Archiv der Kategorie: Grundschule

Leos Lesestunde

Liebe Leser,

das eine Kind möchte lesen lernen, weil es die Welt hinter den Buchstaben endlich entdecken will, das andere, weil es einfach nur schneller als das große Geschwisterkind sein will, und das dritte tut es, weil das von ihm in der Schule verlangt wird, das vierte tut es trotzdem nicht. Leo gehört in die Kategorie zwei.

Im Herbst wollte er wissen: „Wann hat eigentlich Lucy lesen können?“ Und das war keine Nebenbeifrage, hier ging es um Existenzielles. Als Leo erfuhr, dass Lucy zu Weihnachten noch nicht lesen konnte, hatte er eine Deadline im Kopf. Bis dahin will ich lesen lernen! UNBEDINGT!

Seitdem kommt er motiviert mit seinen Erstlesebüchern zu mir und wir lesen jeden Tag auf dem Sofa ein Viertelstündchen. Gemütlich ist das. Und auch wenn Leo in der Schule erst zehn Buchstaben gelernt hat, kann er den Rest inzwischen auch und bis auf schwierige Verbindungen wie eu und chs weiß er alles zu lesen.

Leo will dabei nichts falsch machen. Er liest Buchstabe für Buchstabe leise vor sich hin, erfasst dann das Wort und erst dann sagt er es laut. So wirkt sein Lesefluss natürlich noch sehr stockend. „… Da!… kam!… der!…. Winkinger!… und!… lachte!… über!… die!… Möwe!“ Aber mit jedem Tag wird es geschmeidiger. Leo hat sein Ziel erreicht – ganz aus eigenem Antrieb und mit Unterstützung aus dem Elternhaus. Jemand muss schließlich das geeignete Buch heraussuchen, jemand muss sich zuverlässig mit dem Kind hinsetzen. Und ohne Lucy wäre er sowieso noch nicht so weit. Dann gäbe es ja keine Deadline. Wozu Geschwister alles gut sind.

Nun schreibt Leo auch gerne. Wenn ich in der Nähe bin, fragt er mich bei schwierigen Wörtern. Häufig will er es aber ganz alleine schaffen. Und damit gibt er mir Gelegenheit zu interessanten Beobachtungen. Hier eine kleine Kostprobe:

Leo und sain vrosch

eines tages hürte Leo einserselzomesgerösch und Hirmit istdise geschitBeendet

Für Nicht-Eltern von Erstklässlern hier die Übersetzung:

Leo und sein Frosch

Eines Tages hörte Leo ein sehr seltsames Geräusch. Und hiermit ist diese Geschichte beendet.

Neben der Erkenntnis, dass Leo den Kern der Geschichte geradezu avantgardistisch minimalistisch in einen Satz presst, so kann ich an diesem kleinen Zettel, den ich in seinem Kinderzimmer gefunden habe, doch schon seine Sprachbemühungen erkennen. Ein hat er schon oft gelesen, da ist das ei klar, aber bei sein ist es das nicht und er schreibt nach Gehör ai. Gerade den richtigen Vokal herauszuhören scheint schwieriger zu sein als die Konsonanten zu treffen. Und so richtig schwierig ist das Abgrenzen der einzelnen Worte. Aber natürlich sehe ich, was der kleine Kerl schon leistet. Das sch als Buchstabenkombination ist ihm bewusst, obwohl sie in der Schule bis jetzt nur das s kennen gelernt haben, dass doppelte e in beendet zeigt, dass ihm das Verschleifen der Buchstaben schon gut gelingt. Und das und hat er schon so oft gelesen, dass er weiß, dass man das mit d schreibt und nicht, wie es sich anhört, mit t. Leo ist also auf einem guten Weg.

Leo geht schließlich erst seit Mitte September in die Schule. Dort lernt er nicht nach Gehör schreiben. Leo lernt einzelne Buchstaben und Silben, die Kinder lesen erste Wörtchen. Aber wenn einer eben will, dann geht ihm das nicht schnell genug. Dann schreibt er halt, so gut er kann. Ich lache über die ulkigen Texte des kleinen Leo und ich lobe ihn. Die Gelassenheit habe ich, weil ich weiß, dass er in dieser Grundschule und aus eigenem Antrieb neben dem Schreiben auch das Richtigschreiben lernen wird.

Nun kann Leo ganz stolz auf Weihnachten warten, denn für die Großeltern hat er auch schon eine zweiseitige Geschichte geschrieben. Diesmal mit Hilfe, damit auch die Großeltern das lesen können.

Euch allen eine fröhliche Weihnacht!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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Genau hinschauen

Liebe Leser,

in Leos erste Schulferien überhaupt fällt die Debatte um die versiebten Grundschultestergebnisse und sie berühren mich persönlich überhaupt nicht. Nein, ich beteilige mich nicht am Grundschulbashing! Im Gegenteil, wir sind als Familie mit der von uns ausgewählten Grundschule sehr zufrieden und das liegt vor allem an Frau Wilde, Leos Klassenlehrerin.

In Leos Grundschule müssen alle Kinder das gleiche lernen, ganz altmodisch. Leo könnte sicher etwas schneller Buchstaben schreiben und Mengen abzählen lernen, aber muss er das überhaupt? Reicht es nicht, wenn Leo am Ende der ersten Klasse sicher lesen kann, ordentlich schreiben und bis zwanzig rechnen? Und bei Frau Wilde wird er genau das lernen, aber auch wie sich Laub im Herbst anfühlt, wenn man in einen Haufen davon hineinspringt, wie man singt und lacht und wie man einen Streit, der verfahren erscheint, auflöst. Dabei ist Frau Wilde einfach kompetent. Sie redet freundlich, aber bestimmt, sie lässt sich siezen und ist doch mütterlich herzlich, sie gibt den Kindern mannigfache Erlebnisse mit auf den Weg und ist doch sehr konsequent. Ole hat bereits die vierte Strafarbeit mit nach Hause bekommen. Frau Wilde kann auch streng, wenn es sein muss. Und das imponiert mir. Sie nimmt uns Eltern in die Verantwortung. Regelmäßig kommen Elternbriefe, in denen sie uns nett, aber eindringlich an unsere Erziehungsaufgaben erinnert. Viele Kinder können noch keine Schleife binden, liebe Eltern, das ist Ihre Sache. Nach den Herbstferien erwartet Frau Wilde eine deutliche Verbesserung und sie erklärt auch, warum Schleifebinden prinzipiell und im Besonderes so wichtig ist. Mir beeindruckt das. Leo kann Schleife binden, aber wenn nicht, würde ich jetzt wirklich üben. So delegiert sie eine Menge wieder zurück ans Elternhaus, was dort auch hingehört. Und ich bin mir sicher, dass sie bei denen, die es allein nicht packen, dann auch Unterstützung anbietet. Aber ich bin der Meinung – und Frau Wilde sicher auch – das die Grundschule nicht für alles da ist. Aber da Frau Wilde aus langjähriger Erfahrung weiß, dass sie manche Eltern nicht erziehen kann, schafft sie den Kindern eine Wohlfühlschule – einen Ort, wie ihn manche zuhause vielleicht nie erleben. Leo geht wahnsinnig gerne in diese Schule. Hausaufgaben macht er immer gleich nach der Schule. Dabei ist er ratzfatz fertig und stolz auf sich. Leos Schulstart ist gelungen, auch wenn er sich den Platz unter den anderen Jungen erst noch erarbeiten muss. Denn Leo ist schon etwas anders. Und selbst das fällt Frau Wilde auf. Während sie Marco und Ole nach dem Ende der letzten Stunde Strafarbeiten gibt, fragt sie mich, ob wir Leo zusätzlich noch fördern lassen wollen in einem Begabtenprojekt, weil das sonst in der Schule zu kurz käme. Frau Wilde hat Erfahrung, kennt ihre Grenzen, sieht das einzelne Kind. Frau Wilde könnte durch ihre Art alle möglichen Methoden unterrichten – es würde immer etwas herauskommen. Was für ein Glück.

So sehen wir das zumindest nach sechs Wochen Schule. Aber die Zahlen sagen etwas anderes. Die Grundschüler schneiden immer schlechter ab, besonders in Baden-Württemberg. Bayern und Sachsen liegen wieder einmal vorn. Schön für diese Bundesländer, schlecht für uns, denn nun schreien alle nach Bildungsreformen. Als ob sich in den letzten Jahren nicht ständig etwas geändert hätte! Und was da alles geschrien wird… An unseren Kindern entscheidet sich schließlich die Zukunft.

Frau Henner ist da eher etwas demütiger. Ich schaue zuerst genauer in die Studie. Die ist frei im Netz verfügbar und für jedermann einsehbar. Liest sich sehr trocken, aber manche Tabelle ist dann schon interessant. Zumindest für mich, die sich auf die Suche gemacht hat nach den Unterschieden. Was ist in Sachsen oder in Bayern so anders?

Meine Grundthese: Überall gibt es Frau Wildes und überall gibt es schlechte Lehrer. Die Elternschaft wird sich in jedem Bundesland in die überambitionierten und die desinteressierten und die große Mitte dazwischen aufspalten. Die Methoden werden sich zwar im Detail von Schule zu Schule unterscheiden, aber ich bezweifle, ob das dann statistisch relevant ist. Schreiben nach Gehör wird schließlich nicht an jeder Schule unterrichtet. Das kann nicht DER Grund sein. Ich suche weiter.

Leider gibt es zu einem mir wichtig erscheinenden Punkt keine Daten, weil man sie schlichtweg nicht erheben darf. Die Studie darf den sozialen Hintergrund der Schüler nicht beleuchten. Ein großer blinder Fleck entsteht damit, der verhindert, dass wir umfangreiche Schlüsse ziehen können. Schade. Was man allerdings statistisch erheben darf, ist der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund – auch wenn das allein noch keine ausreichende Information ist. Was bedeutet das schon – Migrationshintergrund?

Sachsen liegt so weit oben, hat aber einen geringen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund von circa 10 Prozent. Das wird dann besonders drastisch, wenn man die Zahl von Baden-Württemberg dagegenstellt. Dort haben mittlerweile um die 45 Prozent einen Migrationshintergrund. Das sind einfach ganz andere Voraussetzungen. Nun zu Bayern. Ich dachte ja, in Bayern müssten ähnliche Zahlen vorliegen, dort lese ich in der Tabelle jedoch von „nur“ circa 30 Prozent. Bayern und Sachsen haben zusammen nicht mal soviele Kinder mit sprachlich schwierigeren Startbedingungen wie Baden-Württemberg. Das wundert mich. Hätte man nun noch eine bessere Datenlage zur sozialen Situation von Familien, wären vielleicht Rückschlüsse möglich.

Hat man aber nicht. Und deshalb kann jetzt jeder wieder seine Reformidee durchsetzen. Für mich als Laie stellt sich doch eine andere Frage: Welche Schule erzielt vor welchem Hintergrund welche Ergebnisse? Aus einem statistischen Ergebnis eines ganzen Bundeslandes kann ich nichts entnehmen. Wenn eine Schule in einem gutbürgerlichen Viertel nur knapp über dem Durchschnitt liegt, es aber eine Schule mit hohem Migrationsanteil auf eine ebensolche Stufe schafft, dann muss ich doch da genauer hinschauen. Wie machen die das? Dazu bräuchte ich aber gnadenlose Transparenz und auch Ehrlichkeit gegenüber den nackten Zahlen.

An Lucys Grundschule hatte so ziemlich genau die Hälfte der Schüler einen Migrationshintergrund. Entsprechend schwierig gestaltete sich das Lesenlernen. In ihrer Grundschule gab es mehrere zerrüttete Familienkonstellationen, die bis zur Vernachlässigung reichten, entsprechend schwierig gestaltete sich das soziale Miteinander. Immer wieder beklagten die Lehrer, dass sie in dieser Klasse gar nicht zum Unterrichten kämen. Es gab Lehrer, die schlechter, und andere, die besser damit umgehen konnten. Eine war ständig krank. Für Lucy war die Grundschule nicht der ideale Start, aber wir als Familie konnten viel auffangen.

Nun nützt es nicht, über die Gesellschaft zu schimpfen, das Heil nur in DER Methode zu suchen oder über die Lehrer zu wettern. Ich wünsche mir eine ehrlichere Debatte, eine viel genauere Analyse, die uns endlich aufzeigt, wie entscheidend die bestimmte Methode ist – oder eben nicht ist. Die uns auch darlegt, welche Fördermöglichkeiten für welche Kinder fruchtbar sind. Sonst fördern wir ins Blaue – wenn überhaupt.

Und dann wünsche ich mir mehr Frau Wildes, die als Mensch versuchen aufzufangen, was manche Familien eben nicht können. Und ich wünsche mir Unterstützung für diese Frau Wildes. Erst dann kann eine gerechtere Schule entstehen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Osterferien 1: Üben Sie das!

Liebe Leser,

es fehlte nur noch, dass sie die Hände ringend gegen die Decke des Klassenraums streckte. Immer wieder wiederholte sie mantraartig diesen einen Satz: „Üben Sie das!“

Letzte Woche saß ich mal wieder auf viel zu kleinen Stühlen in einem Klassenzimmer einer Grundschule – Leos zukünftiger Grundschule – und hörte gebannt der Lehrerin zu. Was sie zu sagen hatte, war jetzt nicht ganz so spannend für mich. Schließlich bin ich durch Lucy schon grundschulerfahren und unterrichte selbst eine Unterstufe an einer weiterführenden Schule. Auch ich könnte manchmal diesen einen Satz rufen: „Üben Sie das!“

Was mich an diesem Abend fasziniert und tatsächlich bei der Stange hält, ist die Art und Weise, wie die Grundschullehrerin diesen Satz in den Raum stellt: Ihre Augen werden jedesmal besonders groß und sie scannen den Raum intensiv ab. Ihre Stimme ist dabei nicht weinerlich, aber doch fast flehend, laut und deutlich – hier soll es keine Missverständnisse geben. Jetzt ist Schluss mit lustig.

Es ist eine junge Lehrerin und mich wundert daher die Verzweiflung, die aus diesem Satz spricht. Was sollen wir Eltern denn mit unseren zukünftigen Schulanfängern üben?

Stift halten.

Schere halten.

Linien nachfahren.

Auf einer Linie schneiden.

Eine gerade Kanten falzen.

Einen Klebestift benutzen.

Ein Spiel verlieren zu können, ohne strampelnd auf dem Boden zu liegen.

Zuhören.

Eine Schleife binden.

Eine einfache Aufgabe zügig ausführen.

Sich zwei einfache Aufgaben merken und diese erledigen.

Eine Fläche ausmalen, ohne über den Rand zu schmadern.

Und so weiter.

Die Lehrerin weist noch auf eine Menge solcher basalen Fähigkeiten hin, sie hat sogar ein paar farbige Merkblätter für uns Eltern vorbereitet und gibt zu jedem noch ein paar Tipps, wie man genau diese Fähigkeit ganz spielerisch trainieren kann. Die Frau macht das definitiv nicht zum ersten Mal.

Aber ihr eindringlicher Ton verrät mir, dass sie schon zu oft gegen taube Ohren geredet hat. „Sie glauben nicht, wie schwer das manchen Kindern noch fällt. Damit tut sich Ihr Kind von Anfang an schwer und der Abstand wird immer größer. Jetzt ist noch Zeit, wichtige Dinge zu lernen! Sie glauben gar nicht, wie demotiviert sonst Ihr Kind ist. Es soll doch aber Freude an der Schule haben. Üben Sie das!“

Die Defizite mancher Kinder müssen enorm sein. Wohlgemerkt geht es hier gar nicht um Inklusionskinder. Und gerade deshalb hat die Lehrerin auch keine zusätzliche Kraft, die sich mit eben diesen Kindern beschäftigen könnte. „Also üben Sie das bitte JETZT!“

Schade, dass nicht einmal die Hälfte der Eltern zu diesem Elternabend gekommen ist.

 

 

Nun sind Osterferien und ich sitze mit dem kleinen Leo am Esstisch. Er macht ein paar dieser Aufgaben, die die Lehrerin uns mitgegeben hat. Bis heute hat Leo den Stift auch falsch gehalten, aber da er sauber zeichnet, habe ich mir keine Gedanken gemacht. Nun ein letzter Versuch.

„Guck mal Leo, der Stift liegt locker auf dem Mittelfinger, so… schau mal, das bekommst du hin!“

Und wie durch ein Wunder, plötzlich nimmt Leo den Stift richtig in die Hand und fährt die gepunkteten Linien nach. Hundert Mal habe ich das versucht, immer bin ich auf Widerstand gestoßen, immer wieder ist der Mittelfinger auf den Stift gerutscht, hat sich durchgebogen, bis die Spitze blutleer wurde. Auf einmal geht es, ohne Gezeter, ohne Druck, aber mit großen Erfolg. Leo bearbeitet die ganze Seite, legt den Stift auch mal aus der Hand und nimmt ihn immer wieder richtig auf.

Jetzt heißt es wohl dranbleiben, jeden Tag eine kleine Aufgabe, dann sitzt die Stifthaltung nach den Osterferien.

Ich habe sogar Schuhe mit Schnürsenkeln gekauft, was gar nicht so einfach ist, denn Kinderschuhe haben in der Regel Klettverschlüsse. Die Schuhe habe ich aber nicht wegen der Lehrerin gekauft, sondern weil sie einfach schick waren. Leo kann Schleife binden, aber wenn er es nicht täglich übt, verlernt er das wieder. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Es ist Ostern, Zeit, Osterkarten zu basteln, Eier zu bemalen, im Garten erste Hüpfspiele zu machen. Heute Vormittag spiele ich mit Leo sein liebstes Piratenspiel. Leider gewinnt er durch unverschämtes Würfelglück. Aber ich lache und wälze mich nicht strampelnd auf dem Boden. Will ja ein Vorbild sein. Eigentlich ist es ganz einfach, was die Grundschullehrerin will.

Deshalb frage ich mich ernsthaft: Was läuft da in einigen Familien so grundlegend schief, dass ein Kind zur Einschulung noch nicht einmal eine Schere richtig bedienen kann?

Hier nehme ich ausdrücklich die Kindergärten in Schutz. In Leos Kindergarten wird im Vorschuljahr intensiv gesprochen, gesungen, gezeichnet, geschnitten, gewebt, gezählt und zugehört. Und natürlich gespielt. Aber auch das scheint diese Defizite nicht immer ausgleichen zu können.

Leo will noch immer nicht in die Schule gehen, weil er dann nicht mehr so viel Lego spielen kann, aber er hat so viel Freude an der Welt, rechnet kleine Alltagsdinge aus, fragt mich nach Buchstaben, ist stolz, wenn er irgendwo die Buchstaben seines Namens entdeckt, zeichnet Fantasiemaschinen mit allerlei Zahnrädern und Kurbeln, dass definitiv klar ist – dieses Kind ist schulreif.

Und uns macht es so viel Freude, dieses kleine Wesen bei diesem großen Schritt zu beobachten. Eigentlich schade, dass nicht alle Eltern das so erleben…

 

Viele Grüße aus der Provinz und euch allen ein paar frühlingshafte Ostertage von eurer Frau Henner

 

SW 20: Politikum oder der Untergang des Abendlandes

Liebe Leser,

seltsam ruhig bleibe ich, als ich den neusten Dorfklatsch erfahre. Auch als ich mich pflichtbewusst ans Internet setze und verifiziere, bleibe ich ruhig, selbst wenn ich dort Dinge erfahre, die mich schockieren müssten. Ich bin nicht glücklich über das, was ich lese, aber meine Emotion erreicht es nicht. Ich überschlage, wie sich meine private Situation im nächsten Jahr verändern wird. Das schaffe ich schon irgendwie, muss ja geh’n. Als ich am Abend Herrn Henner davon berichte, guckt er mich an und sagt: „Erzähl bloß nicht weiter, da wird mir schlecht, ich will das gar nicht wissen. Das ist der Untergang des Abendlandes!“

Sonjas Mama, die mich überhaupt auf den Trichter gebracht hat, hat es so formuliert: „Das geht gar nicht!“ Meine Mutter, mit der ich am Nachmittag lange über dieses Thema gesprochen habe, sagte immer wieder: „Das kann ich gar nicht glauben, dass es das in Deutschland gibt. Das kann doch nicht erlaubt sein!“

Dunkel erinnere ich mich an eine Fernsehsendung, in der über eine Grundschule berichtet wurde, in der die Schüler sich alles selbst beibringen und die dafür einen der vielen Schulpreise erhalten hat. Unser Dorf hat also ab nächstes Jahr enorme Chancen, auch endlich mal in den Medien präsent zu sein – denn wir werden Bildungstrendsetter!

Unsere Grundschule soll über die Sommerferien komplett umgebaut werden – nicht das Gebäude (Schön wär’s!), nein das System. Es wird keinen klassischen, schlechten Deutsch- und Matheunterricht mehr geben (Ihr wisst schon – Frontalunterricht buhen die Medien, obwohl seit vielen Jahren moderner, differenzierter Unterricht in Grundschulen stattfindet), nein, selbst das Lesen und Schreiben werden sich die neuen, schlauen, motivierten Erstklässler größtenteils selbst beibringen. Die ersten zwei Schulstunden arbeitet jedes Kind allein individuell an Arbeitsblättern, die die Kinder sich , weil sie das so gut schon können, ganz nach ihrem eigenen reflektierten Bildungsniveau aus einem Regal zusammenstellen die von der Lehrerin nach dem Leistungsniveau des Kindes zusammengestellt werden. Zuerst reflektiert das Kind: Wo stehe ich? Was kann ich? Was möchte ich gerne können? Dann geht es zum Regal und sucht sich das entsprechende Material heraus setzt sich an seinen Platz und füllt das entsprechende Arbeitsblatt aus. Hat das Kind dabei Probleme, erklärt die Lehrerin nichts, sondern gibt Impulse, damit das Kind von selbst auf die Lösung des Problems kommt. Das wäre ja ansonsten der böse, böse Trichter, den man den Kindern in den Kopf steckt und das will ja keiner. Wir wissen ja alle, dass man so niemals im Leben etwas lernt. Trichter sind absolut verboten. Sehr ungesund. Die Lehrerin gibt also jedem der fünfundzwanzig Kinder zum rechten Zeitpunkt den richtigen Impuls und dann flutscht die Erkenntnis wie von allein hinein. Sie hat ja auch voll den Überblick. In der Schulpreisschule waren pro kleiner Lerngruppe zwei Lehrer anwesend – aber darauf kommt es wohl doch nicht an. Lehrer sind ja keine Lehrer mehr, darf man auch nicht mehr so nennen. Sie heißen also auch in unserer neuen Grundschule Lerncoaches oder Lernbegleiter. Und Coaches sind ja per se besser und können fünfundzwanzig Kinder allein bewältigen, auch wenn jeder tatsächlich etwas anderes macht. Wow!

Keinem Kind soll vorgeschrieben werden, was es lernt, wie lange es etwas übt oder wie es sich in der Gemeinschaft zu verhalten hat. Das muss kann das Kind allein entscheiden. Denn nur, was es selbst lernen will, lernt es auch. Sonjas Mama erzählt, dass das Material übrigens aus Kopien der üblichen Lehrbücher besteht. In der Schulpreisschule waren es ganze Räume voll anregendem Materiel, etwas hochtrabend Forscherboxen und Labore genannt. Für unser popeliges Dorf reichen olle Kopien im Sammelordner. Sehr motivierend. Ab sofort wieder Lernen in schwarz-weiß.

Die Nebenfächer werden dann am späten Vormittag im Klassenverband unterrichtet und dabei kommen auch endlich andere Sozialformen zum Einsatz. Dann will man die Kinder zu Gemeinwesen erziehen. Kinder können das gut trennen. Jedes Kind ist schließlich begabt, jedes Kind will lernen. Sonjas Mama schluckt: „Und wenn mein Kind keine Lust auf Mathe hat?“ „Dann reden wir mit dem Kind und versuchen die Ursachen herauszufinden“, versucht die Grundschullehrerin zu beschwichtigen, die für die Kooperation mit den Eltern zuständig ist. Sonjas Mama ist nicht überzeugt. „Ich könnte dann in der Folgewoche ihrer Tochter nur Mathearbeitsblätter bereit stellen…“, schlägt die Lehrerin vor. Jetzt ist Sonjas Mama vollends verwirrt: „Aber dann ist es ja wie früher, warum sagen Sie dann nicht gleich, jetzt machen wir Mathe!?“ „Wenn wir Kinder zum Lernen zwingen, lernen sie nichts.“ Der Lehrer ist immer der Böse.  Lernbegleiter sind die Guten. Andere Mütter überlegen krampfhaft, wie Arbeitsblätter gestaltet sind für Kinder, die noch nicht lesen können, die ihnen aber das Lesen beibringen sollen.

Was geht mich das alles an? Mal abgesehen davon, dass wir dann in viereinhalb Jahren Kinder am Gymnasium haben, die noch nie eine Klassenarbeit zu einem festgelegten Zeitpunkt geschrieben haben – denn jedes Kind kann selbst entscheiden, wann es die Arbeit schreibt und wie oft und wieviel Zeit es dafür haben möchte, betrifft es mich auch persönlich. Denn da ist der kleine Leo.

Leo gehört inzwischen zu unserer Familie, wir verbringen Zeit miteinander, ich kümmere mich um sein Fortkommen, seine Bildung – mehr erfahrt ihr nicht, das muss reichen. Leo wird nächstes Jahr eingeschult und nun ahnt ihr, was das für mich bedeutet. Meine Nachmittage werden ich jetzt nicht mit einfacher Hausaufgabenbetreuung zubringen , wie ich mir das vorgestellt habe (Erwachsene schnippelt Gemüse fürs Mittagessen, Kind sitzt am Küchentisch und rechnet mal eben die zwei Reihen aus dem Mathebuch runter und wird ab und zu vom Träumen abgehalten), weil ich es von Lucy so kannte, nein, ich werde Leo höchstwahrscheinlich Lesen und Schreiben beibringen, Mathe erklären, Rechnen üben, die Grundregeln der deutschen Rechtschreibung erläutern, denn auf letzteres legt man in der neuen Grundschule keinen Schwerpunkt. Geht das vielleicht nicht so gut über Arbeitsblätter? Sonjas Mama erklärt: „Also die Kinder sollen sich das immer selbst kontrollieren.“ Habt ihr schon mal von Kindern kontrollierte Diktate gegenkorrigiert? Das klappt selbst in meiner sechsten Klasse noch nicht. Für eigene Fehler ist man sowieso blind und die der Freundin übersieht man auch und wie soll man die Fehler vom Jan finden, wenn man als Franca selbst keine Ahnung hat? Die Grundschullehrerin sagt auf alle Zweifel lächelnd zu Sonjas Mama: „Glauben Sie mir, dass kann Ihr Kind!Trauen Sie Ihrem Kind einfach ein bisschen mehr zu!“

Und damit hat sie gar nicht so Unrecht. Frau Henner wird Nachmittags zum Hilfslehrer mutieren. Und auch Sonjas Mama und andere Mütter werden es so machen, denn wir sind nicht davon überzeugt, dass Sechsjährige schon zu solch anhaltendem Lerneifer, Reflexion über den eigenen Kenntnisstand und Entscheidungsfestigkeit fähig sind, wie sie an der neuen Grundschule abverlang werden.

Und wer fällt hinten runter? Na klar, die Kinder aus bildungsfernen Haushalten, Kinder mit nichtdeutschsprachigen Eltern, Kinder mit vollberufstätigen Eltern. Die, die sich auf das Schulsystem verlassen müssen, werden nach vier Jahren preisverdächtiger Schule feststellen, dass ihr Kind es doch nur auf die Gemeinschaftsschule schafft, es sei denn, das ortsansässige Gymnasium zieht nach.

Dann braucht man mich gar nicht mehr. Den Vormittag lang Kindern zugucken, wie sie Arbeitsblätter ausfüllen oder ebensolche nachkopieren, darauf habe ich wirklich keine Lust, dann schaue ich mich lieber nach Plan B um. Ganz ruhig und geerdet, das Leben geht weiter. Wenn ihr das Goldene vom Ei gefunden habt, schön, vielleicht muss man mich als Herzblut-Lehrer tatsächlich ausrangieren. Und es muss mindestens das Goldene sein, denn die Grundschullehrerin sagte zu Sonjas Mama: „Wissen Sie, unser neues System ist einfach alternativlos, wenn wir den heutigen Kindern gerecht werden wollen.“

Die Gesellschaft wird sich noch schneller wandeln, als wir es geglaubt haben, denn ich vermute, dass es Menschen prägt, wenn sie in ihrer Kindheit die Vormittage allein in Stillarbeit vor Regalen verbracht haben. Mal ein, zwei Stunden die Woche am Vormittag oder in der weiterführenden Schule bei einem Lehrer – meinetwegen – aber nicht als radikales System. Ich wäre unglücklich, würde man mich regelmäßig ans Regal verbannen. In der Grundschule habe ich häufig für die Lehrerin gelernt, wollte auch mal aufgerufen werden, mal meinen Text der Klasse vorlesen dürfen und auch mal Applaus von meinen Klassenkameraden bekommen. Die eindrücklichsten Stunden waren die, in denen zwischenmenschlich etwas passierte. Aber vielleicht verkläre ich.

Lucy ist so ein toller Mensch geworden, trotz der auf einmal verschrieenen Grundschule „alter“ Art, verantwortungsbewusst und sehr sozial. Leo soll diese Chance auch bekommen. Und er soll möglichst umfassend gebildet werden. Lucy hat man zu Mathe zwingen müssen und übrigens auch zum Lesen – das ist ihr anfangs schwer gefallen, aber wir Eltern haben nicht locker gelassen, bis sie die Bücher lieben gelernt hat. Jetzt verschlingt sie sie.

Am Ende wird es heißen, seht ihr, dieses neue System produziert genügend Gymnasialschüler, es funktioniert also. Dass dahinter die Eltern stehen, die nachmittags ihre Kinder unterrichten oder zum Lernen anhalten, wird verschwiegen werden. Denn es passt nicht in die Ideologie, dass jedes Kind hochbegabt ist und folglich von allein lernt.

Viele Grüße aus der aufgewühlten Provinz von eurer Frau Henner

SW 16: Krampf lass nach!

Liebe Leser,

vielen Dank für die vielen Reaktionen auf den letzten Post, gerne klaue ich mir einige Anregungen.

Mit wachen Augen sitze ich gestern mal wieder in einer Grundschule und hospitiere den Deutschunterricht. Mein Augenmerk richtet sich genau auf die angesprochenen Probleme: Schriftbild, Rechtschreibung, Ausdruck. Den Unterricht der Lehrerin lasse ich wohlig an mir vorüberfließen, die Stunde ist mit sehr viel Spielereien vorbereitet: vorbereitete Zettel in weiß hier, vorbereitete Zettel in bunt da, laminierte Merkpunkte für die Tafel, futuristisch klingende Arbeitsformen, alles sehr durchdacht – kann ich nicht meckern, will ich auch gar nicht. Ich denke, an unseren Grundschulen arbeiten in der Regel viele fähige Lehrerinnen. Ausnahmen kenne ich auch, die habe ich hier schon thematisiert, aber mir ist grade so ganz und gar nicht nach Konfrontation. DAS NÜTZT NÄMLICH NIEMANDEN WAS – den Kindern schon gar nicht. Klar könnte ich hinterher mit jovialem Lächeln fragen: „Und wann schreiben die Kinder nun endlich das, was sie da gerade gelernt haben?“ Aber ich habe nur einen Ausschnitt gesehen und die Lehrerin wollte sicher zeigen, was sie alles drauf hat und nicht die Kinderleins nur schreiben lassen. Einen Stift in der Hand hatten sie in dieser Rechtschreibestunde nur ganze fünf Minuten.

Und genau da gucke ich hin. Mich interessiert, wie die Hefte aussehen, wie die Schrift zu lesen ist, wie sie Sätze formulieren und natürlich wie sie rechtschreiben. Zur Erinnerung: Das sind bei uns die katastrophalen Aspekte in der Unterstufe. Und was erlebe ich hier? Sauber und ordentlich geführte Hefte – kein Kind schreibt schräg oder über den Rand. Eine feine Schreibschrift zieht sich durch das Heft. Das andere kann ich nicht einschätzen, da ich kaum selbstformulierte Sätze finde. Die Rechtschreibung ist nicht korrekt, aber doch passabler als anzunehmen, wenn man an die Hefte in unserem Gymnasium denkt. Das lässt nur einen Schluss zu: die Kinder verlernen bei uns grundlegende Fähigkeiten und wir sind daran nicht unschuldig.

WAS PASSIERT DA?

Ein Punkt ist sicher, dass die Schüler bei uns VIEL schneller schreiben müssen und VIEL mehr. Die Zeit reicht einfach nicht zum Buchstabenmalen. Zudem sollen sie bei uns schreiben und denken gleichzeitig, das ist eine Herausforderung.

Ein weiterer Punkt könnte sein, dass wir das Erlernte nicht beibehalten und festigen, weil wir davon ausgehen, dass die Kinder es von allein bringen müssten. Nein, sie können es nicht. WIR müssen weiter üben, üben und einfordern. ALLE Lehrer im Kollegium – und da höre ich schon Frau von Ostrach rufen: „Was sollen wir denn noch machen!“

Wir müssen wieder zurück zum Hefteeinsammeln und Durchgucken, wir brauchen mehr Absprachen und Unterstufenkonferenzen. Wir müssten alle das Methodencurriculum um Basales erweitern und ernst nehmen. Unterstufenschüler schreiben Schreibschrift, ins Heft, Abschreibeübungen, Diktate, Fehler werden nicht nur in Deutsch angestrichen und eine Korrektur wird eingefordert und immer wieder kontrolliert… Ich sehe das alles deutlich und weiß doch, dass das so mit unserem Kollegium nicht machbar ist.

Also mache ich eine ganz persönliche Frau-Henner-Studie. Die Grundschullehrerin hatte mir berichtet, wie viel Mühe das Beibringen und Einfordern der richtigen Stifthaltung sei. Was früher als ein Merkmal der Schulreife galt, ist heute Sache der Grundschule, weil die Kinder aus dem Kindergarten ohne korrekte Stifthaltung kämen. Aber wir kennen das alle: was sich einmal falsch eingeschliffen hat, ist einfach nicht mehr wegzubringen. Auch der kleine Leo hält den Stift falsch. Ich habe sogar schon solche Gummiteile gekauft, die man über die Buntstifte drüberstülpt, damit er keine Wahl hat, aber Leo bekommt es trotzdem hin, auf die Oberseite zwei Finger abzulegen. Immer wieder rutsch der Mittelfinger an die falsche Stelle. Das ist wirklich mühsam – ich habe die Ermahnungen inzwischen sein gelassen, Leo zeichnet schöne Bilder, worum sollte ich mir Sorgen machen? So geht es sicher vielen Erwachsenen. Wir scheuen die Mühe, soll das mal der Lehrer erledigen.

Hält man den Stift falsch, ist die Gefahr von Verkrampfungen höher, die Schrift kann sich unter Umständen nicht so leicht entwickeln. Ehe ihr mir jetzt gleich von eurer Ausnahme berichtet: ja, es gibt Kinder, die die Stifte unmöglich halten und trotzdem schnell und sauber schreiben. Das sind wie gesagt die AUSNAHMEN. Noch immer hoffe ich, dass der kleine Leo auch dazu gehören wird – zu den Ausnahmen. In der Regel ist der Zusammenhang aber anders: falsche Stifthaltung = langsames Schreiben = Mühe beim Schreiben = Krampfung = Gekrakel = Abwehrhaltung. Grob gesagt.

Heute nun gucke ich genau hin. Meine Sechser schreiben. Oh Schreck! Das ist mir so noch nie aufgefallen: von fünfundzwanzig Kindern schreiben ungefähr fünf mit korrekter Stifthaltung. Die anderen verbiegen die Finger auf recht abenteuerliche Weise. Mir tut schon vom Hinschauen die Hand weh – Krampf lass nach! Morgen werde ich das Ganze noch verifizieren, denn ich habe beobachtet, dass es Kinder gibt, die sogar die Stifthaltung beim Schreiben ändern. Dann haben sie zum Beschreiben einen kleinen Gegenstand ins Heft zeichnen müssen. Ich wollte sehen, wer eigentlich eine gerade Linie freihand zeichnen kann und wer einen Kreis, der rund ist und sich von allein schließt…

Mit schlechtem Gewissen komme ich nach Hause. Heute übe ich mit dem kleinen Leo, wie man einen Stift richtig hält. Ab heute achte ich da mehr drauf. Ich kann nicht alles der armen Grundschullehrerin überlassen. Das ist doch mal ein Neujahrsvorhaben!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

SW 13: Ein Blick in die Tiefen des Unterrichts

Liebe Leser,

ja, ich bin kritisch mit den Grundschulen meiner Umgebung, weil ich sie besuche und dort manchmal recht verständnislos Unterricht mitverfolge. Aber nein, ich habe nichts gegen Grundschulen und kann euch sagen, im Grunde bin ich ein offener Mensch. Ich bin innovationsfreudig, doch das heißt nicht, dass ich im Schnellschuss alles Neue gutheiße und übernehmen will. Frau Henner ist nun mal die Analytikerin: erst mal gucken, dann Gedanken machen, Gesehenes ordnen, Gutes ins Köpfchen, Schlechtes ins Töpfchen, dreimal drüber schlafen, eigenes Konstrukt entwerfen, begründen und dann in Umsetzung wieder einer Überprüfung unterziehen. Wenn ich an Grundschulen etwas kritisiere, dann nicht, weil ich Fremdes ablehne, sondern weil mir tatsächlich der Mehrwert fraglich scheint.

Und heute will ich gar nicht kritisieren. Heute will ich einmal zusammensammeln, was ich alles Positives an Grundschulen erlebt habe. Da ist sicher etwas dabei, was wir anderen Schulen uns abgucken können.

  1. Mein unumstrittener Favorit ist die liebevolle Atmosphäre. Ich liebe Grundschulen: die hellen freundlichen Gänge, das viele anregende Material, die privaten Plätze der Kinder, in denen nichts kaputt gemacht wird, ein Foto von Mala und eines von Joachim und keiner hat einen Popel draufgeklebt oder einen Schnurrbart drangemalt. Es gibt viele Gründe, warum wir das so in unseren gymnasialen Großbetrieben nicht umsetzen können, aber oftmals wollen wir das auch nicht – weil es eben auch viel Mühe macht. Ich beneide manchmal die Grundschullehrerinnen darum, dass sie sich für diese kleinen zwischenmenschlichen Dinge soviel Zeit nehmen können. Klar bastele ich auch Fensterbilder und versuche meinen Klassenraum sauber zu halten, aber es wird definitiv kein Wohlfühlraum. Sowas hat an unserer Schule keine Lobby. Schade. Aber kämpfe ich auch vehement genug dafür?
  2. Der zweite Punkt ist die Zeit. An Grundschulen nehmen sich die Lehrerinnen für so viele Dinge die notwendige Zeit, während wir oft genug unserem Stoff hinterher hecheln. Manchmal nehme ich das Tempo raus, einmal im Jahr muss es mindestens ein Projekt geben (Lernen und Freude schließen sich dabei ja nicht aus), aber es ist bei mir nicht Unterrichtsprinzip. Dabei würde es fast allem Unterrichten guttun, hätte man mehr Zeit.
  3. Ja, ich singe mit den Kindern, mache meine Fälle-Gymnasitik, auch ich habe Rituale, aber sie sind nicht so tief verankert in den Schulalltag, wie ich das bei guten Grundschullehrerinnen erlebe. Rituale aber geben Halt, Struktur, lassen Beziehung leichter funktionieren, weil jeder seinen Platz darin finden kann. Dieses dritte Beispiel zeigt, wie verwoben diese drei Faktoren sind. Ein gutes Ritual braucht Zeit und Liebe. Angstrituale habe ich an Grundschulen auch kennengelernt – darüber schweige ich heute.

Diese drei Punkte sind elementar, will man guten Unterricht machen, sie bilden die Basis, auf der ein guter Lehrer unterrichten kann. Je kleiner die Kinder sind, desto wichtiger mag das scheinen, aber auch Jugendliche sind dankbar, wenn man sie wertschätzt und wenn sie dies nicht nur von einzelnen Lehrern erleben, sondern dies von der Schule gelebt wird.

Das heißt nicht, dass wir Lehrer am Gymnasium unsere Schüler nicht wertschätzen. Es geht hier nicht darum, Schüler zu infantilisieren, von Leistungen abzugehen. ICH suche einen Weg, wie ich meinen Unterricht noch besser machen kann. Natürlich bemühe ich mich um die oberen Punkte, aber ich merke meine Grenzen und es befriedigt mich nicht, dies allein mit Fehlern im System zu entschuldigen. Aber wenn ich allein in meinem Hamsterrad rödele und ein paar andere Kollegen dies genauso tun, wir aber es nicht als Schulgemeinschaft schaffen, was nützt es dann?

Auf diesem und auf anderen Lehrerblogs wird von Zeit zu Zeit heftig über Unterrichtsformen diskutiert. Mir wird immer klarer, dass es darauf gar nicht ankommt, solange man ein System nicht zum Nonplusultra erhebt und das andere ausschließt. Mit Dogmen kann ich immer noch nicht gut umgehen. Ob ein Unterricht gelingt, sich Kinder wohlfühlen, bereit sind, etwas aufzunehmen, das liegt weniger an den sichtbaren Ebenen einer Unterrichtsstunde. Jans Lerntheke kann genauso erfolgreich sein wie Lilos deduktiver Grammatikunterricht, weil beide ihre Klasse gern haben, durch ihre Art von Unterricht klar führen und motivieren, und da beide Ahnung von dem haben, was sie da tun, fachlich, methodisch, menschlich, sind sie und die Kinder und meist auch die Eltern in der Regel zufrieden.

Das ist der Punkt: in der Regel bin ich mit meinem Unterricht zufrieden, aber ich will mehr. Ich könnte mir meinen Unterricht durchaus in einen ganz anderen schulischen Kontext eingebettet vorstellen. Und da sind wir wieder bei den obigen Punkten:

Ich träume von einer besseren, freundlicheren Atmosphäre und das hat mit baulichen Veränderungen zu tun, mit Rücksichtnahme von Kollegen, ich will so gerne unserer Schule als Lebensraum begreifen… Außerdem träume ich von mehr Zeit. Ständig hetzte ich von Stunde zu Stunde und dabei wollte ich doch noch mit Keran reden oder Franca zur neuen Frisur gratulieren, mal ein Geburtstagslied singen, ohne auf die Uhr schauen zu müssen, und selbst in der Oberstufe wäre das Lernen leichter, wenn wir mal wieder ein Tässchen Kakao trinken dürften (das ist nämlich mit den neuen Sicherheitsvorschriften seit ungefähr zwei Jahren vorboten!)… dann hätten wir auch mehr Zeit für Schulrituale, damit wir uns als Gemeinschaft wahrnehmen. Momentan ist vielen Kollegen alles zuviel. Sie haben selbst für Freundlichkeit keine Zeit mehr.

Das können wir von den Grundschulen lernen, denn die schaffen das, obwohl sie es ansonsten nicht leichter haben.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 11: Brief an eine Grundschullehrerin

Liebe Frau Hiller,

vielleicht lesen Sie ja tatsächlich diesen Brief. Wenn nicht, ist das auch nicht so schlimm. Schließlich habe ich Sie schon einmal angerufen, nachdem Lucy schon längst am Gymnasium war, und Ihnen persönlich gesagt, wie dankbar wir für Ihren Unterricht waren. Natürlich nicht für jede einzelne Stunde, manches haben wir als Eltern nicht verstanden, fanden es absurd, aber im Großen und Ganzen waren wir zufrieden mit den letzten beiden Schuljahren in der Grundschule – und das ist so viel wert! Also kann dieser Brief auch stellvertretend für all die Grundschullehrerinnen stehen, die so sind wie Sie. Im Nachhinein hat sich unser Blick auch relativiert – besonders bei mir, da ich in den letzten Jahren mit so vielen Grundschulen Kontakt hatte und dort Dinge erlebt habe, dass ich voll Sehnsucht an Sie und Ihren Unterricht gedacht habe.

Dabei war ich noch nicht einmal dabei. Aber Lucy ist ein Kind, das viel zuhause erzählt, ich habe die Hefte und Bücher gesehen, konnte zuhause den Unterricht nachvollziehen, Ihre Bemühungen, den Kindern, so unterschiedlich sie doch sind, gerecht zu werden. Uns allen war klar, dass das ein hehres Ziel ist und nicht immer erreicht werden kann. Wenn Sie auf dem Elternabend nicht immer gegrinst haben wie ein Honigkuchenpferd, dann war ich Ihnen ob dieser Ehrlichkeit dankbar dafür.

Im Nachheinein empfinde ich es als Glück, dass meine Tochter bei einer Frau in die Grundschule ging, die nichts gegen Leistung hatte und selbst intellektuellen Herausforderungen nicht abgeneigt war, der man angemerkt hat, dass sie studiert hat, ihr eigenes Tun reflektiert und nicht nur gerne bastelt, die mich als Mutter ernst genommen hat und nicht geduzt hat – auch nicht beim Elternabend die Eltern mit dem dörflichen „euch“ und „ihr“ angesprochen hat.

Lucy fand Sie zudem immer sehr hübsch und das hat es Ihnen noch ein bisschen leichter gemacht, die Herzen der Kinder zu gewinnen.

Leider bin ich seitdem wenig Lehrerinnen begegnet, die so wie sie waren. Erst neulich bin ich wieder geduzt worden und man hat mit mir gesprochen, als wäre ich ein Kind. Mit Dauergrinsen im Gesicht. Alles lieb gemeint, aber nicht mein Fall. Mir waren Sie als taffe, selbstdenkende Frau ein besseres Rollenmodell für meine Tochter, so dass ich nicht einmal eifersüchtig sein musste, wenn Lucy wiedermal sagte: „Aber die Frau Hiller…“ (Eifersüchtig war ich trotzdem manchmal, das ist bei Müttern so!)

Und nun habe ich erfahren, dass man gerade das an unserer Grundschule nicht mehr schätzt und Sie gehen. Eine andere Kollegin ist bereits in den Ruhestand gegangen. Geblieben sind die Ja-Sager, die es damals schon gab. Die Reihen wurden aufgefüllt mit weiteren jungen, unerfahrenen Lehrerinnen, die machen, was der Chef will, die nicht selbständig denken oder es sich zumindest verbieten. Nachfragen ist nicht erwünscht. Schade, liebe Frau Hiller, dass das alles so gekommen ist. Mein Bild des Bildungslandes Baden-Württemberg bröckelt derzeit mächtig. Ihres sicher auch. Deshalb wünsche ich Ihnen alles Gute an der Schule, an der Sie jetzt unterrichten werden. Die Eltern dort können sich glücklich schätzen.

Viele herzliche Grüße aus Ihrer alten Provinz von Lucys Mama