialschüler, es funktioniert also. Dass dahinter die Eltern stehen, die nachmittags ihre Kinder unterrichten oder zum Lernen anhalten, wird verschwiegen werden. Denn es passt nicht in die Ideologie, dass jedes Kind hochbegabt ist und folglich von allein lernt.

Viele Grüße aus der aufgewühlten Provinz von eurer Frau Henner

SW 16: Krampf lass nach!

Liebe Leser,

vielen Dank für die vielen Reaktionen auf den letzten Post, gerne klaue ich mir einige Anregungen.

Mit wachen Augen sitze ich gestern mal wieder in einer Grundschule und hospitiere den Deutschunterricht. Mein Augenmerk richtet sich genau auf die angesprochenen Probleme: Schriftbild, Rechtschreibung, Ausdruck. Den Unterricht der Lehrerin lasse ich wohlig an mir vorüberfließen, die Stunde ist mit sehr viel Spielereien vorbereitet: vorbereitete Zettel in weiß hier, vorbereitete Zettel in bunt da, laminierte Merkpunkte für die Tafel, futuristisch klingende Arbeitsformen, alles sehr durchdacht – kann ich nicht meckern, will ich auch gar nicht. Ich denke, an unseren Grundschulen arbeiten in der Regel viele fähige Lehrerinnen. Ausnahmen kenne ich auch, die habe ich hier schon thematisiert, aber mir ist grade so ganz und gar nicht nach Konfrontation. DAS NÜTZT NÄMLICH NIEMANDEN WAS – den Kindern schon gar nicht. Klar könnte ich hinterher mit jovialem Lächeln fragen: „Und wann schreiben die Kinder nun endlich das, was sie da gerade gelernt haben?“ Aber ich habe nur einen Ausschnitt gesehen und die Lehrerin wollte sicher zeigen, was sie alles drauf hat und nicht die Kinderleins nur schreiben lassen. Einen Stift in der Hand hatten sie in dieser Rechtschreibestunde nur ganze fünf Minuten.

Und genau da gucke ich hin. Mich interessiert, wie die Hefte aussehen, wie die Schrift zu lesen ist, wie sie Sätze formulieren und natürlich wie sie rechtschreiben. Zur Erinnerung: Das sind bei uns die katastrophalen Aspekte in der Unterstufe. Und was erlebe ich hier? Sauber und ordentlich geführte Hefte – kein Kind schreibt schräg oder über den Rand. Eine feine Schreibschrift zieht sich durch das Heft. Das andere kann ich nicht einschätzen, da ich kaum selbstformulierte Sätze finde. Die Rechtschreibung ist nicht korrekt, aber doch passabler als anzunehmen, wenn man an die Hefte in unserem Gymnasium denkt. Das lässt nur einen Schluss zu: die Kinder verlernen bei uns grundlegende Fähigkeiten und wir sind daran nicht unschuldig.

WAS PASSIERT DA?

Ein Punkt ist sicher, dass die Schüler bei uns VIEL schneller schreiben müssen und VIEL mehr. Die Zeit reicht einfach nicht zum Buchstabenmalen. Zudem sollen sie bei uns schreiben und denken gleichzeitig, das ist eine Herausforderung.

Ein weiterer Punkt könnte sein, dass wir das Erlernte nicht beibehalten und festigen, weil wir davon ausgehen, dass die Kinder es von allein bringen müssten. Nein, sie können es nicht. WIR müssen weiter üben, üben und einfordern. ALLE Lehrer im Kollegium – und da höre ich schon Frau von Ostrach rufen: „Was sollen wir denn noch machen!“

Wir müssen wieder zurück zum Hefteeinsammeln und Durchgucken, wir brauchen mehr Absprachen und Unterstufenkonferenzen. Wir müssten alle das Methodencurriculum um Basales erweitern und ernst nehmen. Unterstufenschüler schreiben Schreibschrift, ins Heft, Abschreibeübungen, Diktate, Fehler werden nicht nur in Deutsch angestrichen und eine Korrektur wird eingefordert und immer wieder kontrolliert… Ich sehe das alles deutlich und weiß doch, dass das so mit unserem Kollegium nicht machbar ist.

Also mache ich eine ganz persönliche Frau-Henner-Studie. Die Grundschullehrerin hatte mir berichtet, wie viel Mühe das Beibringen und Einfordern der richtigen Stifthaltung sei. Was früher als ein Merkmal der Schulreife galt, ist heute Sache der Grundschule, weil die Kinder aus dem Kindergarten ohne korrekte Stifthaltung kämen. Aber wir kennen das alle: was sich einmal falsch eingeschliffen hat, ist einfach nicht mehr wegzubringen. Auch der kleine Leo hält den Stift falsch. Ich habe sogar schon solche Gummiteile gekauft, die man über die Buntstifte drüberstülpt, damit er keine Wahl hat, aber Leo bekommt es trotzdem hin, auf die Oberseite zwei Finger abzulegen. Immer wieder rutsch der Mittelfinger an die falsche Stelle. Das ist wirklich mühsam – ich habe die Ermahnungen inzwischen sein gelassen, Leo zeichnet schöne Bilder, worum sollte ich mir Sorgen machen? So geht es sicher vielen Erwachsenen. Wir scheuen die Mühe, soll das mal der Lehrer erledigen.

Hält man den Stift falsch, ist die Gefahr von Verkrampfungen höher, die Schrift kann sich unter Umständen nicht so leicht entwickeln. Ehe ihr mir jetzt gleich von eurer Ausnahme berichtet: ja, es gibt Kinder, die die Stifte unmöglich halten und trotzdem schnell und sauber schreiben. Das sind wie gesagt die AUSNAHMEN. Noch immer hoffe ich, dass der kleine Leo auch dazu gehören wird – zu den Ausnahmen. In der Regel ist der Zusammenhang aber anders: falsche Stifthaltung = langsames Schreiben = Mühe beim Schreiben = Krampfung = Gekrakel = Abwehrhaltung. Grob gesagt.

Heute nun gucke ich genau hin. Meine Sechser schreiben. Oh Schreck! Das ist mir so noch nie aufgefallen: von fünfundzwanzig Kindern schreiben ungefähr fünf mit korrekter Stifthaltung. Die anderen verbiegen die Finger auf recht abenteuerliche Weise. Mir tut schon vom Hinschauen die Hand weh – Krampf lass nach! Morgen werde ich das Ganze noch verifizieren, denn ich habe beobachtet, dass es Kinder gibt, die sogar die Stifthaltung beim Schreiben ändern. Dann haben sie zum Beschreiben einen kleinen Gegenstand ins Heft zeichnen müssen. Ich wollte sehen, wer eigentlich eine gerade Linie freihand zeichnen kann und wer einen Kreis, der rund ist und sich von allein schließt…

Mit schlechtem Gewissen komme ich nach Hause. Heute übe ich mit dem kleinen Leo, wie man einen Stift richtig hält. Ab heute achte ich da mehr drauf. Ich kann nicht alles der armen Grundschullehrerin überlassen. Das ist doch mal ein Neujahrsvorhaben!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

SW 15: Sprachbarrieren

Liebe Leser,

nun geht das Schuljahr in das neue Jahr über und die Probleme zeichnen sich deutlicher ab. Unsere Unterstufe macht uns vor allem mit einem Sorgen: Sie ist sprachlos. Und das ist kein Migrationsproblem – auch wenn ein Migrationshintergrund die Situation meist nicht verbessert, sondern in der Regel noch verschärft.

Sie sind nett, sie sind motiviert, manchmal unerzogen – es sind Kinder! Aber sie haben keine Sprache mehr  und das können wir nicht mehr ignorieren. Zumal es der letzte Test im bundesdeutschen Vergleich auch bestätigte – die Schüler in Baden-Württemberg haben ein Sprachproblem.

Wie zeigt sich das bei uns konkret?

Das Schriftbild ist häufig schlecht bis unleserlich. Ohne Witz, zum Teil ist es ein Gekrakel sondergleichen. Häufig können die Kinder dann selbst nicht  mehr lesen, was sie geschrieben haben.

Der Schreibvorgang ist sehr langsam. Wir müssen also den Stundeninhalt auf mehr Zeit ausdehnen oder den Kindern Schreibarbeit abnehmen, indem sie weniger schreiben müssen, was das Problem allerdings verstärkt. Aber Zeitausdehnen geht in G8-Zeiten auch nicht, also müssen wir Wichtiges rausschmeißen. Wer braucht schon Lyrik…

Die Rechtschreibung ist im Prinzip nicht mehr vorhanden – ein Großteil der Schüler schreibt, wie er hört und wie er glaubt, es sei richtig. Dabei ist es aber nicht so, dass alle Grundschulen unseres Einzugsgebiets „Schreiben nach Gehör“ praktizieren, daran kann es also nicht liegen. Selbst nach intensivem Üben schreiben in meiner sechsten Klasse nur drei von fünfundzwanzig Kindern einen einfachen Satz ohne Fehler, es sei denn ich kündige an: „So, wir machen jetzt Rechtschreibung, achtet bitte auf eure Wörter!“ Dann schreibt eine Handvoll mehr auf gutem Niveau.

Diese drei Faktoren führen dazu, dass die Heftaufschriebe ein Katastrophe sind. Von dem, was mal an der Tafel stand, sind nur rund zwei Drittel im Heft – wenn überhaupt. Häufig fehlen einzelne Wörter, die dem Ganzen aber erst Sinn geben. Gerne weggelassen werden zum Beispiel Verben. Wie soll man mit einem solch lückenhaften Aufschrieb auf eine Klassenarbeit lernen?

Mathe ist noch in Ordnung, da sind die Unterstufenschüler ganz gut. Außer bei den Antwortsätzen. Denn darin scheinen sie keine Übung zu haben. Selbständig einen Satz zu formulieren ist nämlich die nächste große Hürde. Aus den Rudimenten, die ein Kind so im Heft hat, müsste es nun wieder vollständige Sätze machen. Mündlich stolpern sich viele noch grad so durch. Der Lehrer sucht die richtigen Fakten zusammen und formuliert noch einmal, was er glaubt, was das Kind richtig gemeint hat. In einer Klassenarbeit ist das aber nicht möglich. Da muss das Kind das ganz allein schaffen.

Es geht mir gut. Ich bin nicht verärgert. Ich male nichts schwarz und auch nicht den Teufel an die Wand und will auch niemanden beschuldigen, das hilft nämlich momentan gar nicht weiter. Ich stelle nur dar, was wir an unserer Schule gerade in den letzten beiden Jahren in der Unterstufe erleben. Natürlich gibt es Ausnahmen. Löbliche.

Wir beobachten zuerst einmal eine Tendenz: einen großen Sprachverlust.  „Ich wunsche mir das es kein Krig mehr giebt“ Hinten prinzipiell ohne Satzschlusszeichen, das ist ein typischer Satz von Kindern meiner Klasse. Abgesehen von fehlenden ü-Pünktchen und s/ss-Unsicherheiten sind vielen schon die Deklinationen ganz abhanden gekommen. Kinder wie Jan schmieren mir dann hin: „Das kein krig“ Wenn das mal kein Sprachverlust ist. Franca hat schon oft geweint, weil sie nicht erklären konnte, was sie sagen wollte.

Ich überlege, was wir ganz konkret tun können, um diesem Trend entgegenzuwirken. Wenn ich mir meine obigen Gedanken anschaue, müssten wir beim Urschleim anfangen: Wie halte ich einen Stift?, Schwungübungen machen, schreiben, schreiben, schreiben bis die Hand abfällt. Neulich meinte jemand in den Kommentaren, dass sie genau das an ihrer Schule schon machten. Wie muss ich mir das vorstellen? Wie macht ihr das konkret? Welche Erfahrungen habt ihr mit diesem Problem? Was hilft euch, was nicht?

So geht es bei uns nämlich nicht weiter. Ich kann erst dann etwas Vernünftiges schreiben, wenn ich überhaupt einmal schreiben kann. Denn dieses Spachproblem haben wir in allen Fächern, wo die Kinder ganze Sätze bilden müssen. Und ich fürchte ja, es ist nicht nur ein Problem der Schulen…

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Herbstferien I: Vom leisen Verschwinden einer Kulturtechnik

Liebe Leser,

es ist Feiertag. Ich stehe am Fenster und schaue in den sonnendurchfluteten Garten hinaus, sachte fallen die Blätter von den Bäumen. Ein Meer gelben Laubs bedeckt die Beete, rot leuchten die letzten Rosen dazwischen hervor, im Hintergrund spielt leise Chopin. Auf dem Sofa sitzt mein Vater und liest, meine Mutter am Klavier wechselt zu Schumann. Die Kinderszenen, mit denen bin ich aufgewachsen. Es ist eine Szene, wie sie so vor hundert Jahren sich abgespielt haben könnte. Zwar nicht in meiner Familie, nein, der Wohlstand in dem wir hier sitzen, ist kein ererbter. Zwei Generationen zurück sind wir in Arbeiterfamilien. Mein einer Großvater hatte zwar schon Abitur, ist dann aber Soldat geworden statt zu studieren. Mein anderer Großvater hat an der Münchner Kunstakademie studiert – vor dem zweiten Weltkrieg. Aber dann kam eben dieser Krieg.

Mein Vater und meine Mutter haben nach dem Krieg beide studiert und akademische Berufe ausgeübt, bis meine Mutter nach der Geburt des letzten Kindes (Klein-Lilo) ihren Beruf aufgab und Hausfrau blieb, jetzt sind sie Rentner. Der eine liest, die andere spielt Klavier.

Beides braucht man heute eigentlich nicht mehr. Bücher kann man sich vorlesen lassen und jedes Stück läuft fehlerfreier auf Musikanlagen. Doch wie gut es ist, dass beide das noch können. Mein Vater, nun schon betagt, hält seinen Geist fit, auch wenn seine Lebensgrundsätze tatsächlich aus dem vergangenen Jahrhundert stammen. Bücher verbinden ihn noch mit der Gegenwart. Lesen strengt an und das ist gut für ihn. Meiner Mutter tut das tägliche Klavierspielen auf zweierlei Weisen gut. Zum einen trainiert sie die arthritischen Finger, zum anderen fühlt sie sich beim Klavierspielen ganz bei sich. Es geht nicht um die perfekte „Träumerei“, es geht um ihre „Träumerei“. Sicher hätte Schumann sie anders gespielt, aber hier spielt nicht Schumann, hier spielt meine Mutter.

Natürlich wird niemand diesen beiden Menschen diese Kulturtechniken absprechen. Mit anderen Fähigkeiten sind wir nicht so zimperlich. In Baden-Württemberg schaffen wir gerade die Schreibschrift ab und niemanden interessiert das, es merkt ja keiner. Nun gut, die Grundschullehrerinnen merken das, aber von ihnen standen viele ja sowieso mit der Schreibschrift auf Kriegsfuß, könnte man meinen.

Bis jetzt lernten die Kinder in der Regel in der ersten Klasse die Druckschrift und ab der zweiten Klasse eine Schreibschrift. Nach unsäglichen Versuchen mit der „vereinfachten Ausgangsschrift“ sind die Grundschulen in unserem Umkreis wieder bei der „Lateinischen Ausgangsschrift“ gelandet. Der Witz war nun, dass die Grundschüler sich dann ab der dritten Klasse entscheiden konnten, was und wie sie schreiben wollen, was dazu führte, dass die meisten Kinder mit einer Druckschrift zu uns kommen (die haben sie schließlich viel länger geübt), die zwar leserlich ist, aber schon bei kleinen, längeren Texten klagen die Kinder über Schmerzen in der Hand. Das fällt in der Grundschule nicht so stark auf, weil dort die Menge der zu verfassenden Texte einfach geringer ist. Das ist ein Punkt, an dem wir mit den Grundschullehrerinnen nicht auf einen Nenner gefunden haben. Wir sagen: Übt bitte länger die Schreibschrift, damit diese überhaupt eine Chance bekommt, sie ist wichtig für schnelles, flüssiges, längeres, leserliches Schreiben. Dabei ist es uns wurscht, ob es sich noch um eine Standardausgangsschrift handelt oder ob das Kind seine individuelle Schreibschrift entwickelt hat. Hauptsache, die Bewegungen sind fließend und locker. Die Grundschullehrerinnen sagen: Nein, ein Kind soll frühzeitig seine individuelle Schrift entwickeln, wir reden da nicht rein. Bei uns funktioniert das auch super.

Super.

Diesen Streit werden wir in Zukunft sowieso nicht mehr führen können. Denn mit dem neuen Bildungsplan wurde die Schreibschrift abgeschafft. Es steht nicht mehr Schreibschrift im Bildungsplan, sondern Handschrift und jede handgeschriebene Druckschrift ist eine Handschrift.

Gemerkt habe ich das, als ich letzte Woche mal wieder an einer Grundschule in unserem Einzugsgebiet zu Besuch war. Die Kinder üben dort keine Schreibschrift mehr, sie lernen die Grundschrift. „Die Grundschrift ist ein Projekt des Grundschulverbands, des führenden Fach- und Reformverbands für die Grundschule und ihre Kinder“, werde ich informiert. Wikipedia meint: „Entscheidend ist bei der Grundschrift nicht die Schriftform, sondern das pädagogische Konzept, das grundsätzlich auch mit anderen Formen der Druckschrift realisiert werden kann: Die persönliche Handschrift der Kinder wird direkt aus den Druckbuchstaben entwickelt – ohne Umweg über eine verbundene Ausgangsschrift. Die Lateinische Ausgangsschrift, die Vereinfachte bzw. die Schulausgangsschrift stellten bisher einen zusätzlichen – nach Ansicht des Grundschulverbands unnötigen – Zwischenschritt zwischen den Druckbuchstaben und der persönlichen Handschrift dar, die jedes Kind im Verlauf der Schulzeit individuell entwickeln soll. Kinder lernen also auch nach dem Ansatz des Grundschulverbands, verbunden zu schreiben. Es wird aber – wie in ausgeschriebenen Erwachsenenschriften üblich – darauf verzichtet, dass die Spuren der verbundenen Schreibbewegung durchgängig auf dem Papier sichtbar sein müssen. Denn wie Untersuchungen zeigen, erleichtern Luftsprünge eine flüssige Schreibbewegung. Zudem können die Verbindungen – entsprechend dem individuellen Bewegungsrhythmus – unterschiedlich gewählt werden, sofern die Buchstaben gut lesbar bleiben. Die an die Druckschrift angelehnten Formen der Grundschrift sind also keine Normschrift, sondern nur Orientierungshilfe. Sie sollen Kindern helfen, die Druckbuchstaben in der Schreibbewegung flüssig zu verbinden, erlauben deshalb unterschiedliche Verbindungen, die zudem nicht durchgängig auf dem Papier sichtbar werden müssen.“ Dort findet sich allerdings auch gleich der Hinweis: „Eine der wichtigsten Kritikerinnen der Grundschrift ist Ute Andresen. Die ehemalige Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben von 1999 bis 2002 vertritt die Ansicht, „dass Kinder sich das Schreiben nicht selbst beibringen können.“ Die Grundschrift einzuführen bedeute die Schreibschrift abzuschaffen. Das setze „leichtfertig eine Kulturtechnik aufs Spiel – die Fähigkeit, eine allen gemeinsame lesbare Schrift zu schreiben“. Andresen widerspricht in dem FAS-Interview der Aussage des Grundschulverbandes, die Grundschrift sei eine verbundene Schreibschrift. „Das ist falsch. Die Grundschrift ist eine modulare Schrift, das bedeutet die Buchstaben werden nebeneinander gesetzt.“ Unterstützt wird Andresen u.a. von der Schriftstellerin Cornelia Funke. „Eine Druckschrift zu beherrschen reicht meiner Meinung als Handschrift nicht aus. Sie fließt nicht wie eine Schreibschrift und ist daher sehr viel langsamer. Eine fließende Handschrift dagegen fördert den Fluss der Gedanken – und ist gleichzeitig so individuell, dass man ganz bei sich ist.“

Ich selbst kann nicht entscheiden, was richtig ist, das werden wir dann in zwei, drei Jahren merken. So richtig zufrieden war ich mit dem bisherigen System nicht. Das lag aber nicht an der Schreibschrift, sondern an der Laxheit, mit der mit der Schreibschrift umgegangen wurde. Sie war vielen unserer Grundschullehrerinnen schlichtweg egal. Aber sie haben sie durchgenommen und so den Kindern wenigstens die Möglichkeit gegeben, sie als Modell zu nehmen, um daraus eine eigene Schreibschrift zu entwickeln. Ich habe Lucy dann geradezu gezwungen, Schreibschrift zu schreiben. Sie fand nach anfänglichem Murren aber Freude daran. Schreiben kann Spaß machen! Inzwischen kann sie das sehr, sehr schnell. Lucy ist siebente Klasse und schreibt locker vier, fünf Seiten im Aufsatz runter, ohne sich zu beschweren. Natürlich ist es keine der bekannten Ausgangsschriften, sondern Lucy-Schrift, eine gut leserliche, noch etwas kindliche Schreibschrift. Da ist nicht jeder Buchstabe mit jedem verbunden, sie ist auf dem Weg zu einer individuellen, flüssigen, schnellen Schrift.

Lucy kann auch die Schriften der anderen Kinder entziffern. Wenn nun nämlich nur noch die Grundschrift gelehrt wird, die sich an den Druckbuchstaben orientiert, können die Kinder dann andere Handschriften lesen? Muss Frau Henner dann umlernen? Momentan schreibt Frau Henner eine feine Grundschulschrift, wenn sie etwas an die Tafel schreibt, sonst krähen die Kinder in der Unterstufe: „Was heißt’n das?“ Muss sie jetzt auf Druckbuchstaben umlernen? Tafel? Ach Frau Henner, wenn du bald ein White-board hast, dann tippst du nur noch und das kann das jedes Kind lesen. Merkst du nicht, dass man überhaupt keine Schreibschrift mehr braucht?!

Wir werden das sehen, Klavierspielen braucht eigentlich auch keiner mehr.

Nein, ich bin nicht kulturpessimistisch. Ich will nur aufmerksam machen auf etwas, was mir auch völlig durch die Lappen gegangen wäre. Wohin die Entwicklung uns führt, weiß ich nicht. Ich denke nur, dass man das schwer rückgängig machen kann. Wir werden die Schreibschrift verlieren. Möglicherweise gibt es irgendwann einen geheimen Code: Kinder aus höheren Kreisen erkennen sich an der Schreibschrift. Vielleicht kann man dann noch einen VHS-Kurs besuchen oder Internet-Tutorials. So kann man sich ja jetzt auch Klavierspielen beibringen. Alles ganz demokratisch. Wir zwingen niemanden mehr. Kultur ist individuell geworden.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 6: Frau Henner geht baden

Liebe Leser,

die Krise hat sich ganz fies von hinten angeschlichen, Frau Henner hat nichts geahnt und plötzlich steht sie da und es geht ans Eingemachte. Die Glaubenskriege haben wieder angefangen. Aber ganz anders, als Frau Henner dachte.

Wir glauben, in einer freien, demokratischen Welt zu leben – zumindest was unseren Staat anbelangt – und dann merken wir, dass Ideologien zum großen, völlig unterschätzten Gegner geworden sind. Frau Henner sieht sich mit einem Mal einer solchen Ideologie gegenüber und das Schlimmste daran ist, diese Ideologie ist Mainstream geworden, so scheint es, will man all den wundervollen Presseberichten glauben. Schon wieder GLAUBEN! Frau Henner will nichts mehr glauben, Frau Henner will wissen. Ich will nicht geblendet werden, ich will selbst erfahren.

Oh je – bin ich kryptisch, ich weiß. Aber ich kann nicht schreiben, was gerade hier in meiner kleinen Provinz passiert, weil es zu eindeutig ist. Und da stößt der Blog mal wieder an seine Grenzen. Wie gerne würde ich ihn als Plattform gebrauchen, Denkschriften hineinsetzen, kämpfen für etwas, an das ich tatsächlich glaube. Gerne zu Diskussionen aufrufen, mein Weltbild gerade rücken oder gerade rücken lassen, aber ich kann nicht. Und überhaupt, mit meinem Blog verändere ich mich, ja, aber nicht die Welt um mich herum. Die Wirksamkeit eines popeligen Lehrerblogs kann nicht gering genug eingeschätzt werden. Welt verändern? Pah!

Das geht nicht im Netz und anonym schon gar nicht. Also muss Frau Henner in die Politik gehen. Du Schreck, ich bin ja noch nicht einmal im Elternbeirat!

Frau Henner meint das ganz ernst. Da steht sie nun vor einer existenziellen Krise, die keine persönliche ist, sondern eine gesellschaftliche, und fragt sich, was kann ich tun? Kann ich mit dem Direktor diskutieren? Kann ich das Schulamt um Hilfe bitten? Soll ich einen Brief an den Ministerpräsidenten schreiben? Was zum Kuckuck kann ich tun, wenn ich weiß, dass der Direktor vom Schulamt hofiert wird und genau das macht, was der Ministerpräsident mit seiner Partei will?

Frau Henner mag nicht meckern, das ist kontraproduktiv.

Frau Henner mag nicht jammern, das schädigt nur das Selbst.

Frau Henner will aber diesmal nicht tatenlos zusehen und sich zurückziehen und das kleine, private Glück suchen, diesmal ist die Grenze übertreten.

Manchmal kommen der Frau Henner aber auch Zweifel, weil die Presseberichte alle so schön sind, so Hochglanz, so perfekt. Ab jetzt wird alles gut, warum erkennt das die sture, konservative Frau Henner nicht? Frau Henner gehört abgewrackt, eindeutig. Ab zum alten Eisen! Mit solchen wie Frau Henner macht man kein neues Deutschland mehr. Frau Henner ist so eine ganz Schlimme, die macht tatsächlich manchmal noch Frontalunterricht, die erdreistet sich, den Kindern etwas zu erklären, was sie besser weiß, was für eine arrogante Haltung! Stellt die sich einfach über die Kinder und nennt sich auch noch Lehrer, wo jedes Kind doch weiß, dass es nur noch einen Lernbegleiter braucht. Frau Henner setzt Kindern Grenzen, gibt Strukturen vor, mein Gott, hat die denn immer noch nicht kapiert, dass Kinder sich selbst Grenzen setzen und ihre eigenen Strukturen erfinden müssen? Sonst werden das doch gar keine Individuen. Jedem Prinzen seine eigene Individualität, so will es doch auch die Gesellschaft. Mach einen Schritt nach vorne, bleib nicht stehen, spring über deinen Schatten und komm mit in unsere schöne, neue Welt, in der alles besser ist als früher. Du hast es nur noch nicht erkannt.

Frau Henner erkennt die schöne, neue Welt nicht. Sie war schon immer skeptisch gegenüber Heilsversprechen. Schon als Kind übrigens. Frau Henner wird mulmig, wenn alle Schafe blökend in eine Richtung laufen. Dann bleibt sie erst einmal stehen und beobachte die Situation. Sollen die nur alle glauben, das Gras sei auf der anderen Seite des Zauns saftiger, dann zertrampeln sie dort drüben alles, bleibt auf meiner Seite mehr. Wenn es nur Gras wäre! Es geht um mehr, es geht für mich um fast alles, wofür ich stehe. Und da geht es nicht um meins und deins. Es geht uns alle an.

Frau Henner beschließt,  in den Untergrund zu gehen. Das Internet ermöglicht Spionage, konspirative Treffen tarnen wir als Walkinggruppe. Fehlt nur noch, dass wir uns Codenamen geben. Denn ganz allein ist Frau Henner nicht. Zum Glück.

Ich lache, ich bin so unbedeutend, ich brauche mir nichts einzubilden. Ich sollte mir noch eine Nische suchen und einen Plan B bereithalten. Und weil mich die Welt gerade mal kann, gehe ich jetzt baden!

 

Gute Nacht und viele Grüße aus der Provinz von Frau Henner