Archiv der Kategorie: Küchenpsychologie

Pfingsten 1: Melancholie

Liebe Leser,

am letzten Freitag vor den Pfingstferien trage ich die ersten beiden großen Kisten aus dem Schulhaus, denn ich habe angefangen aufzuräumen. Was sich alles so angesammelt hat! Ordner, Bücher, lose Blattsammlungen. Da noch ein wenig Zeit ist, setze ich mich an den kleinen Teich im Park und betrachte die blühenden Uferblumen, die Vögel, die Libellen… und da überkommt mich zum ersten Mal das Gefühl der Wehmut. Wahrscheinlich liegt das an den Kisten – sie machen alles endgültig. Ich ziehe aus aus meinem bisherigen Schulleben.

Dann setzt sich Lucy zu mir ins Auto und meint: „Du Mama, ich bin heute so melancholisch, jetzt wird wohl alles anders werden.“ Ja, diese Ferien sind die letzten, nach denen ich noch einmal in mein kleines Landgymnasium zurückkehren werde. Dass Lucy das auch so empfindet, berührt mich fast noch mehr. Der schwarze Hund wird den ganzen Nachmittag lang noch um uns herumschleichen.

Dann räume ich mein Arbeitszimmer auf. Dieses Schuljahr ist nicht mehr viel zu tun, da lohnt es sich, auch hier einmal gründlich klar Schiff zu machen. Zu viel ist in den letzten anstrengenden Wochen liegen geblieben. Auch Lucy räumt ihr Zimmer auf. Sonst kann man ja gar nicht gemütlich in die Ferien gehen, meint sie. Putzen hat etwas Kathartisches.

Während ein Teil Deutschlands sich schon wieder auf die Sommerferien vorbereitet, liegen vor uns noch einige Schulwochen. Noch zähle ich sie nicht rückwärts. Denn jetzt bin ich soweit, dass ich in dieser Zeit tatsächlich Abschied nehmen werde. So vieles ein letztes Mal – ganz bewusst. Um nicht in einen Unruhezustand zu fallen, habe ich mich mit vielen Büchern eingedeckt, werde Freunde treffen, Musik machen, Rosen beschneiden und bloggen. Der Sommer kann kommen!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 27: Die Lücke, die der Teufel lässt

Liebe Leser,

unsere Welt verändert sich so rasant, dass man dies manchmal erst aus einer gewissen Distanz heraus wahrnimmt, weil man ansonsten in diesem Strudel mitschwimmt und kaum Zeit hat, dies zu reflektieren. Nun lebe ich selbst zwar nicht auf einer Insel der Glückseligkeit, aber doch in einer überaus komfortablen Situation – global betrachtet allemal. Aber ich lebe nicht im Mainstream. Immer wieder merke ich, wie da ein Leben scheinbar an mir vorüberzieht, was so wenig mit mir zu tun hat. Selbst Lucy ist kein Korrektiv, da diese junge Dame ebenfalls nicht im großen Schwarm mitschwimmt. Immer wieder bin ich erstaunt, wie kritisch sie ihre Umwelt wahrnimmt, wie sie sich gegen Entwicklungen sperrt und ein eigenes Wesen ausgeprägt hat, wo sich andere noch auf der Selbstsuche befinden. Lucy besitzt noch immer kein Handy, keinen WhatsApp- oder Facebook-Account, wünscht sich lieber ein National-Geografic-Abo zum Geburtstag und macht sich gerne über die Schminktussis aus ihrer Klasse lustig, die das alles nicht verstehen können. Auch aus dieser Abgrenzung heraus entwickelt sich Identität. Heute Abend wollen wir gemeinsam Micheal Moores „Where to invade next“ anschauen. Über sowas unterhält man sich im Hause Henner, dafür kenne ich nicht die Namen der angesagten Yuo-tuber und Musically-Stars.

Aber diese Woche passiert mir auch das Internet. Eigentlich wollte ich nur eine Lehrerseite besuchen, werde dort auf ein Video hingewiesen, klicke es an, lande bei einer Bildungsdebatte und auf You tube. Ihr kennt das alle, diese kleinen Videohinweise am rechten Rand verführen zu weiteren Klicks. Und zwei Stunden späten sitze ich fertig und mit Kopfschmerzen immer noch vor diesem Rechner. Allerdings ist nichts mehr mit Bildungsdebatte. Über TV-Ausraster bin ich zu Game-Ausrastern gekommen und irgendwann bei erstaunlichen Fehlbildungen gelandet, so Menschen, die ihren Kopf nicht oben halten können und schließlich: Geister. Es gibt sie echt!

Warum schaue ich mir diesen Sch* an? Warum hockt eine gebildete Frau nachmittags um halb fünf vor einen dämlichen Gerät und hört egomanen Typen zu, die irgendwelche verpixelten Amateurvideos totlabern? Ich fasse es nicht!

Das ist mir bis jetzt so noch nie passiert. Ich sehe das Internet als Arbeitsmedium, mache es an, erledige meinen Kram und surfe höchstens noch ein paar Minuten, um ein Produkt nachzuschauen, was ich hier auf dem Lande in keinem Laden bekomme. Dann schließe ich das Internet und den Computer wieder und widme mich dem analogen Leben. Denn das findet nämlich tatsächlich statt.

Für viele junge Menschen aber nicht mehr. Noch erscheint uns das nicht bedrohlich, vielleicht weil es bequem ist. Die Kinder sind im Haus, man muss keine Angst um sie haben, kann sich selbst belügen, dass sie so ihre Medienkompetenz schulen würden, und die Kinder nerven nicht. Stundenlang sitzen sie vor ihren Geräten und gucken sich Videos an.

Habt ihr mal in diese Videos angeschaut? Da erklären zum Beispiel Schülerinnen anderen, wie man sich schminkt, wie man sich die Haare macht, wie man sich stylt, warum welches dm-Produkt cool ist und warum das andere absolut nicht geht. Es ist so hohl… Diese Hohlheit ist nur ein Problem, denn es bleibt zudem immer das Gefühl der Unzulänglichkeit. Entweder ist man es selbst oder das eigene Leben. Denn alles, was da draußen im Netz passiert, scheint spannender als das eigene Leben. Ist ja auch keine Kunst, wenn man im Zimmer hockt! In der Wahrnehmung eines jungen Menschen entsteht so das Gefühl von Unzufriedenheit.

Ihr werdet sagen, war bei uns auch schon so, wenn wir die BRAVO gelesen haben. Stimmt, da blieb auch manchmal dieses leere Gefühl, aber es wurde schnell relativiert, weil es das richtige Leben draußen noch gab und dieses die Hauptsache war. Was machen aber die normalen Zwölfjährigen heute? Sie gucken stundenlang solche Videos. Da ist nichts mehr mit Korrektiv. Die Kinder von heute erlangen so eine verzerrte Vorstellung von Leben. Der Sinn des Lebens scheint nur noch darin zu stehen, das eigene Ich gnadenlos ins Rampenlicht zu stellen. Ich. Bin. Wichtig.

Und wo ist nun die Lücke? Genau da.

Denn der hohe Internet-Konsum bewirkt dieses Ich-Sucht-Gefühl, aber er kann es nicht befriedigen – denn es sind ja immer die anderen, die toll aussehen, das spannende Leben haben und das absolut faszinierende, coole Untergehen unserer Welt kommentieren. Eltern verstehen das sowieso nicht. Und die Freunde? Naja, mit denen teilt man die Videos, denn es sind Wegbegleiter zum selben Ziel – also letztlich Konkurrenten.

Und während eine ganze Generation ihre Tage mit dem Gefühl verbringt, gar nicht am richtigen Leben teilhaben zu können, denn das Leben ist doch nicht der öde Alltag zuhause, es ist der Glamour im Netz – da will man rein, aber wie kommt man bloß in dieses Netz? – während also eine ganze Generation für das analoge Leben abstumpft, geschehen da draußen tatsächlich wichtige Dinge, bei deren Lösung wir genau diese Menschen in einer nahen Zukunft brauchen werden.

Vier Stunden soll ein Jugendlicher schon am Tag im Netz sein. Vier Stunden. Da kann man schon mal Fiktion und Wirklichkeit aus dem Blick verlieren. Ich bekomme davon nur Kopfschmerzen. Also werde ich jetzt den Computer wieder herunterfahren und entweder einen langen Waldspaziergang machen (Berg runter und wieder hoch, damit der Kreislauf in Schwung bleibt) oder ein Buch über neurowissenschaftliche Erkenntnisse lesen (damit die grauen Zellen in Schwung bleiben), Lucy fährt inzwischen alleine Fahrrad, denn die Gleichaltrigen sind ja nicht zum Rausgehen zu bewegen und der kleine Leo baut im Garten einen Turm für Käfer. Auch allein.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

SW 22: Blickkontakt

Liebe Leser,

heute wage ich mich an ein heikles Thema. Denn da ist dieser Schüler. Ich mag ihn. Er ist in der Oberstufe, sieht ganz gut aus, ist schlau, höflich, nicht mainstream, sondern eher ein bisschen Außenseiter, ohne ein Nerd zu sein. ABER ich mag ihn nicht mehr als andere nette Schüler – und da gibt es in meiner Oberstufe ein Menge liebenswerter Menschen.

Mit diesem Schüler ist allerdings etwas anderes. Er sitzt in der ersten Reihe und er schaut mich zu lange an. Manchmal, ganz unvermittelt fängt er im Unterricht meinen Blick und guckt mich einfach an. Er lächelt nicht, er schaut auf eine seltsam intensive Art.

Und ich gucke zurück. Schließlich kann ich nicht schamvoll den Blick senken. Da ist keine Scham. Ich muss mich nicht verstecken. Natürlich zwinkere ich ihm nicht zu oder mache irgend etwas Zweideutiges. Ich versuche, genau so zu gucken, wie ich auch andere Schüler anschaue: mit offenem, meist freundlichem Blick. Und er guckt weiter zurück. Noch eine Sekunde und noch eine und noch eine…

Mit keinem anderen Schüler habe ich einen solchen Blickkontakt. Schließlich gibt es in jeder Gesellschaft dafür Regeln. Wer blickt wen wie lange an, bis der andere wegguckt. Schüler gucken in der Regel schnell weg oder lächeln einen freudig an. Lange Blicke bedeuten etwas, tiefe meist etwas Erotisches.

Läuft da was?

Nö, kann ich nicht behaupten. Da knistert nichts. Und ich denke schon, dass ich eine Antenne dafür hätte. Warum guckt er dann so? Merkwürdigerweise beachtet er mich im Schulhaus gar nicht weiter, grüßt normal wie jeder andere Schüler, den ich unterrichte. Warum dann im Unterricht? Da schon wieder! Alle Schüler schreiben etwas, er schaut mich an. Die Sekunden verstreichen. Er lässt sich Zeit.

In meinem Alter – hüstel, hüstel – kann ich ganz gelassen bleiben und sogar lächeln. Hach, jetzt hat er sogar zurückgelächelt und schreibt wie alle anderen. Es sind doch die kleinen Momente, die einen Tag bedeutsam machen können.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW1: Die selbsterfüllende Prophezeiung

Liebe Leser,

während manch Lehrer in Deutschland schon langsam wieder zu den Herbstferien schielt, ist in Baden-Württemberg gerade einmal die erste Schulwoche herum, aber Hauptsache wir zentralisieren das Abitur… nun ja, da war die Aufregung bei den Deutschlehrern groß, als ihnen diese Woche bewusst wurde, was das terminlich bedeutet. Dazu vielleicht ein andermal, heute geht es nicht um das Deutschabitur, sondern nur um mein Erleben dieser ersten Schulwoche, SW1.

Doch erst noch ein Schritt zurück.

Im Studium mussten wir ein sogenanntes Pädagogisches Praktikum absolvieren, das heißt, es ging nicht um die Fächer, sondern die Studenten sollten vermehrt auf pädagogische Belange achten. So kam es, dass ich in diesem Praktikum in zwei achten Klassen mitlief, egal welches Fach sie gerade hatten. Das Thema meiner dazugehörigen pädagogischen Arbeit war schnell gefunden: die self-fulfilling prophecy, die selbsterfüllende Prophezeiung.

Eine achte Klasse galt als nett, lieb und leistungstechnisch ganz okay, die andere, nun ja, die andere war das schwarze Schaf. „Das sind solche Rabauken“ wurde im Lehrerzimmer schnell verknüpft mit „Die können nichts“. Und nun ging es mir darum, ob dem tatsächlich so ist, und, wenn ja, ob das Urteil der Lehrer sich auf die Atmosphäre in der Klasse und dann auch auf die Leistungen ausgewirkt hat oder umgekehrt.

Ich weiß nicht mehr exakt, zu welchem Schluss ich kam, aber ich war zumindest für dieses Thema sensibilisiert. Mir ist klar, dass die selbsterfüllende Prophezeiung tatsächlich ein Problem ist. Natürlich höre ich Urteile, natürlich werde ich beeinflusst, aber ich bemühe mich, mir diesen Prozess bewusst zu machen und mich selbst immer wieder zu ermahnen, dass ich wachsam bleibe, selbst urteile und jeder eine neue Chance verdient hat. Damit meine Meinung nicht am Ende dazu führt, dass Schüler dann unbewusst dieser Meinung entsprechen.

Also gehe ich am Montag ganz locker fröhlich in meine Klasse. Den schwarzen Spätsommerhund habe ich längst verscheucht.

Es funktioniert nicht. Einzelne Kinder enttäuschen mich mit ihrem kaum versteckten Egoismus so, dass meine Stimmung merklich abkühlt. Ich merke das, hoffentlich die Kinder nicht! Als ich dann enthusiastisch unser diesjähriges Klassenprojekt vorstelle (Lucy ist schon ganz neidisch auf meine Klasse, weil sie so was Cooles machen darf…), kommt kein Jubel, kein Glanz in den Augen, dafür ganz offen die Frage, was man denn davon habe… „Kann man da auch was gewinnen?“

Und da platzt mir innerlich der Kragen, aber mir wird auch schlagartig klar, welches Problem viele Kinder haben. Sie arbeiten, machen meist, was man ihnen sagt, aber es fehlt die Begeisterung, weil sie keine intrinsische Motivation haben. In der Grundschule haben sie für die nette Lehrerin und die Eltern geschafft, für die sehr gute Note und die Belohnung, die viele sicher erhalten haben. Das sind normale Prozesse, aber wenn man es übertreibt, zum Beispiel nur die Note gelobt wird und nicht ein wirkliches Interesse am Können des Kindes gezeigt wird, an den Themen, mit denen es sich beschäftigt, kann das leider dazu führen, dass gar keine innere Motivation mehr aufgebaut wird. Dann geht es nur noch um die Note oder das Geschenk.

Und nun? Was biete ich? Frau Henner hat keine kleinen Belohnungsgeschenke, die erwartet echt, dass man einfach nur Freude an der Sache haben könnte. „Wir machen das gemeinsam! Ein tolles Projekt, kein normaler Unterricht, wir können uns das alles selbst ausdenken und dann vor einer richtigen Jury präsentieren…“, Frau Henner zieht schelmisch die Augenbrauen hoch, sie würde am liebsten sofort loslegen – so ein tolles Projekt! Und was springt für uns dabei heraus?

Und so erlebe ich diese Woche als eine Achterbahn der Gefühle. Wenn ich in meiner Klasse bin, mache ich halt meinen Unterricht, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und wenn ich in der Oberstufe bin oder wieder in meiner „alten“ Klasse in der Mittelstufe, dann freue ich mich, werde auch freudig begrüßt, wir grinsen und lachen und lernen wie nebenbei auch noch Neues. So geht es täglich auf und ab.

Aber ich gebe nicht auf – ich möchte die Kinder mitreißen, das Projekt ist viel zu cool, als dass sie sich nicht dafür erwärmen können. Das geht gar nicht. Und immerhin bin ich von der Sache begeistert und nach und nach werde ich sie schon noch auf meine Seite bringen, denn es kann doch so viel Spaß machen, etwas gemeinsam zu machen – einfach nur, damit man etwas gemeinsam macht!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Der schwarze Spätsommerhund

Liebe Leser,

was für ein schöner Sommer! Blicke ich nicht über den Tellerrand, sondern mich nur in meiner kleinen Welt um, kann ich es nicht anders sagen. Es waren wunderbare Sommerferien, gefühlt ständig Sonnenschein, ein zwar polizeireiches, aber ansonsten entspanntes Frankreich, die Vorbereitungen für das neue Schuljahr liefen wie nebenbei, gute und spannende Bücher bereicherten die langen Sommertage, ich fühle mich erholt und sprudele vor Ideen. Grad heute sitze ich auf der Bank im Garten, um mich herum wuchern zuckersüße Tomaten und ich blättere Lucys Jugendzeitschrift durch. Da schießt mir die geniale Idee für meinen Start mit meiner Klasse in den Kopf. Auf meine Blitzideen ist doch immer wieder Verlass!

Warum freue ich mich dann nicht auf das neue Schuljahr?

Liegt es an meiner seltsam egoistischen Klasse? Mist, ich wollte doch wirklich unvoreingenommen ins neue Schuljahr gehen! Aber es ist tatsächlich so, ich freue mich nicht besonders, sie wiederzusehen. Ich werde meinen Job machen, ich habe so viel vor, die Distanz zwischen dieser Klasse und mir ist jedoch noch nicht gewichen. Aber ich werde meine alte Klasse auch wieder unterrichten – jeah! Also sollte ich mich doch wenigstens auf sie freuen… hmmm…

Liegt es an den Schulalpträumen, die ich seit einer Woche habe? Ich komme am ersten Schultag zu spät, die Schule ist eine riesige Baustelle, ich verlaufe mich in der Schule, ich sitze neben dem kleinen Leo und er schreibt eine Mathearbeit, neben den anderen Kindern sitzen deren Eltern und versuchen heimlich ihren Kindern Tipps zu geben, wenn die Grundschullehrerin nicht hinsieht. Ich träume sonst kaum von der Schule. Was macht mein Hirn da bloß?

Ist es der übliche Schulanfangsberg, der schier unüberwindlich scheint? Entschieden nein! Wenn ich eines in den letzten Jahren gelernt habe, dann das: Es bringt nichts, stöhnend die Höhe des Berges abschätzen zu wollen. Weil man jeden Tag nur ein kleines Stück geht, lässt sich jeder Berg bezwingen, wenn man sich einfach nur auf das direkt vor einem liegende Stück konzentriert.

Hm… liegt es am Abschiedsgefühl, alles noch ein letztes Mal? Nö, Abschiedsgefühle habe ich nicht, in die könnte ich mich sogar hineinfallen lassen, wehmütig darin baden, das Problem ist eher, dass ich gar keine Gefühle habe…

… für die Schule! Dafür bin ich voller Ideen für Projekte, schaue mir im Netz Tutorials an, bestelle mir hübsche Dinge, plane, träume, aber die Schule? Die ist mir grad so was von egal. Ich hätte noch weitere zwei Wochen in Frankreich bleiben können und kein einziges Mal an die Schule denken… was ist nur los mit mir?

Ist es tatsächlich die schwarze Spätsommerhund? Kennt ihr den? Der schleicht sich ganz unbemerkt an, meist, wenn es draußen herrlich ist und die Sonne schon tief steht. Dann knurrt er und zieht einem die Freude von der Haut. Nein, er ist nicht mit der Melancholie zu verwechseln, der schwarze Spätsommerhund. Und auch nicht wie eine ausgewachsene Depression, die allem die Farben aussaugt. Der schwarze Spätsommerhund ist nur ein Hauch davon, ein flatterhaftes Wesen, meist verschwindet er unversehens wieder. Ich habe den schwarzen Spätsommerhund erst in den letzten Jahren kennengelernt.

Ich fasse einen Entschluss. Die letzten drei Jahre habe ich viel Zeit in diesen Blog investiert und werde ihn auch weiterhin betreiben, aber ich werde nicht mehr so viele Beiträge einstellen, einmal die Woche wird reichen, wenn mir dann die restliche Woche bleibt, um mich mehr dem Privaten zu widmen, dem, was mir noch so alles im Kopf herumspukt. Vielleicht funktioniert es, vielleicht funktioniert es nicht, aber ich will unbedingt den schwarzen Spätsommerhund wieder verscheuchen. Dazu sollte ich mehr unter Leute gehen. Leute, die keine Lehrer sind. Leute, die ganz andere Probleme haben. Leute, die die Welt anders sehen. Wann war ich denn das letzte Mal tanzen oder mit Freunden auswärts essen? Wo lag noch mal der Prospekt von der VHS?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Zurück in die Vergangenheit – Von Mädchen und Jungen

Liebe Leser,

obwohl man heutzutage gerne Unterschiede der Geschlechter negiert und darauf hinweist, dass auch Jungen sensibel und kommunikativ sein können und Mädchen gerne Fußball spielen, wenn man sie denn lässt, so zeigt folgendes Fundstück aus meiner Schatztruhe doch sehr gegensätzliche Tendenzen.

Zur Vorgeschichte: der Junge galt in der Klasse als Außenseiter, was in dieser Klasse allerdings nicht schwer war. Er war älter als die anderen und man hielt ihn für pervers. Mit gebührendem Abstand betrachtet, würden die Mädchen der Klasse das sicher jetzt anders sehen. Damals schrieben sie ihm Folgendes. (Die hingekritzelten Antworten des Jungen sind fett immer genau an der Stelle mit Klammern eingefügt, die auch er gewählt hatte.)

Hallo D.!

Sag mal, was ist eigentlich mit Dir los? Warum bist Du einfach in unseren Umkleideraum (keine Ahnung) gekommen? Schämst Du Dich dabei denn nicht? (Nein) Oder hast du einfach keine Ahnung von Mädchen und versuchst alles darüber zu erfahren? (eigentlich auch nicht) Genauso die Sache mit dem B-H. Mit deinen 16 Jahren müßtest Du wirklich aufgeklärt sein und wissen, daß normale Mädchen nicht solche B-Hs in der Schule tragen. (sehr interessant) Oder bist du wirklich so unwissend? (glaube ich nich (Bio-Vortrag)) Hattest Du denn überhaupt schon mal eine Freundin? Hat sie Dir nichts beigebracht ? (doch) Ich meine, Du bist ja immerhin schon 16, (richtig) auch wenn ich nicht genau weiß, warum Du dann hier bist. (ist ja auch egal)

Bitte antworte auf diesen Brief! Und denk‘ mal darüber nach! Und sag uns dann wie Du die ganze Angelegenheit siehst! Aber sei bitte ehrlich!

Oh Mann! Haben wir echt gedacht, wir könnten mit einem solchen Brief einen 16jährigen dazu bringen, uns sein sonderliches Verhalten zu erklären? In seinen knappen Sätzen steckt so viel Ironie. Er hat sich einfach nur über uns lustig gemacht, und wir haben das, fürchte ich, nicht mal gemerkt. Weil wir Mädchen diese Sache klären wollten. Ernsthaft.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer amüsierten Frau Henner