Archiv der Kategorie: Entwicklungen

Selbstoptimierung als schöner Schein

Liebe Leser,

neue Schule, neue Schüler, alles beim Alten?

Die Kinderlein sehen zumindest fast genauso aus wie an meiner alten Schule. Es sind zwar Stadtkinder, aber ländlich geprägte Stadtkinder, viele kommen aus den umliegenden Dörfern, also im Grunde doch Landeier. Und ich mag Landeier… Trotzdem beobachte ich hier etwas für mich Neues.

Ein Beispiel: Früher habe ich eine Aufgabe gestellt und die Schüler haben diese halt erledigt. Da gab es die Ehrgeizigen, die es besonders gut machen wollten, und die Null-Bock-Schüler, die irgendwas hingeschludert haben, Hauptsache, da steht was auf dem Blatt, und die große Masse, die die Aufgabe mit ihren Fähigkeiten solide gelöst hat. Das hatte ich für normal gehalten. Mal war die Klasse an sich motivierter, mal war die Aufgabe ansprechender, mal war die Motivation durch einen Wettbewerb größer. Aber die Gaußsche Normalverteilungskurve schlug immer wieder zu, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau.

Das ist hier anders. Gebe ich an der neuen Schule eine Aufgabe, will das die große Masse besonders gut machen, denn eine schlechte Leistung ist eigentlich nicht akzeptabel. Die besonders Ehrgeizigen müssen sich also noch mehr anstrengen, um glänzen zu können. Da kommen dann Kinder freiwillig in ihrer eh schon knappen Freizeit, um noch „was nachzuarbeiten“. Erlaube ich das nicht, weil ich möchte, dass die Schüler auch noch Kinder sind und Freizeit haben, sind sie unglücklich, also dürfen sie auch noch am Nachmittag zwischen vier und fünf zusätzlich kommen. Und dann haben sie zuhause „schon mal was vorbereitet“. Alles komplett ausgearbeitet!

Wann machen die das? Von Juliane weiß ich, dass sie in der Mittagspause schnell in die Musikschule zum Geigenunterricht fährt. Pünktlich zum Mittagsunterricht sitzt sie wieder auf ihrer Bank, noch den letzten Bissen vom Asia-Imbiss kauend. Natürlich muss ich sie loben, was sie leistet ist überkindlich, und gleichzeitig bleibt mir der letzte Bissen von meinem Mittagessen im Halse stecken, das ich ganz in Ruhe, faulenzend im Lehrerzimmer eingenommen habe, schließlich war Pause. Und danach habe ich noch ein bisschen beim Käffchen mit Frau Ohrwick geplaudert, schließlich war Pause. Das kann sich Juliane nicht leisten. Schade.

Erschreckend wird es dann, wenn ich merke, dass sie nicht die einzige ist.

Weil es in der Stunde etwas knapp geworden ist, die Präsentation aber schon nächste Woche sein wird, betteln mich die Achter, dass sie die Plakate mit nach Hause nehmen dürfen. Ich gebe nach. Und bekomme sie zwei Tage später perfekt wieder, dabei weiß ich genau, dass sie Mittagsschule hatten und am Tag der Abgabe auch noch eine Physikarbeit schreiben mussten. Sicher haben sie auch dafür gelernt. Hat ihr Tag mehr Stunden als meiner?

Jetzt könnte man sagen: „Mach dich locker, Frau Henner! Freu dich doch einfach, was das mal für eine Wahnsinnsgeneration wird. Die wuppen mal unsere Zukunft. Und fast alles Mädels, hey, Frauenpower vor!“ Jetzt möchte ich euch aber noch von einer zweiten Beobachtung berichten.

An meiner alten Schule waren Handys prinzipiell verboten, es sei denn der Lehrer erlaubte den Einsatz im Unterricht. Weil es aber prinzipiell verboten war, hat das Smartphone keine große Rolle gespielt und damit auch das Internet nicht. Die Schüler haben also die Aufgaben so gut erledigt, wie sie es konnten. Dadurch haben sich die Leistungen recht schnell differenziert. Sara und Johannes hatten spontan Ideen, die weit über das Erwartete hinausgingen. Julius hat viel Hilfestellung gebraucht, ehe er einen soliden Gedanken fassen konnte, und der große Rest hat sich mit Hilfe des Materials oder des Lehrers Schritt für Schritt einem möglichen Lösungshorizont angenähert. Mal mehr, mal weniger. Das hatte ich für normal gehalten und gehofft, dass so jeder auf seinem Niveau etwas dazulernt.

Hier sind Handys erlaubt und sie werden rege genutzt. Im Unterricht müssen die Schüler fragen, aber es scheint schon selbstverständlich zu sein, dass sie darauf zurückgreifen. Ich – neu und naiv – denke, als ich mal wieder gefragt werde, ob sie schnell etwas nachschauen könnten: „Warum eigentlich nicht, ist doch schön, wenn sie das Nachschlagen lernen…“ Erleichterung wird sichtbar. Ich werde misstrauisch. Nun bin ich sensibilisiert und gucke genauer hin, was schlagen sie nach und wie gehen sie damit um?

Sie schreiben ab, was sie irgendwo lesen, sie zeichnen ab, was sie irgendwo finden, sie suchen nicht nach Hilfestellung für ihr Problem, sie haben gar kein Problem, weil sie gar nicht erst anfangen nachzudenken. Sie suchen gleich die Lösung für die Aufgabe. Sie vertrauen nicht ihren eigenen Gedanken, sie sind nicht kreativ, sie sind perfekt im Nachmachen. Für den äußeren Schein verwenden sie dann irre viel Zeit. Sieht toll aus am Ende!

Aber im Grunde ist es nicht die gleiche Leistung wie die, die Schüler meiner alten Schule gebracht haben, obwohl deren Ergebnisse nicht einmal annähernd so gut aussahen und zum Teil auch nicht so weit gingen. Sara, Johannes, Julius, Murat und Cheyenne haben eine eigenständige Leistung gebracht, die ihrem Alter entspricht und ihre Ansprüche waren individuell zwar verschieden, aber doch auf einem nachvollziehbaren Niveau. Hier erlebe ich nun Schüler die völlig überzogene Ansprüche an sich selbst haben, es muss perfekt sein und das heißt in erster Linie, es muss perfekt erscheinen. Ob das nun von ihnen stammt oder geistiger Diebstahl ist, ist ihnen völlig schnuppe.

Ich rede mit einer Kollegin über die Handhabung von Smartphones, weil ich nicht so recht weiter weiß. Sie unterrichtet Kunst und bestätigt meine Beobachtung. Ja, das sei in den letzten Jahren extrem geworden. Die Schüler würden nur noch abzeichnen. Fertige Arbeiten von Pinterest kopieren. „Sie bringen sogar Tablets mit, um die Bilder möglichst detailiert sehen zu können, die sie abzeichnen wollen.“ Und wenn man das nicht erlaube, würden sie zuhause Fotovorlagen erstellen und diese ausgedruckt mitbringen. Der Frust über ein nicht perfektes Werk sei groß. „Du, neulich habe ich Linoldrucke mit den Schülern angefertigt. Da wird die Oberfläche nicht immer spiegelglatt satt mit Farbe und das ist nicht schlimm, jeder Druck ist schließlich handgemacht, das darf man sehen. Aber die Schüler akzeptieren das nicht, wollen noch einen Druck machen und noch einen – bis es aussieht, als käme es aus dem Drucker. Aber das schaffen sie nicht, weil es nunmal nicht die Technik dazu ist. Wenn ich sage: Jeder macht fünf Drucke und dann ist Schluss, mache ich mich unbeliebt. Ich weiß, dass auch der sechste Druck nicht ihren Ansprüchen genügen wird. Dabei kommt es bei der Bewertung doch auf ganz andere Kriterien an…“ „Zum Beispiel?“ Die Kollegin lacht. „Bei den Drucken kam es zwar auch auf den Bildaufbau und die Arbeit mit Hell-Dunkel an, aber vor allem auf die eigene Idee!“

Nun bin ich gespannt auf eure Beobachtungen zu diesem Thema.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

Advertisements

Getaktete Kindheit

Liebe Leser,

in völligem Bewusstsein, dass es mir in meiner Stellung als Lehrerin an einem Gymnasium in Baden-Württemberg noch richtig gut geht, so möchte ich mir doch von der Seele schreiben, was ich immer mehr beobachte und was mich so sehr an meiner Profession zweifeln lässt, dass ich immer häufiger über Alternativen zum Lehrberuf nachdenke. Dabei bin ich mit Leib und Seele Lehrer. Ich begreife mich als Person, die jungen Menschen einen Teil der Welt nahe bringt, in dem sie ihnen Wissen vermittelt, denn ohne Wissen kann man nichts beurteilen, Fähigkeiten, mit Material und Situationen umzugehen, denn alles Wissen nützt nichts, wenn ich es nicht einordnen kann, und sie gleichzeitig versucht anzuhalten, genau dies wieder zu hinterfragen, denn ich will sie nicht zu Ja-Sagern erziehen, sondern zu kritischen, mündigen Bürgern. Dazu gehört für mich das Pädagogensein zwingend dazu. Ich bilde nicht aus, ich bilde und ich erziehe Menschen. Guten Morgen und Auf Wiedersehen, bitte und danke, ja und nein und immer ein Lächeln als kürzesten Weg zwischen zwei Menschen sind da nur ein Anfang.

Nein, ich bin kein Dienstleister, nein, ich bin kein Input-Manager und nein, ich bin kein Lernbegleiter. Ich bin Lehrer. Pädagoge.

Ich arbeite mit Kindern und Jugendlichen, nicht nur mit Schülern. Aber wie soll die Menschlichkeit nicht auf der Strecke bleiben, wenn mir die Sinnhaftigkeit meines Tuns abhanden kommt? Um Lehrer zu sein, muss ich Mensch sein können. Um Schüler zu sein, müssen Kinder auch noch Kinder sein dürfen. Und genau das vermisse ich immer mehr.

Wir takten in unserem Land die Kinder ein wie Erwachsene. Jede Minute ist mit sinnvoller Beschäftigung ausgefüllt – allem voran mit Schule. Die Kinder haben inzwischen einen Stundenplan, der ihnen eine Wochenarbeitszeit von locker vierzig Stunden beschert. Lernen kann Spaß machen, ich weiß. Projekte sind toll. Klar. Merkt ihr, dass das hohle Phrasen sind? Fünftklässler, die zweimal in der Woche Nachmittagsschule haben, Zehntklässler, die bereits an vier Nachmittagen in der Schule bleiben – aber nicht, um in der Theater-AG die eigene Persönlichkeit zu bilden, sondern schnöde um Physik und Geografie zu pauken. Wie um Himmels willen sollen ernsthaft Sechsklässler Geschichte begreifen, die dieses Fach einmal die Woche zwischen 15.30 und 17.30 Uhr haben, nach Englisch, Mathe und Biologie? Unsere Schüler haben nicht nur Kunst und Musik und Sport am Nachmittag – und nebenbei, auch diesen Fächern tut man Unrecht, wenn man sie so an den Rand verdrängt und tut, als wäre das alles Erholung und Larifari, ein reiner Spaß und gar keine Anstrengung. Von früh um acht bis abends halb sechs halten sich die Kinder in hässlichen Räumlichkeiten, wahlweise in zugigen Gängen oder stickigen Klassenräumen auf, sie hecheln von einem Fach zum nächsten, Schule als Lebensraum ist in meinem Umfeld nicht vorgesehen. Begeisterung für Bildung kann da nur die Ausnahme bleiben. Kreatives Andersdenken fällt zu oft unter den Tisch. Zukunft ist anderes. Aber sie lernen auf alle Fälle das Im-Takt-Marschieren. Und sie geben sich redlich Mühe. Ich staune, wie fleißig die Schüler trotz dieser enormen Belastung in der Regel doch sind. Sie haben das Arbeitsleben schon völlig internalisiert.

Wenn es nur diese zwei Nachmittage wären, dann könnte man ja mit mir reden. Aber so ist es nicht. Der normale Stundenplan eines Kindes sieht vielerorts ganz anders aus. An den wenigen freien Nachmittagen findet mindestens noch der Sportverein, die Musikschule und nicht zu vergessen die Nachhilfe statt. Gerne Mathe UND Latein.

Das führt dazu, dass die Kinder nichts mehr mit sich anzufangen wissen, haben sie tatsächlich einmal frei. Wenn ich mittags nach der einstündigen Pause in die Schule zurückkomme, lungern die Fünftklässler schon im Flur herum und fragen, wann es weiter geht, denn ihnen sei langweilig. Gut denke ich, aus Langeweile kann etwas entstehen – etwas Neues. Aber wenn ich mich in der trostlosen Umgebung umschaue und weiß, dass es bis zum Klingeln eh nur noch sieben Minuten sind, ist mir schnell klar, dass auch jetzt nicht Neues entstehen wird. Dann eben Smartphonegedaddel. Das lenkt wieder schön vom eigenen Ich ab.

Es gibt so viele Details, die ich argumentativ heranziehen könnte, aber ich bin es manchmal einfach leid, weil alles Rufen nichts bringt. Wir tackten die Kindheit nur noch enger. Damit Mutter und Vater sorglos arbeiten gehen können. Warum auch nicht. Da habe ich gar nicht dagegen. Nur eben nicht SO!

Und ich bin Teil dieses absurden Systems. Auch ich versuche um 16.20 Uhr Zwölfjährigen etwas zu erklären, anstatt mich mit ihnen draußen ins Herbstlaub zu legen und die letzten warmen Sonnenstrahlen zu spüren, gemeinsam einen Kuchen zu backen und mit ihnen über das Leben zu diskutieren. Wahrscheinlich könnten sie dabei auch eine Menge lernen, doch das ist nunmal nicht so gut abrechenbar. Aber es ist eben 16.20 Uhr und die Schule geht bis 17.30 Uhr und hier ist mein Bildungsplan. Und Kakaotrinken ist in den Schulräumen sowieso verboten. Wenn der Kakao mit den giftigen Dämpfen des abgelatschten, grauen Linoleums zusammentrifft… Grau sind auch die Wände und die Spinde rechts und links im Flur. Farbe wäre ja auch noch schöner. Schule könnte ja Spaß machen. Schule könnte ja ein Lebensraum sein. Leider sieht meine neue Schule sowohl von außen als auch von innen eher aus wie eine Jugendstrafanstalt. Das sind uns also die Kinder wert, unsere Kinder, die Zukunft.

Es reicht ja nicht einmal für einen regelmäßigen Anstrich. Aber wollen die Eltern das überhaupt? Kinder, die den Nachmittag nicht mit einem weiteren Run auf die Poolposition verbringen, sondern an ihrer Persönlichkeit basteln? Haben sie nicht alle Angst, dass ihr Kind dann nicht mitkommt in dieser Welt, wo scheinbar nur die harten Fakten zählen? Ein anderer könnte es überholen. Deshalb muss alles einen Mehrwert haben, vor allem die Freizeit der Nachmittag.

Wenn ich daran denke, wie ich die Nachmittage verträumt habe, welche Wege ich in Kauf genommen habe, um Freunde zu treffen, dafür aber auch die Zeit und das Gottvertrauen meiner Eltern hatte. Was ich neben der Schule alles gemacht habe – aus Langeweile, wovon vieles sinnfrei war und sich doch in ein großes ganzes Selbstbestimmtes gefügt hat. Sprich, wie ich ein kreativer, neugieriger, selbstdenkender Mensch geworden bin. Mir ist völlig klar, dass man die Welt nicht zurückdrehen kann und dass früher nicht alles besser war. Das heißt aber nicht, dass man vor negativen Beobachtungen in der Gegenwart die Augen verschließen muss und behaupten darf, das sei eben so, dass sei der Fortschritt, es gehe nicht anders.

Ich bin sicher, dass es anders geht. Ich bin mir nur nicht sicher, welche Rolle ich in dieser Fantasie spiele. Das ist gerade mein Problem.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 35: Globalisierter Ausschuss

Liebe Leser,

am Schuljahresende müssen nicht nur alle Noten gemacht werden, die Zimmer ausgeräumt und die Schulfeste organisiert werden, nein, da müssen auch alle Schulbücher kontrolliert und eingesammelt werden, um die Exemplare für das nächste Schuljahr bereitzustellen. Das ist an sich kein großer Akt, wenn man den Dreh raus hat. Da ich das nicht zum ersten Mal mache, läuft das in meiner Klasse wie geschmiert, obwohl ich bei ein paar Kollegen feststellen konnte, dass manche auch nach fünfzehn Dienstjahren nicht verstehen, was ein Zweitbenutzer ist und dass der Atlas nicht jedes Jahr eingesammelt und wieder ausgeteilt wird – was dann zu unnötigem Chaos führt. Jedes Jahr bei den gleichen Kollegen.

Aber um diese wenigen Schnarchnasen soll es nicht gehen, denn die meisten Kollegen machen ihren Job EINS A. Und Schnarchnasen gibt es überall. Kollegen, die die Bücher nicht kontrollieren zum Beispiel und dann völlig schrottige Teile abliefern. Das ist das Thema. Aber ohne Schnarchnasen.

Ein Schulbuch sollte einfach länger als ein Jahr leben, denn es ist teuer und Schulen haben bekanntlich selten zuviel Geld. Nehmen wir unser Deutschbuch. Es kostet circa 25 Euro. Die letzte Charge hat ohne Probleme sechs, sieben Jahre gehalten. Dann wurde der neue Bildungsplan angekündigt und wir haben abgewartet, bis die neuen Bücher von den Verlagen rauskamen, obwohl die Bücher wirklich nicht mehr schön aussahen. Das hat noch einmal zwei, drei Jahre gedauert. Dann konnte man die Bücher wirklich in den Müll schmeißen. Aber so manches Deutschbuch hatte dann tatsächlich seine zehn Benutzer auf dem Buchdeckel. Kinder, die ihre Schultaschen im Flur umherwerfen und die Bücher munter drin herumpurzeln lassen, Kinder, die ihre Trinkflasche nicht ganz fest zugeschrauben, Träumer, die doch ins Buch mit Bleistift schreiben und dann radieren müssen, was auf Hochglanzseiten einfach Mist ist. Zehn solcher Benutzer, aber das Schulbuch hielt!

Nun sind wir komplett neu mit Deutschbüchern eingedeckt. Schick sahen die aus, als sie vor einem Jahr ankamen. Viele meiner Schüler mussten sie gar nicht immer mitbringen, weil ich manche Einheiten komplett ohne Buch gestalte, weil ich die Kinder anhalte, sich mit dem Nebensitzer zu verabreden, damit die Schultaschen leichter werden. Ich bringe Mathe mit und du Deutsch. Das finde ich sinnvoll. Manche Bücher wurden also nur zuhause für die Hausaufgaben aufgeklappt. Keines meiner Kinder hat in sein Buch geschrieben, es gibt kaum einen Wasserschaden zu beklagen nach diesem einem Jahr – ABER

 

DIE BÜCHER SIND IM GRUNDE ALLE HIN.

 

Die halten maximal noch ein Jahr, dann fliegen die ersten Seiten aus dem labberigen Buchrücken heraus. Diese Bücher sind der reinste Ausschuss – made in China.

Rechnen wir mal kurz: 25 Euro mal 100 Sechstklässler, das dann noch mal die anderen Klassenstufen und mal die anderen Fächer, denn in Mathe oder Englisch sind die Bücher auch nicht qualitätsvoller. Und dieser Betrag müsste nun aller drei Jahre zur Verfügung stehen. Ausgerechnet jetzt, wo sich die Schulen doch alle neue Rechner und Tablets anschaffen sollen. Und die Kommunen sollen die Breitbandverkabelungen bezahlen und die Instandhaltungskosten und nun die erhöhten Buchrechnungen. Unsere Kommune ist übrigens chronisch pleite.

„Das müssen wir dem Verlag rückmelden“, sage ich zum Buchverantwortlichen.

„Haben wir längst“, sagt der Buchverantwortliche.

„Das kann man sich doch aber nicht gefallen lassen, müssen wir das nächste Mal doch andere Bücher kaufen“, überlege ich.

„Hat keinen Wert, die anderen Verlage lassen inzwischen auch alle in China drucken“, meint der Buchverantwortliche.

„Dann fange ich mal an vom digitalen Schulbuch zu träumen…“, denke ich mir so, aber dann fällt mir ein, wie absurd das wieder ist, weil ja die Tablets nicht weniger Folgekosten machen.

Ist es eigentlich nicht mehr möglich, für 25 Euro ein hochwertiges Schulbuch in DEUTSCHLAND zu produzieren?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 28: Die Lücke, die der Teufel lässt 2

Liebe Leser,

es verändert sich noch mehr in unserer Gesellschaft, diesmal geht es nicht ums Internet und die Wahrnehmung von Wirklichkeit, sondern um die heilige Institution Familie. Aber fangen wir mit dem Altern an…

Warum altern wir? Seltsame Frage, oder? Unser Körper wird halt schwach. Aber so meine ich diese Frage nicht. Biologisch gesehen ist es nicht sinnvoll zu altern. Die meisten Lebewesen sterben recht schnell, wenn sie sich nicht mehr reproduzieren können. Anders einige Säugetiere und eben der Mensch. Eine Frau um die 50 kann sich in der Regel nicht mehr ohne fremde Hilfe reproduzieren, hat aber statistisch gesehen noch drei gute Jahrzehnte vor sich. Selbst wenn wir sagen, sie muss ja noch Kinder großziehen, können wir klar behaupten: Im Normalfall bekommt eine Frau zwischen 20 und 40 Kinder und die sind mit 10 Jahren auch in unserer Gesellschaft allein lebensfähig, also was soll das lange Alter?

Wissenschaftler haben natürlich Theorien: Alte Menschen haben Erfahrungen und werden ob dieser Weisheit geschätzt, insbesondere alte Frauen halten durch ihre hohe soziale Kompetenz Gemeinschaften zusammen und sichern so deren Fortbestand. So eine Theorie will aber nachgewiesen werden. Und das versuchen Wissenschaftler natürlich.

Karen McComb untersuchte zusammen mit ihrem Team über Jahre hinweg das Verhalten von Elefantengruppen im Amboseli-Nationalpark in Kenia. Solche Familiengruppen, die aus Elefanten unterschiedlichsten Alters bestehen, werden in der Regel von meist der ältesten Elefantin angeführt, da diese die größte Fähigkeit hat, Freund und Feind der anderen Elefantenfamilien, die man so trifft, wenn man auf Futtersuche durch die Steppen streift, unterscheiden zu können. Dies können sie schon anhand der sich über Luft UND Boden ausbreitenden Schallwellen der Rufe der fremden Tiere identifizieren. Je älter das Leittier war, desto besser konnte es das fremde Verhalten im Vorfeld einschätzen und die eigene Sippe schützen – ein klarer Vorteil.

Nun sind wir keine Elefanten, aber auch wir schätzen in der Regel die Erfahrung, die ältere Menschen haben. Für berufstätige Mütter ist es ein großer Vorteil, wenn sie eine Großmutter in der Nähe haben, die sie bei der Erziehung und Betreuung der eigenen Kinder unterstützt. Ist die Familie weit weg, so ist es doch eine unglaublich wichtige Basis, wenn man miteinander telefonieren kann und sich so wenigstens emotional Rückendeckung geben. Manchmal hilft auch ein guter Rat.

Wenn wir den überhaupt wollen. Und genau das ist die Veränderung, die ich zunehmend beobachte und die unserer Gesellschaft möglicherweise in den nächsten Jahrzehnten mehr beeinflussen wird, als wir momentan glauben, da wir alle ja selbst mit unserem Leben, den Kindern, der Arbeit voll beschäftigt sind.

Immer mehr Menschen in meiner Umgebung definieren ihre Familie ausschließlich über das Modell Mutter-Vater-Kind. Und keiner hat da reinzureden. Großeltern werden manchmal gebraucht, um die Enkel zu versorgen, aber ihre Meinung zu verschiedenen Dingen haben sie bitteschön für sich zu behalten.

Es geht mir nicht darum, dass man alles miteinander teilen muss. Ich romantisiere auch keine Großfamilien im 19. Jahrhundert, wo sich alle dem Familienpatriarchen unterzuordnen hatten. Aber ich sehe Großeltern, die sich nicht trauen, etwas von früher zu erzählen oder mit ihren Kindern über Erziehung überhaupt einmal zu reden, weil sie Angst haben, dass ihre Kinder sich bevormundet fühlen und ihnen im schlimmsten Fall die Enkel entziehen. Ich sehe auch berufstätige Mütter, die sich lieber Betreuung einkaufen, als ihre Kinder ab und zu in der eigenen Familie betreuen zu lassen, weil sie sich ja nicht in Abhängigkeiten begeben wollen. Wer zahlt, bestimmt die Regeln. Ich sehe Familien, in denen ein normaler Diskurs abgebrochen wurde, wenn es um private Dinge geht. Man spricht noch über den Urlaub und das neue Auto, aber wehe die Oma fragt, wie es in der Schule läuft, oder der Opa will wissen, ob Mäxchen schon Fahrrad fahren kann. Familiäre Dialoge werden so zum Lauf auf dünnem Eis.

Ein Glück, wenn dies bei euch nicht so ist. Ich selbst schätze mich glücklich, weil ich meine Eltern und sogar von Zeit zu Zeit die Schwiegereltern anrufen kann und alles Mögliche besprechen. Natürlich stammen manche ihrer Meinungen aus dem vorigen Jahrhundert, aber wir reden dann darüber. Sie erzählen mir, wie das früher war, und ich erzähle ihnen, wie sich die Welt inzwischen verändert hat und warum manches so nicht mehr geht. Und stellt euch vor: vieles ist noch genau gleich und für das andere haben sie meist volles Verständnis. Meist. Grenzen gibt es immer. Aber wir sind im Gespräch.

Mein Vater sagt immer häufiger, er wolle uns noch ein wenig erhalten bleiben. Und statistisch gesehen ist mir klar, dass er inzwischen in geschenkten Lebensjahren lebt. Ich möchte noch einiges von ihm erfahren, denn mit ihm wird die Generation sterben, die tatsächlich noch vor dem zweiten Weltkrieg geboren wurde. Bei meinen Großeltern war ich zu jung, um diesen Schatz zu verstehen. Wir haben viel zu wenig von früher gesprochen. Das ist nun längst zu spät.

Ich hatte Freunde, die ihre alten Eltern als Last empfinden. Inzwischen sind wir nicht mehr befreundet. Einmal im Jahr besuche ich dennoch die Eltern der Freunde. Das mag seltsam erscheinen, aber sie freuen sich so und nehmen sich die Zeit zum Erzählen. Warum ich mit ihren Kindern nicht mehr befreundet bin? Sie haben keine Zeit mehr. Arbeit, Kindererziehung, das alles fordert so viel Kraft. Und dann auch noch die nervigen Eltern, die die Enkelkinder so gerne sehen wollen und dann doch alles falsch machen, weil sie einfach nicht im Hier und Jetzt angekommen sind, bestimmt reden die auch schlecht über uns.

Tun sie nicht. Die Eltern verteidigen ihre Kinder, berichten, wie viel die Kinder arbeiten müssen und wie fleißig die Enkelkinder sind, wie anstrengend das Leben geworden ist und wie toll das ihre Familie meistert. Und sie springen immer ein, wenn sie gebraucht werden. Es sind Eltern, die ihre Familie über alles lieben. Aber die Familie sieht das nicht im gleichen Maße.

Dies ist nicht der einzige Fall, den ich kenne, sonst würde ich hier nicht darüber berichten. Und natürlich weiß man nie genau, was in Familien vorfällt. Deshalb will ich niemanden beurteilen, schon gar nicht verurteilen. Ich frage mich nur, was aus den Elefantenfamilien würde, wenn sie die alten Leitkühe verstoßen und nicht mehr auf sie hören, weil die eh zu alt sind? Welchen Wert hat das Alter bei uns Menschen in diesem Falle?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Osterferien 3: Stadtgeflüster

Liebe Leser,

Herr und Frau Henner unternehmen eine kurze Reise in eine deutsche Großstadt. Es sind nur ein paar Stunden mit dem Zug, aber doch ist es eine unendliche Reise in eine völlig andere Welt. Und genau aus ebendiesem Grund muss ich hier davon berichten. Wir sehen doch jeder nur einen so kleinen Ausschnitt von der Welt und gehen oft irre in dem Glauben, das wäre sie – die Welt. Nein, sie ist es nicht. Es gibt tausende Welten und die fangen schon hinter unserer Haustür an.

Oder eben beim Aussteigen aus einem ICE. Wir kommen abends an, es ist bereits dunkel. Als wir die Bahnhofshalle verlassen, hören wir um uns herum die laute Stadt, aber kein einziges deutsches Wort mehr. Dafür empfängt uns ein Mensch mit so dunkler Hautfarbe, dass er mit der Nacht verschmilzt, mit den Worten: Welcome in the jungle! Immer wieder ruft er: Well-kamm in de dschung-gell! Seine weißen Zähne blitzen im Nichts wie die der Grinsekatze bei Lewis Carroll. Schon jetzt komme ich mir vor wie in einem Film.

Wir tauchen ein in das Menschenbad hinterm Bahnhof. Türkische Bars mit türkischen Männern davor. Gruppen afrikanischer Männer, Flüchtlinge aus Syrien – junge Männer in Gruppen. Es ist bunt, laut und so es fühlt sich fremd an. Ganz wertfrei. Einfach ungewohnt. Überall ist Gewusel, Musik, Gerede, Menschen drängen sich zusammen. Es ist trotz der vielen Lichter einer Stadt wirr und unübersichtlich. Als Frau wird mir dann doch mulmig. Das hat möglicherweise gar nicht mit der fremdländischen Herkunft der Herren zu tun, sondern vielmehr mit der Menge sich zusammenrottender Männer. Ich bin doch nur eine kleine, zaghafte Frau vom Lande! Und damit eine der überhaupt wenigen Frauen hier und eine der ganz wenigen ohne Kopftuch.

Ohjeh, was bin ich nur für ein Landei! Ich habe nicht geahnt, wie extrem sich das Stadtbild in manchen Großstädten in Deutschland in den letzten Monaten gewandelt hat. Als ich Studentin war und nach dem Studentenclub allein durch die große Stadt geradelt bin, hat man in Deutschland abends brav die Bürgersteige hochgeklappt und sich hinter Vorhängen beim Tatort verschanzt. Die Studenten hatten ihre Kneipen und die nächtliche Stadt gehörte den Katzen und eben spät heimradelnden Studenten. Nun gehört sie jungen Männern mit ausländischer Herkunft. Würde ich als Studentin noch sorglos mit meinem Rad allein hier langfahren? Nö, ganz sicher nicht. Langsam verstehe ich Frau K., die ihre Tochter nicht mehr abends allein zum Geigenunterricht gehen lässt. Die Welt verändert sich und mit ihr verändern sich auch unsere Handlungsweisen.

Ist es übertriebene Furcht? Ist es Separatismus? Ich fühle mich nicht so. Ich habe keine Angst. Ich bin hier in Deutschland, was soll mir schon passieren, denke ich und klammere mich doch ein wenig an meinen Herrn Henner. Aus dieser Position heraus kann ich das Treiben um mich herum sogar mit einer gewissen Faszination und Neugier betrachten. Zusammen mit meinem Mann. Allein würde ich hier nicht herkommen.

Erschöpft von der Reise fallen wir in unsere Hotelbetten. Nachts schlafen wir nicht besonders gut, was mit der ungewohnten Umgebung zusammenhängt. Wir mussten die Fenster und die Vorhänge schließen, um uns vor dem Lärm der Straße und den Lichtern des gegenüberliegenden Hochhauses zu schützen. Jetzt liegen wir in einem hermetisch abgeriegelten Raum und bekommen kaum Luft. Für Landmenschen ist das kein Zustand. Wenn ich in unserem Dorf ins Bett gehe, kann ich das Fenster auflassen, die einzigen Geräusche sind das Grillengezirpse am Abend und der Vogelgesang am Morgen. Vielleicht noch das Blätterrauschen vom Wind. Dazwischen ist unendliche Ruhe. Licht gibt es auch nicht, da ich in einer Gegend lebe, in der tatsächlich um Mitternacht die Straßenlaternen ausgeschaltet werden. Nachst sind wir einer der dunkelsten Flecken Deutschlands, dafür leuchten hier die Sterne besonders hell.

Dafür begegnet man tagsüber auch kaum einem Menschen. Das ist in so einer Großstadt natürlich ganz anders. Hier pulsiert das Leben. Menschen joggen, radeln, frühstücken im Gehen, hören Musik, smartphonen oder machen alles gleichzeitig und sehen dabei auch alle gut aus. Jeder weiß, dass er gesehen wird. Die Welt gehört ab Morgen wieder der etablierten Bevölkerung. Die Stadt zeigt sich offen und bunt und hell, auch wenn hier nicht jeder freundlich zum anderen ist. Der Mensch bleibt halt der Mensch. Wir erleben einen wunderschönen Tag und gehen zum Abschluss am Abend fein essen. Ganz in Ruhe.

Und hier der größte Kontrast. In diesem Restaurant ist alles bis ins kleinste Detail gestaltet, die Gäste sind distinguiert oder tun zumindest so. Der Ober ist zurückhaltend und ungeheuer aufmerksam zugleich. Die Kerzen lassen das gesamte Ambiente golden leuchten. Das ist wieder eine andere Seite Deutschlands. Dieser Abend hier hat nichts mit meinem bäuerlichen Sternenhimmel zu tun und erst recht nichts mit dem wenige Kilometer entfernten Bahnhofsviertel. Deutschland mit den vielen Gesichtern…

Wieder angekommen am Kleinstadtbahnhof – an dem niemand herumlungert, weil da einfach nichts ist zum Herumlungern – und durch die vertraute Natur fahrend, die so schön ist, dass es an ein Wunder grenzt, dass hier kaum einer leben will, freue ich mich, dass mir all die Annehmlichkeiten der Großstadt (Cafés, Kultur und fröhliches Menschentreiben) nicht so wichtig sind wie die Vorteile eines Landlebens (gute Luft, Ruhe und Gelassenheit). So ist es mir möglich, auch all die negativen Seiten eines Lebens weit ab vom Puls der Zeit zu ertragen. Ein kurzer Ausflug reicht mir völlig.

In den letzten Tagen habe ich viel über die Urbanisierung nachgedacht. Mir ist völlig klar, dass nicht alle Menschen freiwillig in die Städte ziehen. Natürlich ist das Landleben nicht nur Landlust. Wir sind hier nicht naiv! Aber es gibt auch noch die Menschen auf dem Lande. Und deren Lebensbedingungen sollten wir in unserer Gesellschaft nicht vernachlässigen, sonst gehen immer mehr junge Menschen in die Städte und dann wird es da verdammt eng für euch.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

SW 20: Politikum oder der Untergang des Abendlandes

Liebe Leser,

seltsam ruhig bleibe ich, als ich den neusten Dorfklatsch erfahre. Auch als ich mich pflichtbewusst ans Internet setze und verifiziere, bleibe ich ruhig, selbst wenn ich dort Dinge erfahre, die mich schockieren müssten. Ich bin nicht glücklich über das, was ich lese, aber meine Emotion erreicht es nicht. Ich überschlage, wie sich meine private Situation im nächsten Jahr verändern wird. Das schaffe ich schon irgendwie, muss ja geh’n. Als ich am Abend Herrn Henner davon berichte, guckt er mich an und sagt: „Erzähl bloß nicht weiter, da wird mir schlecht, ich will das gar nicht wissen. Das ist der Untergang des Abendlandes!“

Sonjas Mama, die mich überhaupt auf den Trichter gebracht hat, hat es so formuliert: „Das geht gar nicht!“ Meine Mutter, mit der ich am Nachmittag lange über dieses Thema gesprochen habe, sagte immer wieder: „Das kann ich gar nicht glauben, dass es das in Deutschland gibt. Das kann doch nicht erlaubt sein!“

Dunkel erinnere ich mich an eine Fernsehsendung, in der über eine Grundschule berichtet wurde, in der die Schüler sich alles selbst beibringen und die dafür einen der vielen Schulpreise erhalten hat. Unser Dorf hat also ab nächstes Jahr enorme Chancen, auch endlich mal in den Medien präsent zu sein – denn wir werden Bildungstrendsetter!

Unsere Grundschule soll über die Sommerferien komplett umgebaut werden – nicht das Gebäude (Schön wär’s!), nein das System. Es wird keinen klassischen, schlechten Deutsch- und Matheunterricht mehr geben (Ihr wisst schon – Frontalunterricht buhen die Medien, obwohl seit vielen Jahren moderner, differenzierter Unterricht in Grundschulen stattfindet), nein, selbst das Lesen und Schreiben werden sich die neuen, schlauen, motivierten Erstklässler größtenteils selbst beibringen. Die ersten zwei Schulstunden arbeitet jedes Kind allein individuell an Arbeitsblättern, die die Kinder sich , weil sie das so gut schon können, ganz nach ihrem eigenen reflektierten Bildungsniveau aus einem Regal zusammenstellen die von der Lehrerin nach dem Leistungsniveau des Kindes zusammengestellt werden. Zuerst reflektiert das Kind: Wo stehe ich? Was kann ich? Was möchte ich gerne können? Dann geht es zum Regal und sucht sich das entsprechende Material heraus setzt sich an seinen Platz und füllt das entsprechende Arbeitsblatt aus. Hat das Kind dabei Probleme, erklärt die Lehrerin nichts, sondern gibt Impulse, damit das Kind von selbst auf die Lösung des Problems kommt. Das wäre ja ansonsten der böse, böse Trichter, den man den Kindern in den Kopf steckt und das will ja keiner. Wir wissen ja alle, dass man so niemals im Leben etwas lernt. Trichter sind absolut verboten. Sehr ungesund. Die Lehrerin gibt also jedem der fünfundzwanzig Kinder zum rechten Zeitpunkt den richtigen Impuls und dann flutscht die Erkenntnis wie von allein hinein. Sie hat ja auch voll den Überblick. In der Schulpreisschule waren pro kleiner Lerngruppe zwei Lehrer anwesend – aber darauf kommt es wohl doch nicht an. Lehrer sind ja keine Lehrer mehr, darf man auch nicht mehr so nennen. Sie heißen also auch in unserer neuen Grundschule Lerncoaches oder Lernbegleiter. Und Coaches sind ja per se besser und können fünfundzwanzig Kinder allein bewältigen, auch wenn jeder tatsächlich etwas anderes macht. Wow!

Keinem Kind soll vorgeschrieben werden, was es lernt, wie lange es etwas übt oder wie es sich in der Gemeinschaft zu verhalten hat. Das muss kann das Kind allein entscheiden. Denn nur, was es selbst lernen will, lernt es auch. Sonjas Mama erzählt, dass das Material übrigens aus Kopien der üblichen Lehrbücher besteht. In der Schulpreisschule waren es ganze Räume voll anregendem Materiel, etwas hochtrabend Forscherboxen und Labore genannt. Für unser popeliges Dorf reichen olle Kopien im Sammelordner. Sehr motivierend. Ab sofort wieder Lernen in schwarz-weiß.

Die Nebenfächer werden dann am späten Vormittag im Klassenverband unterrichtet und dabei kommen auch endlich andere Sozialformen zum Einsatz. Dann will man die Kinder zu Gemeinwesen erziehen. Kinder können das gut trennen. Jedes Kind ist schließlich begabt, jedes Kind will lernen. Sonjas Mama schluckt: „Und wenn mein Kind keine Lust auf Mathe hat?“ „Dann reden wir mit dem Kind und versuchen die Ursachen herauszufinden“, versucht die Grundschullehrerin zu beschwichtigen, die für die Kooperation mit den Eltern zuständig ist. Sonjas Mama ist nicht überzeugt. „Ich könnte dann in der Folgewoche ihrer Tochter nur Mathearbeitsblätter bereit stellen…“, schlägt die Lehrerin vor. Jetzt ist Sonjas Mama vollends verwirrt: „Aber dann ist es ja wie früher, warum sagen Sie dann nicht gleich, jetzt machen wir Mathe!?“ „Wenn wir Kinder zum Lernen zwingen, lernen sie nichts.“ Der Lehrer ist immer der Böse.  Lernbegleiter sind die Guten. Andere Mütter überlegen krampfhaft, wie Arbeitsblätter gestaltet sind für Kinder, die noch nicht lesen können, die ihnen aber das Lesen beibringen sollen.

Was geht mich das alles an? Mal abgesehen davon, dass wir dann in viereinhalb Jahren Kinder am Gymnasium haben, die noch nie eine Klassenarbeit zu einem festgelegten Zeitpunkt geschrieben haben – denn jedes Kind kann selbst entscheiden, wann es die Arbeit schreibt und wie oft und wieviel Zeit es dafür haben möchte, betrifft es mich auch persönlich. Denn da ist der kleine Leo.

Leo gehört inzwischen zu unserer Familie, wir verbringen Zeit miteinander, ich kümmere mich um sein Fortkommen, seine Bildung – mehr erfahrt ihr nicht, das muss reichen. Leo wird nächstes Jahr eingeschult und nun ahnt ihr, was das für mich bedeutet. Meine Nachmittage werden ich jetzt nicht mit einfacher Hausaufgabenbetreuung zubringen , wie ich mir das vorgestellt habe (Erwachsene schnippelt Gemüse fürs Mittagessen, Kind sitzt am Küchentisch und rechnet mal eben die zwei Reihen aus dem Mathebuch runter und wird ab und zu vom Träumen abgehalten), weil ich es von Lucy so kannte, nein, ich werde Leo höchstwahrscheinlich Lesen und Schreiben beibringen, Mathe erklären, Rechnen üben, die Grundregeln der deutschen Rechtschreibung erläutern, denn auf letzteres legt man in der neuen Grundschule keinen Schwerpunkt. Geht das vielleicht nicht so gut über Arbeitsblätter? Sonjas Mama erklärt: „Also die Kinder sollen sich das immer selbst kontrollieren.“ Habt ihr schon mal von Kindern kontrollierte Diktate gegenkorrigiert? Das klappt selbst in meiner sechsten Klasse noch nicht. Für eigene Fehler ist man sowieso blind und die der Freundin übersieht man auch und wie soll man die Fehler vom Jan finden, wenn man als Franca selbst keine Ahnung hat? Die Grundschullehrerin sagt auf alle Zweifel lächelnd zu Sonjas Mama: „Glauben Sie mir, dass kann Ihr Kind!Trauen Sie Ihrem Kind einfach ein bisschen mehr zu!“

Und damit hat sie gar nicht so Unrecht. Frau Henner wird Nachmittags zum Hilfslehrer mutieren. Und auch Sonjas Mama und andere Mütter werden es so machen, denn wir sind nicht davon überzeugt, dass Sechsjährige schon zu solch anhaltendem Lerneifer, Reflexion über den eigenen Kenntnisstand und Entscheidungsfestigkeit fähig sind, wie sie an der neuen Grundschule abverlang werden.

Und wer fällt hinten runter? Na klar, die Kinder aus bildungsfernen Haushalten, Kinder mit nichtdeutschsprachigen Eltern, Kinder mit vollberufstätigen Eltern. Die, die sich auf das Schulsystem verlassen müssen, werden nach vier Jahren preisverdächtiger Schule feststellen, dass ihr Kind es doch nur auf die Gemeinschaftsschule schafft, es sei denn, das ortsansässige Gymnasium zieht nach.

Dann braucht man mich gar nicht mehr. Den Vormittag lang Kindern zugucken, wie sie Arbeitsblätter ausfüllen oder ebensolche nachkopieren, darauf habe ich wirklich keine Lust, dann schaue ich mich lieber nach Plan B um. Ganz ruhig und geerdet, das Leben geht weiter. Wenn ihr das Goldene vom Ei gefunden habt, schön, vielleicht muss man mich als Herzblut-Lehrer tatsächlich ausrangieren. Und es muss mindestens das Goldene sein, denn die Grundschullehrerin sagte zu Sonjas Mama: „Wissen Sie, unser neues System ist einfach alternativlos, wenn wir den heutigen Kindern gerecht werden wollen.“

Die Gesellschaft wird sich noch schneller wandeln, als wir es geglaubt haben, denn ich vermute, dass es Menschen prägt, wenn sie in ihrer Kindheit die Vormittage allein in Stillarbeit vor Regalen verbracht haben. Mal ein, zwei Stunden die Woche am Vormittag oder in der weiterführenden Schule bei einem Lehrer – meinetwegen – aber nicht als radikales System. Ich wäre unglücklich, würde man mich regelmäßig ans Regal verbannen. In der Grundschule habe ich häufig für die Lehrerin gelernt, wollte auch mal aufgerufen werden, mal meinen Text der Klasse vorlesen dürfen und auch mal Applaus von meinen Klassenkameraden bekommen. Die eindrücklichsten Stunden waren die, in denen zwischenmenschlich etwas passierte. Aber vielleicht verkläre ich.

Lucy ist so ein toller Mensch geworden, trotz der auf einmal verschrieenen Grundschule „alter“ Art, verantwortungsbewusst und sehr sozial. Leo soll diese Chance auch bekommen. Und er soll möglichst umfassend gebildet werden. Lucy hat man zu Mathe zwingen müssen und übrigens auch zum Lesen – das ist ihr anfangs schwer gefallen, aber wir Eltern haben nicht locker gelassen, bis sie die Bücher lieben gelernt hat. Jetzt verschlingt sie sie.

Am Ende wird es heißen, seht ihr, dieses neue System produziert genügend Gymnasialschüler, es funktioniert also. Dass dahinter die Eltern stehen, die nachmittags ihre Kinder unterrichten oder zum Lernen anhalten, wird verschwiegen werden. Denn es passt nicht in die Ideologie, dass jedes Kind hochbegabt ist und folglich von allein lernt.

Viele Grüße aus der aufgewühlten Provinz von eurer Frau Henner

SW 16: Krampf lass nach!

Liebe Leser,

vielen Dank für die vielen Reaktionen auf den letzten Post, gerne klaue ich mir einige Anregungen.

Mit wachen Augen sitze ich gestern mal wieder in einer Grundschule und hospitiere den Deutschunterricht. Mein Augenmerk richtet sich genau auf die angesprochenen Probleme: Schriftbild, Rechtschreibung, Ausdruck. Den Unterricht der Lehrerin lasse ich wohlig an mir vorüberfließen, die Stunde ist mit sehr viel Spielereien vorbereitet: vorbereitete Zettel in weiß hier, vorbereitete Zettel in bunt da, laminierte Merkpunkte für die Tafel, futuristisch klingende Arbeitsformen, alles sehr durchdacht – kann ich nicht meckern, will ich auch gar nicht. Ich denke, an unseren Grundschulen arbeiten in der Regel viele fähige Lehrerinnen. Ausnahmen kenne ich auch, die habe ich hier schon thematisiert, aber mir ist grade so ganz und gar nicht nach Konfrontation. DAS NÜTZT NÄMLICH NIEMANDEN WAS – den Kindern schon gar nicht. Klar könnte ich hinterher mit jovialem Lächeln fragen: „Und wann schreiben die Kinder nun endlich das, was sie da gerade gelernt haben?“ Aber ich habe nur einen Ausschnitt gesehen und die Lehrerin wollte sicher zeigen, was sie alles drauf hat und nicht die Kinderleins nur schreiben lassen. Einen Stift in der Hand hatten sie in dieser Rechtschreibestunde nur ganze fünf Minuten.

Und genau da gucke ich hin. Mich interessiert, wie die Hefte aussehen, wie die Schrift zu lesen ist, wie sie Sätze formulieren und natürlich wie sie rechtschreiben. Zur Erinnerung: Das sind bei uns die katastrophalen Aspekte in der Unterstufe. Und was erlebe ich hier? Sauber und ordentlich geführte Hefte – kein Kind schreibt schräg oder über den Rand. Eine feine Schreibschrift zieht sich durch das Heft. Das andere kann ich nicht einschätzen, da ich kaum selbstformulierte Sätze finde. Die Rechtschreibung ist nicht korrekt, aber doch passabler als anzunehmen, wenn man an die Hefte in unserem Gymnasium denkt. Das lässt nur einen Schluss zu: die Kinder verlernen bei uns grundlegende Fähigkeiten und wir sind daran nicht unschuldig.

WAS PASSIERT DA?

Ein Punkt ist sicher, dass die Schüler bei uns VIEL schneller schreiben müssen und VIEL mehr. Die Zeit reicht einfach nicht zum Buchstabenmalen. Zudem sollen sie bei uns schreiben und denken gleichzeitig, das ist eine Herausforderung.

Ein weiterer Punkt könnte sein, dass wir das Erlernte nicht beibehalten und festigen, weil wir davon ausgehen, dass die Kinder es von allein bringen müssten. Nein, sie können es nicht. WIR müssen weiter üben, üben und einfordern. ALLE Lehrer im Kollegium – und da höre ich schon Frau von Ostrach rufen: „Was sollen wir denn noch machen!“

Wir müssen wieder zurück zum Hefteeinsammeln und Durchgucken, wir brauchen mehr Absprachen und Unterstufenkonferenzen. Wir müssten alle das Methodencurriculum um Basales erweitern und ernst nehmen. Unterstufenschüler schreiben Schreibschrift, ins Heft, Abschreibeübungen, Diktate, Fehler werden nicht nur in Deutsch angestrichen und eine Korrektur wird eingefordert und immer wieder kontrolliert… Ich sehe das alles deutlich und weiß doch, dass das so mit unserem Kollegium nicht machbar ist.

Also mache ich eine ganz persönliche Frau-Henner-Studie. Die Grundschullehrerin hatte mir berichtet, wie viel Mühe das Beibringen und Einfordern der richtigen Stifthaltung sei. Was früher als ein Merkmal der Schulreife galt, ist heute Sache der Grundschule, weil die Kinder aus dem Kindergarten ohne korrekte Stifthaltung kämen. Aber wir kennen das alle: was sich einmal falsch eingeschliffen hat, ist einfach nicht mehr wegzubringen. Auch der kleine Leo hält den Stift falsch. Ich habe sogar schon solche Gummiteile gekauft, die man über die Buntstifte drüberstülpt, damit er keine Wahl hat, aber Leo bekommt es trotzdem hin, auf die Oberseite zwei Finger abzulegen. Immer wieder rutsch der Mittelfinger an die falsche Stelle. Das ist wirklich mühsam – ich habe die Ermahnungen inzwischen sein gelassen, Leo zeichnet schöne Bilder, worum sollte ich mir Sorgen machen? So geht es sicher vielen Erwachsenen. Wir scheuen die Mühe, soll das mal der Lehrer erledigen.

Hält man den Stift falsch, ist die Gefahr von Verkrampfungen höher, die Schrift kann sich unter Umständen nicht so leicht entwickeln. Ehe ihr mir jetzt gleich von eurer Ausnahme berichtet: ja, es gibt Kinder, die die Stifte unmöglich halten und trotzdem schnell und sauber schreiben. Das sind wie gesagt die AUSNAHMEN. Noch immer hoffe ich, dass der kleine Leo auch dazu gehören wird – zu den Ausnahmen. In der Regel ist der Zusammenhang aber anders: falsche Stifthaltung = langsames Schreiben = Mühe beim Schreiben = Krampfung = Gekrakel = Abwehrhaltung. Grob gesagt.

Heute nun gucke ich genau hin. Meine Sechser schreiben. Oh Schreck! Das ist mir so noch nie aufgefallen: von fünfundzwanzig Kindern schreiben ungefähr fünf mit korrekter Stifthaltung. Die anderen verbiegen die Finger auf recht abenteuerliche Weise. Mir tut schon vom Hinschauen die Hand weh – Krampf lass nach! Morgen werde ich das Ganze noch verifizieren, denn ich habe beobachtet, dass es Kinder gibt, die sogar die Stifthaltung beim Schreiben ändern. Dann haben sie zum Beschreiben einen kleinen Gegenstand ins Heft zeichnen müssen. Ich wollte sehen, wer eigentlich eine gerade Linie freihand zeichnen kann und wer einen Kreis, der rund ist und sich von allein schließt…

Mit schlechtem Gewissen komme ich nach Hause. Heute übe ich mit dem kleinen Leo, wie man einen Stift richtig hält. Ab heute achte ich da mehr drauf. Ich kann nicht alles der armen Grundschullehrerin überlassen. Das ist doch mal ein Neujahrsvorhaben!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner