Archiv der Kategorie: Lebenswege

Pfingsten 2: Vier Frauen – ein Problem

Liebe Leser,

Ferienzeit ist Freundezeit. Also sitzen mal wieder drei Damen im Restaurant – diesmal ist es eine Pizzeria, die wir mangels echter Alternativen aufsuchen – Großstäde sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren – zumindest nicht jede! Wir reden, was Frauen halt so machen. Und es geht kaum um unsere Kinder, Frauen können auch anders.

Diesmal ist das Hauptthema des Abends die Arbeit. Zwei Tage später werde ich noch eine Freundin besuchen, die mit den beiden anderen nicht so viel zu tun hat, deshalb die getrennten Gespräche. Aber schnell stellt sich heraus, dass auch hier die Arbeit ein wichtiger Aspekt geworden ist und vor allem dass der Schuh drückt. Um nicht hin und her zu springen fasse ich beide Treffen in eines zusammen, wir haben sowieso so viel gemeinsam: wir sind gleich alt, wir haben zusammen die Schulbank gedrückt, wir sorgen jeweils für zwei Kinder – wahlweise kommt noch ein Mann dazu. Nach sehr guten und guten Abschlüssen haben wir unterschiedliche Ausbildungswege eingeschlagen: zwei haben eine Ausbildung absolviert, zwei studiert. Eine hat schon mehrfach die Arbeitsstelle gewechselt, wir anderen sind mehr oder weniger direkt von Schule und Uni zu unserer Arbeitsstelle gekommen. Und alle sind wir unzufrieden – aber jede aus einem anderen Grund.

Ist das schon symptomatisch?

Meine Probleme ziehen sich schon länger durch diesen Blog. Da will man so gerne und möchte etwas tun und fühlt sich häufig durch Kollegen ausgebremst, die hübsch ihre Ruhe haben wollen und auch wollen, dass alle anderen Ruhe geben, denn sonst müssten sie ja auch etwas tun. Das ist keine Arbeitsatmosphäre für motivierte Mitarbeiter.

Und genau das gleiche Problem haben auch die anderen Frauen. Die eine wird ausgebremst, weil es die hierarchische Struktur ihrer Arbeitsstelle nicht zulässt, dass sich eine Untergebene engagiert. Sie können da nicht so eigenmächtig handeln, da muss man immer erst den unfähigen allwissenden Chef fragen, der dann die Probleme auf die lange Bank schiebt und Neuerungen aussitzt sorgfältig alle Optionen abwägt. Die andere wird ausgebremst, weil da Männer unter sich ausmachen, wer weiterkommt, und das sind Männer, nicht Frauen. Die sollen sich erst einmal vorrangig um ihre Kinder kümmern. Später ist ja auch noch Zeit für Karriere – und überhaupt, wozu braucht denn eine alleinerziehende Mutter so ein Gehalt, das kann man doch kürzen, damit der andere Mitarbeiter einen schicken Firmenwagen fahren kann. Und die letzte wird von der überforderten Chefin zur Schnecke gemacht, obwohl sie ihre Arbeit erledigt, aber Menschen eignen sich doch so gut als seelische Fußabtreter…

Das ist keine Arbeitsatmosphäre.

Nun wechsle ich die Dienststelle, dabei bin ich eindeutig am besten dran, weil es bei mir nicht um die Existenz geht. Das können die drei anderen Frauen nicht so verhältnismäßig einfach. Die eine ist froh überhaupt eine Stelle in ihrer Branche gefunden zu haben und das bei dem noch akzeptablen Fahrtweg, die andere ist familiär auch gebunden und Stellen in dieser Brache… ha! Und auch die dritte sagt: „Der Arbeitsweg, den ich jetzt gerade habe, der ist einmalig, das bekomme ich sonst nicht mehr und solange die Kinder…“ Und dann hält sie kurz inne und ergänzt: „Aber wenn meine Chefin mich wieder anbrüllt, dass ich zu dumm sei, dann überlege ich mir das vielleicht. Das muss ich mir einfach nicht bieten lassen.“

Vier Frauen, alle wollen gerne arbeiten. Alle kümmern sich trotzdem um ihre Familie. Keine macht hier groß eine „Karriere“. Es geht nur um eine rechtschaffene Arbeit für ein angemessenes Entgelt und vor allem geht es um die Anerkennung der Leistung, die diese Frauen gewollt sind zu erbringen.

Ich wundere mich, dass es sich unserer Gesellschaft leisten kann, dieses Potential nicht voll auszuschöpfen. Vielleicht werden wir uns da in Zukunft noch mehr wundern. Neulich hat Jan-Martin ein ähnliches Problem zum Thema Gleichberechtigung angeschnitten. Wir haben in Deutschland noch immer viel zu tun in dieser Hinsicht.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 11: Brief an eine Grundschullehrerin

Liebe Frau Hiller,

vielleicht lesen Sie ja tatsächlich diesen Brief. Wenn nicht, ist das auch nicht so schlimm. Schließlich habe ich Sie schon einmal angerufen, nachdem Lucy schon längst am Gymnasium war, und Ihnen persönlich gesagt, wie dankbar wir für Ihren Unterricht waren. Natürlich nicht für jede einzelne Stunde, manches haben wir als Eltern nicht verstanden, fanden es absurd, aber im Großen und Ganzen waren wir zufrieden mit den letzten beiden Schuljahren in der Grundschule – und das ist so viel wert! Also kann dieser Brief auch stellvertretend für all die Grundschullehrerinnen stehen, die so sind wie Sie. Im Nachhinein hat sich unser Blick auch relativiert – besonders bei mir, da ich in den letzten Jahren mit so vielen Grundschulen Kontakt hatte und dort Dinge erlebt habe, dass ich voll Sehnsucht an Sie und Ihren Unterricht gedacht habe.

Dabei war ich noch nicht einmal dabei. Aber Lucy ist ein Kind, das viel zuhause erzählt, ich habe die Hefte und Bücher gesehen, konnte zuhause den Unterricht nachvollziehen, Ihre Bemühungen, den Kindern, so unterschiedlich sie doch sind, gerecht zu werden. Uns allen war klar, dass das ein hehres Ziel ist und nicht immer erreicht werden kann. Wenn Sie auf dem Elternabend nicht immer gegrinst haben wie ein Honigkuchenpferd, dann war ich Ihnen ob dieser Ehrlichkeit dankbar dafür.

Im Nachheinein empfinde ich es als Glück, dass meine Tochter bei einer Frau in die Grundschule ging, die nichts gegen Leistung hatte und selbst intellektuellen Herausforderungen nicht abgeneigt war, der man angemerkt hat, dass sie studiert hat, ihr eigenes Tun reflektiert und nicht nur gerne bastelt, die mich als Mutter ernst genommen hat und nicht geduzt hat – auch nicht beim Elternabend die Eltern mit dem dörflichen „euch“ und „ihr“ angesprochen hat.

Lucy fand Sie zudem immer sehr hübsch und das hat es Ihnen noch ein bisschen leichter gemacht, die Herzen der Kinder zu gewinnen.

Leider bin ich seitdem wenig Lehrerinnen begegnet, die so wie sie waren. Erst neulich bin ich wieder geduzt worden und man hat mit mir gesprochen, als wäre ich ein Kind. Mit Dauergrinsen im Gesicht. Alles lieb gemeint, aber nicht mein Fall. Mir waren Sie als taffe, selbstdenkende Frau ein besseres Rollenmodell für meine Tochter, so dass ich nicht einmal eifersüchtig sein musste, wenn Lucy wiedermal sagte: „Aber die Frau Hiller…“ (Eifersüchtig war ich trotzdem manchmal, das ist bei Müttern so!)

Und nun habe ich erfahren, dass man gerade das an unserer Grundschule nicht mehr schätzt und Sie gehen. Eine andere Kollegin ist bereits in den Ruhestand gegangen. Geblieben sind die Ja-Sager, die es damals schon gab. Die Reihen wurden aufgefüllt mit weiteren jungen, unerfahrenen Lehrerinnen, die machen, was der Chef will, die nicht selbständig denken oder es sich zumindest verbieten. Nachfragen ist nicht erwünscht. Schade, liebe Frau Hiller, dass das alles so gekommen ist. Mein Bild des Bildungslandes Baden-Württemberg bröckelt derzeit mächtig. Ihres sicher auch. Deshalb wünsche ich Ihnen alles Gute an der Schule, an der Sie jetzt unterrichten werden. Die Eltern dort können sich glücklich schätzen.

Viele herzliche Grüße aus Ihrer alten Provinz von Lucys Mama

Hochglanzbilder

Liebe Leser,

Frau Henner hat ein Projekt. Frau Henner sucht eine neue Schule. Natürlich gibt es ganz pragmatische Kriterien: Wohnortnähe oder zumindest gute Erreichbarkeit. Das schränkt auf dem Land natürlich schon mal ein. Aber es bleibt doch eine ansehnliche Auswahl.

Dann besucht Frau Henner die Schulwebsites. Naja, das könnte sie sich vielleicht auch sparen. Da erfährt man eher, ob es an der Schule jemanden gibt, der die Website in Schuss hält, oder eben nicht. Manche stellen alles, aber auch alles rein. Da erfahre ich sogar recht private Dinge über potenzielle Kollegen, wenn zum Beispiel die interne Elternbeiratssitzung mit Protokoll abgelegt wurde. Ach Frau M. geht ab 3. 7. in Elternzeit! Andere Schulen geben nicht einmal eine Lehrerliste preis. Manche rühmen sich mit TOLLEN Projekten, von einigen der Projekte kenne ich aber die Wahrheit hinterm schönen Schein… es wird überall nur mit Wasser gekocht. Nur einigen Schulen verkaufen ihr Wasser besser als andere.

So wirbt die eine von mir ins Auge gefasste Schule mit ihrer supergut funktionierenden Grundschulkooperation und ich kann nur darüber lachen, denn die Schüler aus der genannten Grundschule besuchen gar nicht dieses Gymnasium, sondern unseres. Aber es klingt so gut… „wir kümmern uns nachhaltig um eine enge Kooperation mit der Grundschule XY…“ Haben die eigentlich mal auf ihre Anmeldezahlen geschaut? Oder was verstehen sie unter Nachhaltigkeit?

Ich sollte aber nicht zu laut lachen, denn das Wasser scheint mir überall schal zu sein. Im Klartext: Leider gibt es sie einfach nicht, die Wunderschule, die Traumschule, die Schule, auf die ich als Lehrer sofort möchte. Ein sanierter Bau mit Wohlfühlatmosphäre, ein Raum, den ich mir einrichten kann mit meinen Unterrichtsmaterialien, ein durchweg motiviertes Kollegium, das bereit wäre, auch einmal ganz neue Wege auszuprobieren, ein Kollegium, das miteinander Schule denkt und nicht gegeneinander, späterer Schulbeginn und längere Pausen… ach träum weiter, Frau Henner! Es gibt nur Mittelmaß und faule Kompromisse, wie es scheint – was mich allerdings nicht vom Suchen abhält.

Da stellt sich die Frage: Welche Prioritäten möchte ich setzen? Wahllos notiere ich Stichwörter, um dann folgende Liste zu erstellen:

  1. Ganz oben steht der Wunsch nach Verantwortung, der Möglichkeit, bestimmte Bereiche planen, leiten und damit selbst gestalten zu können. Im Fach Deutsch ist das eine Illusion. Da gibt es immer viele Kollegen und meist sehr – wie sagt man – starke Persönlichkeiten. Deshalb schaue ich mir die Arbeitsbedingungungen in meinem Nebenfach an: Wie viele Kollegen gibt es da? Wie alt sind sie? Was kann ich über sie und ihre Arbeitseinstellung in Erfahrung bringen? Dem einen oder anderen bin ich ja bereits auf Fortbildungen oder bei Prüfungen über den Weg gelaufen. Schnell merkt man, ob man miteinander kann oder nicht. Wenn die Chemie nicht stimmt und die Vorstellungen vom Unterrichten und der Fachschaft zu weit divergieren, ist ein etwas höheres Alter des entsprechenden Kollegen und seine absehbare Pensionierung sicher ein Pluspunkt. Das klingt hart, aber wieso soll ich mich unnötig quälen?
  2. Wenn schon keine Wohlfühlatmosphäre, dann wünsche ich mir doch Räume, in denen man es aushalten kann oder die ich mir mit etwas Phantasie annehmbar machen kann. Mindesten fünf, zehn Jahre, vielleicht aber auch ein ganzes Berufsleben werde ich dann an dieser Schule sein. Es ist also legitim, nach dem Potential des Umfelds zu schauen, denke ich.
  3. Die Schulleitung! Wenn ich mir die diversen Schulen anschaue, muss ich mir unbedingt einen Eindruck von der Schulleitung machen. Welche Wege hat sie für die Schule im Auge, was ist ihr wichtig, welcher Typ Lehrer wird gesucht? Wie die Atmosphäre im Kollegium ist, kann ich vorher nicht wirklich durchschauen, auch ändert sich eine Stimmungslage je nach Zusammensetzung und Situation. Aber mit der Schulleitung steht oder fällt vieles. Ich hoffe, dass ich spüre, ob ein Funken überspringt oder nicht.

So viel zur Wunschliste. Auf den Schulhomepages ist alles toll, Friede – Freude – eitel Sonnenschein! Die Fotos auf Hochglanz poliert zeigen auch langweiligste Zweckbauten kontrastreich, modern und spritzig. Immer gewinnen alle Schüler alle Wettbewerbe und alle Schüler strahlen auf den unzähligen Konzerten, Theateraufführungen und halten die Medaillen in die Kamera. Überall sind nur glückliche Kinder, weil wir wissen, wie Schule geht, weil wir Schule leben, weil bei uns alles besser ist.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Selbstüberschätzung

Liebe Leser,

Kollegin Dorn bewirbt sich auf eine Leitungsstelle. Nicht an unserer Schule und nicht zum ersten Mal. Die folgende Szene ist also exemplarisch:

Heute Morgen treffe ich sie auf dem Gang. Ein Auswärtiger spricht mit ihr. Ich erkenne ihn als den Leiter des Schülertheaters, das durch die Lande ziehend deutschschwerpunktkompatible Stücke an den Mann und den Schüler bringt. Er war letztes Jahr schon da und bringt bestimmt schon das Equipment für das Stück, was heute für die Oberstufe aufgeführt wird. Allen Kollegen ist bekannt, dass dafür heute die Aula gesperrt ist.

In seiner präsenten Theaterstimme fragt er nach dem Aulaschlüssel. Frau Dorn zuckt mit den Schultern. Den habe sie nicht. Tja… Will sie jetzt den Theatermenschen einfach stehen lassen? Ja, sie will!

Also gehe ich zwei Schritte schneller. Ich muss die Ehre unserer Schule retten… „Sie haben bestimmt einen Aulaschlüssel!“, schallt es mir sonor entgegen.

„Nein, den haben Lehrer nicht, aber ich besorge Ihnen den Schlüssel. Einen kleinen Moment bitte!“, sage ich, lächele den Herrn kurz an, drehe mich um und verhafte Konstantin, dass er mal eben schnell ins Sekretariat läuft, um für den Theaterleiter den Aulaschlüssel zu erbitten.

Konstantin zieht ab. Der Theatermann bedankt sich. Frau Dorn schlappt weiter durch den Flur.

Ich halte mein Verhalten für keine Heldentat, sondern den normalen Umgang, den ein Lehrer in der Schule leben sollte. Also traue ich mir auch noch keine Leitungstätigkeit zu. Die Schwierigkeiten, einen ganzen Schulbetrieb zu managen, beschränken sich nunmal nicht auf schnelle, freundliche Hilfe beim Aufsperren eines Raumes. Das ist viel komplizierter. Frau Dorn scheint da anderer Ansicht zu sein.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Alles neu macht der Mai!

Liebe Leser,

als ich mit Lucy im Auto sitze, fällt mir ein, dass morgen Feiertag ist und die Läden geschlossen haben. Also düsen wir noch schnell zum Supermarkt und kaufen ein. Weiter geht’s durch frisch ergrünte Natur, die Sonne lacht und zu. Was will ich da mit schnell gekochten Nudeln? Nö, heute wird richtig gekocht!

Eine CD eingelegt, Kartoffeln kleingeschnitten zum Kochen gebracht, Champignons und Aubergine mit Zwiebeln und Knoblauch in Currypaste angebraten, Ingwersud dazu, experimentell ein bisschen Wein, Kokosmilch und Gewürze und am Ende die Kartoffeln hinein: voilà ein vegetarisches Curry.

Lucy hat inzwischen die Küche aufgeräumt, den Biomüll auf den Kompost gebracht, den Spüler ausgeräumt. Wir fühlen uns so gelassen, als lägen schon die Sommerferien vor uns.

Dabei ist es nicht nur das frühlingshafte Wetter, was unsere Stimmung belebt. Ich habe eine Entscheidung getroffen und einen Versetzungsantrag eingereicht. Natürlich weiß ich, dass damit nicht alles gut wird. Ich bin nicht naiv. Und mir ist klar, dass ich vieles an meiner alten Schule vermissen werde. Es wird überall nur mit Wasser gekocht. Aber es wird einfach Zeit für mich, mich auch einmal bei anderen Köchen umzusehen. Ich bin ein neugieriger Mensch. Es gab zuviel Stillstand in den letzten Monaten.

Eines ahne ich: es wird nicht leicht werden. Wir Beamten können uns ja nicht unsere neuen Arbeitsstellen heraussuchen und ich fürchte, dass das Regierungspräsidium mich ausgerechnet an die Schule schicken will, wo wirklich viel im Argen liegt. Dort sucht man händeringend jemanden mit meiner Fächerkombination – und findet niemanden. Doch Spekulieren bringt nichts, die Amtsmühlen mahlen sowieso langsam. Das ist alles nur ein erster Schritt.

Aber man kann nicht irgendwohin gelangen, wenn man nicht auch einmal den ersten Schritt wagt.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Verwirrung mit dem deutschen Schulsystem

Liebe Leser,

heute war nun Elifs letzter Schultag bei uns. Die Eltern waren nach der Halbjahresinformation recht schnell zu überzeugen, dass wir am Gymnasium ihre Tochter nicht adäquat fördern können. Der Abstand zwischen ihr und dem Rest der Klasse wurde immer größer. Wo andere Kinder sich langsam, aber stetig entwickeln, war bei Elif nichts zu merken. So deutlich sage ich das auch im Elterngespräch. Elifs Eltern sprechen nicht so gut deutsch, dass sie eine beschönigende Formulierung entlarven könnten. Lieber die Karten offen legen. Sie sind traurig.

„Wir wollten sowieso nicht Gymnasium“, sagt die Mutter, die ich zu diesem Elterngespräch zum ersten Mal kennen lerne.

„Ja, Elif wollte unbedingt. Hat gesagt, ich schaff das schon“, bestätigt der Vater.

Es nützt nichts darüber zu diskutieren, inwieweit zehnjährige Kinder solche großen Lebensentscheidungen überhaupt tragen können, zumal die Schüler an unseren Grundschulen bei dem beratenden Schullaufgespräch an der Grundschule meist nicht mit anwesend sind.

„Ein guter, solider Realschulabschluss ist ein gute Sache!“, sage ich und meine es ernst.

„Aber Realschule ist doch das gleiche wie Gymnasium?“, fragt der Vater.

Ich versuche mit einfachen Worten den Unterschied zu umreißen.

„Aha“, meint der Papa, „also wenn Elif dann auf Realschule wieder besser ist, dann kann sie wieder Gymnasium wechseln?“

„Sie kann nach ihrem Realschulabschluss auf ein berufliches Gymnasium wechseln und dort auch ihr Abitur ablegen, ja. Aber jetzt geht es doch darum, dass Elif Erfolge sieht, wieder motiviert wird. Ich wünsche ihr einmal eine Drei oder eine Zwei!“

Die Mama nickt eifrig. Dem Papa geht das mit dem Gymnasium nicht ganz aus dem Kopf.

„Und Nachhilfe, sollen wir weiterlaufen lassen?“

„Ich würde damit nicht sofort aufhören, lassen sie Elif Zeit, sich einzugewöhnen. Aber dann sollten sie die Nachhilfe zurückfahren. Wissen Sie, ich denke, ein Kind sollte auf die Schulform gehen, wo es ohne dauerhafte Nachhilfe gut dem Unterricht folgen kann.“

Der Vater starrt mich an. Er kann nicht recht glauben, was ich sage. Wo der Nachhilfelehrer doch sagt, dass Elif noch viel besser sein könnte, wenn sie weiterhin regelmäßig in die Nachhilfe komme…

Das war am Dienstag, heute ist schon alles klar. Die Eltern waren gleich im Anschluss des Gesprächs an der Realschule und dort nimmt man sie natürlich auf. Ich freue mich. Es gibt nicht mehr so viele Realschulen und eine Gemeinschaftsschule, wo Elif sehr selbständig lernen müsste, ist nichts für sie. Sie braucht unbedingt Anleitung. Das ist die Chance für sie!

Elif, die gerade ihre Schultasche einpackt, wirkt verwirrt. Sie schwankt zwischen Erleichterung und Traurigkeit. Zum Glück haben wir noch eine Menge zu tun: Bücher abgeben, Abmeldeformular unterschreiben, Zeugnisheft raussuchen, von den Klassenkameraden verabschieden. Ich wünsche ihr alles Gute, hoffe, dass sie es packt, denn ich kann nicht einschätzen, ob sie überhaupt den Anforderungen der Realschule gerecht werden kann. Für Elif ist es noch ein langer Weg.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Quietschfidel an der Berg Fidel

Liebe Leser,

am Wochenende lenke ich mich ab und gucke spätabends einen Dokumentarfilm über… HaHa!… Schule. Der Film heißt: Berg Fidel. Eine Schule für alle. Und es geht, wie sollte es anders sein, um eine Schule, an der alle Kinder aus einem Stadtteil lernen. Inklusion und so.

Gleich vorab, den Film kann man sich angucken, besonders, wenn man lange keine deutsche Grundschule mehr von innen gesehen hat. Wer allerdings tiefer in das Thema einsteigen will, wird enttäuscht, denn der Film schreibt sich Authentizität auf die Fahnen, das heißt in der Regel, dass die Bilder für sich sprechen können. Also kein Autorenkommentar (Naja, fast nicht. Am Ende werden wir dann doch mit ein paar Sätzen dahin geleitet, was wir nun denken sollen.), keine zusätzlichen Informationen, kein Einordnen des Gesehenen in ein großes Ganzes, allein die Kinder erzählen, lernen, laufen durch ihren Schulalltag und werden sogar zuhause porträtiert.

Nun ist es jedoch nicht so, dass Bilder allein Objektivität erreichen. Jeder Regisseur, jeder Kameramann wählt Bilder aus und nimmt somit Einfluss auf die Richtung des Filmes und will natürlich auch den Zuschauer beeinflussen, denn was ist die Motivation, einen Film zu drehen – irgendetwas muss einen schließlich packen, ein solch aufwendiges Projekt anzugehen. Also erzählt mir bitte nichts von Objektivität.

Jetzt aber erst einmal zu den Fakten. Berg Fidel ist eine Grundschule in einem Münsteraner Stadtteil, die alle Kinder aufnimmt. Der Fokus des Films liegt auf Lukas, einem Jungen, der möglicherweise aus einfachen Verhältnissen stammt und es schafft, sich selbst von einem eher schlechten Schüler bis zum Realschüler hochzuarbeiten. Dann sehen wir die Brüder David und Jakob, die beide körperbehindert sind in unterschiedlichen Graden, Jakob zusätzlich noch geistig behindert, wohingegen David ein rundum schlaues und kreatives Kind ist – der Held des Films. Und dann ist da noch Anita, ein Roma-Mädchen? aus dem Kosovo, dass große Probleme mit dem Lernen hat und in der ständigen Angst vor Abschiebung lebt. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, jeder ist liebenswert und wird vom Zuschauer gleich ins Herz geschlossen. Und so verfolgen wir die Bilder des Schulalltags, das gemeinsame Lernen von behinderten und nichtbehinderten Schülern, das Basteln und Schreiben, die unzähligen Klassenrate, die Zeugnisbesprechungen mit den Eltern, die Suche nach einer passenden weiterführenden Schule und die häuslichen Bedingungen, die den Background dafür abgeben. Der Tenor: Die Schule ist super, hier kann sich jeder entfalten. So sollte Schule aussehen.

Das Normative bleibt nicht aus. Am Ende des Films, wo jeder die Kinder sooo lieb gewonnen hat, wird in kurzen Sätzen kontrastiert, dass diese heile Welt nun für viele ein Ende hat oder zumindest Enttäuschungen bietet. Anita findet keine integrative Hauptschule in Wohnortnähe (der Begriff wird nicht erklärt, auch nicht, warum Anita nur auf eine integrative Hauptschule gehen kann) und muss daher auf eine Sonderschule mit dem Schwerpunkt Lernbehinderung wechseln. Das Muss vermittelt dem Zuschauer, dass das nicht als die beste Lösung angesehen werden soll. Lukas, der ist stolz, denn er wird auf die Realschule wechseln. Jakob, der durch seine Behinderung nicht in der Lage ist, selbständig längere Texte zu verfassen, dessen Sprache herrlich frei, doch schwer verständlich ist, verbleibt noch ein weiteres Jahr an der Berg Fidel. Und am Ende der große Knaller: David, der Überflieger, der komponiert und spannende Geschichten schreibt, der nur Einsen und Zweien hat und sowieso… er wurde von zwei Gymnasien abgelehnt. Vorwurfsvoll steht das im Raum. Hoffnung gibt die Montessori-Schule, die ihn aufnimmt und wo er das Abitur ablegen kann. Die Gründe, warum die Gymnasien ihn abgelehnt haben, werden nicht dargelegt, was in meinen Augen die Darstellung im Film unfair macht. Wichtige Informationen werden somit dem Zuschauer vorenthalten. Wie soll sich da einer ein Bild machen.

Mal wieder die bösen Gymnasien, die einen so begabten Jungen ablehnen, weil er nicht ins Schema passt.

Was ich mich beim Anschauen des Filmes aber viel mehr frage, was ist eigentlich das Tolle an der Schule? Alle Kinder können hingehen, das sehe ich. Und ja, das ist wirklich wunderbar. Aber wenn ich mich an meine Hospitationen an den Grundschulen erinnere, dann erlebe ich genau das. Die Grundschulen sind inzwischen ein Hort der Gemeinschaft. Im Film sehe ich ab und zu im Hintergrund eine zweite erwachsene Person. Ist das der Co-Lehrer? Ist das ein Sonderpädagoge? Wieder werde ich nicht informiert, aber ich vermute mal stark, dass Jakob immer einen Extralehrer für sich hat. Wow, wo das finanziert wird! Ich meine das ernst. Ich habe an einer Grundschule in der Umgebung einen geistig behinderten Jungen gesehen, der normal im Schulalltag mitlief, aber um den sich keine Extra-Lehrkraft gekümmert hat. Ein etwas trauriger Anblick. Die anderen Kinder haben wenig mit ihm gespielt oder gelernt. Er war viel allein und hat kaum etwas gelernt. Wir müssen endlich ehrlich sein. Inklusion heißt mehr Personalkosten. Schön, wenn die Berg Fidel Lösungen gefunden hat, mich hätte interessiert, welche, aber das bleibt der Film einem schuldig.

Anita, Jakob und David, Kinder wie diese lernen alle an einer normalen Grundschule und, wie ich viele Grundschulen von innen kennen gelernt habe, sieht es da auch ähnlich aus. Offener Unterricht, Klassenrat, gemeinsames Frühstück, viele quirlige Kinder, die gerne sehr unterschiedliche Dinge machen. Es wird nicht klar, welche Besonderheiten die Berg Fidel bietet, nichts, wenn man etwas dazulernen will. Problematisch waren diese Kinder auch bei meiner eigenen Tochter in der Grundschulklasse nicht, dort gab es kein geistig behindertes Kind, aber sehr schwache Schüler, Schüler mit Handicap UND die verhaltensauffälligen Kinder.

Darüber schweigt der Film. Was passiert, wenn Kinder austicken, sich schreiend auf den Boden werfen, in die Gitarre pinkeln, mit einer Schere aufeinander losgehen. Vielleicht gibt es genau diese Kinder an der Berg Fidel nicht, weil sie so gut ist. Bei uns gab es diese Kinder. Und die Grundschullehrer wussten sich kaum zu helfen. Sie waren allein in einer Klasse mit fünfundzwanzig Kindern mit und ohne Behinderung. Mich würde interessieren, wie das diese Schule löst, denn am Ende wird uns erklärt, wie sich alle eines sehnlichst wünschen:

Kein Aussortieren mehr, Berg Fidel weiterführen – bis zum Abitur, damit die Menschlichkeit siegt.

Ihr wisst, ich bin sehr für Menschlichkeit, aber ich bin auch sehr für differenzierte Sichtweisen und für genügend Informationen. wäre das denn so unauthentisch gewesen?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner