Archiv der Kategorie: Familiengeschichten

SW 32: Natascha spricht deutsch

Liebe Leser,

Leo und ich sind auf dem Kindergartenfest. Zugegeben – ich hatte keine Lust und habe mich dann von seinem Hundeaugenblick breitschlagen lassen. Und wie es so kommt, dann ist es richtig schön geworden.

Die türkischen und syrischen Mamas sind nicht gekommen, dafür alle russischen. Verblüfft stelle ich fest, dass nur Jutta und ich die „Eingeborenen“ sind. Die anderen Mütter reden alle mit einem Akzent. Da sind Natascha und Svetlana, Tatyana und Olga und alle mit Familie. Eigentlich könnten sie auch russisch miteinander sprechen – das habe ich in Lucys Grundschule oft genug erlebt. Aber sie machen es nicht.

Vielleicht nehmen sie auf Jutta und mich Rücksicht, vielleicht wollen sie ihren Kindern ein Vorbild sein, vielleicht leben sie schon so lange hier, dass sich gar nicht mehr die Frage stellt, was man außer Haus spricht. Allein das rollende R und das lange I verrät die Herkunft noch in der Sprache. Vielleicht sprechen sie auch unterschiedliche russische Dialekte und das Deutsche ist die einfachste Verständigung – ich habe keine Ahnung.

Manchmal spricht Svetlana mit dem kleinen Alexander russisch, mit den anderen Frauen aber nie, Tatyana hat sogar deutsche Kosewörter für ihre Kinder parat, obwohl sie fast unter sich sind. Nur einmal flüstert sie ihrem Mann etwas Russisches zu. Das ist in Ordnung, das ist privat, das will ich sowieso nicht hören.

Ich finde das schön. Nicht, weil sie ihre Kultur verleugnen sollen – nein, sondern weil sie mich nicht ausschließen und das wie selbstverständlich. Also unterhalten wir uns über alles Mögliche, während die Kinder durch das frische Grün toben. Für sie spielen solche Unterschiede sowieso keine Rolle. Da zählt viel mehr, wer am schnellsten rennen kann, am höchsten klettern und wer das saftigste Grillwürstchen hat.

Ab dem nächsten Jahr werden unsere Kinder in verschiedene Grundschulen gehen und es werden sich verschiedene Lebenswege auftun. Dieser Nachmittag ist ein kleiner, feiner Moment, wo es nicht um Unterschiede geht – weil wir alle eine gemeinsame Basis haben. Svetlana wird nie meine Freundin werden, weil ich ihre Einstellung zu einigem nicht mag, aber das ist gerade völlig egal. Wir reden einfach miteinander. Tatyana finde ich sehr sympathisch. Wir reden miteinander. Und das ist des Pudels Kern.

Wir reden.

Und die Kinder spielen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 31: Von roten Riesen und weißen Zwergen und vom Sterben des Lichts

Liebe Leser,

der kleine Leo ist ein pfiffiges Kind, es wird Zeit, dass er in die Schule kommt. Und ganz, ganz langsam beginnt er sich auch darauf zu freuen. Weil dann nicht nur die große Lucy wichtig ist, wenn sie sagt: „Also, ich mach dann mal Schularbeiten!“

Heute ist Lucy im Freibad. Herr Henner muss arbeiten. Leo und ich sitzen allein am Mittagstisch. Zuerst erzählt er von Cäsar und erklärt mir, dass der alleine regieren wollte. Und ja, das hat den anderen Senatoren im alten Rom nicht gefallen und da haben sie ihm die Toga weggerissen und ihn… na du weißt schon… Der kleine Leo redet nicht gerne über den Tod. Und so kommen wir von ganz realen Tod eines mächtigen Mannes zum Tod der roten Riesen. Ob ich wüsste, wie die sterben? Weiß ich nicht. Macht nichts. Das erklärt mir der kleine Leo. Vieles kann er auf meine Nachfrage mit eigenen Worten erklären und nicht nur Theo, Tess und Quentin – das sind die drei Figuren aus „Was ist was?“ – abspulen. Aber als er mir erklären will, wie der Anfang der Welt geht, stolpern wir  beide über das Wort Universum.

„Du sagst also, unser ganzes Universum war in einem Lichtpunkt, was ist denn ein Universum?“, frage ich den kleinen Leo.

Lehrereltern sind gemein, ich weiß. Anstatt sich über ihr wissbegieriges Kind zu freuen, führen sie es zielsicher an seine Grenzen und zeigen ihm, dass es eigentlich nicht viel weiß. Aber ich höre in meinem Hinterkopf unsere Naturwissenschaftler, die sich ständig beschweren, dass die Kinder alles Mögliche aus der Grundschule oder von zuhause mitbrächten, aber keine Ahnung hätten, was sie da eigentlich erzählen.

„Moleküle, ständig reden die von Molekülen  und haben keine Ahnung, was das ist. Und wenn du dann fragst, was denn ein Molekül ist, dann herrscht Schweigen – die sind doch nur vollgestopft mit Pseudowissen…“, regt sich die Biolehrerin auf.

Das Universum also.

Leo überlegt. „Also das weiß ich jetzt nicht.“

„Dann lass uns mal nachgucken“, schlage ich vor und stelle mich auch mal dumm.

Neben unserem Esstisch stehen in Reichweite ein Duden, ein Atlas, Unser tägliches Latein, Unser tägliches Griechisch, ein Pflanzen- und Tierführer, ein Herkunftswörterbuch und allerhand anderer nützlicher Kram. Schnell ist das Wort Universum nachgeschlagen und der kleine Leo staunt, was in diesem Buch alles drin steht. „Ach das kommt aus dem Latein, das hat auch der Cäsar gesprochen… Aber klar, du hast Recht, als die tiefe Nacht war, da gab es ja noch keine Sterne, die waren da alle mit drin in diesem hellen Licht. Deshalb heißt das „Das Gesamte“. Und dann gab es den großen…“ Jetzt schaut mich Leo herausfordernd an und klatscht in seine kleinen Hände.

„Urknall?“

Jetzt lächelt er verschmitzt und sagt mit erhobenem Zeigefinger: „Aber das ist nur eine Vermutung von den Wissenschaftlern.“

Bis der überbackene Toast gegessen ist, werden wir uns noch über den Islam unterhalten haben, den Koran – nur in Ansätzen, ich habe da nicht so viel Ahnung, muss ich gestehen – und über Papyrus.

Nein, der kleine Leo ist nicht hochbegabt. Er ist einfach nur schulreif.

Voll Neugier freue ich mich mit ihm auf die Schule. Dieser kleine Kerl ist so neugierig auf die Welt, geduldig und auch genau, eigentlich kann das doch nur gutgehen mit ihm. Ich verdränge ganz bewusst alles, was ich mit Lucy an Negativem in der Grundschule erlebt habe, und freue mich auf all das Schöne, was uns auch erwarten wird.

Während ich an den Computer gehe, um zu bloggen, schnappt er sich ein weißes Blatt und zeichnet. Die roten Riesen und die weißen Zwerge und das ganz Universum mit dazu. Sein Universum. Da ist noch nicht alles richtig, aber da ist richtig viel Platz. Da stimmen noch nicht alle Zusammenhänge, aber täglich entstehen neue Bahnen. Da hat jemand ein Licht in sich und nun liegt es an uns, dass es leuchtet.

Manchmal frage ich mich, ob nicht doch wir Lehrer Schuld tragen, wenn solche Lichter mit der Zeit verlöschen… Muss ich denn ein Kind mit genervtem Unterton angehen, wenn es das Wort Molekül sinnentleert gelernt hat? Was kann es denn dafür? Seht es doch mal von der anderen Seite. „Aha, du sagst also Molekül und weißt gar nicht, was das genau ist… toll… das ist doch jetzt spannend. Genau das schauen wir uns jetzt gemeinsam an!“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 28: Die Lücke, die der Teufel lässt 2

Liebe Leser,

es verändert sich noch mehr in unserer Gesellschaft, diesmal geht es nicht ums Internet und die Wahrnehmung von Wirklichkeit, sondern um die heilige Institution Familie. Aber fangen wir mit dem Altern an…

Warum altern wir? Seltsame Frage, oder? Unser Körper wird halt schwach. Aber so meine ich diese Frage nicht. Biologisch gesehen ist es nicht sinnvoll zu altern. Die meisten Lebewesen sterben recht schnell, wenn sie sich nicht mehr reproduzieren können. Anders einige Säugetiere und eben der Mensch. Eine Frau um die 50 kann sich in der Regel nicht mehr ohne fremde Hilfe reproduzieren, hat aber statistisch gesehen noch drei gute Jahrzehnte vor sich. Selbst wenn wir sagen, sie muss ja noch Kinder großziehen, können wir klar behaupten: Im Normalfall bekommt eine Frau zwischen 20 und 40 Kinder und die sind mit 10 Jahren auch in unserer Gesellschaft allein lebensfähig, also was soll das lange Alter?

Wissenschaftler haben natürlich Theorien: Alte Menschen haben Erfahrungen und werden ob dieser Weisheit geschätzt, insbesondere alte Frauen halten durch ihre hohe soziale Kompetenz Gemeinschaften zusammen und sichern so deren Fortbestand. So eine Theorie will aber nachgewiesen werden. Und das versuchen Wissenschaftler natürlich.

Karen McComb untersuchte zusammen mit ihrem Team über Jahre hinweg das Verhalten von Elefantengruppen im Amboseli-Nationalpark in Kenia. Solche Familiengruppen, die aus Elefanten unterschiedlichsten Alters bestehen, werden in der Regel von meist der ältesten Elefantin angeführt, da diese die größte Fähigkeit hat, Freund und Feind der anderen Elefantenfamilien, die man so trifft, wenn man auf Futtersuche durch die Steppen streift, unterscheiden zu können. Dies können sie schon anhand der sich über Luft UND Boden ausbreitenden Schallwellen der Rufe der fremden Tiere identifizieren. Je älter das Leittier war, desto besser konnte es das fremde Verhalten im Vorfeld einschätzen und die eigene Sippe schützen – ein klarer Vorteil.

Nun sind wir keine Elefanten, aber auch wir schätzen in der Regel die Erfahrung, die ältere Menschen haben. Für berufstätige Mütter ist es ein großer Vorteil, wenn sie eine Großmutter in der Nähe haben, die sie bei der Erziehung und Betreuung der eigenen Kinder unterstützt. Ist die Familie weit weg, so ist es doch eine unglaublich wichtige Basis, wenn man miteinander telefonieren kann und sich so wenigstens emotional Rückendeckung geben. Manchmal hilft auch ein guter Rat.

Wenn wir den überhaupt wollen. Und genau das ist die Veränderung, die ich zunehmend beobachte und die unserer Gesellschaft möglicherweise in den nächsten Jahrzehnten mehr beeinflussen wird, als wir momentan glauben, da wir alle ja selbst mit unserem Leben, den Kindern, der Arbeit voll beschäftigt sind.

Immer mehr Menschen in meiner Umgebung definieren ihre Familie ausschließlich über das Modell Mutter-Vater-Kind. Und keiner hat da reinzureden. Großeltern werden manchmal gebraucht, um die Enkel zu versorgen, aber ihre Meinung zu verschiedenen Dingen haben sie bitteschön für sich zu behalten.

Es geht mir nicht darum, dass man alles miteinander teilen muss. Ich romantisiere auch keine Großfamilien im 19. Jahrhundert, wo sich alle dem Familienpatriarchen unterzuordnen hatten. Aber ich sehe Großeltern, die sich nicht trauen, etwas von früher zu erzählen oder mit ihren Kindern über Erziehung überhaupt einmal zu reden, weil sie Angst haben, dass ihre Kinder sich bevormundet fühlen und ihnen im schlimmsten Fall die Enkel entziehen. Ich sehe auch berufstätige Mütter, die sich lieber Betreuung einkaufen, als ihre Kinder ab und zu in der eigenen Familie betreuen zu lassen, weil sie sich ja nicht in Abhängigkeiten begeben wollen. Wer zahlt, bestimmt die Regeln. Ich sehe Familien, in denen ein normaler Diskurs abgebrochen wurde, wenn es um private Dinge geht. Man spricht noch über den Urlaub und das neue Auto, aber wehe die Oma fragt, wie es in der Schule läuft, oder der Opa will wissen, ob Mäxchen schon Fahrrad fahren kann. Familiäre Dialoge werden so zum Lauf auf dünnem Eis.

Ein Glück, wenn dies bei euch nicht so ist. Ich selbst schätze mich glücklich, weil ich meine Eltern und sogar von Zeit zu Zeit die Schwiegereltern anrufen kann und alles Mögliche besprechen. Natürlich stammen manche ihrer Meinungen aus dem vorigen Jahrhundert, aber wir reden dann darüber. Sie erzählen mir, wie das früher war, und ich erzähle ihnen, wie sich die Welt inzwischen verändert hat und warum manches so nicht mehr geht. Und stellt euch vor: vieles ist noch genau gleich und für das andere haben sie meist volles Verständnis. Meist. Grenzen gibt es immer. Aber wir sind im Gespräch.

Mein Vater sagt immer häufiger, er wolle uns noch ein wenig erhalten bleiben. Und statistisch gesehen ist mir klar, dass er inzwischen in geschenkten Lebensjahren lebt. Ich möchte noch einiges von ihm erfahren, denn mit ihm wird die Generation sterben, die tatsächlich noch vor dem zweiten Weltkrieg geboren wurde. Bei meinen Großeltern war ich zu jung, um diesen Schatz zu verstehen. Wir haben viel zu wenig von früher gesprochen. Das ist nun längst zu spät.

Ich hatte Freunde, die ihre alten Eltern als Last empfinden. Inzwischen sind wir nicht mehr befreundet. Einmal im Jahr besuche ich dennoch die Eltern der Freunde. Das mag seltsam erscheinen, aber sie freuen sich so und nehmen sich die Zeit zum Erzählen. Warum ich mit ihren Kindern nicht mehr befreundet bin? Sie haben keine Zeit mehr. Arbeit, Kindererziehung, das alles fordert so viel Kraft. Und dann auch noch die nervigen Eltern, die die Enkelkinder so gerne sehen wollen und dann doch alles falsch machen, weil sie einfach nicht im Hier und Jetzt angekommen sind, bestimmt reden die auch schlecht über uns.

Tun sie nicht. Die Eltern verteidigen ihre Kinder, berichten, wie viel die Kinder arbeiten müssen und wie fleißig die Enkelkinder sind, wie anstrengend das Leben geworden ist und wie toll das ihre Familie meistert. Und sie springen immer ein, wenn sie gebraucht werden. Es sind Eltern, die ihre Familie über alles lieben. Aber die Familie sieht das nicht im gleichen Maße.

Dies ist nicht der einzige Fall, den ich kenne, sonst würde ich hier nicht darüber berichten. Und natürlich weiß man nie genau, was in Familien vorfällt. Deshalb will ich niemanden beurteilen, schon gar nicht verurteilen. Ich frage mich nur, was aus den Elefantenfamilien würde, wenn sie die alten Leitkühe verstoßen und nicht mehr auf sie hören, weil die eh zu alt sind? Welchen Wert hat das Alter bei uns Menschen in diesem Falle?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Weihnachtsferien 2: Nächtlicher Mediengau

Liebe Leser,

hier folgen keine besinnlichen Jahresrückblicksgedanken, sondern ein Beispiel von fehlender Medienkompetenz bei Jugendlichen und gestörtem Nachtfrieden der Eltern – verbunden mit der Bitte um HILFE!

23.30 Uhr, es war ein schöner Abend, tagsüber Freunde besucht, abends ein guter Film ganz ohne Horror und Blut zu dritt auf dem Sofa. Herr Henner liegt schon im Bett, ich wähne Lucy ebenda und trödele noch ein bisschen im Bad herum. Plötzlich höre ich ein seltsames Geräusch. Eine Sirene, auf und abschwellend. Sehr irritierend. Also schmeiße ich mir überhastete noch Creme ins Gesicht und geh dann mal gucken. Herr Henner liegt wie vermutet im Bett und murmelt etwas von „deine Tochter“ und „musst du dich kümmern“. Dann dreht er sich demonstrativ in seinem Kissenberg um.

Jetzt höre ich es besser. Die Sirene kommt aus Lucys Zimmer. Weint sie? Eben war sie doch noch gut drauf… dann gehe ich halt da mal gucken, ist wahrscheinlich auch besser, wenn Fräulein Tochter so verzweifelt schluchzt, dass da die Mama gucken geht.

Lucy hat sich in Embryonalstellung zusammengekauert und rollt sich so auf dem eigenen Bett hin und her. Das Gesicht verheult, schluchzend, das Teenagerdrama schlechthin. Neben ihr liegt ihr Tablet. Was um Himmels willen macht sie kurz vor Mitternacht mit ihrem Tablet, was sie so zur Verzweiflung bringt? Gemobbt werden kann sie nicht. Lucy ist beliebt, selbstbewusst und in keinerlei Community. Außerdem ist das W-Lan sowieso aus, also kann sie keine bösen Nachrichten empfangen haben, verstörende Filme gesehen… oder?

Aus Lucy ist nur bruckstückhaft etwas herauszubekommen. Über „Ich bin so DOOF!“ und „Das ist alles meine Schuld!“ kommen wir in den ersten fünf Minuten nicht hinaus. Danach erschließt sich mir – inzwischen auf dem Bett sitzend – der Mediengau.

Lucy wollte, warum auch immer, gegen Mitternacht ihr Tablet sichern und hat sich in den Sicherheitseinstellungen eine ZugangsPIN angelegt, bestätigt und war happy. Als sie nun zwei Minuten später ihr Tablet wieder aktivieren wollte, verlangte das Gerät nun natürlich eine PIN. Und Lucy war sich doch so sicher!

Inzwischen hat sie an die 40mal eine PIN versucht und ist jedesmal gescheitert, krampfartig schlägt das Geheule durch die Wände. Aber wie soll ich meinem Kind helfen? Lucy hat die PIN nicht notiert. Es ist auch keine Ziffernkombination mit einer Bedeutung. „Ich nehm‘ immer diese Zahl!“ Hmmm… im Medienunterricht haben sie längst über Passwörter gesprochen, theoretisch weiß Lucy alles. Aber sie war sich doch so sicher, dass sie das hinbekommt! Und jetzt hat sie keinen Zugang mehr zum eigenen Tablet – für Teenager ist das der Supergau.

Ich kann das Problem definitiv nicht lösen, rate aber Lucy einfach mal drüber zu schlafen, dann würde ihr die PIN schon wieder einfallen. Als ich ins Schlafzimmer komme, ist Herr Henner schon im Lalaland. Ich schlafe schlecht.

Heute Morgen mag Lucy gar nicht recht frühstücken. Sie hatte die Nacht einen Alptraum. „Bist wohl von einer PIN gefressen worden?“, versuche ich die Situation aufzuheitern. Erfolglos. Ihr ist leider nichts Brauchbares eingefallen. Nun ist sie sich nicht mal mehr mit den Ziffern sicher. Und wieviel Stellen ihr Passwort hatte? „Zwischen fünf und acht…“ Na super. Ohne PIN kann ich an dem Samsung Galaxy nichts machen, außer an- und ausschalten. Aber auch dann will es immer wieder diese blöde PIN. Fünf Versuche hat man, dann muss man 30 Sekunden warten. Lucy will mal ausrechnen, wieviel Möglichkeiten es bei zehn Ziffern gibt… na viel Spaß!

Habt ihr einen professionelleren Ansatz als wir zwei Damen? Dann gerne an mich, denn eigentlich wollte ich die letzten Ferientage noch genießen. Dann ist vielleicht auch Platz für philosophischere Gedanken.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Weihnachtsferien 1: Alles im kleinen Rahmen

Liebe Leser,

wir haben „O du fröhliche“ gesungen, aber doch ist alles ganz anders gewesen. Normalerweise muss man in unserer Kirche mindestens eine halbe Stunde eher erscheinen, will man zur Christmette noch einen Platz mit Sicht, am besten eine Dreiviertelstunde, vor allem, wenn man noch für ein paar weitere Familienmitglieder reservieren soll, was ich ungern tue, das hat so etwas von Badehandtüchern auf Strandliegen. Aber die Mutter und der Bruder haben mich darum gebeten, sie werden auch pünktlich sein. Lucy und Papa Henner bleiben zuhause, dafür ist der kleine Leo das erste Mal mit in der Kirche. Ich habe ihm schon vom Posaunenchor erzählt, aber diesmal sind wir wohl zu früh dran. Noch kein Posaunenchor.

Und die Kirche ist noch fast leer. Habe ich mich in der Zeit geirrt? Aber die Christmette fängt doch immer um fünf an… Nagut, dann haben wir einen Platz in der zweiten Reihe, gleich hinter den Mitgliedern der jungen Gemeinde, die uns das Verkündigungsspiel präsentieren werden. Auch als die Mutter und der Bruder eintrudeln, sind die Bänke nur spärlich besetzt.

Man unterhält sich. Der kleine Leo schaut sich gespannt um. Immer noch kein Posaunenchor. Auch ich gucke, ob ich – wie sonst immer an Weihnachten – ein paar Klassenkameraden erkenne. Aber da ist niemand. Wirklich niemand, den ich noch von früher kenne. Keine Klassenkameraden, keine Eltern von Klassenkameraden, keine ehemaligen Mitglieder meiner jungen Gemeinde.

Und dann hebt die Orgel an und wir fangen an zu singen in einer halb leeren Kirche – am Weihnachtsabend. Als wir uns beim letzten Lied, dem „O du fröhliche“, die Hände reichen sollen, müssen wir in unserer Bankreihe ein Stück auseinanderrücken, damit wir uns auch an den Händen halten können.

Merkwürdig, das habe ich noch nie erlebt. Kein Posaunenchor, kein Kirchenchor, kein Gedränge um ein bisschen Weihnachsheil und -segen. Es fehlte dadurch die festliche Aufgeregtheit, die freudige Anspannung, die so viele Menschen einfach mit sich bringen. Für den kleinen Leo, der das erste Mal so einen Gottesdienst erlebt, spielt das keine Rolle. Ihm hat es gefallen. Singend hüpft er die dunkle Straße nach Hause, kommt ins Rennen, hält gar nicht wieder an, bis wir da sind. Endlich ist Bescherung!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Fotoalbum

Liebe Leser,

es gibt nicht viele Fotos von der kleinen Lilo. Als letztes Kind haben die Eltern nicht mehr so viel Bohei um das Baby, Kleinkind, Schulkind gemacht wie noch beim ersten Kind – dem absoluten Abenteuer. Routine war eingezogen.

Eine große Schuhschachtel mit Schwarz-weiß-Aufnahmen steht vor mir. Die Großeltern väterlicherseits vor dem Krieg schick angezogen in einer Stadt posierend, die bald in Schutt und Asche gelegt werden wird, im Krieg stolz in Uniform und mit kleinem Sohn, der mir nun weißhaarig gegenübersitzt und sagt: „Zeig mal, ach ja, das war damals in E.“

Die Mutter kommt nur ab und zu an den Tisch. Von ihrer Familie sind viel weniger Aufnahmen vorhanden. Ihren Vater, meinen Großvater finde ich nur auf einer Handvoll Bilder und selbst darauf ist er nicht richtig zu sehen. Jugendfotos gibt es gar keine von meinen Großeltern mütterlicherseits. Es war eine andere Zeit.

Wenn mein Vater heute erzählt, was er in der Schule lernen musste, was für das Abitur relevant war, dann gucken wir erstaunt. Natürlich musste er damals intelligent sein, um das Abitur ablegen zu können, die Auslese war eine viel strengere. Aber das Abitur war in weiten Strecken kein schwierigeres. Vieles, so gibt er heute zu, war reines Auswendigpauken. Wo liegt die Wüste Gobi? Wann lebte Goethe? Was ist die Hauptstadt von Ghana?

Ein Klassenfoto taucht auf. Ach, das war kurz vor dem Abitur. Und was ist aus ihnen geworden? Ärzte, Anwälte und Professoren. Es waren so wenige, die Abitur machten, dass alle „etwas geworden“ sind. Heute treffe ich häufiger Schüler, die gerade „nur“ eine Ausbildung machen. Dabei war ihr Abitur nicht weniger anspruchsvoll als das meines Vaters, wenn auch vielleicht das Ergebnis des Schülers weniger strahlend als das meines Vaters war.

Meine Mutter findet endlich ein Foto aus ihrer Schulzeit. „Guck mal, die war schlau und der und der auch, ein ganz schlauer. Das Mädchen hier, sie war ein bisschen behindert, würde man heute sagen, aber die wurde damals einfach mitgeschleift bis zur achten Klasse und dann ist sie abgegangen. Ich weiß nicht, wie die Lehrer das mit den Noten gemacht haben, sie war einfach immer mit dabei.“

Ich suche mir ein paar Bilder aus, zum Einscannen und Ablegen, damit ich auch ein paar erzählte Erinnerungen habe an diese Schwarz-weiß-Zeit, die im Rückblick häufig recht anders erscheint, so schillernd bunt und voller Sonnenschein, verklärt verschwommen und nicht so gestochen scharf, wie es diese Kleinformatbilder tatsächlich sind.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Das Alphorn ruft

Liebe Leser,

die letzten Tage habe ich genutzt, um unseren Garten von seiner grauen Blätterdecke zu befreien und sitze nun im Sonnenschein zwischen Frühblühern und genieße die Frühlingsgeräusche… genießen? Da knattern die Jugendlichen wieder mit ihren Mopeds über die Felder und die Spatzen streiten sich wie wild in den Hecken. Doch dann legen sich sanfte Klänge über das Geräuschchaos. In der Ferne spielt ein Alphorn.

Das ist Frühling!

Jedes Jahr beglückt uns ein unbekannter Spieler mit seinem Spiel. Ab und zu packt da ein Mensch am Wochenende sein riesiges Instrument auf einer Wiese zwei Dörfer weiter aus und beschallt ein die ganze Gegend mit sanften Tönen – bis es im Herbst zu kalt wird. Danke, lieber Alphornbläser.

Die Jugendlichen haben sich mit ihren Knatterkisten verzogen, die Spatzen ihren Streit niedergelegt, jetzt zwitschert es vergnügt und ich wende mich dem Buch zu, das Lucy mir gegeben hat.

In der letzten Zeit lesen wir ab und zu die gleichen Bücher. Nun ist sie so groß, dass sie langsam ihre Lektüre umstellt. Zwar holt sie sich immer noch aus der Kinderabteilung der Bibliothek einen großen Stapel Bücher, aber immer öfter schleicht sie in der Jugendabteilung umher. Und diese Bücher kann auch ein Erwachsener lesen und sich dabei sowohl amüsieren, als auch für neue Themen begeistern. Lucy hat sich in einer Gartenecke eine Lesekoje gebaut und schmökert dort ebenfalls.

Wollte ich nicht heute noch korrigieren?

Ach was! Es ist Frühling und Sonntag… das Alphorn ruft zum Entspannen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner