Archiv der Kategorie: Lebenswege

Quietschfidel an der Berg Fidel

Liebe Leser,

am Wochenende lenke ich mich ab und gucke spätabends einen Dokumentarfilm über… HaHa!… Schule. Der Film heißt: Berg Fidel. Eine Schule für alle. Und es geht, wie sollte es anders sein, um eine Schule, an der alle Kinder aus einem Stadtteil lernen. Inklusion und so.

Gleich vorab, den Film kann man sich angucken, besonders, wenn man lange keine deutsche Grundschule mehr von innen gesehen hat. Wer allerdings tiefer in das Thema einsteigen will, wird enttäuscht, denn der Film schreibt sich Authentizität auf die Fahnen, das heißt in der Regel, dass die Bilder für sich sprechen können. Also kein Autorenkommentar (Naja, fast nicht. Am Ende werden wir dann doch mit ein paar Sätzen dahin geleitet, was wir nun denken sollen.), keine zusätzlichen Informationen, kein Einordnen des Gesehenen in ein großes Ganzes, allein die Kinder erzählen, lernen, laufen durch ihren Schulalltag und werden sogar zuhause porträtiert.

Nun ist es jedoch nicht so, dass Bilder allein Objektivität erreichen. Jeder Regisseur, jeder Kameramann wählt Bilder aus und nimmt somit Einfluss auf die Richtung des Filmes und will natürlich auch den Zuschauer beeinflussen, denn was ist die Motivation, einen Film zu drehen – irgendetwas muss einen schließlich packen, ein solch aufwendiges Projekt anzugehen. Also erzählt mir bitte nichts von Objektivität.

Jetzt aber erst einmal zu den Fakten. Berg Fidel ist eine Grundschule in einem Münsteraner Stadtteil, die alle Kinder aufnimmt. Der Fokus des Films liegt auf Lukas, einem Jungen, der möglicherweise aus einfachen Verhältnissen stammt und es schafft, sich selbst von einem eher schlechten Schüler bis zum Realschüler hochzuarbeiten. Dann sehen wir die Brüder David und Jakob, die beide körperbehindert sind in unterschiedlichen Graden, Jakob zusätzlich noch geistig behindert, wohingegen David ein rundum schlaues und kreatives Kind ist – der Held des Films. Und dann ist da noch Anita, ein Roma-Mädchen? aus dem Kosovo, dass große Probleme mit dem Lernen hat und in der ständigen Angst vor Abschiebung lebt. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, jeder ist liebenswert und wird vom Zuschauer gleich ins Herz geschlossen. Und so verfolgen wir die Bilder des Schulalltags, das gemeinsame Lernen von behinderten und nichtbehinderten Schülern, das Basteln und Schreiben, die unzähligen Klassenrate, die Zeugnisbesprechungen mit den Eltern, die Suche nach einer passenden weiterführenden Schule und die häuslichen Bedingungen, die den Background dafür abgeben. Der Tenor: Die Schule ist super, hier kann sich jeder entfalten. So sollte Schule aussehen.

Das Normative bleibt nicht aus. Am Ende des Films, wo jeder die Kinder sooo lieb gewonnen hat, wird in kurzen Sätzen kontrastiert, dass diese heile Welt nun für viele ein Ende hat oder zumindest Enttäuschungen bietet. Anita findet keine integrative Hauptschule in Wohnortnähe (der Begriff wird nicht erklärt, auch nicht, warum Anita nur auf eine integrative Hauptschule gehen kann) und muss daher auf eine Sonderschule mit dem Schwerpunkt Lernbehinderung wechseln. Das Muss vermittelt dem Zuschauer, dass das nicht als die beste Lösung angesehen werden soll. Lukas, der ist stolz, denn er wird auf die Realschule wechseln. Jakob, der durch seine Behinderung nicht in der Lage ist, selbständig längere Texte zu verfassen, dessen Sprache herrlich frei, doch schwer verständlich ist, verbleibt noch ein weiteres Jahr an der Berg Fidel. Und am Ende der große Knaller: David, der Überflieger, der komponiert und spannende Geschichten schreibt, der nur Einsen und Zweien hat und sowieso… er wurde von zwei Gymnasien abgelehnt. Vorwurfsvoll steht das im Raum. Hoffnung gibt die Montessori-Schule, die ihn aufnimmt und wo er das Abitur ablegen kann. Die Gründe, warum die Gymnasien ihn abgelehnt haben, werden nicht dargelegt, was in meinen Augen die Darstellung im Film unfair macht. Wichtige Informationen werden somit dem Zuschauer vorenthalten. Wie soll sich da einer ein Bild machen.

Mal wieder die bösen Gymnasien, die einen so begabten Jungen ablehnen, weil er nicht ins Schema passt.

Was ich mich beim Anschauen des Filmes aber viel mehr frage, was ist eigentlich das Tolle an der Schule? Alle Kinder können hingehen, das sehe ich. Und ja, das ist wirklich wunderbar. Aber wenn ich mich an meine Hospitationen an den Grundschulen erinnere, dann erlebe ich genau das. Die Grundschulen sind inzwischen ein Hort der Gemeinschaft. Im Film sehe ich ab und zu im Hintergrund eine zweite erwachsene Person. Ist das der Co-Lehrer? Ist das ein Sonderpädagoge? Wieder werde ich nicht informiert, aber ich vermute mal stark, dass Jakob immer einen Extralehrer für sich hat. Wow, wo das finanziert wird! Ich meine das ernst. Ich habe an einer Grundschule in der Umgebung einen geistig behinderten Jungen gesehen, der normal im Schulalltag mitlief, aber um den sich keine Extra-Lehrkraft gekümmert hat. Ein etwas trauriger Anblick. Die anderen Kinder haben wenig mit ihm gespielt oder gelernt. Er war viel allein und hat kaum etwas gelernt. Wir müssen endlich ehrlich sein. Inklusion heißt mehr Personalkosten. Schön, wenn die Berg Fidel Lösungen gefunden hat, mich hätte interessiert, welche, aber das bleibt der Film einem schuldig.

Anita, Jakob und David, Kinder wie diese lernen alle an einer normalen Grundschule und, wie ich viele Grundschulen von innen kennen gelernt habe, sieht es da auch ähnlich aus. Offener Unterricht, Klassenrat, gemeinsames Frühstück, viele quirlige Kinder, die gerne sehr unterschiedliche Dinge machen. Es wird nicht klar, welche Besonderheiten die Berg Fidel bietet, nichts, wenn man etwas dazulernen will. Problematisch waren diese Kinder auch bei meiner eigenen Tochter in der Grundschulklasse nicht, dort gab es kein geistig behindertes Kind, aber sehr schwache Schüler, Schüler mit Handicap UND die verhaltensauffälligen Kinder.

Darüber schweigt der Film. Was passiert, wenn Kinder austicken, sich schreiend auf den Boden werfen, in die Gitarre pinkeln, mit einer Schere aufeinander losgehen. Vielleicht gibt es genau diese Kinder an der Berg Fidel nicht, weil sie so gut ist. Bei uns gab es diese Kinder. Und die Grundschullehrer wussten sich kaum zu helfen. Sie waren allein in einer Klasse mit fünfundzwanzig Kindern mit und ohne Behinderung. Mich würde interessieren, wie das diese Schule löst, denn am Ende wird uns erklärt, wie sich alle eines sehnlichst wünschen:

Kein Aussortieren mehr, Berg Fidel weiterführen – bis zum Abitur, damit die Menschlichkeit siegt.

Ihr wisst, ich bin sehr für Menschlichkeit, aber ich bin auch sehr für differenzierte Sichtweisen und für genügend Informationen. wäre das denn so unauthentisch gewesen?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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Neues Halbjahr – weniger Schüler?

Liebe Leser,

Die Halbjahresinformationen bringen es ans Licht, wer schafft es und wer schafft es nicht. Am Gymnasium herrscht eine Auslese. Hart würde ich sie nicht nennen, denn es gehört schon viel dazu, in der Unterstufe eine Nichtversetzung angemahnt zu bekommen. Mindestens eine Fünf, die nicht mit einer Drei auszugleichen ist, um es ganz vereinfacht auszudrücken. In der Oberstufe sind es die Unterkurse (Kurse, die mit weniger als 5 Punkten abgeschlossen werden), die Schülern das Genick brechen.

Josefa ist so eine. Acht Unterkurse darf man haben, sie hat inzwischen zehn. Keine Chance auf Zulassung zum Abitur. Josefa sitzt bei mir im Kurs und ich wundere mich schon lange, was sie eigentlich hier tut. Sie ist nett, keine Frage, und vom Schminken versteht sie eine Menge, das ist nicht mal sarkastisch gemeint. Josefa ist ein gutes Kind, aber was will sie mit dem Abitur?

„Ich wünsche Ihnen alles Gute“, sage ich, als sie sich von mir verabschiedet, „haben Sie eine Idee, was Sie nun anfangen werden?“

Josefa lacht: „Nö, ich mach erst mal Praktikum.“

„Haben Sie schon was?“

„Nö, ich weiß ja gar nicht, was ich machen will!“

„Keine Idee, so wenigstens die Richtung?“

„Nö, ich habe echt keine Ahnung!“

Josefa ist mittlerweile zwanzig Jahre alt. Das ist ein Alter, in dem man zumindest eine Richtung wissen sollte. Wir haben ihr schon lange geraten, abzugehen und eine solide Ausbildung zu machen. Jetzt weiß ich, warum das Mädchen, es nie getan hat. Sie wusste nichts mit sich anzufangen. Dann lieber noch zur Schule gehen. Da hat man einen Plan, und wenn es der Stundenplan ist.

Aber sie lacht. Josefa ist ein fröhlicher Mensch.

Elif lacht nicht, als sie ihr Zeugnis sieht. Elif aus der Fünften ist auch so ein Fall, nur dass es bei Elif schon in der fünften Klasse anfängt, eng zu werden. Klar werde ich den Eltern raten, ihr Kind auf die Realschule zu geben. Dort hat Elif vielleicht eine Chance, hier rennen ihr die Kinder intellektuell davon.

Aber wie werden die Eltern reagieren bzw. der Vater, denn die Frau Mama habe ich noch nie kennen gelernt? Der Vater signalisiert von Anfang an: Elif wird es schaffen, dafür sorge ich, und wenn nicht, dann wiederholt sie eben. Ich glaube, Elif hat momentan wirklich nicht viel zu lachen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Aber die ist doch noch so jung!

Lieber Leser,

es geht weiter. Das Kollegium simmert vor sich hin, noch kocht es nicht über, aber ab und zu blubbert der Unmut doch hörbar hervor. Wer wird unser neuer Medienberater? Vorab, ich habe nie überlegt, mich auf diese Stelle zu bewerben, das ist nicht mein Ding, können andere besser. Wo ist also das Problem?

Die Kollegen, die es könnten, sind im Kollegium nicht beliebt und noch zu kurz da. Alte Hasen fühlen sich mal wieder übergangen. O-Ton von heute:

„Auf den Unterricht kommt es mal wieder nicht an!“

„Der ist doch eh nur krank! Schon mal gemerkt, immer vor den Ferien und wenn er eine Klausur geschrieben hat…“

„Der ist doch noch viel zu jung, da wären jetzt erst mal andere dran…“

Über das Alter kommen wir in ein weiteres Gespräch. Frau von Ostrach erklärt mir, wie sie es bedauere, dass den jungen Kollegen zu viel aufgebürdet würde, dass man ihnen gar keine Gelegenheit gebe, sich erst einmal im Lehrerberuf zu etablieren. Fachlich mache man ja noch Fehler, aber das passiere halt, wenn einem die Erfahrung fehle. Nehmen wir Frau Carroll, was für eine reizende Kollegin. Muss sich noch einarbeiten, aber so eine nette Person! Ist ja noch so jung…

Das sagt Frau Ostrach mir ins Gesicht. Ich antworte nichts. Ständig erklären mir Kollegen, dass man Rücksicht auf die jungen Kollegen nehmen müsse, sie hätten ja noch nicht so viel Erfahrung. Man dürfe sie nicht so belasten.

Sehe ich so alt aus? Frau Carroll und ich sind fast gleichaltrig.

Ich erkläre beim Mittagstisch, morgen mit enganliegender Jeans, Push-up-BH und tiefem Dekolletee in die Schule zu gehen, Haare zum wippenden Pferdeschwanz und knalligem Lippenstift. Dann muss ich mindestens zehn Jahre jünger aussehen. Yeah!

Lucy guckt mich flehend an: „Mama, mach das bitte nicht!“

 

Ich habe in einer solchen Diskussion schon einmal zu einer Kollegin gesagt: „Ich bin übrigens auch so alt und muss trotzdem Drittkorrektur machen.“

Antwort: „Ja, Sie sind ja auch was anderes.“

Ein Alien?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

Lebenswege

Liebe Leser,

man soll Beiträge, Briefe und Ähnliches nicht mit „ich“ anfangen. Aber dieser Blog ist eine Art Tagebuch und wen juckt es da…

Ich denke darüber nach, die Schule zu wechseln.

Nicht weil die Atmosphäre manchmal zum Schneiden ist, nicht weil auch andere Kollegen gehen, nicht weil ich mich nicht wohlfühlen würde, nicht weil ich mir etwas Besseres verspreche, ganz im Gegenteil, ich mag mein kleines Landgymnasium. Auf Fortbildungen hört man von Fachkollegen von anderen Schulen nicht viel Gutes. Es gibt in unmittelbarer Nähe kein mich reizendes Schulkonzept. Warum denke ich dann überhaupt darüber nach!

Ich kann an meiner Schule rödeln, wie ich will, die Beförderungen bekommen andere. Nicht, dass ich beleidigt wäre. Mein Engagementsprofil wird halt gerade nicht gebraucht. Die Stellen, die für mich interessant wären, sind alle schon besetzt. Ich trete auf der Stelle. Ich könnte nur noch aufs Treppchenmodell warten, aber auch da gibt es bei uns einen Generationsstau. Und überhaupt, ich möchte befördert werden, weil ich neben meinem Unterricht in unserer Schule viel organisiere, Ideen einbringe, zuverlässig auch für Schulbelange einstehe – nicht weil ich älter werde. Mein größtes Problem ist aber, dass ich nicht Kollegen über mir haben möchte, die weniger leisten. Ich ordne mich sehr gerne richtigen Führungspersonen unter, da habe ich kein Problem damit. Aber ich komme ins Kochen, wenn jemand mir Weisungen erteilt, der offensichtlich keine Ahnung hat oder nur das Nötigste tut.

Ich habe schon mit meinem Chef gesprochen, aber noch nichts vom Weggehen gesagt. Man will ja einfach einmal seine Chancen ausloten. Natürlich will er mich behalten. Und er würde mich ja sofort befördern, aber die Sachzwänge… und überhaupt, ich mache doch so tollen Unterricht, darauf könne er einfach nicht verzichten. Aber in den nächsten Jahren würde ich bestimmt übers Treppchenmodell…

Nun sitze ich da und spinne herum, lasse mir bei google-maps Fahrtzeiten zu anderen Gymnasien heraus. Alles sehr vage und wahrscheinlich nur eine Luftnummer. Im Herzen will ich ja bleiben. Aber wer weiß, was das Leben so bringt?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner