Archiv der Kategorie: Lehrermama

Physik und die Welt

Liebe Leser,

die erste Oktoberwoche vergeht mit der Vehemenz und strahlenden Kraft eines letzten Aufbäumens der Natur. Um uns herum tanzen gelbe Blätter, die Rosen blühen in einer stattlichen Parade im Garten und wir sitzen am Esstisch und lernen Physik.

Wir, das sind Lucy und ich. Wie ich es schon geahnt hatte, weil ich nun mal meine alten Kollegen noch kenne, entpuppt sich Lucys Physikunterricht als Katastrophe. Ich kann mich nur auf die Erzählungen meiner Tochter verlassen, aber höre quasi als Resonanz die vielen Schülerstimmen dazu, die alle den gleichen Ton anschlagen und den Physiklehrer zum unbeliebtesten Lehrer der Schule machen. Lucy nennt ihn nur ML – Miese Laune.

Ich selbst fand Physik an sich gar nicht so dröge, aber habe auch diese Erinnerungen an laaaaaaaaaangweilige Stunden in potthässlichen Fachräumen. Schlimm genug, dass Lucy das ganze 25 Jahre später wieder genauso erleben muss. ML steht vorne, macht ein Experiment und erklärt es nebenbei. Nun hängt es von der Sichtachse des jeweiligen Schülers und der direkten Umgebung ab, wieviel er überhaupt von diesem Experiment mitbekommt. Aber immerhin wird überhaupt ein Experiment gemacht. Leider sind die Erklärungen nicht sonderlich verständlich, weil ML Fachbegriffe benutzt, die den Schülern nicht klar sind. Ihm ist ja alles klar. Fragen die Schüler nun nach, bekommen sie Sätze wie: „Du weißt nicht, was eine Auslenkung ist? Ja, lebst du auf dem Mars?“ zu hören, aber das ist nunmal nicht sonderlich hilfreich. Besonders demotivierend ist es dann, wenn das anschließende, sich ewig hinziehende Lehrer-Schüler-Gespräch von Lehrers Seite nur mit den Jungen geführt wird, weil Mädchen ja eh keine Ahnung haben. Als bestätigendes Beispiel wird dann ab und zu die schüchterne Leonie aufgerufen. Und Lucy bekommt zu hören, als sie eine Frage richtig und mit Fachbegriff beantworten kann: „Den Fachbegriff darfst du noch gar nicht kennen, der ist erst in Klasse 10 dran.“ Super.

Lucy hat also nach drei Wochen die Segel gestreckt, ich weiß nicht, ob der Rest der Klasse überhaupt aufgetakelt hatte. Ergebnis: keiner macht mehr mit und Miese Laune bekommt noch miesere Laune. Jetzt droht der Lehrer mit Tests, denn so doof kann sich ja kein Schüler anstellen. Frau Henner will Lucy vor einem Riesenreinfall bewahren und findet außerdem, dass man Physik auch verstehen kann – der Lehrerehrgeiz ist erwacht. Und Lucy? Die sagt: „Also diesem Typen will ich’s grade beweisen, der darf nicht glauben, dass Mädchen alle doof sind!“ Also sitzen wir beide über dem Physikstoff. Ohne das Buch wäre ich aufgeschmissen. Es existiert zwar ein Heftaufschrieb, aber der besteht allein aus Versuchsaufbauten. Erklärungen, Rechnungen, Übungen, das alles fehlt. Merksätze?

Ich bin gut vorbereitet. Aus dem Internet habe ich mir Beispieltests runtergeladen, leider hätte ich die Lösungen bezahlen müssen. Seis drum, das kriegen wir schon hin. Auch finde ich You-tube-Videos, die sind zwar cool gemacht, aber in ihrer Verkürzung viel zu simplifizierend und trashig, da bleibt nicht viel hängen. Man kann ein ganzes Stoffgebiet eben nicht in 2.40 Minuten packen.

Anfänglich sträubt sich die Tochter. Physik ist ja voll doof. Aber als wir dann zu allerlei Naturphänomenen kommen, die sie nun endlich erklären kann und damit tiefer begreift, findet sie es selbst ganz interessant. Nur mit den Rechnungen klappt es nicht so recht, aber das ist ja wieder ein anderes Problem. Gerne hätte ich ein paar mehr Übungsaufgaben gefunden – mit Erklärung und Lösung, denn Miese Laune wird der Klasse ja beweisen wollen, WIE doof sie ist. Aber selbst wenn sich Lucy bei den Rechnungen schwertut, das Prinzip hat sie kapiert, darauf kommt es an.

Lucy wird langsam klar, dass zum Weltretten auch ein bisschen Physik dazugehört. Biologie ist das eine, Politik und Ethik das andere, aber die Wasserpumpe in Afrika ist das dritte. „Dann sollte ich wohl Physik auch in der Oberstufe machen“, überlegt Lucy tollkühn. Nun ja, hängen wir uns mal lieber nicht so weit aus dem Fenster, freuen wir uns über diesen kleinen Anfang. So gehen wir auseinander und haben beide das Gefühl, dass es etwas gebracht hat. Miese Laune kann uns den Tag nicht verderben!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Physiknachhilfelehrerin Frau Henner

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SW 34: Abschied von der Kindheit

Liebe Leser,

Lucy steht vor mir und hat Tränen in den Augen. Sie umarmt mich spontan, was so gar nicht ihre Art ist. Da muss ihr Herz schon schwer sein. Seit Wochen spürt sie das nun. Alles wird anders, nichts bleibt bestehen. Vielleicht hilft eine feste Umarmung in dieser unsicheren Zeit.

Das Schuljahr neigt sich dem Ende. Ihre Lehrerin wird die Schule verlassen. Die Mama wird gehen. Herr Henner überlegt sich auch, ob er sich beruflich verändern sollte. Selbst der kleine Leo hat nur noch wenige Tage im Kindergarten. Alle diese Veränderungen scheinen mit ihrem endgültigen Abschied von der Kindheit zusammenzutreffen. Morgens ist Lucy hundemüde und kann abends nicht mehr zeitig einschlafen. Lucy wird, ob sie will oder nicht, zum Teenager. So reif und verantwortungsvoll sie auch scheint, leicht ist das nicht.

Dazu kommt, dass das Neue so ungewiss ist. Keiner von uns schwelgt in einer Anfangs-Euphorie. Wir alle sind in den letzten Wochen so mit Tätigkeiten eingedeckt, dass wir keine Zeit zum Träumen haben, Luftschlösser ungebaut lassen, ganz realitätsgewiss anerkennen, dass das Leben einfach weitergeht – mehr nicht. Immer einen Schritt nach vorn, zurück geht ja nicht.

Auch privat gab es diese Jahr so viele Abschiede, dass sich unser Leben ändern musste. Eine gute Freundin hat den Kontakt ins Oberflächliche abdriften lassen, weil ihr zu mehr die Energie fehlt, ein anderer guter Freund ist plötzlich verstorben, selbst unter uns Geschwistern leben wir so unterschiedliche Lebensvorstellungen, dass eine Zusammenkunft mühsam und wenig bereichernd scheint und im Grunde nur den Eltern zuliebe stattfindet. Sicher sind das normale Entwicklungen, aber es fehlen in solchen Umbruchsphasen die Menschen, die diese Leerstellen wieder neu besetzen. Es gilt, Vertrauen aufzubauen, und das fordert Zeit. Wer hat die schon…

Wer nimmt sie sich…

Zum Glück hat Lucy ihre Freundinnen. Eine davon darf uns auch ab und zu besuchen oder umgekehrt. Die andere dürfte, aber tut es nicht, die dritte darf nicht, warum auch immer. Die Eltern finden immer Ausreden, ihr Kind bei sich zu Hause einzusperren zu behüten. Aber immerhin haben die vier in der Schule eine Menge Spaß miteinander – da haben die Eltern keine Handhabe – zum Glück!

Sie haben sich erst in der sechsten, siebenten Klasse so richtig gefunden und das zeigt mir, dass es sich hier um echte Freundschaften handelt, Menschen, die Zeit miteinander verbringen, weil sie sich mögen – so unterschiedlich sie im Einzelfall auch sind. Lucy wird später erfahren, wie wichtig dieser Jugendschatz eigentlich ist, den sie da besitzt.

Dann, wenn die Menschen sich entscheiden müssen zwischen Familie, Liebe, Freundschaft und Beruf, weil sie alles eben nicht mehr unter einen Hut bringen, weil sie alles so perfekt machen wollen, weil sie Angst haben, im Leben etwas zu verpassen, nicht voranzukommen, weil sie erschöpft sind.

Manchmal träume ich von einem einfachen Leben mit wenig Bedürfnissen.

Was gehört dann dazu? Ein guter, ruhiger Platz zum Leben, die Nähe der Kinder und Eltern, Vertraute, die einem zuhören und die sich an einen wenden. Genug zu essen, Wärme und das Gefühl von Geborgenheit. Anerkennung für das, was man tut. Raum zum Träumen, die Gewissheit einer Zukunft. Ein Gestaltungsspielraum. Das ist für mich der wahre Luxus.

Urlaub mit dem Flugzeug, großes Auto, Glitzer-Bling-Bling – das gehört alles nicht dazu. Für mich. Aber mir ist sehr wohl bewusst, dass ich damit viel anspruchsvoller bin als manch anderer. Und doch glaube ich ganz tief in mir drin, dass wir im Grunde alle auf der Suche nach dem einfachen Leben sind, weil der Weg dahin aber kompliziert ist, schieben wir es in den Bereich der Utopie. Materielle Bedürfnisse lassen sich leichter befriedigen und geben einem oberflächlich gesehen sehr wohl das Gefühl eines guten Lebens.

Lucy steht an einem Scheideweg, weil sie genau das erkennt. Die Geborgenheit der Kindheit entlässt sie nun in die unsichere Welt der Erwachsenen. Da dürfen ein paar Tränen fließen. Sie hat noch ein paar Jahre, bis sie ganz aus sich heraus stark sein muss.

Das wird ein langer Abschied.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Lucy weint

Lebe Leser,

wieder ist ein Schuljahr zuende gegangen. Erleichterung und Freude mischen sich. Es gab Momente, die mich hätten zynisch stimmen können, es aber nicht getan haben, weil ich mir im letzten Schuljahr ein dickes Fell zugelegt habe. Aber es gab auch die richtig guten Momente, die mich stolz machen, die mir Kraft geben. So ist das Leben nun einmal.

Lucy kommt mit einem strahlenden Zeugnis und strahlendem Lächeln auf den Schulparkplatz. Der einzige Schattenfleck ist die Mathenote, da aber alles andere so leuchtet, spielt sie keine Rolle. Es war ein erfolgreiches Jahr. Lucy hat Freundinnen, gute Noten und wird langsam, aber sicher erwachsener.

Im Auto erzähle ich ihr endlich, dass ich die Schule wechseln werde. Sie soll es erfahren, damit sie sich darauf einstellen kann. Plötzlich weint Lucy.

Das hätte ich nicht erwartet: meine Lucy! Das Kind, was von Natur aus ein dickes Fell hat, das selbst bei Papa Henners lautem Geschimpfe, wenn mal was gar nicht klappt, nur amüsiert mit den Augen rollt, dieses Kind weint.

Es rührt mich, denn es ist der klare Beweis, dass es für Lucy doch kein Problem war, ein Lehrerkind zu sein. Lucy gesteht mir, dass sie stolz auf mich war, weil ich von ihren Mitschülern akzeptiert wurde, weil die mich nett fanden, weil es eigentlich voll in Ordnung war, dass wir beide an der gleichen Schule waren…

Wir nehmen uns im Vorgarten lange in den Arm, reden und reden und dann hört Lucy auf mit dem Weinen.

„Aber ein Jahr haben wir noch zusammen?“, fragt sie.

Ja, ein Jahr werden wir noch zusammen haben, Lucy, dann wirst du sowieso flügge. Danke Lucy, du machst mir mit deiner Ehrlichkeit das schönste Geschenk zur Schuljahresabschluss. Ich glaube, ich habe mich noch nie so über die Tränen meiner Tochter gefreut. Lucy wird mit der neuen Situation sicher gut zurecht kommen, sie ist ein taffes Mädchen geworden. Aber jetzt freuen wir uns erst einmal auf unser letztes gemeinsames Jahr!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner, die sich mit diesem Beitrag in vier Wochen Sommerferien verabschiedet – euch allen einen guten Sommer und allen, die es betrifft, einen guten Start ins neue Schuljahr – wir hören erst im September wieder voneinander.

Was Lucy nicht kann…

Liebe Leser,

Kinder wachsen. Kinder brauchen neue Kleidung. Jugendliche haben sehr genaue Vorstellungen, was man anziehen kann und was nicht. Also ist Frau Henner mit der Tochter unterwegs, dem Frühling klamottentechnisch entgegenzukommen. Wir stehen also in einem Bekleidungsgeschäft.

Die Übergangsjacke (Was für ein Wort!) ist schnell gefunden. Da gleicht sich der Geschmack – gutes Kind! Auch bei den Schuhen waren wir erfolgreich. Passt, sieht gut aus, musst du aber selbst sauber halten! Kind nickt brav. Klar! Gutes Kind!

Dann stehen wir bei den T-Shirts. Nur mal gucken. Ich weiß, dass gerade diese Fotoprints angesagt sind, und möchte meinem Kind auch diese Freude machen, nachdem das versprochene Shirt im Internet bereits ausverkauft war. Aber so toll sind die Prints in diesem Laden nicht. Da fällt mir ein Schild ins Auge.

Ja ja, ich weiß, dass Ferien sind. Aber das Shirt kostet 19,95 Euro und auf dem Schild prangt in Gelb: 30% billiger!!!!!!! Welche Mutter würde da ihr Kind nicht fragen: „Wieviel kostet das Shirt denn jetzt noch?“

Lucy schaut mich entsetzt an. „MAMA!“, kreischt ihr Blick. Verstohlen blickt sie sich um. Ich bin oberpeinlich. Die Leute um uns herum interessiert dieser Fakt jedoch reichlich wenig. Außer den Verkäuferinnen ist nur eine weitere Mutter mit Tochter anwesend – viel zu weit weg, außer Hörweite – und eine Familie mit vielen, ungepflegt wirkenden Mädchen, die sich in Sommerkleidchen drehen. Ein Mädchen singt: „Hach, wie schön ist dieses Kleid, ich sehe so schön darin aus!“ Sie singt wirklich im Laden und wirbelt die roten Rosen umher. Leider sind weder Kleid noch Kind schön, was die ganze Szene bizarr macht. Aber die Verkäuferinnen haben immerhin genug mit dieser Familie zu tun. Niemand hört uns zu. Also bleibe ich hart.

„Komm schon Lucy, das ist mal sinnvolle Mathematik. Du musst doch wissen, wieviel etwas kostet. Du kannst ja auch aufrunden. Nehmen wir mal an, das T-Shirt kostet 20 Euro. Wieviel sind denn 10% von den 20 Euro?“ Ich frage das weder vorwurfsvoll noch drängend. Ich will es mit Lucy zusammen rauskriegen.

Lucy starrt mich an.

„10% von 20 Euro?“, frage ich noch einmal. Möglicherweise nicht mehr ganz so mild.

„50 Prozent?“, antwortet Lucy fragend.

Mir fällt mal wieder die Kinnlade herunter. Seit einem Jahr rechnen die Kinder in Mathematik Prozente, Brüche, Dezimalzahlen und Winkelgrade wild durcheinander – und Lucy scheitert an 10% von 20 Euro. Fragend nähern wir uns dem richtigen Ergebnis, aber es geht nur über fünfundzwanzig Umwege. Lucy und ich haben dann beide keine Lust mehr auf die T-Shirts.

Im Auto erkläre ich noch einmal im Schnelldurchlauf das Prinzip der Prozente und lasse Lucy fiktive T-Shirt-Rabatte ausrechnen. 40% von 25 Euro, 20% von 10 Euro, 15% von 30 Euro. Als wir zuhause sind, klappt es ganz gut.

Das ist aber kein langanhaltender Erfolg, fürchte ich. Wieder wird mir bewusst, was Lucy nicht kann, weil sie nicht versteht, was sie da tut.

Unglücklicherweise kommt Herr Henner heute auf eine ganz ähnliche Idee. Es geht gerade um den Wert von Büchern.

„Nimm mal an, du hast 4000 Bücher und im Schnitt kostet ein Buch 20 Euro. Wieviel sind denn dann allein deine Bücher wert?“, fragt er Lucy beim Essen.

Lucys Gesicht schläft ein.

„4000 Bücher je 20 Euro?“, hakt Herr Henner nach.

„8000 Euro!“, rechnet das Kind aus.

„Wieviel kostet denn ein Buch, wenn du 4000 Bücher hast und dafür 8000 Euro bekommst?“

„40 Euro?“

Herr Henner verlässt wortlos den Tisch, er ist verzweifelt, gekränkt, würde sonst etwas Blödes sagen.

Ich gehe mit Lucy die Rechnung noch einmal durch, bis zu dem Punkt, wo ihr entfährt: „Ups, da hab ich wohl eine Null vergessen!“

Danach rechnet Lucy halb freiwillig eine ganze Seite Matheübungsaufgaben im Lambacher Schweizer. Muliplizieren und Dividieren von positiven und negativen Brüchen. Auch ein paar T-Shirt-Rabatte jubele ich ihr unter. Sie macht keinen einzigen Fehler. Seitdem wir regelmäßig über den Mathestoff hinaus rechnen üben, klappt zumindest das besser. Aber es ändert nichts daran, dass man Mathematik verstehen muss, um sie anwenden zu können.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Was Lucy kann…

Liebe Leser,

heute ist Zeit für einen schönen Post. Ich möchte mich heute nur auf das konzentrieren, was Lucy alles ihrer Schule zu verdanken hat – und das ist eine Menge!

Lucy ist elf Jahre alt und kann nicht nur deutsche Texte flüssig, betont und ausdrucksstark lesen und das Gelesene verstehen und schon hinterfragen UND durchaus für ihr Alter beeindruckende Texte selbst verfassen, Lucy kann nach anderthalb Jahren intensiven Englischunterrichts korrekte Sätze in dieser Fremdsprache bilden und damit ganze Geschichten erzählen. Zwar schleicht sich hier und da noch ein Grammatikfehler ein, aber sie kann definitiv mehr als ich in ihrem Alter. Das hat sie einer ambitionierten Englischlehrerin zu verdanken. THANK YOU!

Lucy kann noch mehr, Lucy bleibt neugierig am Ball, was die großen Zusammenhänge der Welt anbelangt. Endlos Zahlenreihen ausrechnen oder Satzglieder markieren findet sie öde und investiert wenig Energie dahinein, aber bei Fächern, wo ihre Neugier auf die Welt gefragt sind, legt sie los. Lucy interessiert sich für Biologie, Erdkunde und Geschichte. Wenn in Deutsch Heldensagen behandelt werden, blüht sie auf. Danke, liebe Schule, für den vielfältigen Themenkatalog!

Lucy kann ohne Probleme Plakate gestalten, ein Referat planen und auch überzeugend halten. Lucy macht ihre Hausaufgaben selbständig und manchmal über die Maßen fleißig – immer dann, wenn ihr das Thema Spaß macht.

Lucy hat sozial eine Menge gelernt, was daran liegt, dass sie Glück hatte mit ihrer Klasse. Dem Schicksal sei Dank! Als Lehrerin weiß ich, was Klassendynamik bedeuten kann. Dass Lucy gerne in die Schule geht, liegt an den vielen lustigen, netten Klassenkameraden. Und auch die Nervensägen bereichern den Unterricht, der in ihrer Klasse so nie langweilig wird. Lucy hat sich innerhalb dieser Kinder einen anerkannten Platz erarbeitet, ihre Stimme wird gehört. Sie gilt bei den Erwachsenen als freundlich und umgänglich, drängt sich nicht nach vorne und huschelt sich nicht in der Ecke zusammen. Das gelingt, weil das Umfeld stimmt.

Bei all dem bildet das Elternhaus nur den Hintergrund, das hat Lucy größtenteils selbst geleistet und die Schule hat ihr dazu die richtigen Rahmenbedingungen gegeben. Dafür bin ich dankbar.

Wir Eltern spielen im Hintergrund dann aber doch eine Rolle. Dass Lucy eine Leseratte ist, verdankt sie der Vehemenz ihrer Mutter beim Lesenlernen, den hunderten von gemeinsamen Gängen in die Bibliothek, dem Bücherumfeld zuhause. Jetzt läuft es von ganz allein. Lucy hat Lebensweisheiten mit auf den Weg bekommen, aber genug Freiheit, selbst Erfahrungen zu sammeln. Lucy hat Tipps bekommen, Material ausgedruckt, eine Zeitschriftenabo, wurde regelmäßig Vokabeln abgefragt, jetzt läuft vieles davon allein. Lucy hat nebenbei Kuchen backen gelernt und Pizza und wird zum Vereinssport gefahren. Lucy hat Dokumentarfilme gesehen, die nicht für Kinder gemacht wurden, aber so beeindruckend sind, dass sie besonders junge, interessierte Gemüter prägen können. Sie erlebt regelmäßig Diskussionen zu aktuellen Themen am Esstisch und erhält nebenbei darüber Erklärungen. Lucy sammelt in sich einen Pool voll Ideen und Gedanken, aus dem sie in den folgenden Jahren schöpfen können wird. Je voller dieser Pool ist, desto besser ist Neues anschlussfähig. Schule kann viel, aber nicht alles.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Selbstübungsaufgaben

Liebe Leser,

heute hatte Lucy keinen Fehler außer einem dummen Verrechner, weil sie gedankenverloren 0,25 statt 0,5 für 1/2 notiert hatte und damit zwangsläufig zum falschen Ergebnis kam. Ich freue mich. Das ist harter Arbeit Lohn. Lucy macht nun regelmäßig die Selbstüberprüfungsaufgaben im Mathebuch. Zwar hat sie immer noch Angst vor der nächsten Mathearbeit, aber ich nicht mehr so!

Regelmäßig heißt mehrfach die Woche. Lucy setzt sich zu mir ins Arbeitszimmer, ich suche die Aufgaben raus, Lucy rechnet, sie sagt die Ergebnisse an, während ich in den Lösungen nachschaue. Was anfangs zu Stöhnen und Fluchen führte, ist langsam einer gewissen Routine gewichen. Es stockt immer mal, aber bedeutend seltener als noch vor einem Vierteljahr.

Also wage ich ein Gespräch mit dem Mathelehrer. Sein Auflachen, das er mit einem blöden Kommentar verbindet, kommt bei mir als Mutter gar nicht gut an. Er meint es (hoffentlich) nicht so, aber bei mir kommt an: Hat eh keinen Sinn!

Für solche Momente liebe ich Mathelehrer!

Also grummele ich vor mich hin und laufe zwei Stunden wütend umher. Dann wage ich einen zweiten Anlauf. Freundlich, ich muss mich zusammennehmen, es ist für Lucy. Der Mathelehrer ist jetzt auch besser drauf und lässt sich auf ein Gespräch ein.

Was denn mein Problem sei?

Ich müsse ihm da erst einmal weiter helfen, habe Lucy ein Problem in Mathe? Das sei ihm noch gar nicht aufgefallen.

Wie Lucy sich besser vorbereiten könne? Nun ja, es würde vollkommen ausreichen, wenn sie im Unterricht mitmache.

Übungsaufgaben? Nö, also er gebe doch Hausaufgaben auf.

Lucy erledige die auch, sei aber recht schnell fertig? Na, dann sei doch alles gut.

Mitmachen im Unterricht und die paar Hausaufgaben, das reicht definitiv nicht, diese Erfahrung habe ich bereits gemacht, aber ich sehe nicht mehr viel Sinn in dem Gespräch. Es stehen noch ein paar mehr Mathelehrer am Tisch und schnell ist man einmütig wieder am Schimpfen auf das Mathebuch, das unstrukturiert vorgeht und zu wenig Übungsphasen bietet, und dann noch schneller bei dem neuen Bildungsplan und dem Kultusministerium.

Halt!

Natürlich gibt es genügend Dinge, die einen ärgern, aber wir sind keine Marionetten. Wenn ich ein Lehrbuch unstrukturiert finde, ist es meine Aufgabe als Lehrer, eine gewisse Struktur hineinzubringen. Wenn mir die Übungsphasen fehlen, dann gebe ich mehr Hausaufgaben, denn ohne Üben wird in Mathe gleich gar nix. Aber auf meine für sie seltsame Frage, warum sie denn dann kein Zusatzmaterial verwendeten, bekomme ich nur die Antwort:

„In Mathemathik sind Übungsphasen nicht mehr vorgesehen.“

Sprachlos bleibe ich zurück.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner